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Anne Katrin Külz, Ulrich Voderholzer: Pathologisches Horten

Cover Anne Katrin Külz, Ulrich Voderholzer: Pathologisches Horten. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. 89 Seiten. ISBN 978-3-8017-2785-7. 19,95 EUR, CH: 26,90 sFr.

Reihe: Fortschritte der Psychotherapie - Band 69.
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Thema

Beim pathologischen Horten handelt es sich um eine psychische Störung, welche zur Vermüllung der Wohnung führt. Sie stellt eine große Belastung für die Betroffenen und ihre Familien dar.

AutorIn

Anne Kathrin Külz, Jahrgang 1973, ist promovierte Psychologin. Seit 2017 hat sie sich in einer eigenen Praxis niedergelassen. Sie ist Supervisorin und Dozentin für Verhaltenstherapie an unterschiedlichen Ausbildungsinstituten.

Ulrich Voderholzer, Jahrgang 1961, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist seit 2010 ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.

Aufbau

1. Beschreibung der Störung

- Bezeichnung

- Definition

  • Diagnosekriterien
  • Welche Bedeutung haben die gehorteten Gegenstände?
  • Was macht aus Sammeln pathologisches Horten?

- Epidemiologische Daten

- Verlauf und Prognose

- Differenzialdiagnose

  • Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik
  • Abgrenzung zur Zwangsstörung

- Komorbidität

- Pathologisches Horten bei Kindern und Jugendlichen

2. Störungstheorien und -modelle
3. Diagnostik und Indikation

- Diagnostische Kriterien

- Diagnostische Verfahren und Dokumentation

4. Behandlung

- Das therapeutische Vorgehen

- Anfangsphase – Diagnostischer Prozess, Psychoedukation und Zieldefinition

- Interventionsphase

  • Behandlung der exzessiven Beschaffung von Dingen
  • Organisations- und Planungstraining
  • Über das Schicksal der Dinge entscheiden – Exposition gegenüber dem Wegwerfen von Gegenständen
  • Abschlussphase

- Varianten der Methode und Kombinationen

- Umgang mit möglichen Problemen bei der Durchführung

  • Komorbide Erkrankungen
  • Schwierigkeiten im Therapieprozess

- Effektivität und Prognose

  • Psychotherapie
  • Pharmakotherapie

5. Fallbeispiel

Inhalt

Pathologisches Horten wird nach heutigen Gesichtspunkten als ein eigenständiges Störungsbild mit ganz spezifischen Merkmalen beschrieben. In der Bundesrepublik Deutschland ist ungefähr jeder zwanzigste Mensch davon betroffen.

Pathologisches Horten, das auch als hoarding disorder bezeichnet wird, ist das zwanghafte Horten und Sammeln von Gegenständen. Der Erwerb von Gegenständen wird oft als euphorisierend empfunden. Die Beschäftigung mit gehorteten Gegenständen verleiht häufig Sicherheit und Geborgenheit.

Pathologisches Horten bezeichnet nach DSM-5 anhaltende Probleme, persönliche Gegenstände fortzugeben oder wegzuwerfen. Diese Probleme sind nicht an den reellen Wert der gehorteten Gegenstände gebunden. Das Gefühl, das Gehortete unbedingt aufbewahren zu müssen sticht bei den Betroffenen hervor. Zur erhöhten Anspannung führt jeder Versuch, wenn Letztgenannte sich von den Dingen trennen müssen.

Die angesammelten Gegenstände haben für die Erkrankten z.B. eine emotionale Bedeutung, weil sie beispielsweise an ganz bestimmte Menschen oder Ereignisse erinnern. Ein anderes Hortmotiv kann der Informationsgehalt sein, der dem Gegenstand innewohnt. Hier können wichtige Informationen für die Betroffenen verlorengehen, wenn alte Zeitschriften oder Rechnungen in den Müll geworfen werden. Auch können Hortende zum Horten motiviert sein, weil sie der Ansicht sind, bestimmte Gegenstände irgendwann noch einmal gebrauchen zu können. Für sie ist es also fahrlässig, sich von den Gegenständen zu trennen. Ein weiteres, von den Autoren angeführtes Motiv zum Horten, kann der ästhetische Wert des gehorteten Gegenstandes sein, welcher sich aber für andere Menschen nicht gleichermaßen erschließt. Es scheint aber wohl so zu sein, dass Menschen, die pathologisch Horten, durch das Bewahren von überlebenswichtigen Informationen zum Horten motiviert sind.

Im Unterschied zum Sammeln führt pathologisches Horten zu einer Beeinträchtigung im Alltagsleben.

Sekundär können einige körperliche oder psychische Erkrankungen ein Vermüllungssyndrom nach sich ziehen, z.B. Demenz, hirnorganische Schädigungen oder Psychosen. Hier sind Antriebsstörung, Vernachlässigung alltäglicher Aufgaben, affektive Störungen, Alkoholismus sowie Impulskontrollstörungen ursächlich.

Als Diogenes- bzw. Vermüllungssyndrom wird die Vernachlässigung des körperlichen Erscheinungsbildes sowie des Wohnumfeldes bezeichnet. Dieses Syndrom ist ebenfalls durch einen starken sozialen Rückzug gekennzeichnet.

Zu beobachten sind häufige Komorbiditäten, wie affektive Störungen, soziale oder generalisierte Angststörungen, zwanghaftes Kaufverhalten, v.a. bei Männern soziale Phobien oder ADHS.

Bei den Störungstheorien und -modellen widmen sich Külz und Voderholzer u.a. dem kognitiv-behavioralen Modell des pathologischen Hortens, welches der verbreitetste Ansatz in Forschung und Praxis ist. Hierbei werden zunächst allgemeine Vulnerabilitätsfsaktoren angenommen, als da wären:

  • die Persönlichkeit und Lerngeschichte: Es wird davon ausgegangen, dass dysfunktionale Grundüberzeugungen eine wesentliche Basis für die Generierung des pathologischen Hortens bilden.
  • Informationsverarbeitungsprobleme, d.h. das die Patienten Probleme bei der Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit über eine längere Zeitspanne aufweisen. Ihnen bereitet es Schwierigkeiten Dinge zu ordnen und zu kategorisieren, Aktionen zielgerichtet zu planen und zu realisieren und Entscheidungen zu treffen. Sie leiden unter einer beeinträchtigten Fähigkeit zur Problemlösung, geringfügigen Defiziten beim visuell-räumlichen Lernen und im Arbeitsgedächtnis.

Die Folgen der vorgenannten Vulnerabilitätsfaktoren sind ungünstige Annahmen über die Bedeutsamkeit oder den Wert von Gegenständen:

  • dem gehorteten Gegenstand wohnt eine wichtige Funktion inne;
  • dem gehorteten Gegenstand wohnt ein starker emotionaler Wert inne;
  • dem gehorteten Gegenstand wohnt ein außerordentlicher ästhetischer Wert inne.

Oben genannte Annahmen lösen intensive negative Emotionen aus, wenn der Gegenstand im Müll landet oder verloren wird. Im Gegensatz dazu werden beim Erwerb des Gegenstandes positive Emotionen ausgelöst.

Als diagnostische Verfahren werden genannt:

  • der Fragebogen zum zwanghaften Horten, der sich im Anhang befindet;
  • die Hoarding Rating Scale, die sich in der deutschen Übersetzung im Anhang befindet;
  • die Clutter Image Rating Scale, die im Internet von der Treatment That WorkTM-Homepage heruntergeladen werden kann.

Bei der Darstellung des psychotherapeutischen Behandlungskonzepts führen die Autoren dasselbe von Steketee und Frost (2014) an. In dem Konzept werden die vier Hauptproblembereiche des pathologischen Hortens fokussiert:

  • Informationsverarbeitungsprobleme;
  • exzessive emotionale Bindung an Besitz;
  •  ungünstige Überzeugungen hinsichtlich des Aufbewahrens;
  • Vermeidungsstrategien hinsichtlich des Wegwerfens.

Hieraus resultieren vier Behandlungssäulen:

  1. „Entwicklung eines effizienten und hilfreichen Systems zur Ordnung und Organisation der Besitztümer
  2. Training der Widerstandsfähigkeit gegenüber 'Verlockungen' zur Anschaffung neuer Gegenstände
  3. Kognitive Umstrukturierung in Bezug auf ungünstige Überzeugungen bzgl. der Besitztümer
  4. Graduierte Exposition gegenüber den aversiven Gefühlen bei der Entscheidungsfindung zum Wegwerfen von Besitztümern“ (S. 24 f.).

Die Behandlung erfolgt in der Regel über 26 Sitzungen in sechs Monaten und erfolgt nach dem kognitiv-behavioralen Modell des Sammelns und Hortens. Beim psychotherapeutischen Vorgehen kommen vorwiegend lerntheoretische Prinzipien zum Einsatz, als da wären die Reizkonfrontation und das Reaktionsmanagement. Kognitive Modifikationsstrategien, die sich sowohl auf dysfunktionale Einsichten im Erwerb und der Aufbewahrung von Dingen als auch auf das Training von Fähigkeiten auf dem Feld der Organisation von Handlungsschritten und der konsequenten Ordnung und Kategorisierung von Gegenständen beziehen, spielen eine nicht unwichtige Rolle in der Behandlung.

Eine Pharmakotherapie sollte Külz/Voderholzer folgend niemals die erste Wahl in der Behandlung von pathologischem Horten sein. Ihrer soll sich nur bedient werden, „wenn die Möglichkeiten der Psychotherapie ausgeschöpft sind, ein starker Leidensdruck besteht beziehungsweise das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigt ist“ (S. 63). So konnten wohl auch keine wesentlichen Erfolge z.B. mit einem – bei pathologischem Horten empfohlenen – Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verzeichnet werden. Die Nebenwirkungen, die nach langdauernder Einnahme mit einer Einschränkung der Lebensqualität einhergehen, überwiegen.

Am Ende der Publikation wird das pathologische Horten einer 46-jährigen Altenpflegerin dargestellt. Ihr Ex-Partner ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, weil es in diesem, von ihm so bezeichneten, Grattler-Haushalt nicht mehr aushalten kann.

Neben der Behandlung von depressiven Symptomen, die durch die Verarbeitung der Trennung vom Ex-Partner, Aktivitätenaufbau und Modifikation ungünstiger selbstbezogener Kognitionen charakterisiert ist, tritt die Therapie des pathologischen Hortens.

Der Anhang verfügt über wertvolles Therapiematerial, welches – auch wenn es weiter vorne bereits zum Teil genannt wurde – der Vollständigkeit halber nochmals genannt wird:

  • Fragebogen zum zwanghaften Horten
  • Hoarding Rating Scale
  • Gedankenprotokoll
  • Behandlungsvereinbarung 1 – Ziele
  • Behandlungsvereinbarung 2 – Regeln
  • Spannungsverlauf bei der Widerstandsübung
  • Häufige Denkfallen erkennen
  • Aufbewahrungsorte für Gegenstände und nützliche Regeln
  • Liste persönlicher Schätze
  • Entscheidungsfindung
  • Verhaltensexperiment-Tagebuch

Fazit

Die besprochene Publikation befasst sich mit der psychotherapeutischen Behandlung des pathologischen Sammelns und Hortens von Gegenständen. Pathologisches Horten kann zu Partnerschaftskonflikten und schließlich zu Trennungen führen, wie dies im Fallbeispiel am Ende des Bandes dargestellt ist. Die Behandlung erfolgt nach dem kognitiv-behavioralen Konzept in etwa 26 Sitzungen, die in der Regel auf sechs Monate verteilt sind.

Die Veröffentlichung richtet sich vor allem an Psychotherapeuten. Meines Erachtens – und hierfür spricht der umfangreiche Anhang – können von der Lektüre auch Ergotherapeuten profitieren, deren Patienten, die das pathologische Horten aufweisen, eine psychisch-funktionelle Therapie verordnet wurde.

Literatur

Steketee, G./Frost, R.O. (2014): Treatment for hoarding disorder. Therapist guide (2nd ed),. New York: Oxford University Press.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 07.01.2019 zu: Anne Katrin Külz, Ulrich Voderholzer: Pathologisches Horten. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-8017-2785-7. Reihe: Fortschritte der Psychotherapie - Band 69. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25007.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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ISSN 2190-9245

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