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Ehrenhard Skiera: Erziehung und Kontrolle

Cover Ehrenhard Skiera: Erziehung und Kontrolle. über das totalitäre Erbe in der Pädagogik im ‚Jahrhundert des Kindes‘. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. 239 Seiten. ISBN 978-3-7815-2254-1. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.
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Die pädagogischen Imperative

Der uralte, immer wieder neue und aktuelle Diskurs darüber, wie Bildung und Erziehung als pädagogische Prozesse und Herausforderungen benannt, bestimmt und realisiert werden, oder mit der etwas platteren Frage ausgedrückt, wie wir geworden sind, was wir sind, ist ein Berg mit Sisyphus-Charakter. Auctoritas und Potestas, die beiden konträren und doch unzertrennlich verbundenen Anforderungen an die Bildungs- und Erziehungsanforderungen, sind immer schon zwischen die Mühlsteine von Individualismus und Kollektivismus geraten. Da gab und gibt es immer schon die Kontroversen zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen Führen und Wachsen lassen, zwischen autoritärer und antiautoritärer Erziehung, zwischen Macht und Autonomie, und in den Erziehungswissenschaften zwischen natur- und geisteswissenschaftlicher Bildung.

Entstehungshintergrund

Als die schwedische Reformpädagogin Ellen Key (1849 – 1926) das vergangene Jahrhundert mit dem 1900/1902 erschienenem Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ einläutete und einen Perspektivenwechsel bei der pädagogischen Betrachtung von Kindheit einforderte, keimten Hoffnungen auf und bewirkten zahlreiche reformpädagogische Aktivitäten. In den Erziehungswissenschaften hat diese Zeit tiefe Spuren hinterlassen (Jürgen Oelkers, Reformpädagogik, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/10292.php ), bis hin zu einer kritischen Aufarbeitung der pädagogischen Aufbruchsstimmung (Jens Brachmann, Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal. Die Geschichte der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime 1947–2012, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20141.php). Die Bezugnahme auf das „Jahrhundert des Kindes“, das nach den Willen der Reformer eigentlich ein neuer Versuch sein sollte, „dem Kind zu geben, was des Kindes ist“, wie dies in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen vom 20. 11. 1959 zum Ausdruck kommt, gehört seitdem zu den festgefügten Ritualen und Selbstverständlichkeiten pädagogischen Denkens und Handelns.

Autor

Der em. Erziehungswissenschaftler von der Europa-Universität in Flensburg, Ehrenhard Skiera, hat immer schon sein erziehungswissenschaftliches Interesse über den begrenzten, heimischen Gartenzaun hinaus gerichtet. Er lehrte unter anderem an Universitäten in Finnland, Tschechien und in den Niederlanden, und er ist seit 2016 als Honorarprofessor an der Loránd-Universität in Budapest (ELTE) tätig. Wenn nicht alles täuscht, soll die vom Klinkhardt-Verlag herausgegebene Studie „Erziehung und Kontrolle“ als berufliches „Alterswerk“ des Autors gelten und gewissermaßen die Jahrzehnte langen erziehungswissenschaftlichen Aktivitäten des Autors zusammen bringen.

Aufbau und Inhalt

„Bestandsaufnahmen“, ob als Autobiographien oder fachspezifische Reflexionen, unterliegen zwangsläufig immer dem Balanceakt von objektiven Erinnerungen auf der einen, und der subjektiven Wahrnehmung auf der anderen Seite. Die Frage, ob und wenn ja inwieweit Macht- und Herrschaftsstrukturen totalitäres Denken und Handeln von pädagogischen Reformern und Reformbewegungen bestimmt haben – und gewissermaßen entweder als „Heilsbotschaft“ oder „Wurmfortsatz“ weiterhin wirken: „Es geht um pädagogische Imperative, die die Aufopferung des Individuellen zugunsten eines Höheren Allgemeinen einfordern“. Wer wollte leugnen, dass diese reformpädagogische Forderung auch heute noch im bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Diskurs, wie auch in lokalen und globalen gesellschaftspolitischen Konzepten, bis hin zu ideologischen, ethno- und egozentrierten und populistischen Kakophonien wirksam sind? 

Skiera gliedert die Studie neben der Einleitung und dem Epilog in die folgenden Kapitel:

  • „Existentielle Verlusterfahrungen und Visionen der Rettung. Zum sozio-psychologischen Hintergrund pädagogischer, lebensreformerischer und politischer Sinnkonstruktionen“.
  • „Über den besonderen Reiz und die Folgen einer maximal optimierten Kontrolle in der Erziehung – historische und systematische Perspektiven“.
  • „Zur Konstruktion des Grandiosen Erkenntnissubjektes – historisch-systematische und pädagogische Aspekte“.
  • „‘Das Jahrhundert des Kindes‘ (Ellen Key) – Ideologeme, Reformmotive, Impulse“.
  • „Geisteswissenschaftliche Pädagogik und Reformpädagogik: Standpunkte, Konfliktzonen, Widersprüche in einem transzendental-normativ besetzten Handlungsfeld“.
  • Maria Montessori (1870 -. 1952): Erziehung als Einspurung in das kosmisch-göttliche Entwicklungsgesetz“.
  • Rudolf Steiner (1861 – 1925): Erziehung im Lichte der ‚Vergeistigung‘ des Menschen – Zusammenhänge in anthropologischer Sicht. Eurythmie, die ‚schöpferische Kraft‘ des Wortes und das ‚Rätsel der Sexualität‘“.
  •  „Pavel Petrovič Blonskij (1884 – 1941) und die industrielle Arbeitsschule. Auf dem Weg zu einer pädagogischen ‚Anthropotechnik‘“.
  • „Die Erziehung des Kindes als Werkzeug der Evolution“.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der Anspruch, „absolutes Wissen“, und damit die einzig wahre Wahrheit zu besitzen und zu vertreten, ist – das zeigt ein Blick in die Geschichte der Menschheit – von Überschätzungen, Machtmissbrauch und ideologischer Gewalt geprägt. Historische Aufrisse darüber liegen vielfältig vor. Wie ist es aber in der Pädagogik, die angetreten ist, das Böse durch das Gute zu überwinden? Skiera geht diese Fragen deskriptiv-analytisch an, indem er beginnend im „Jahrhundert des Kindes“ nachschaut, „warum die ambitionierten, messianisch gesinnten Konstrukteure von Erziehungskonzepten… von einem totalitär-systematischen Zugriff fasziniert sind, und welche darauf basierenden Denkmöglichkeiten ihnen gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20., des ‚Jahrhundert des Kindes‘, neben den rational-kritischen überhaupt zur Verfügung stehen“.

Mit Rückgriff auf die antiken griechischen (Platon) und christlichen Bildungs- und Erziehungsvollzüge (Comenius) werden die erdachten und erbrachten Einstellungen und Verhaltensweisen im (unaufhebbaren?) hierarchisch-natürlichen Educator – Educandus-Verhältnis thematisiert und in der Spannweite von „Erziehung zwischen Anpassungsforderung und Widerstand“ diskutiert. Es sind die unverzichtbaren Aufklärungen und Auseinandersetzungen über die Notwendigkeit, ein Wertebewusstsein zu bilden (vgl. dazu auch: Hermann Krobath, Werte. Elemente einer philosophischen Systematik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24791.php), die in die Forderungen nach einem „Neuen Menschen“ münden, die pädagogischen Reform-Visionen hervorgebracht haben und die pädagogischen Absolutheitsansprüche – „Kontrolle in der Erziehung ist notwendig“ und „absolutes theoretisches Wissen ist möglich“ – unwidersprechlich etablierten.

Mit dem Ritt durch die Besitz- und Irrtümer der geisteswissenschaftlichen Pädagogik (vgl. dazu auch: Reinhard Mehring, Die Erfindung der Freiheit. Vom Aufstieg und Fall der Philosophischen Pädagogik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24040.php) lässt der Autor auch die Granden des erziehungswissenschaftlichen Denkens – Flitner, Litt, Klafki u.a. – zu Wort kommen; und mit Maria Montessori, Rudolf Steiner und Pavel Petrovič Blonskij verweist er auf die unterschiedlichen, persönlichen, karitativ-weltanschaulichen, kämpferischen und utopischen Konzepte zur Erziehung des Menschen.

Fazit

Die These, dass die im „Jahrhundert des Kindes“ entwickelten und praktizierten reformpädagogischen Ansprüche, Bildung und Erziehung „vom Kinde aus“ neu zu gestalten, keine eigentliche Neuerung darstellt, sondern ihre Wurzeln in zahlreichen historischen, verwirklichten und verworfenen Vorstellungen von Erziehungsidealen findet, wird nicht als ein trotziges „Siehste!“ formuliert. Die Bemühungen, Ursachen, Begründungen und Wirkungen im aktuellen Erziehungsdenken und -handeln aufzuspüren, führen oft genug auf Spuren des geisteswissenschaftlichen Denkens (vgl. z.B. auch die Auseinandersetzung zum Comenius’schen didaktischen Prinzip der „Entfehlerung“: Anne Conrad / Alexander Maier, Hrsg., Erziehung als „Entfehlerung“. Weltanschauung, Bildung und Geschlecht in der Neuzeit, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22612.php). Es ist ein Loblied auf den homo creator, der durch Bildung und Erziehung zum Selbst wird und die eigene, humane Existenz aufgehoben weiß im Humanum der Menschheit.

In der klugen, reflektierten und zum Nachdenken anregenden „Hommage an Pico della Mirandola“, der in seiner 1487 verfassten Schrift über die Menschenwürde auf die Freiheit und Ganzheit des Menschseins verweist und – entgegen dem Mainstream – feststellt, dass der Mensch sich selbst erschafft und seinen Platz in der Hierarchie der Schöpfung selbst bestimmt, reflektiert Skiera die Herausforderungen für Erziehung und Kontrolle im Hier, Heute und Morgen „in einer Gesellschaft, die sich als laizistisch, liberal und demokratisch versteht“.

Somit zeigt sich die Studie nicht in erster Linie als eine akademische Fleißarbeit, sondern als Fundgrube für die geltende Bedeutung, dass Bildung und Erziehung immer vom Menschen aus gedacht und human verwirklicht werden muss!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.03.2019 zu: Ehrenhard Skiera: Erziehung und Kontrolle. über das totalitäre Erbe in der Pädagogik im ‚Jahrhundert des Kindes‘. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. ISBN 978-3-7815-2254-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25013.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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