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Alexander Maier, Anne Conrad u.a. (Hrsg.): Lernen zwischen Zeit und Ewigkeit

Cover Alexander Maier, Anne Conrad, Jean-Marie Weber, Peter Voss (Hrsg.): Lernen zwischen Zeit und Ewigkeit. Pädagogische Praxis und Transzendenz. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. 176 Seiten. ISBN 978-3-7815-2255-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Historische Bildungsforschung.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Publikation umfasst die Beiträge der Vortragenden der gleichnamigen internationalen Fachtagung, die von der Universität Luxemburg und der Universität des Saarlandes organisiert und im April 2017 an der Universität Luxemburg veranstaltet wurde. Sie führte die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit den sakralen Tendenzen neuzeitlicher Pädagogik fort. Im Fokus der Tagung stand die Bedeutung von qualitativen Zeitkonzepten für die Pädagogik und die Frage, welche Auswirkungen sie auf Beziehungen, konkrete Methoden und Medien im Erziehungsprozess haben. So war die These leitend, dass ein objektives Verständnis von Zeit in der Regel sakral konstituiert oder religiös begründet ist und damit ein Gegensatz zur historischen Zeit des (profanen) Alltags gebildet wird. Im Rückblick auf historische Entwicklungen und Erziehungskonzepte wird von einer impliziten Pädagogisierung von Religion und damit verbunden einer Sakralisierung der Pädagogik im pädagogischen Feld ausgegangen. Nach wie vor setze sich diese sakrale Struktur in der säkularen Pädagogik fort. Wie Zeit als sakrales Moment der Erziehungs- und Bildungspraxis die jeweiligen pädagogischen Konzepte und Transzendenzvorstellungen der Pädagoginnen und Pädagogen, folglich die pädagogische Praxis bestimmt und wie diese dargestellt und analysiert werden können, war Thema der Beiträge und Diskussionen der Tagung.

Herausgeberinnen und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Alexander Maier ist Oberstudienrat im Hochschuldienst für Religionspädagogik an der Universität des Saarlandes. Innerhalb des Arbeitsspektrums der Historischen Bildungsforschung sind vor allem die Themenfelder Quickborn-Bewegung, Pädagogik und Sakralität sowie Schweigen und Stille in der Erziehung von Interesse.

Anne Conrad ist Professorin an der Universität des Saarlandes im Bereich der Katholischen Theologie. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Biblische Theologie, Zeit- und Wirkungsgeschichte der Bibel und Religionsgeschichte der Frühen Neuzeit.

Jean-Marie Weber (Dozent) arbeitet gemeinsam mit Peter Voss (research facilitator) an der Universität Luxemburg, Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften.

Die Autorinnen und Autoren sind als Hochschullehrende und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an verschiedenen Universitäten und Hochschulen in unterschiedlichen Fachdisziplinen (u.a. in den Erziehungswissenschaften und der Religionspädagogik) in Deutschland, der Schweiz und Luxemburg tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist unterteilt in drei Abschnitte, die das Verhältnis von Zeit und Pädagogik bzw. Pädagogik und Sakralität aus unterschiedlichen Perspektiven seit der Neuzeit beleuchten.

Nach einem Vorwort der Herausgeberinnen und Herausgeber führen Alexander Maier und Jean-Marie Weber in aller Kürze in die Grundsatzproblematik des Kongressthemas ein. Sie beschreiben im historischen Rückblick, wie die christliche Tradition und das jahrhundertelange Erziehungsmonopol der Kirchen zu einer ‚Pädagogisierung der Religion‘ und zu einer ‚Sakralisierung der Pädagogik‘ geführt haben und wie sich diese in der säkularen Pädagogik weiterhin fortsetzen. Es wird dargelegt, welche Funktion pädagogisches Handeln vor dem Hintergrund einer religiösen Strukturierung von Zeit im Hinblick auf Transzendenz und Kontingenz in der Erziehungs- und Bildungspraxis hat.

Im ersten Teil werden Zeitaspekte in konfessionellen Erziehungspraxen in den Blick genommen. Dabei wird explizit auf christliche Gottesvorstellungen Bezug genommen, in denen sich die Pädagogisierung theologischer Motive zeigt.

  • Zunächst macht Christine Freitag anhand ihrer Untersuchung missionspädagogischer Quellen seit dem 17. Jahrhundert deutlich, wie christliche Missionarinnen und Missionare kolonialisierte Völker durch Musik und Tanz zu einem christlichen Zeit-Rhythmus erzogen haben. Etwa durch Glockensignale wurden die Missionierten nicht nur auf den zeitlichen Wechsel einer Aktivität aufmerksam gemacht, sondern gleichzeitig in ihrem Verhalten im Sinne einer christlich erwünschten Lebensweise konditioniert.

  • Danach analysiert Jean-Marie Weber die Wirkungen der Exerzitien (Geistlichen Übungen) des Ignatius von Loyola im Vergleich zur Assoziationsfunktion der modernen Psychoanalyse. Es handelt sich dabei um Fragen der Subjektivierung und biographischen Entscheidungsfindung, wie sich pädagogisch innerhalb des Christentums Raum der Subjektivität eröffnet hat, damit sich der Mensch in seiner Gottesbeziehung, befreit von Zwängen als freie Person begreifen und durch sie einen je eigenen Weg im Leben finden kann.

  • Im Beitrag von Diana Franke-Meyer wird die Rolle der Zeit exemplarisch in den Konzeptionen Julie Regine Jolbergs und Theodor Fliedners zu ihren ‚evangelischen Kleinkinderschulen‘ im 19. Jahrhundert untersucht. Zeit wird dabei zweierlei verstanden: zum einen wird der Strukturmodus des Tages hervorgehoben, also Zeit in ihren quantitativen Aspekten und die Disziplinierung zu einer fleißigen Lebensweise im Diesseits; zum anderen wird der Charakter der Herstellung einer besseren Gegenwart im Sinne eines ‚Reiches Gottes auf Erden‘ betont und so insbesondere auf die religiöse Erziehung und Orientierung an der Ewigkeit im Jenseits hingewiesen.

  • Monika Jakobs beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem pädagogischen Konzept der katholischen Lehrerinnenausbildung von Theodosius Florentini, das er im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Säkularisierungsbestrebungen, der desolaten moralischen Situation und der Niederlagen der katholischen Kirche in der Schweiz entwickelte. Der Zeitaspekt richtet sich dabei auf die Qualität des Ist-Zustandes und dem Versuch, wie durch gut ausgebildete Pädagoginnen (und Pädagogen) gesellschaftliche Entwicklungen Einhalt geboten wird (indem, wie hier, die katholische Bevölkerung in moralischer, sittlicher Hinsicht gestärkt werden sollte).

  • Ähnlich wie zuvor befasst sich der Beitrag von Guido Estermann mit der gesellschaftlichen Funktion und Rolle der ‚katholischen Pädagogik‘ als überzeitlich orientiertes Konzept für die Lehrerbildung im Kontext der Zentralschweiz im 19. Jahrhundert. Grundlegend für die Idee einer ‚katholischen Pädagogik‘ ist eine doppelte Offenbarung Gottes im Sinne einer natürlichen und übernatürlichen Seite, die folglich sowohl göttliche als auch irdische Erziehungsziele und -methoden hervorbringt.

  • Danach setzt sich Alexander Maier mit der theologischen Frömmigkeits- und Selbstbildungspraxis in der katholischen Jugendbewegung ‚Quickborn‘ auseinander, die der Praxis der Abstinenz und der Selbstreflexion sowie dem Kommunionempfang und der Liturgie großes Gewicht beimaßen. Ausgehend von Kierkegaards Motiv der ‚Gleichzeitigkeit mit Christus‘ zielte die Selbstbildung darauf ab, die Welt mit den Augen Christi zu sehen, um in Einklang mit der von Gott geschaffenen objektiven Wirklichkeit die Basis für die eigenen Lebensaufgaben an sich selbst zu erkennen und Freiheit zu gewinnen.

Im zweiten Teil werden Beiträge zu Zeitvorstellungen reformpädagogischer Ansätze in den Blick genommen.

  • So analysiert und diskutiert Beate Klepper zunächst anhand der zeitphilosophischen Überlegungen Hans Blumenbergs die aus ihrer Sicht durchaus problematischen Zeitkonzepte bei Rudolf Steiner und Maria Montessori. Diese orientieren sich in ihren Ansätzen an die objektive ‚Weltzeit‘ und nicht, wie angenommen, an die subjektive Lebenszeit der Kinder. Damit ist Zukunft als „ein durch die jeweiligen pädagogischen Eschatologien strukturierter Zielpunkt zu denken“ (S. 12). Dem entgegen stellt sie eine an den Philosophen Hermann Schmitz orientierte Pädagogik der leiblichen Gegenwart und die Resonanztheorie Hartmut Rosas.

  • Die ‚Polarisation der Aufmerksamkeit‘, ein von Maria Montessori vielfach beschriebenes Phänomen, steht im Mittelpunkt der Betrachtungen von Judith Neff. In dieser Spannung steht das Kind zwischen einer konkreten Tätigkeit und einem transzendenten Geschehen, nach Montessori ein religiöser Vorgang, der dem Kind Möglichkeiten zur Transzendenz offenbart. In Anlehnung an Studien von Tanja Pütz zum zeitlichen Erleben der Polarisation von Kindern, betont Neff weniger den religiösen Gehalt und den Nutzen für die Religionspädagogik als die Schwierigkeiten der erziehungswissenschaftlichen Forschung, das Geschehen in der Polarisation sichtbar zu machen.

  • Schließlich thematisieren Sebastian Engelmann und Mathias Dehne das Verhältnis von Zeit und Erziehung auf dem Land anhand des Konzeptes der Landerziehungsheime nach Hermann Lietz und ihrer spezifischen Ausgestaltung der qualitativen Zeit. Dabei zeigen sich sakrale Momente, die in bestimmten Maßnahmen, Aktivitäten und Ritualen pädagogisiert werden. „Auf diese Art transportiert auch das pädagogische Handeln in den heutigen Landerziehungsheimen ein Moment der Zivilisationskritik, was den veränderten Zeitstrukturen der Moderne entgegenläuft“ (S. 130).

Die Beiträge im dritten Teil widmen sich der Frage nach den Zeitaspekten in pädagogischen Konzepten zwischen Sakralität und Säkularität. Damit repräsentieren sie auch den direkten gesellschaftlichen Bezug.

  •  Zunächst gibt Frank Ragutt Einblick in das Leben und Wirken des Theologen und Politikers Edo Osterloh, der in der Wehrmacht diente und NSDAP-Mitglied war. Seine Schriften waren weitestgehend durch eine eschatologisch-protestantische Frömmigkeit geprägt, dennoch lassen sich auch diesseitig orientierte Erlösungsperspektiven aufzeigen. Ragutt verweist am Beispiel Osterlohs auf die bleibende, explizite Präsenz religiöser Motive in der Bildungspolitik der jüngsten Vergangenheit, auch wenn sich in der historischen Bildungsforschung tendenziell die Frage nach dem theologischen Ursprung der Pädagogik nicht mehr in dieser Form stellt.

  • Abschließend stellt Rahel Katzenstein in ihrem Beitrag die Diskussion um den Religionsunterricht im Kanton Zürich in den Jahren 1870 und 2004 in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Dabei verweist sie unter dem Aspekt der ‚säkularen Mystik‘ auf die religiösen Implikationen und Funktionen einer durch die Schule bzw. dem Staat verantworteten religiösen Bildung und diskutiert, dass sich auch die öffentliche Schule des weltanschaulich neutralen Staates auf einen ‚heiligen Kosmos‘ höchster Werte bezieht. Dazu gehört zum Beispiel der Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben in der jeweiligen Gesellschaftsordnung.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diskussion und Fazit

Die Auseinandersetzung mit sakralen Tendenzen und Bezügen in pädagogischen Konzepten der Neuzeit ist zweifelsohne eine Thematik von spezifischer Relevanz für die historische Bildungsforschung und ihre (zeit-)geschichtliche Darstellung erziehungswissenschaftlicher Prozesse in pädagogischen Handlungsfeldern. Der Anspruch, unterschiedliche Aspekte und Nuancierungen sakraler Zeit in pädagogischen Konzepten anhand konkreter Methoden und Medien herauszuarbeiten, aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen, ist sicherlich eingelöst worden.

Der Band liefert fundierte Einblicke in aktuelle Erkenntnisse zur Thematik des Verhältnisses von Zeit und Pädagogik und bleibt dabei einer grundlegenden Auseinandersetzung mit Fragen der Entstehung moderner Pädagogik im Kontext der Theologie nicht verhaftet. Wie in der Einleitung festgehalten, ist die Perspektive nach Beziehungen, konkreten Methoden und Medien theologischer Erziehungskonzepte bislang eine in der Forschung kaum beachtete. Insofern kann hier eine Lücke geschlossen werden. Durch den Fokus auf das Wie der pädagogischen Praxis, also wie die jeweiligen Zeitkonzepte in spezifischen methodischen Elementen (z.B. Übungen, Verinnerlichungen, Reflexionen, Aktivitäten, kreative Tätigkeiten etc.) und in Medien ihren Niederschlag finden, ist auch der Transfer in die Praxis gelungen.

Angesichts der nicht ganz so geläufigen Thematik wäre es für den Band (und damit für die Reichweite der Leserschaft) ein Gewinn gewesen, wenn die in sich gut abgebildeten Beiträge durch eine ausführlichere Einleitung und eine abschließende Diskussion mit zentralen Thesen und Erkenntnisse gerahmt worden wären. In einer Hinführung zum Thema hätte beispielsweise erklärt werden können, was für Vorstellungen mit dem theologischen Kern der Pädagogik verbunden sind, woran und in welcher Form die langjährige Auseinandersetzung mit der Sakralisierung der Pädagogik anknüpft. Das bedarf meines Erachtens einer genaueren Erläuterung, denn es erschließt sich nicht sofort für jene, die nicht an der Tagung teilgenommen, diese gestaltet oder mit dem Thema an und für sich vertraut sind. Dadurch bleibt der Tagungsband auch ein Stück weit Wissen und Bonmot für Insider.

Nichtsdestotrotz, der Band ist in sich schlüssig und wissenschaftlich sicherlich auf hohem Niveau. Mitunter schafft er es auch, die Debatte um die sakralen Tendenzen in der erziehungswissenschaftlichen Praxis zu intensivieren und weiterzuführen.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 03.01.2018 zu: Alexander Maier, Anne Conrad, Jean-Marie Weber, Peter Voss (Hrsg.): Lernen zwischen Zeit und Ewigkeit. Pädagogische Praxis und Transzendenz. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. ISBN 978-3-7815-2255-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25016.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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