socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dagmar Lehmhaus, Bertke Reiffen-Züger: Spiel und Spielen in der psychodynamischen Therapie

Cover Dagmar Lehmhaus, Bertke Reiffen-Züger: Spiel und Spielen in der psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 225 Seiten. ISBN 978-3-17-030838-1. 24,00 EUR.

Reihe: Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, hrsg. von Arne Burchartz, Hans Hopf, Christiane Lutz.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Ziel des Buches, das in der Reihe „Psychodynamische Psychotherapie mit Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ erschienen ist, besteht darin, die Bedeutung des Spieles für die kindliche Selbst- Entwicklung aufzuzeigen und hier Spiel als „Sprache des Kindes“ (Zulliger) zu verstehen. Im Besonderen geht es aber darum, die Rolle und Funktion des Spiels und Spielens in der Psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie zu verdeutlichen. Dabei wird das kindliche Spiel von den beiden Autorinnen „als reziprokes Prozessgeschehen zwischen zwei Personen verstanden, das sich asymmetrisch, co-konstruktiv und co-narrativ vollzieht“ (S. 10). Es geht damit im Buch „nicht nur um das Spielen, die Spielfreude und Spielfähigkeit des kindlichen Patienten, sondern immer auch um die des Psychotherapeuten“ (ebd.).

Autorinnen

Dipl. Soz. Dagmar Lehmhaus und Dipl. Päd. Bertke Reiffen-Zügler sind beide Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und in eigener Praxis niedergelassen. Beide sind darüber hinaus als Dozentinnen und Supervisorinnen an verschiedenen Psychoanalytischen und Tiefenpsychologischen Ausbildungsinstituten tätig.

Aufbau

Die Autorinnen geben dazu zunächst einen Überblick über das Spiel und die Spielentwicklung und setzen dann im Späteren einen Schwerpunkt auf das Spiel als psychotherapeutisches Medium in dem Beziehungsgeschehen zwischen TherapeutIn und PatientIn.

Inhalt

Im ersten Hauptkapitel („Spiel und Spielen“) stellen die Autorinnen das kindliche Spielen und besondere Aspekte, wie Spielfreude, Neugier, Phantasie und Kreativität dar. Schon hier wird betont, dass „die Umwelt immer mitspielt“ (S. 33), Spiel also in einem bestimmten Rahmen aber im Besonderen auch eine Beziehung zwischen Erwachsenen und Kind gestaltet wird.

Auf diese Rahmenbedingungen wird im nächsten Kapitel („Grundlagen und Rahmenbedingungen spielerischer Begegnungen“) vertieft eingegangen; neben der „Rolle, Präsenz und Haltung des Kinderpsychotherapeuten“ (S. 40) werden Überlegungen zum Spielzimmer, zum Spielmaterial gemacht.

Das Kapitel „Spiel und Entwicklung“ befasst sich mit dem Spiel und der psychischen Entwicklung und es werden dann altersentsprechende Spielformen und Schwerpunkte vorgestellt.

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen zum Spiel rückt das Spiel als psychotherapeutisches Medium in den Mittelpunkt der Darstellungen. Zunächst schildern die Autorinnen dazu die Geschichte der Kinderspielpsychotherapie unter einem besonderen Schwerpunkt auf die psychodynamischen Verfahren, es werden jedoch auch Zulligers (1979), Axlines (1947/2002) und Piagets (1975) Spielkonzepte kurz vorgestellt. Die Autorinnen referieren ausführlicher den Zusammenhang zwischen „Spiel, Ich-Entwicklung und Struktur“ (S. 101), greifen dabei das Konzept von Streeck-Fischer (1997, 1999) auf.

Die dann folgenden Kapitel beschäftigen sich mit unterschiedlichen Spielformen, ausführlicher auch dem „Spiel und Spielen mit Miniaturfiguren“ (S. 155).

Das abschließende Kapitel befasst sich mit dem Thema „Spiel und Spielen im digitalen Zeitalter“. Hier verweisen die Autorinnen auf die Relevanz der digitalen Medien im Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen und gehen dezidiert auf digitale Spielformen ein; es werden auch drei Computerspiele ausführlicher dargestellt. In einem vertiefenden Kapitel wird die „Psychodynamik der digitalen Spielfelder“ (S. 194) reflektiert.

Jedes Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung, weiterführenden Fragen und vertiefenden Literaturhinweisen. Im Anhang ist „Spielmaterial für die psychodynamisch orientierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“ (S. 219) vorgestellt. Das Buch enthält zusätzlich ein Stichwortverzeichnis.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Lehmhaus und Reiffen-Züger ist ein guter, konzentrierter Überblick über die große Bedeutung des Spiels in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – mit einem Schwerpunkt auf den psychodynamischen Verfahren. Innerhalb der psychoanalytischen Theoriebildung streifen die Autorinnen zwar die verschiedenen Schulen, bleiben jedoch vor allem begrifflich dem klassischen freudianischen Triebmodell bis hin zum Ödipuskomplex verhaftet. Es wird leider nicht ausreichend reflektiert, dass dieses Modell empirisch und konzeptionell überholt ist, andere psychodynamische, empirisch besser abgesicherte Theorien, wie bspw. das Entwicklungsmodell von Stern (1992) oder auch das Mentalisierungskonzept werden, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Ebenso wird nur randständig der Bezug zu anderen psychoanalytischen Schulen (vor allen Dingen die Individualpsychologie) hergestellt. Andere psychotherapeutische Schulen, insbesondere die Klientenzentrierte Psychotherapie, die traditionell einen großen Beitrag zur Betrachtung des Spiels in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie geleistet haben (z.B. Weinberger, 2015, Schmidtchen, 2001, oder Behr, 2012), werden ebenfalls nur in einem Unterkapitel erwähnt – dies ist bedauerlich, da es doch sehr viele inhaltliche, wie praktische Parallelen und Anknüpfungspunkte zwischen diesen Ansätzen gibt.

Insgesamt ist das Buch gut lesbar, hierzu dienen auch die vielen Fallbeispiele. Besonders positiv hervorzuheben ist das Kapitel, das sich mit digitalen Spielformen befasst. Hier findet eine nicht ideologisch gefärbte Auseinandersetzung mit den digitalen Spielen und der möglichen Bedeutung auch für eine psychodynamische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie statt. Wünschenswert wären hier noch Hinweise auf mögliche Gefahren, insbesondere Suchtpotenzial und anderen Begleitsymptome gewesen.

Das Buch ist empfehlenswert, besonders für AusbildungskandidatInnen und noch weniger erfahrene Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen, aber auch Studierende, die sich mit dem Thema Spiel und Spielentwicklung befassen.

Literatur

Axline, V.M. (1947). Play Therapy. The Inner Dynamics of Childhood. Boston: Hougthon Mifflin./dt. (200): Kindertherapie im non-direktiven Verfahren. München: Reinhardt.

Behr, M. (2012). Interaktionelle Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Göttingen: Hogrefe.

Piaget, J. (1975). Nachahmung, Spiel und Traum. Die Entwicklung der Symbolfunktion beim Kinde. In J. Piaget, Gesammelte Werke Bd. 5. Stuttgart: Klett-Cotta.

Schmidtchen, S. (2001). Allgemeine Psychotherapie für Kinder, Jugendliche und Familien. Stuttgart: Kohlhammer.

Stern, D. N. (1992). Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart: Klett-Cotta.

Streeck-Fischer, A. (1997). Verschiedene Formen des Spiels in der analytischen Psychotherapie. Forum der Psychoanalyse, 13, 19–37.

Streeck-Fischer, A. (1997). Zur OPD Diagnostik des kindlichen Spiels. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 171, 313–338.

Weinberger, S. (2015). Kindern spielend helfen- Einführung in die Personzentrierte Spielpsychotherapie (6. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Zulliger, H. (1979). Heilende Kräfte im kindlichen Spiel. Stuttgart: Klett-Cotta.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EH Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Abgeschlossene Ausbildungen in Psychoanalyse (DGIP, DGPT), Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (GwG), Gesprächspsychotherapie (GwG). Tätigkeit als niedergelassener Psychotherapeut und als Geschäftsführer eines Jugendhilfeträgers (AKGG). Supervisor bzw. Dozent/Ausbilder bei verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsstätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Dörte Weltzien Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.
E-Mail Mailformular


Alle 13 Rezensionen von Klaus Fröhlich-Gildhoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Fröhlich-Gildhoff. Rezension vom 05.07.2019 zu: Dagmar Lehmhaus, Bertke Reiffen-Züger: Spiel und Spielen in der psychodynamischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-030838-1. Reihe: Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, hrsg. von Arne Burchartz, Hans Hopf, Christiane Lutz.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25018.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung