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Reiner Keller, Angelika Poferl (Hrsg.): Wissenskulturen der Soziologie

Cover Reiner Keller, Angelika Poferl (Hrsg.): Wissenskulturen der Soziologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 303 Seiten. ISBN 978-3-7799-3447-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Wissenskulturen.
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Thema

Der Sammelband „Wissenskulturen der Soziologie“ bildet den Auftakt zu einer gesamten Reihe zum übergeordneten Thema „Wissenskulturen“, die neben sozial- auch naturwissenschaftliche Wissenskulturen sowie weitere soziokulturelle Kontexte einbeziehen sollen. Der Auftakt der Reihe befasst sich spezifisch mit den Wissenskulturen der Soziologie.

Herausgeber*innen

Der Sammelband ist heraus gegeben von Reiner Keller (Prof., Universität Augsburg) und Angelika Poferl (Prof-, TU Dortmund). Beide Autor*innen sind Bestandteil des Arbeitskreises „Wissenskulturen“ und haben entsprechend bereits vielfältig zum Thema gearbeitet.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von diversen Veranstaltungen des Arbeitskreises „Wissenskulturen“ (DGS Kongress 2014, ergänzender Workshop 2015, Sektionskongress 2016) versammelt der vorliegende Sammelband ein breites Spektrum an Themen bzw. Fragestellungen, die auf die Wissenskulturen in der Soziologie abzielen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 15 Kapitel aufgeteilt, die sich einem breiten Spektrum an Fragestellungen widmen, aber wie im Einleitungsbeitrag der Herausgeber*innen dargestellt, unter dem Punkt der Wissenskulturen der Soziologie zusammenführen lassen. Dem Sammelband liegt ein breites Verständnis von Wissenskulturen zugrunde, wodurch unterschiedliche Forschungstraditionen integriert werden sollen.

Die Herausgeber*innen legen, wie für einen Sammelband üblich, im ersten Kapitel eine kurze Einführung vor, die an den Begriff Wissenskulturen heranführt sowie die versammelten Beiträge knapp vorstellt. Neben der gestiegenen Bedeutung bzw. dem gestiegenen Interesse an Wissenskulturen (dargelegt entlang von Veranstaltungen des Arbeitskreises sowie eines eigenen DFG-Sonderforschungsbereichs) verdeutlicht der Einstieg die Ursprünge des Begriffs. Zum einen aus den Social Studies of Science & Technology (STS) und auf Knorr-Cetina (Laborstudien) zurückgehend. Zum anderen im Anschluss daran die Ausweitung auch auf andere Felder bzw. Disziplinen. Verstanden werden Wissenskulturen (im Anschluss an Knorr-Cetina) als „je spezifische Arten und Wiesen der Herstellung von wissenschaftlichem Wissen […], die empirisch nachgezeichnet und rekonstruiert werden können“ (10).

Im Anschluss an die Einführung in den Sammelband geben Angelika Poferl & Reiner Keller auch eine theoretische Einführung vor dem Hintergrund eigener empirische Untersuchungen, wie „soziologische Wissenskulturen“ theoretisch-konzeptionell verstanden werden können.

Kornelia Engert erläutert an mehreren Beispielen die soziologische Beforschung soziologischer Forschung ausgehend von zentralen Ergebnissen der Wissenschaftsforschung und der angesprochenen Laborstudien. Sie thematisiert damit, wie im Titel angedeutet („Soziologie als Praxis. Von den Eigenheiten ein Habitat zu beforschen, zu dem man selbst gehört“) zentrale Ergebnisse der Wissenschaftsforschung um darauf aufmerksam zu machen, dass die Erkenntnisproduktion der Sozialwissenschaften eine andere Art von Ethnographie erfordert als die Beforschung der Naturwissenschaften.

Alexander Lenger, Tobias Rieder und Christian Schneickert machen die Wissenskultur von Studierenden der Soziologie zum Thema ihres Beitrages und greifen hierfür auf Daten aus zwei bundesweiten Befragungen von Studierenden zurück. Hierbei nehmen sie die Rolle der sozialen Herkunft, Gründe der Studienortswahl, die Zufriedenheit mit der Studiensituation sowie geäußerte Theorie- und Methodenpräferenzen in den Blick.

Christoph Mautz und Japser W. Korte beforschen quasi der anderen Seite des universitären Kontextes und widmen sich der Selbstdarstellung der Soziologie. Datengrundlage bilden die Personenwebpages deutscher Soziologie-Professor*innen. Rekonstruiert werden vier Typen der Darstellungsweisen („Hochschullehrer“, „Elfenbeinturmbewohner“, „Forschungsmanager“, „öffentliche Intellektuelle“).

Eike Emrich, Freya Gassmann und Wolfgang Meyer nehmen in ihrem Beitrag die Evaluationsforschung als besondere Form der Auftragsforschung in den Blick. Im Spannungsfeld zwischen „wissenschaftlicher Redlichkeit“ und „marktwirtschaftlicher Orientierung“ sind spezifische Kriterienkataloge entwickelt worden, die wieder im Konflikt mit den jeweiligen Auftraggebern stehen (können). Wenig überraschend aber fundiert darlegt wird, dass je nach Anbieter (bspw. universitär oder nicht-universitär) und entsprechender Abhängigkeit des Evaluators vom Auftragsgeber „inhaltlich auf Ergebnisseite geliefert wird, was nach stummen Konsens […] wohl bestellt worden ist“ (133).

Danny Otto zeigt in seinem Beitrag, wie sich bestimmte Konzepte von sozialer Ungleichheit verbreiten, entstehen und wie sie wirken. Exemplarisch am Beispiel des Begriffs „Prekariat“ wird durch den Einsatz diverser Methoden (bibliometrische Analyse, Inhaltsanalyse, Rhetorikanalyse, Beobachtung) gezeigt, dass sich die Verwendung von bestimmten Konzepten zum Teil deutlich unterscheidet. So wird im deutschsprachigen Raum kaum von einem „Prekariat“ gesprochen, während die internationale Verwendung von „the precariat“ deutlich breiter geteilt ist (152). Der Beitrag versteht sich als ein Vorschlag, der sowohl Weiterführung wie auch Vertiefung benötigt, um das Potenzial einer „Deutungsmachanalyse“ (152) ausschöpfen zu können.

Dorothee Wilm greift in ihrem Beitrag die Frage auf, welchen Beitrag die Soziologie zur Wirtschaftsforschung leisten kann und wie sich das Konkurrenzverhältnis von Wirtschaftssoziologie und ökonomischer Wirtschaftsforschung historisch entwickelt hat. So ist die Trennung von beidem historisch zunächst nicht vorzufinden, sondern beide Disziplinen haben sich sukzessive ausdifferenziert. Die Autorin zeichnet die historisch entwickelte Konkurrenzsituation nach und arbeitet heraus, dass die Wirtschaftssoziologie als solche nicht an einer Wissenskultur festgemacht werden kann stattdessen schlägt sie eine Reihe an Merkmalen einer spezifisch soziologischen Wissenskultur vor und argumentiert dafür, dass die Soziologie in Konkurrenz mit den Wirtschaftswissenschaften nicht alleine auf die Abgrenzung von diesen bauen sollte (176).

Oliver Neun widmet sich der Frage, welche Bedeutung die aus naturwissenschaftlich-technischen Kontexten gewonnen Transformationsbeschreibungen („Mode 2“, „Medialisierung“) für die gegenwärtige Soziologie haben. Er plädiert dafür, die Transformationsanalyse mit Fragen nach der Demokratierelevanz, Macht sowie Ökonomisierung der Wissenschaft in den Vordergrund zu rücken. 

Der Beitrag von Gudrun Lachenmann fokussiert auf das Aufeinandertreffen transnationaler epistemischer Gemeinschaften im Feld der Entwicklungszusammenarbeit. Hier treffen bspw. unterschiedliche Erkenntnis- und Wissenskulturen aufeinander, wobei gerade in den letzten Jahrzehnten den lokalen Wissensformen und -Praktiken mehr Bedeutung zukommt, sie gewissermaßen aufgewertet werden.

Juliane Haus konzentriert sich in ihrem Beitrag auf qualitative Experimente als Methode der qualitativen Forschung im Labor. Ausgehend von einer empirischen Untersuchung eines wirtschaftswissenschaftlichen Experimentallabors erläutert sie die Stärken eines qualitativen Experiments als gegenstandsadäquate Forschungsstrategie, die notwendige forschungsethische Reflexion erfährt eine besondere Betonung.

Anne-Marie Weist befasst sich in ihrem Beitrag der quantitativen Sozialforschung bzw. der Aufbereitung von Forschungsmaterial aus der Umfrageforschung. Der, so arbeitet sie heraus, eine unweigerliche Diskrepanz zwischen lehrbuchförmiger Darstellung des Forschungsprozesses und der notwendig abweichenden Forschungspraxis als konstitutives Element der Erkenntnisgewinnung innewohnt. Ihr Material sind unterschiedliche Verschriftlichungen in Form von „Schmier- und Notizblättern“ (die sie selbst auch als „Zettelwirtschaft“ bezeichnet, 247).

Moritz Mutter rekapituliert in seinem Beitrag das Aufschreibesystem 1900 die Gründungsphase der Soziologie und ihre „Metaphernstrategie“. Ausgehend von Kittlers Analyse der Aufschreibesysteme wendet er sich Max Weber als soziologischem Klassiker zu und analysiert den historisch anhaltenden Erfolg des Weberschen Idealtypus sowie die damit verbundene Idee der Messbarkeit.

Einem gänzlich anderen Phänomen, der Videoanalyse, widmen sich Eric Lettkemann und René Tuma. Aus der Rekonstruktion der sozialwissenschaftlichen Videoanalyse greifen die Autoren hierbei sowohl die Versozialwissenschaftlichung der Gesellschaft (285) wie auch die umgekehrte Technisierung (hier Videotechnisierung) der Sozialwissenschaften (ebd.) aufund diskutieren den Einfluss dieser beiden Entwicklungen im Wechselspiel auf die Wissenskultur der sozialwissenschaftlichen Videoanalyse.

Der abschließende Beitrag des Buches nehmen Jo Reichertz und Richard Bettmann eine vielfach praktizierte Arbeitstechnik im wissenschaftlichen Alltag in den Blick: die Interpretationsgruppen. Damit beleuchten sie eine populäre Form der Datenanalyse, die bisher allerdings kaum empirisch beforscht wurde. Analytisch widmen sich der Beitrag der „Kommunikationsmacht“ () die sich beobachten lässt, wenn in den Blick genommen wird, wie Interpretationskompetenz kommunikativ hergestellt wird.

Diskussion

Der rote Faden dieses Auftaktes für die Reihe zu Wissenskulturen ist deutlich erkennbar und über die Breite der behandelten Themen stets nachvollziehbar. Die Länge der Beiträge variiert teilweise ein wenig, wodurch die „kürzeren“ Beitrag aber keinesfalls an Gehalt einbüßen. Eine thematische Gliederung der Beiträge wäre für einen schnelleren Überblick sicherlich hilfreich gewesen.

Fazit

Der Sammelband „Wissenskulturen der Soziologie“, herausgegeben von Reiner Keller und Angelika Poferl, versammelt fünfzehn Beiträge zu eben jenen Wissenskulturen innerhalb der Soziologie. Als Sammelband ist das Buch Ergebnis von mehreren Veranstaltungen die sich mit dem Thema Wissenskulturen beschäftigt haben (Tagungen sowie Workshops).

Inhaltlich wird ein breites Themenfeld abgedeckt, von theoretisch-konzeptionellen Beiträgen (bspw. Poferl & Keller) über eine Selbstbefragung der institutionell-verankerten Wissenskultur der Soziologie (bspw. Lenger, Rieder & Schneickert; Mautz & Korte) oder das Verhältnis zu Nachbardisziplinen (bspw. Wilm) bis schließlich zur Praxisreflexion des gemeinsamen Interpretierens (Reichertz & Bettmann).

Der Sammelband kann Interessierten, auch Studierenden, sehr ans Herz gelegt werden, da er durch eine breite Themenauswahl unter dem Oberthema der Wissenskulturen besticht. 


Rezensent
Sebastian Jürss
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Zitiervorschlag
Sebastian Jürss. Rezension vom 09.05.2019 zu: Reiner Keller, Angelika Poferl (Hrsg.): Wissenskulturen der Soziologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3447-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25020.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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