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Matthias Grundmann (Hrsg.): Gesellschaft von unten!?

Cover Matthias Grundmann (Hrsg.): Gesellschaft von unten!? Studien zur Formierung zivilgesellschaftlicher Graswurzelinitiativen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 232 Seiten. ISBN 978-3-7799-3904-7. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

„Wenn wir also in diesem Band von einer Gesellschaft von Unten sprechen, dann meinen wir damit jene Beziehungen, über die sich Individuen als Bürger*in politisch engagieren und sich diesbezüglich sozial verbinden“ (S. 8). Im Zentrum der theoretischen Erörterungen wie empirischen Untersuchungen stehen mithin politisch orientierte zivilgesellschaftliche Initiativen und die Frage „wie gesellschaftliche Verhältnisse im konkreten miteinander erwachsen, sich reproduzieren und sich modifizieren“ (S. 11).

Herausgeber

Der vorliegende Band ist herausgegeben von Matthias Grundmann Professor für Soziologie an der Westfählischen Wilhelms-Universität Münster.

Die 11 weiteren AutorInnen des Bandes sind Studierende der Sozialwissenschaft bzw. promovierte und examinierte (Dipl./BA/MA) SozialwissenschaftlerInnen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist – wie der Herausgeber betont – ein „Gemeinschaftsprodukt … des Arbeitskreises Gemeinschafts- und Nachhaltigkeitsforschung am Institut für Soziologie der Universität Münster“ (S. 11). Es ist Ergebnis einer „gemeinsamen Suchbewegung unter Forschenden“ (S. 10). Die jeweiligen Forschungsergebnisse wurden in unterschiedlichen Tagungen und Workshops zu Diskussion gestellt und weiterentwickelt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer Einführung von Matthias Grundmann („Sozialisation als gemeinschaftliche Graswurzel“) in vier Teile.

  • Teil I umreißt mit den Aufsätzen „Graswurzeln als gesellschaftlicher Humus“ (Grundmann) und „Gesellschaft von unten Dimensionen und Perspektiven zivilgesellschaftlicher Formierung“ (Görgen/Grundmann/Wendt) das „Forschungsprogramm“ „Gesellschaft von unten?!“.
  • Teil II verweist auf theoretische Perspektiven des Forschungsprogramms. Es enthält dazu Aufsätze von Vey (Wie „Gesellschaft von unten“ denken? Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung sozialer Bewegungstheorien auf Transformationsprozesse „von unten“), Hoffmann („Strukturgenese als Institutionalisierung. Oligarchisierung oder zyklische Dynamik. Zum Umgang zivilgesellschaftlicher (Graswurzel-)Initiativen mit Formalisierungsprozessen“), Görgen/Wendt („Die Sozialökologie zivilgesellschaftlicher Initiativen. Ein sozialisationstheoretisch fundierter Zugang zur 'Gesellschaft von unten'“), Osterloh („Vom intensionalen Ich zum transformativen Wir“) und Stenglein („Unten werden – Zum Ethos der Ontologie des Mitseins von Jean-Luc Nancy“).
  • Teil III versammelt vier „(e)mpirische Studien zu Formierungsprozessen zivilgesellschaftlicher Akteure“ (Stockmann/Vogelgesang: Intergenerationale Nachbarschaftsprojekte. Eine Analyse von Formierungsprozessen, Haarbusch/Hoffmann: Zur Formierung zivilgesellschaftlichen Engagements. Eine empirische Studie zu den sozialökologischen Entwicklungsdynamiken einer städtischen Nachhaltigkeitsinitiative, Brocchi: Quartier „von unten“ sowie Kunze: Soziale Innovationen und „Gesellschaftswandel von unten“. Transformative Ansätze und Herausforderungen von Gras-Roots-Initiativen.
  • Schließlich endet der Band mit einem Resümee von Wendt/Grundmann/Görgen: Mikrosoziologische Perspektiven auf zivilgesellschaftliche Formierungsprozesse: „Gesellschaft von unten!?“ (Teil IV).

Inhalt

Die AutorInnen des Bandes verwenden „Gesellschaft von unten“ als eine Metapher, die auf die Gestalt eines entsprechenden Forschungsprogramms verweisen soll. Dabei wird „Gesellschaft von unten“ zunächst einer Perspektive einer Gesellschaft von „oben“ gegenübergesellt. In dieser Perspektive von oben, stehen uns „Gesellschaften … als anonyme, hochkomplexe Wirklichkeiten gegenüber“ (S. 23) (politisches System, Märkte, Sozialstruktur, Kultur, Normensysteme usw.). Dagegen „stellt sich 'Unten' als ein konkreter partikularer und konjunktiver Erfahrungsraum dar, der jeweils durch die beteiligten Individuen erst erschaffen wird“ (ebd.). Anliegen des Forschungsprogramms ist es deshalb einerseits die mikrosoziologischen Prozesse zu verstehen und dabei die „Praxen des Zusammenschließens und Zusammenwirkens von Engagierten in sozialpolitischen Raum“ (S. 214) zu erkennen und andererseits herauszufinden, wie „solche Erfahrungsräume in die gesellschaftliche Wirklichkeit wirken, in die sie eingebunden sind“ (S. 23).

Es geht also auch darum, wie sich zivilgesellschaftliche Initiativen in mikrosozilogischer Perspektive formieren, welche Rolle dabei die sie rahmenden gesellschaftlichen „Verhältnisse und Strukturen“ spielen und wie Menschen in und über ihr Zusammenhandeln ihre Umwelt (politisch) beeinflussen. Um dieses Forschungsprogramm zu verwirklichen, kann sich „Gesellschaft von unten“ „auf zahlreiche Arbeiten aus dem Bereich der Protest- und Bewegungsforschung, der Forschung zur Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement, der Forschungen zu sozialen Gemeinschaften oder auch der Utopie- und Ideologieforschung stützen“ (S. 25). Der Vielzahl sozialwissenschaftlicher Ansätze und Zugänge entspricht dann auch das facettenreiche Verständnis einer „Gesellschaft von unten“.

Die Autoren unterscheiden hier vier Dimensionen:

  1. eine sozialstrukturelle,
  2. eine politisch-zivilgesellschaftliche,
  3. eine mikrosoziologische und
  4. eine normative Dimension (S. 32 ff.).

Insgesamt bleibt der Schwerpunkt des Bandes aber „auf der mikrosoziologischen Analyse politisch-zivilgesellschaftlicher Formierungsprozesse“ (S. 216). Zivilgesellschaftliche Formierungsprozesse lassen sich – so das Resümee des Bandes – „als Zusammenspiel unterschiedlicher Wirkprozesse bestimmen …:

  1. als ein Mit-Teilen und Miteinander-Tun, indem sich die Akteur*innen immer wieder neu erfinden,
  2. als ein Reagieren auf gesellschaftliche Verhältnisse im regionalpolitischen Kontext,
  3. als ein Sich-Vernetzen von Initiativen und dem steten Experimentieren mit Möglichkeiten des politischen Ausdrucks,
  4. als ein Ein- und Anpassen an bestehende Strukturen und zivilgesellschaftliche Bewegungen“ (S. 229).

Diskussion und Fazit

Das Buch bietet eine facettenreiche Annährung an einen möglichen Forschungszusammenhang. Die jeweiligen theoretischen Reflexionen und empirischen Studien sind interessant zu lesen und bieten vielfältige Anknüpfungspunkte an unterschiedliche Forschungstraditionen bzw. Richtungen. Insgesamt „wirkt“ der Band aber – um hier den Herausgeber zu bestätigen – „eklektisch“ (S. 11). Die Metapher einer „Gesellschaft von unten“ ist dabei verführerisch, weil sie zusammendenkt, was nicht recht zusammenpaßt: z.B. das sozialstrukturelle und das bürgerschaftliche „Unten“. „Geheimnisse“ – wie im ersten Satz des Vorworts versprochen – sind in dem Buch nicht zu entdecken. Über die andernorts vorliegenden Erkenntnisse der Sozialisations- und Bewegungsforschung, bzw. der Forschung zu Zivilgesellschaft oder bürgerschaftlichem Engagement gelangen die dort versammelten Aufsätze kaum hinaus. Statt eine Vielzahl unterschiedlicher Dimensionen „einer Gesellschaft von unten“ und möglicher Forschungsansätze anzudeuten, die dann doch nicht weiterverfolgt werden, wäre es wohl sinnvoller gewesen, eine konsequent mikrosoziologische Herangehensweise durchzuhalten und sich auf ein Konzept einer „Gesellschaft von unten“ zu beschränken.


Rezensent
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
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Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 01.07.2019 zu: Matthias Grundmann (Hrsg.): Gesellschaft von unten!? Studien zur Formierung zivilgesellschaftlicher Graswurzelinitiativen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3904-7.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25021.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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