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Kai Koch: Seniorenchorleitung

Cover Kai Koch: Seniorenchorleitung. Empirische Studien zur Chorarbeit mit älteren Erwachsenen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2017. 509 Seiten. ISBN 978-3-643-13864-4.

Reihe: Universität Paderborn. Institut für Begabungsforschung in der Musik: Schriften des Instituts für Begabungsforschung in der Musik (IBFM) - Band 10.
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Thema

In Kai Kochs Promotionsschrift „Seniorenchorleitung“ geht es um die verschiedenen Aspekte der Chorarbeit mit älteren Erwachsenen. Im Fokus stehen insbesondere die Chorleitenden. Anders als vielleicht zu erwarten wäre, enthält das Buch keine Literaturvorschläge oder praktische Einsingübungen, sondern nähert sich dem Themenfeld durch zahlreiche theoretische Betrachtungen.

Zwar gibt es bereits Publikationen und wissenschaftliche Auseinandersetzungen zu Musikgeragogik. Das Thema Seniorenchorleitung ist jedoch bislang wissenschaftlich noch nicht umfassend aufgearbeitet gewesen. Kai Kochs Buch stellt somit einen in dieser Form einzigartigen Beitrag zur Chorarbeit mit älteren Erwachsenen dar.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor Kai Koch hat verschiedene musikalische Studiengänge absolviert und war als Studienrat für Musik und Chemie tätig. „Seniorenchorleitung“ wurde von ihm als Promotionsschrift verfasst. Mit Seniorenchören hat er sich bereits in seiner Staats- und seiner Masterarbeit („Stimmfeldmessungen von Chorsängern in der dritten Lebensphase“ und „Altersgrenzen in Chören“) beschäftigt. Mehrere Veröffentlichungen zeugen von seinen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Chorarbeit mit älteren Erwachsenen. Im Laufe seiner Berufstätigkeit hat Kai Koch außerdem (Senioren-)Chöre geleitet.

Aufgrund seiner eigenen praktischen Erfahrungen als Seniorenchorleiter und seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema hat Kai Koch das Forschungsdesiderat in Bezug auf Seniorenchöre erkannt und umfassend erschlossen. „Seniorenchorleitung“ entstand somit zum einen vor einem praktisch-musikalischen und zum anderen vor einem theoretisch-wissenschaftlichen Hintergrund. Beide Zugangsweisen fließen in die Arbeit mit ein.

Aufbau

„Seniorenchorleitung“ besteht aus insgesamt vier Teilen, die jeweils in zahlreiche, durchnummerierte Unterkapitel untergliedert sind: „A Theoretische Grundlagen und Fragestellung“, „B Forschungsdesign“, „C Darstellung und Interpretation der Ergebnisse“, „D Diskussion und Ausblick“ sowie „E Anhang“. In Teil A wird der Forschungsstand umfassend dargestellt, Teil B umreißt den methodischen Ansatz (es handelt sich um ein qualitatives Forschungsvorhaben mittels Interviews), Teil C beinhaltet die Ergebnisse der Interviewphase und Teil D fasst noch einmal die ersten drei Teile in einem übergreifenden Kapitel zusammen.

Inhalt

In „Seniorenchorleitung. Empirische Studien zur Chorarbeit mit älteren Erwachsenen“ beschäftigt sich der Autor Kai Koch ausgiebig mit verschiedenen Facetten der Seniorenchorleitung. Auf insgesamt 509 Seiten holt er weit aus und stellt zahlreiche Aspekte ausführlich dar.

In Teil A („Theoretische Grundlagen und Fragestellung“) definiert er zunächst die für die Arbeit relevanten Begriffe „Chorsingen“, „Alter“ und „Seniorenchor“, gibt im Anschluss einen Überblick über die aktuelle Situation der Seniorenchöre innerhalb der deutschen Chorlandschaft und berichtet von den positiven Auswirkungen des Singens auf die Singenden. Hernach beschäftigt er sich mit dem Thema „Ältere Chorsängerinnen und -sänger“ sowie den Chorleitenden. Im Anschluss an die Darstellung dieser Themenfelder entwickelt er die Fragestellung für sein Forschungsprojekt. Kai Koch gibt an, im Folgenden „die Spezifika der Chorarbeit mit älteren Menschen aus Sicht der Chorleitenden“ untersuchen zu wollen um auf „Basis der besonderen (musikgeragogischen) Kontexte einen theoretischen Ansatz für eine potenzielle neue Fachdisziplin ‚Seniorenchorleitung‘ zu generieren“. Die (zusätzlich weiter untergliederte) Hauptforschungsfrage formuliert er wie folgt: „Unterscheidet sich die Leitung von Seniorenchören von der Leitung anderer Chorkonzeptionen?“ (153).

Im nächsten Großkapitel („Forschungsdesign“) stellt er seinen methodischen Ansatz vor: Kai Koch verfolgt eine qualitative Forschungsweise und lehnt sich mit seiner Arbeit an die „Methodik der ‚Grounded Theory‘“ an (155 ff.).

Der Forschungsverlauf und die Forschungsergebnisse finden im Kapitel C ihren Platz („Darstellung und Interpretation der Ergebnisse“). Kapitel D enthält eine finale Zusammenfassung.  Kai Koch hält hier fest, dass sich ein Seniorenchor durch sein „seniorenchorspezifisches Profil“ maßgeblich von anderen Chören unterscheide (441): Probenzeit und -ort müssen angepasst werden, das Notenmaterial entsprechend eingerichtet werden, die Beleuchtungssituation müsse überdacht werden und vieles mehr. Er stellt außerdem fest, dass ein sensibler Umgang seitens der Chorleitung mit körperlichen und vor allem stimmliche Veränderungen notwendig sei sowie ein sensibler Umgang mit Krankheiten und Todesfällen von Chormitgliedern. Bedeutend für die Singenden sei außer der Freude am Musizieren auch das soziale Miteinander. Die Chorleitung müsse vor allem Kompetenzen als Chorleiter/in haben sowie die soziale Fähigkeit, sich auf die Mitglieder eines Seniorenchores einzustellen. Zudem sei es von Bedeutung, dass Chorleitende bereits während ihres Studiums an die Seniorenchorleitung herangeführt werden (449 ff). Kai Koch schließt mit dem Aufzeigen von Forschungsdesideraten wie etwa die Erforschung von Chorarbeit mit demenziell veränderten Menschen oder die Ausweitung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Seniorenchören auf eine internationale Ebene.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diskussion

Ohne Frage stellt Seniorenchorleitung erstmals wichtige Informationen zur Chorarbeit mit älteren Erwachsenen in gebündelter Form vor. Insbesondere vor dem Hintergrund der glücklicherweise lauter werdenden Forderungen nach Kultureller Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit sind die Überlegungen hinsichtlich kultureller Bildung und dem Erhalt von Kultureller Teilhabe von älteren Erwachsenen von maßgeblicher Bedeutung. Seniorenchorleitende können durch das Buch wichtige Impulse erhalten und die eigenen Erfahrungen außerdem in einen erweiterten Kontext einordnen. Aus den geschriebenen Zeilen wird Kai Kochs insgesamt menschenfreundliche und respektvolle Haltung sowohl gegenüber den Chorleitenden als auch gegenüber den älteren Singenden deutlich. Sehr erfreulich ist der an vielen Stellen geschlechtssensible Umgang mit Sprache.

Insbesondere die Zusammenfassung des Forschungsstands ist gut nachvollziehbar und gelungen. Der Zugang zu seiner Forschungsfrage durch eine empirische Herangehensweise (Interviews) wirkt nachvollziehbar und durchdacht und stellt einen sinnvollen Zugang zum Thema dar.

Allerdings bleiben im empirischen Teil ein paar Wünsche offen: Zum Einen stellt Kai Koch das methodische Vorgehen etwas ungenau vor und zitiert bei der Vorstellung seines konkreten Vorgehens Quellen, die sich im Allgemeinen mit methodischen Herangehensweisen auseinandersetzen (155 ff). Zudem wirken die Interviewausschnitte im Kapitel C "Darstellung und Interpretation der Ergebnisse" wenig strukturiert und sie sind durch Kai Kochs Auswahl aus dem Zusammenhang gerissen. Teilweise verwendet er die gleichen Aussagen für verschiedene Argumente, was an manchen Stellen verwirrend wirkt. Ein Abdruck der gesamten Interviews bzw. eine Speicherung auf einem zusätzlichen Datenträger oder im Internet zur Überprüfbarkeit der Aussagen und der Einordnung in den Interviewkontext wäre in dieser Hinsicht vermutlich hilfreich gewesen.

Zusätzlich hätten einige ausgewählte seniorenchorgeeignete Einsingübungen oder ausgewählte Literaturvorschläge vorzüglich als künstlerisch-praktische Ergänzung zu den theoretischen Ausführungen wirken können.

Fazit

Insgesamt ist Seniorenchorleitung ein empfehlenswertes Buch für Seniorenchorleitende sowie für Chorleitende insgesamt, die ihren Horizont erweitern möchten. Kai Koch schildert detailreich und nachvollziehbar die für Seniorenchorleitung notwendigen Aspekte und arbeitet vor allem die Unterschiede zur Leitung eines Chores mit jüngeren Erwachsenen heraus. Eine wichtige Komponente für die Seniorenchorleitung ist die menschliche Sensibilität der Chorleitenden gegenüber den Singenden. Dieser Aspekt lässt sich auch auf die Chorleitung im Allgemeinen ausweiten und Chorleitende können dies insbesondere auch auf die Chorleitung von anderen Chören übertragen. Im Übrigen liest sich das Buch erfreulicherweise flüssig und verständlich.


Rezensentin
Dr. Raika Maier
M.A.(Musikwissenschaften) Neuere Rezensionen siehe Raika Lätzer
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Zitiervorschlag
Raika Maier. Rezension vom 26.11.2018 zu: Kai Koch: Seniorenchorleitung. Empirische Studien zur Chorarbeit mit älteren Erwachsenen. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2017. ISBN 978-3-643-13864-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25026.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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