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Anna Soßdorf: Zwischen Like-Button und Parteibuch

Cover Anna Soßdorf: Zwischen Like-Button und Parteibuch. Die Rolle des Internets in der politischen Partizipation Jugendlicher. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 351 Seiten. ISBN 978-3-658-13931-5. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

In „Zwischen Like-Button und Parteibuch – Die Rolle des Internets in der politischen Partizipation Jugendlicher“ thematisiert Anna Soßdorf in ihrer veröffentlichten Untersuchung die politischen Offline- und Online-Aktivitäten von Jugendlichen. Hierbei betrachtet sie bereits bestehende Studien und Ansichten zu der Thematik, die häufig von desinteressierten Jugendlichen ausgehen, die nicht an Politik interessiert sind. Soßdorf hingegen hinterfragt diese Stellung aufgrund von unterschiedlichen Studienfaktoren und z.T. auch veraltete Herangehensweisen der Studien. Soßdorf stellt hier ihre eigene Forschungsarbeit und deren Ergebnisse vor.

Autorin

Dr. Anna Soßdorfs Arbeit als freiberufliche Dozentin, Referentin und Forscherin konzentriert sich auf die Bereiche Kommunikation, politische Bildung und Jugendforschung. In dem hier rezensierten Buch stellt sie ihre Forschungsarbeit zur Thematik politischer Partizipation unter Jugendlichen vor. Sie ist an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig.

Entstehungshintergrund

Mit dem Internet sind zahlreiche neue Partizipationsoptionen aufgekommen, die in der politischen Teilhabe eine wichtige Bedeutung haben. Soßdorf kritisiert, dass die themenrelevanten Studien z.T. durch unterschiedliche Altersbegrenzungen, Gewichtungen und Herangehensweisen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Daher war es ihr Ziel, eine eigene empirische Untersuchung zu betreiben, welches ein umfassendes Bild der Realität wiederspiegelt.

Aufbau

Die Forschungsarbeit ist in zwei Teile gegliedert

  • Der erste Teil beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen. Darin werden beispielsweise bestehende Befunde dargestellt, Forschungslücken beschrieben, theoretische Konzepte vorgestellt und zuletzt ihr eigenes Verständnis von „Was ist politische Teilnahme?“ dargestellt.
  • Im zweiten Teil folgen Soßdorfs eigene empirische Untersuchungen mit ihren Forschungsergebnissen, Annahmen und letztendlich einem Fazit.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Einleitung – Das Ideal von politischen likes, shares und tweets

Zu Beginn klärt Soßdorf über die vielfältigen neuen politischen Partizipationsoptionen, wie z.B. interaktive Online-Netzwerke auf. Mit den zunehmenden Möglichkeiten sein Leben öffentlich zu teilen (MySpace, Facebook, YouTube,…), wächst zeitglich auch das Potenzial der politischen Partizipation online.

Nach Soßdorfs Aussagen, bewegen wir uns in einer Welt, in der Kinder und Jugendliche mit interaktiven und digitalen Möglichkeiten aufwachsen. Da die Medien politisiert sind, werden auch Kinder und Jugendliche automatisch politisiert, so die These. Die heutige Jugend (14-19 Jährige) sind somit die erste Generation, die mit Internet und alltäglicher Mediatisierung aufgewachsen ist.

Entgegen dieser These stehen relevante Studien, die dies nicht bestätigen. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Politik weder online noch offline wichtig für Jugendliche ist. Sie können nichts mit Politik anfangen und engagieren sich auch nicht politisch.

Soßdorf jedoch hinterfragt die Herangehensweise der Studien und setzt dort setzt ihre eigene Forschungsarbeit an. Ihre Frage lautet: Wie und warum partizipieren Jugendliche politisch?

Status Quo: Politische Partizipation und ihre Rolle des Internets

Die Studien bezüglich der politischen Partizipation werden von Medienpädagogen, der politischen Kommunikationsforschung und dem Bereich der Medien- und Kommunikationswissenschaften betrieben. Innerhalb der Studien gibt es jedoch immer nur einen Schwerpunkt, der entweder bei der Jugend, Politik oder Internet liegt, jedoch nicht alle gleichwertig vereint. Aktuelle große Studien wie die Shell Studie 2015 und DJI-Survey AID:A sind da nicht anders. Sie sehen politisches Interesse als nur ein Interesse von vielen an, weshalb die Ergebnisse diesbezüglich sehr allgemein sind.

Aus den Studien kann man auf eine politisch desinteressierte Jugend folgern, welche das Internet lediglich für private Zwecke nutzt. Je politischer eine Freizeitaktivität ist, desto weniger Interesse zeigen die Jugendlichen, so die Schlussfolgerung. Dabei ist neben dem Alter auch die Herkunft, Bildung und die Vorbildrolle der Eltern für die Einstellung verantwortlich.

Dass Jugendliche von Grund auf politisch desinteressiert und distanziert sind, kann man mit dem Ausleben (politischer) Interessen in unabhängigen Institutionen, widerlegen. Thematiken, die für die Jugendlichen interessant sind, wie Umwelt, Menschen- und Bürgerrechte werden von ihnen nicht als Politik gedeutet, sondern sind für sie lediglich persönliches Interessen.

Soßdorf kritisiert, dass die Studien oft nur veraltete oder traditionelle Partizipationsformen beachten, obwohl das Internet in dieser Hinsicht an Bedeutung gewinnt. Krüger spricht dabei von der „Partizipation 2.0“. Darunter zählen Demonstrationen, Konsumverhalten, Internetaufrufe.

Theoretische Perspektiven

In diesem Kapitel legt Soßdorf ihre theoretischen Überlegungen dar. Dabei bezieht sie sich auf bereits bestehende Modelle, wie z.B. das Civic Voluntarism Modell (CVM). Dieses wird erläutert und bildet zudem eine Grundlage für Soßdorfs eigenes Forschungsprojekt, jedoch in weiterentwickelter Form. Das Civic Voluntarism Modell besagt, das nicht nur die Ressourcen wie Einkommen, Bildung, Status bedeutend für politische Partizipation sind. Denn auch wenn die Ressourcen alle vorhanden sind, führt dies nicht zwangsläufig zu politischem Interesse und Teilhabe. Aufgrund dessen haben sie die Fragestellung umformuliert. Diese lautet nun: „Warum partizipieren Bürger nicht?“. Das Modell beantwortet die Frage mit: 1. Da sie nicht können. 2. Da sie nicht wollen. 3. Da niemand sie gefragt hat.

Daraus ergibt sich, dass Menschen nicht partizipieren, weil sie

  1. nicht über den Status, die Zeit oder die Civic Skills, also die Ressourcen, verfügen,
  2. kein politisches Interesse (Motivation) hegen oder
  3. keinen Kontakt durch beispielsweise Vereine zu Politik haben. Das heißt: in keinem politischen Netzwerk inbegriffen sind.

Im Forschungsbereich der Mediennutzung ist der Uses-and-Gratification-Ansatz ein wichtiges Modell, welches die kognitiven, affektiven, sozialen und Identifikationsbedürfnisse beschreibt und in den Vordergrund stellt.

Definition politischer Partizipation Jugendlicher

Im vierten Kapitel folgt die Definierung der politischen Partizipation Jugendlicher. Soßdorf beschreibt, dass Jugendliche nur wenig offizielle Politikseiten oder Diskussionsforen nutzen, was jedoch nicht bedeutend mit politischer Inaktivität ist, da sich ihre politischen Handlungen meist im Social Media wiederspiegeln. In ihrer Freizeit engagieren sich Jugendliche z.T. schon politisch. So beispielsweise sind sie für gesellschaftlich relevante Themen, wie Umwelt, Bildung und Gerechtigkeit aktiv, ohne diese Aktivitäten als politischen Akt zu werten.

Resümee: Fragestellung, vorläufiges Modell und erste Annahmen

In Soßdorfs Forschung beschäftigt sie sich besonders mit der Erforschung jugendlicher politischer Partizipationsinhalte und -formen, sowie die Bedingungen und Voraussetzungen, die politische Teilhabe begünstigen. Das finale Forschungsmodell ist an die Erkenntnisse der Gruppen-Diskussionen angepasst und somit sehr realitätsnah.

Innerhalb des Kapitels geht sie zudem auf erste Annahmen ein, welche sie näher erläutert. Die grundsätzlichen Annahmen beziehen sich auf die Unterschiede in der Ausübung politischer Offline- und Online-Partizipation-Aktivitäten.

Grundsätzliche Annahmen sind u.a. die, dass Jugendliche generell offline, als auch online partizipieren und die Online-Partizipation dabei weniger wichtig als die Offline-Partizipation gewertet wird.

Forschungsdesign

In diesem Kapitel wird die Forschung Soßdorfs dargelegt. Nach den theoretischen Vorüberlegungen aus den vergangenen Kapiteln, folgt nun die methodische Durchführung, wobei Soßdorf mit der Begründung und Darlegung ihres methodischen Verfahrens beginnt.

Die erste Untersuchungsform ist eine Gruppendiskussion mit dem Jugendlichen. Hierfür ging sie an unterschiedlichen Tagen in Gesamtschulen und Gymnasien, um die etwa 90-Minütigen Diskussionen durchzuführen. Dabei sind Ergebnisse an politischen Partizipationsinhalten (z.B. Jugendzentren, Hartz vier, Migration, Kriege und Konflikte), sowie -Formen (z.B. informieren über TV, Radio, Kaufverhalten, Gespräche über Politik, Demonstrationen) herausgearbeitet worden.

Im Ergebnis lässt sich schlussfolgern, dass die Motive für politische Offline- und Online-Partizipation in der Selbstwirksamkeit, in sozialen Motiven und der Wertschätzung liegt.

Aus den Ergebnissen werden zudem Hypothesen aufgestellt, die in der weiteren Forschung betrachtet werden.

Neben den Diskussionen, gab es auch eine Classroom-Befragung in Form eines Fragebogens, in dem nach politischen Inhalten, Formen der Partizipation und spezielle auf Social Media eingegangen wurde.

Ergebnisdarstellung

In der Auswertung der Forschungsergebnisse wird spezielle auf die Partizipationsinhalte, -Formen und -Faktoren eingegangen. Das Gesamtmodell wird hier von Soßdorf vorgestellt und beinhaltet ihre Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen. Dabei betont sie, dass der stärkste Faktor wohl das politische Interesse des Jugendlichen darstellt. Auch das Alter hat einen Einfluss auf die Teilhabe, sodass Jugendliche online mehr partizipieren, je älter sie werden. Dies sind nur einige Ergebnisse des Modells.

Interpretation der Befunde

Soßdorfs Interpretationen der Befunde werden in diesem Kapitel näher ausgeführt. Ihre Forschungen bestätigen beispielsweise ihre Annahmen, dass Jugendliche online, sowie auch offline politisch aktiv sind. So bringen sich Jugendliche bei gesellschaftlichen Aktionen ein, die ihre Lebenswelt betreffen. Daraus wird erkenntlich, dass für politische Partizipation Motivation und Interesse die wichtigsten Faktoren sind.

In ihrem Gesamtmodell lässt sich feststellen, dass ein stärkerer Zusammenhang zwischen der Offline-Partizipation und den Netzwerken der Jugendlichen besteht, als zwischen der Online-Partizipation und den Netzwerken.

Fazit

Ziel der empirischen Untersuchung war es für Soßdorf, die zentralen Unterschiede zwischen der Online- und Offline-Partizipation herauszufinden. Dabei hat sich ergeben, dass die politische Teilhabe nicht eindeutig erfasst werden kann, da von unterschiedlichen Standpunkten ausgegangen wird.

Die Jugendlichen gehen vielen unterschiedlichen Offline- sowie Online-Tätigkeiten nach, woraus sich ergibt, dass vielfältige Bedingungen und Faktoren notwendig sind, um Partizipation stattfinden zu lassen.

Für die Praxis fordert Soßdorf, mehr politische Themen und Angebote in den Schulalltag zu integrieren, da die Schule als Lernort fungiert. Auch die Jugendlichen wünschen sich eine stärkere Präsenz von greifbarer Politik, z.B. in Form einer realen Person.

Zudem sieht Soßdorf die neuen online-basierten Formen der Politik-Vermittlung im Internet als positiv, da es die Jugendlichen vernetzt, aktiviert und ihnen vielfältige Formen der politischen Teilhabe anbietet.

Diskussion

Das Buch war sehr informativ, da Soßdorf das Thema der politischen Partizipation Jugendlicher sehr tiefgründig beleuchtet hat. Auch ohne jegliches Vorwissen, war ihre Forschung gut nachvollziehbar. Nach dem Buch zu urteilen, beschränken sich die Interessenten für das Buch auf Dozierende und Studierende der Politik, Kommunikations- und Medienforschung, Jugendforschung und Medienpädagogik. Dies sind auch eben die Bereiche, in denen Forschungen bezüglich der Thematik bereits durchgeführt wurden. Da ich das Buch im Rahmen meines Studiums Soziale Arbeit gelesen habe, kann ich es auch für eben diese Zielgruppe empfehlen. Da es sich um eine Forschungsarbeit handelt und sehr theoretisch ist, ist es wohl eher für die WissenschaftlerInnen der Sozialen Arbeit oder eine Abschlussarbeit des Studiums geeignet.

Fazit

In diesem Buch, wird die Forschungsarbeit Anna Soßdorfs zur Thematik der politischen Partizipation Jugendlicher dargestellt. Dabei geht Soßdorf tiefgreifender, als bestehende Studien auf die Vielfältigkeit der Thematik ein. Sie stellt unterschiedliche Modelle vor, erläutert den aktuellen Forschungsstand und schließt mit ihrer eigenen Forschung zu dem Thema ab. Im Abschluss stellt sie ihre eigenen Annahmen differenziert und verständlich in einer Auswertung dar.


Rezensentin
Larissa Urbanz
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension entstand im Rahmen eines Seminars zu "Digitalisierung und Soziale Arbeit" an der evangelischen Fachhochschule Berlin


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Zitiervorschlag
Larissa Urbanz. Rezension vom 06.03.2019 zu: Anna Soßdorf: Zwischen Like-Button und Parteibuch. Die Rolle des Internets in der politischen Partizipation Jugendlicher. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-13931-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25027.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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