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Stefan Weinmann: Die Vermessung der Psychiatrie

Cover Stefan Weinmann: Die Vermessung der Psychiatrie. Täuschung und Selbsttäuschung eines Fachgebiets. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-88414-931-7. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Der Autor knüpft mit der Titelwahl sicherlich nicht zufällig am Roman von Kehlmann „Die Vermessung der Welt“ an, einer fiktiven Doppelbiographie von C. F. Gauß und A.v. Humboldt, in dessen durchweg ironischem Duktus neben dem „Vermessen“, also dem Versuch einer systematischen, naturwissenschaftlichen quantitativen Erfassung immer auch die „Vermessenheit“, also die Untauglichkeit eines Unterfangens durchscheint, die den Akteuren aber aus der eigenen Beschränktheit nicht klar werden will. Einen analogen Vorwurf macht Weinmann der von ihm als „westliche Mainstream-Psychiatrie“ bezeichneten Disziplin.

Autor

Der Autor Stefan Weinmann wird im Buch bescheiden als „Psychiater und Psychotherapeut, derzeit als Psychiater in Berlin tätig“ angekündigt, ist aber tatsächlich Autor etlicher Fachbeiträge u.a. in den Bereichen Psychopharmakologie und Versorgungsforschung und hatte verschiedene Beratungsaufträge im In- und Ausland. Er ist Oberarzt an einer Psychiatrischen Klinik in Berlin und dort neben der Leitung einer geschützten Station verantwortlich für innovative Versorgungsprojekte, die auch mehrfach im Buch erwähnt werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach der Einleitung, die bereits inhaltlich Positionen absteckt, in 8 weitere Kapitel unterschiedlichen Umfangs.

Kapitel 1: „Denkmuster und Vor-Urteile – Einleitung“

Hier liefert der Autor eine Einordnung seines Anliegens und befaßt sich mit der „Selbstdiagnose“ als Betrachtungsansatz.

Kapitel 2: „Wir“ und „Sie“: Schemata in der Psychiatrie

Der Autor problematisiert die ICD und andere Klassifikationssysteme, anerkennt sehr wohl das beispielsweise von Schuldvorwürfen Entlastende eines medizinischen Krankheitskonzepts in der Psychiatrie, stellt aber zum einen die Validität von Klassifikationssystemen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten in Frage und kritisiert zum anderen die damit verbundene Positionierung des berufliche qualifizierten Professionellen in Antagonismus zum Kranken, der, so Weinmann, durch die Tatsache der Einordnung allenfalls als Gegenstand des Handelns betrachtet wird, nicht aber als handelndes autonomes Subjekt.

Kapitel 3: Gehirnerkrankungen: Folgen des Biologismus in der Psychiatrie

In diesem Kapitel setzt sich der Autor vor allem mit den Neurotransmittermodellen der Schizophrenie, weniger auch der affektiven Erkrankungen, auseinander und bezeichnet sie als Produkt eines Zirkelschlusses: weil Medikamente, die in Labor- und Tierversuch bestimmte Transmittersysteme beeinflussten, auf psychische Erkrankungen wirkten, missverstehe man dies als nachhaltiges Verständnis zu deren Ursachen; tatsächlich seien alle psychischen Erkrankungen vor allem solche, die aus Belastung durch und Auseinandersetzung mit der Lebensrealität eines Menschen resultierten.

Er stellt dar, dass weder statische (z.B. Volumenmessung bestimmter Gehirnareale) noch dynamische Bildgebung (z.B. funktionelle Kernspintomographie) bisher einen wirklich klinisch relevanten Beitrag zum Verständnis schwerer psychischer Erkrankungen geleistet haben. Abgesehen von bestimmten lokalen Gehirnschädigungen ist das zutreffend; ob die großen Hoffnungen, die man seit langem in diese Forschungsansätze setzt, jemals realisiert werden, ist tatsächlich fraglich. Weinmann stellt anhand der internen Mechanismen des Wissenschafts- und Forschungsbetriebs dar, warum diese Felder dennoch weiterhin so lebhaftes Interesse finden.

Kapitel 4: Täuschung und Selbsttäuschung bei der medikamentösen Behandlung

Hier befasst sich Weinmann in erhellender Weise und an vielen praktischen Beispielen mit den Mechanismen der Selektion von Publikationen; auch andernorts ist ja ein „Publikationsbias“ bekannt, der vor allem Untersuchungen, Studien mit „positiven“ Ergebnissen, also scheinbar „nachgewiesenen“ Effekten begünstigt, während Studien ohne Effektnachweis deutlich geringere Chancen der Veröffentlichung haben. Auf diese Weise werden etwa Medikamenteneffekte tendenziell überschätzt.

Er untersucht zudem etliche problematische Tendenzen rund um die Psychopharmako-therapie; dieses Kapitel ist zwar durchaus „unausgewogen“, aber damit als perspektiverweiternder Denkanstoß ein Gewinn gegenüber etwa der verbreiteten Nutzung ausschließlich des „Benkert-Hippius“ als de-facto-Standardwerk der Psychopharmakotherapie für Studium, Facharztweiterbildung und Klinikgebrauch.

Verdienstvoll ist zudem der Verweis auf die Irrtümer und Fehler des Fachgebiets, etwa beim im Rückblick fatalen Einsatz von Benzodiazepinen für Angsterkrankungen. Weinmanns Kritik an der Verordnung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern bei Depressionen, die er für einen großen Teil der Suizidalität verantwortlich macht, ist allerdings nicht in jedem Aspekt aktuell.

Weinmann geißelt zudem plastisch den Einsatz von „Mietmäulern“ – es ist gut, dass dieser vor allem unter der Hand gebrauchte Begriff endlich einmal Eingang in die Fachliteratur findet. „Mietmäuler“ sind hochdekorierte Psychiater und andere Mediziner, die vor allem nach dem Überschreiten des Zenits ihrer Laufbahn als gut bezahlte Sprachrohre für Pharmaunternehmen fungieren, um als Sprecher auf Symposien ein vermeintlich besonders innovatives, besser wirksames, nebenwirkungsärmeres (…) Medikament in den Verordnungsmarkt zu drücken – ganz unabhängig davon, dass unter anderem wegen des oben erwähnten „publication bias“ nur bei einem kleiner Teil der neuen Medikamente die damit anfänglich verbundenen hochtrabenden Hoffnungen und propagierten Durchbrüche tatsächlich in der Praxis realisiert werden konnten.

Kapitel 5: Ist Psychiatrie eine Wissenschaft?

Das Kapitel streift verschiedene Aspekte von der Fehlannahme, ein medizinisches Fachgebiet sei nur eines, wenn es ausreichend „Biomarker“ verwendet (Zitat Nasrallah am Kapiteleingang), bis zu wahrnehmungspsychologischen Verzerrungsmechanismen, Gruppendynamiken und professionellen Selbsttäuschungen.

Manche Ausführungen, etwa das Plädoyer für eine intensive Einbeziehung der Biographie das Patienten in das Verständnis von Dynamik und Inhalt eines vermeintlichen oder „echten“ Wahns, sind lesenswert. Nicht ganz klar wird allerdings die Einbindung in das Kapitel: genau dieses Verständnis ist ja Voraussetzung für fachlich „solide“ Psychiatrie. Dass dabei oft Fehler gemacht werden, spricht für eine bessere Ausbildung, aber nicht gegen die „Wissenschaftlichkeit“ der Konstrukte.

Dass die Psychiatrie die gesellschaftlich zugeschriebene Rolle hat, etwa den „freien Willen“ in forensischen Kontexten festzustellen, ist gewiss anspruchsvoll. Am ehesten lassen sich Missbrauchsmöglichkeiten durch Einbindung in ein rechtsstaatliches System und multidisziplinäre Perspektiven (und in Deutschland etwa die Letztentscheidung nicht durch Psychiater, sondern durch Juristen, also Vertreter eines normativen, nicht eines empirischen Faches) minimieren. Dass Psychiatrie alleine das Problem nicht löst, sollte sie nicht vergessen, hier ist Weinmann zuzustimmen. Sonst würde man bei ihr zu Recht einen professionellen Größenwahn diagnostizieren. Bei der Lektüre des Kapitels könnte man den Eindruck gewinnen, sie leide daran; tatsächlich hat sie aber eben nicht den „Primat“ bei Unterbringung, betreuungsrechtlichen Maßnahmen etc.; und ihre Rolle ist in diesen Kontexten gerade nicht die von Weinmann beklagte „medizinisch-reduktionistische“, sondern eine vor allem umfassend humanwissenschaftliche. Das zeigt schon der Blick in die gemeinsamen Passagen aller Unterbringungsgesetze in Deutschland. Der Psychiater muss Aussagen zu folgenden Fragen treffen: Ist Person X krankheitsbedingt (nur hier ist tatsächlich die medizinische Expertise erforderlich, aber bei weitem nicht ausreichend: der Gutachter muss auch abwägen, ob möglicherweise eine Konfliktkonstellation, eine kulturelle Prägung, eine individuelle nicht-krankhafte Reaktionsweise vorliegen könnten) akut (hier muss die derzeitige Lebenswelt betrachtet werden) eigen- oder fremdgefährdend (das ist eine oft kriminalistische Frage: welche Mittel zum Suizidversuch stehen zur Verfügung, wie gefährlich sind sie, welche Übergriffe gegenüber wem sind zu befürchten?) und stehen Maßnahmen, die eine Klinikunterbringung in der Krise vermeidbar machen, zur Verfügung (hier haben wir eine z.B. sozialarbeiterisch zu beantwortende Frage: gibt es sichere Orte, hilfreiche Angehörige, Vertrauenspersonen?)? Zu erwähnen ist hier noch einmal, dass selbst bei ärztlichem Votum pro oder contra Klinik entweder ausgebildete Verwaltungsbeamte (vorläufig) oder Richter (endgültig) die Entscheidung zu treffen haben und dies nicht selten anders tun, als die psychiatrischen Gutachter dies anregen.

Weinmann schließt mit Darlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen von sog. RCT, also randomisierten kontrollierten Studien als Methode der Erkenntnisgewinnung z.B. in Psychologie und Medizin, ab. Richtig und wichtig ist der Verweis darauf, dass oftmals klinische Studien nicht 1:1 in die Versorgungswirklichkeit zu übersetzen sind. Andererseits fehlt es an grundsätzlich besseren Methoden zur Messung von Therapieeffekten; daher ist die Kritik zutreffend, aber nicht perspektivisch weiterführend.

Letztlich ist das Kapitel nicht ganz überzeugend; die Aussage ist wohl eher, dass eine Psychiatrie, die sich ausschließlich auf naturwissenschaftliche Phänomene wie Biomarker stützen wollte, keinen wissenschaftlichen Anspruch hätte. Das stimmt, aber wird auch von kaum jemandem, nicht einmal den Marketingabteilungen der Pharma- und Medizingeräteindustrie, behauptet.

Kapitel 6: Psychiatrie und Chronifizierung schwerer psychischer Störungen

Weinmann erkennt grundsätzlich den Gedanken der gemeindenahen Psychiatrie als alternativlos an. Seine These in Anlehnung an Rose, die Enthospitalisierung sei allerdings nicht etwa einem z.B. fürsorglichen, autonomiefreundlichen oder menschenrechtlichen Motiv zu verdanken, sondern vor allem Nebenprodukt des narzisstischen Bedürfnisses der Psychiater als Profession bedingt gewesen, „Zugang zur Macht, zu den Karrieren und dem Status anderen medizinischer Fachgebiete zu erlangen“, bleibt hoch spekulativ und ist etwa in der Vorgeschichte der Psychiatrie-Enquete in der Bundesrepublik und paralleler Entwicklungen in anderen europäischen Ländern nicht zu belegen. Die maßgeblichen Akteure waren nur zum kleineren Teil Psychiater, was eigentlich zu bedauern ist.

Unabhängig von Weinmanns These, die Enthospitalisierung sei eher ein zufälligerweise gelungenes Nebenprodukt des standespolitischen Ego-Trips einer schlagkräftigen Psychiatervereinigung gewesen, wirft er allerdings, und hier ist seinen Ausführungen wieder leichter zu folgen, die Frage auf, ob das derzeitige (sozial-)psychiatrische Handeln (die Parallele zur Landschaft der Werkstätten und Wohnheimen für z.B. geistig behinderte Menschen wird vom Autor nicht genannt, aber drängt sich auf) nicht eher eine kustodiale Versorgung in einer Parallelwelt statt der Einbindung in die allgemeine Gesellschaft leistet. Er problematisiert die „Erziehung zum Kranken“, die Risikoscheu der Institutionen, die überhöhte, ihrerseits den Teufel (Rückfall in die akute Psychose) mit dem Beelzebub (Neuroleptikaeffekte, unerwünschte Arzneimittelwirkungen, Unterdrückung des „natürlichen Normalisierungsdrangs“) austreibende Dauermedikationen mehr oder weniger subtil erzwingt. Außerdem verweist er auf das wirtschaftliche Eigeninteresse von Einrichtungen, für die eine tatsächliche Klientenverselbstständigung ja einen Belegungsverlust und damit ein Risiko bedeutet, sodass die dort Tätigen unter teils autosuggestiv geglaubtem Verweis auf das individuell Beste, das eigene segensreiche Bemühen und larmoyanter Klage über die böse, stigmatisierende, bedrohliche Gesellschaft „draussen“ tatsächlich nicht selten zum Hindernis für gelungene Biographien werden.

Er verweist hier zu Recht z.B. auf die Publikationen von Reker und kritisiert die „Einbahnstraße“ in die Werkstätten, Zuverdienst- und Selbsthilfefirmen und plädiert für „Supported employment“, also die Beschäftigung (auch) von psychisch kranken Menschen im ersten Arbeitsmarkt, wobei etwa eine Unterstützung durch Jobcoaches ein entscheidender Gelingensfaktor bei Beschäftigungseinstieg und Erhaltung des Arbeitsplatzes sein kann.

„Bisher haben wir es nicht geschafft, psychiatrische Institutionen mit ihren teils erheblichen Eigendynamiken und ihren negativen sozialpsychologischen Auswirkungen auf die Behandelten aufzulösen“: hier formuliert Weinmann eine bittere Wahrheit.

In diesem Zusammenhang verweist er auf die in Deutschland noch sehr zarten Pflänzchen von „Home Treatment“, stationsäquivalenter Behandlung usw; einen Bereich, in dem er selbst auch verantwortlich und innovativ tätig ist und der durchaus noch eine umfangreichere Betrachtung verdienst hätte.

Kapitel 7: Psychosoziale Determinanten psychischer Erkrankungen

Weinmann plädiert für eine verstärkte Einbeziehung psychosozialer Perspektiven in das Verständnis der Entstehung und des Verlaufs psychischer Erkrankungen. Sein Fokus liegt auf sozialer Ungleichheit als Stressor; hier verweist er auf materielle Ungleichheit in westlichen demokratisch verfassten Industrieländern, die sich etwa im Gini-Koeffizienten als statistischem Maß ausdrückt. Dieser Fokus ist sehr eng; immerhin lebt nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung in Demokratien und es besteht wenig Grund zu der Annahme, dass es psychisch kranken Menschen in nicht demokratisch verfassten Ländern besser gehen sollte; auch die soziale Ungleichheit zwischen der Allgemeinbevölkerung und dem Lebensstil der herrschenden Gruppe, Clique, Ethnie, Parteiführung (…) ist dort wesentlich größer als im von Weinmann ausschließlich in den Blick genommenen „Westen“. Die Argumentation steht somit in einem nicht erklärten und schon gar nicht aufgelösten Spannungsverhältnis zu Weinmanns Plädoyer für die nicht-westliche Lebensart im Kapitel 8.

Unabhängig von dieser verengten Perspektive führt er etliche gut begründete Studien an, die z.B. Migration, Entbehrungen in der Kindheit, Drogenkonsum, Verlust vertrauter sozialer Strukturen usw. als Kofaktor identifizieren. All das ist wahr, beachtens- und wissenswert; ob allerdings der Popanz der biologistisch-reduktionistischen Psychiatrie, die all das ignoriert und flächendeckend an einem simplen, die Lebenswelt des Erkrankten ausblendenden Genetik-Transmitter-Modell festhält, zutrifft, darüber sollten sich die Leser selbst ein Bild machen. Das Diathese-Stress-Modell, das ja das Zusammentreffen äußerer Belastungen mit einer individuellen Vulnerabilität in das Zentrum des Verständnis der Krankheitsentstehung stellt, ist jedenfalls nach der Kenntnis des Rezensenten seit Jahrzehnten „Mainstream“ in Medizinstudium sowie psychiatrischer und psychotherapeutischer Weiterbildung.

Interessanter wäre die Frage, wie sehr psychiatrisch Tätige dieses Wissen tatsächlich in die Arbeit einbeziehen, sich ausreichend für die tatsächlichen Lebens-, Arbeits-, Familien- und Wohnverhältnisse der Patienten interessieren. Hier ist sicher gerade unter der „Käseglocke“ einer Klinik ein verkürzter Blick eher die Regel als die Ausnahme, und hier sind die vom Autor propagierten Modelle der Behandlung und Betreuung in der Lebenswelt unbedingt zu unterstützen.

Kapitel 8: Global Mental Health: die Beglückung der Welt mit westlicher Psychiatrie

Dieses Kapitel ist aus Sicht des Rezensenten das schwächste des Buches. Weinmann entwirft ein Szenario, nach dem ein aus seiner Sicht schon im eigenen kulturellen Kontext (dem des „Westens“, also der säkularen, individualistischen, egalitären, demokratischen und wohlhabenden Staaten) wenig geeignetes psychiatrisches Konzept mit unterschiedlichen Motivlagen (von wohlmeinenden Impulsen analog der Herstellung einer körperlich-gesundheitlichen Basisversorgung als UN-Entwicklungsziel bis hin zu fragwürdigen Bemühungen um Schaffung eines größeren Absatzmarktes für Psychopharmaka) der „nicht-westlichen“ Welt aufoktroyiert wird, in der es noch ungeeigneter und schädlicher sein soll. Dem stellt Weinmann er mit der emotional-idealisierenden Schilderung einiger Rituale zur Integration abweichenden (aber sicher nicht psychoseäquivalenten) Verhaltens in „naturnäheren“ Kulturen ein „nicht-westliches“ Gegenideal gegenüber, dem er eine höhere Akzeptanz auch von Verhalten, das nach gängigem Verständnis durch psychische Erkrankungen bedingt ist, unterstellt. Dabei schrammt er haarscharf am Karl May’schen Klischee des „Edlen Wilden“ entlang.

Hier verkennt Weinmann, dass tatsächlich die liberalen Demokratien mit ihrem universellen Menschenrechtsbegriff und mit unterschiedlich differenzierten Systemen zum Schutz der Rechte von Minderheiten, Unterprivilegierten, Benachteiligten die einzigen Gesellschaftsformen in der dokumentierten Menschheitsgeschichte sind, die dem Grunde nach geeignet sind, für Menschen mit psychisch bedingten abweichenden Verhalten auch nur ansatzweise würdige Lebensverhältnisse zu schaffen. Dies gilt einerseits wegen des egalitär-demokratischen Ansatzes, der ja Grundlage der UN-Menschen- und Behinder-tenrechtskonventionen ist, andererseits aber auch wegen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit liberal-demokratischer Staaten, die die Basis für einen materiell starken, auch die z.B. krankheitsbedingt individuell nicht leistungsfähigen Menschen auffangenden Sozialstaat bietet. Diktaturen aller Schattierungen haben immer schon die Psychiatrie bzw. Psychiatrisierung abweichenden Verhaltens als Machtinstrument der jeweilig herrschenden „Klasse“/„Rasse“/Partei/Ethnie/Glaubensrichtung genutzt. Nicht umsonst war einer der ersten Akte des deutschen Nationalsozialismus das „Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“, das ganz folgerichtig über die „Aktion T 4“ in systematischen Mord überging. Der Blick nach China und in andere kommunistische Einparteiensysteme, in die Klepto- und Oligarchien und Stammesdiktaturen, in die religiös-autoritären Systeme der Welt zeigt auch heute, dass bei aller berechtigten Kritik am „Westen“ eine globale Perspektive weiter reichen muss, als die wohlfeile, aber intellektuell wenig anspruchsvolle Denkfigur „bei uns ist es nicht immer gut, also wird es anderswo viel besser sein“ nahelegt.

Kapitel 9: Gegen die Selbsttäuschungen des Fachgebiets

Das Kapitel stellt eine Reprise der Leitmotive der vorangegangenen Ausführungen dar: eine „postmoderne Psychiatrie“ solle sich vom „Innovationsnarrativ“ der „biomedizinisch orientierten Psychiatrie“ verabschieden. Relevante Aspekte des Menschseins seien „mit naturwissenschaftlich geprägten“ Messungen nicht zu erfassen, die „Evidenz“-Konzepte griffen zu kurz und seien wesentlich durch Selbsttäuschungen mitbedingt. Der Autor nennt als psychiatrische Rollendilemmata

  • den Bedarf nach Standards, die ihrerseits Individualisierung und Patientenorientierung gefährdeten
  • die Doppelfunktion von Behandlung und (gesellschaftlicher) Kontrolle

und kritisiert erneut die Forschung zu und Anwendungspraxis bezüglich Psychopharmaka, äußert die Sorge, dass man mit diesen mehr Schaden als Nutzen stiftet.

Formale Aspekte

Das Buch trägt unverkennbar den Charakter einer akademischen Streitschrift, die fachlich voraussetzungsreich und intellektuell anspruchsvoll verfasst ist. Das Literaturverzeichnis umfasst eine weite Spanne von „Klassikern“ bis hin zu spezieller neurobiologischer Grundlagenforschung.

Erfreulich ist, dass der Psychiatrie Verlag hier anders als in einigen anderen Werken ein kompetentes Lektorat sichergestellt oder aber der Autor schon perfekte Vorarbeit geleistet hat. Daher ist das sprachliche Niveau gut und das Buch praktisch fehlerfrei. Deshalb bleibt zum Formalen nur eine kleine Anmerkung: Der Orientierung im Werk und der Übersichtlichkeit des Buches hätte es gedient, wenn die Kapitel nummeriert worden wären.

Diskussion

Das Buch ist auf der einen Seite unbedingt lesenswert, da es die Vorläufigkeit neurobiologischer Modelle zu psychischen Erkrankungen offenlegt und weitgehend akzeptierte Gewissheiten etwa zum langfristigen Nutzen neuroleptischer Therapie hinterfragt.

Hier ist Weinmanns Hypothese, mancher Rückfall könne tatsächlich eher einem Neuroleptika-Rebound-/Absetzeffekt als einem „natürlichen“ Krankheitsverlauf zuzuschreiben sein, bedenkenswert: ebenso (und schon allein wegen des bekannten neuroneogenese-hindernden Effekts wegen) ist sein Plädoyer zur möglichst niedrigen Dosierung und möglichst rascher, schrittweiser (und fachlich begleiteter!) Senkung einer neuroleptischen Medikation sehr bedenkenswert.

Aufschlussreich sind auch die Passagen über das „disease mongering“, die Fabrikation von Krankheitskonstrukten mit dem Ziel, Adressaten für Hilfsangebote zu gewinnen. Dies ist allerdings beileibe kein Monopol der Psychiatrie; wegen des immer noch sozial stigmatisierenden Effekts psychischer Erkrankungen wäre das auch kein „marktgerechter“ Zugang. Eine Ausweitung des Fokus etwa auf die Lifestyle-Medizin („Antiaging“, inflationäre Diagnose „erektile Dysfunktion“, medikamentöse Behandlung der Alopezie) oder fragliche orthopädische Interventionen wäre zumindest der Ausgewogenheit der Kritik halber angemessen gewesen. So könnte der nicht mit allen Details vertraute Leser vermuten, dass in der nicht-psychiatrischen Medizin jedes Konstrukt valide sei – das ist mitnichten der Fall. Ein kritischer Blick jenseits der Anklage an Psychiatrie und Pharmaindustrie wäre auch ansonsten geboten gewesen: beim Thema „ADHS“ scheint etwa die pauschale Einschulung ganzer kalendarischer Altersjahrgänge einen wesentlichen Grund für die inflationäre Vergabe von Fehldiagnosen an Kinder darzustellen, die schlicht mangels kognitiver und allgemeiner Entwicklungsreife noch nicht erfolgreich in das System Schule zu integrieren sind und dann durchaus individuell sinnvoll mit Unaufmerksamkeit reagieren: so jedenfalls legen es die „Diagnose“raten in vielen Ländern nahe, die sich mit steigendem biologischen Alter von Kindern einer Einschulungskohorte um bis zur Hälfte vermindern.

Sehr lesenswert ist der kritische Blick auf gemeindenahe Versorgungsstrukturen, die bei allem Verdienst der Auflösung der Großkrankenhäuser eben vor allem geographisch „gemeindenah“ sind, tatsächlich aber eher ein geschütztes, zumindest teilweise durch wohlmeinenden Paternalismus und Anbieter- und Institutionsinteressen determiniertes Paralleluniversum darstellen und oftmals eine faktische Teilhabe psychisch kranker Menschen am „normalen“ Leben behindern, zumindest nicht fördern.

Auf der anderen Seite bleibt das Buch in manchen Passagen ebenso tendenziös, wie der Autor es den Verantwortlichen von fragwürdigen Medikamentenstudien vorwirft, indem etwa Psychotherapie weitestgehend auf analytische Theoriebildungen reduziert wird. Das verwundert, da der Autor selbst lt. eigenem Personenprofil auf der Klinikhomepage eine verhaltenstherapeutische Qualifikation hat. Die Gründe dafür bleiben verborgen.

Neuroleptikatherapie mit „Schrotflintenschüssen in das Gehirn“ gleichzusetzen, ist dem Wortsinne nach in der Analogie zutreffend: man kann eben derzeit nicht ein Hirnareal, gar ein Funktionssystem gezielt ansprechen. Andererseits gilt dies für fast alle Medikamente, und auch die Antibiotikagabe bei einer Sepsis verteilt sich über den ganzen Körper und steuert nicht gezielt die Bakterien an; eine derartige Formulierung ist sicher elegant, aber auch polemisch und setzt des rhetorischen Effekts wegen auf das Mobilisieren von Ängsten. Genau diese Angstrhetorik (im Sinne einer zu pauschalen Warnung vor Rückfallgefahren) aber wirft der Autor zu recht den Befürwortern einer rückfallpräventiv gedachten, aber nicht durchdachten pauschalisierten Langzeit-Psychopharmakotherapie vor.

Eher einen „Pappkameraden“ bekämpft der Autor, wenn er in Deutschland tätigen niedergelassenen Psychiater implizit Verdienstinteressen durch Medikamentenverordnung unterstellt: tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, eine aufwändige Medikation kann im Wege des Regresses durch die kassenärztlichen Vereinigungen sogar zu existenzbedrohenden Strafzahlungen führen, weswegen gerade in ländlichen Regionen Psychiater ihre Kassensitze aufgeben und zu (gerade keine Medikamente verordnenden!) ärztlichen Psychotherapeuten mit durch Richtlinienpsychotherapie-Vergütung risikofrei gesichertem Einkommen „umflaggen“.

Fazit

Insgesamt braucht es also ein solides Vorwissen sowohl zu Psychiatrie wie zum hiesigen Gesundheitssystem, um das Buch ohne Risiko der rhetorischen Überwältigung durch den Autor zu lesen. Dann aber erweitert es die Perspektive ungemein. Man muss und sollte nicht jeder Analyse und Positionierung des Autors folgen. Die Positionen zur Psychopharmakotherapie sind sicherlich verkürzt und selektiv, teils polemisch, die gesellschaftspolitische Kritik ausgerechnet an liberalen, marktwirtschaftlichen Demokratien, die ja als einziges Gesellschaftssystem überhaupt annähernd flächendeckende niedrigschwellige Angebote für schwer psychisch kranke Menschen im sozialen Sicherungssystem vorhalten, ist wohlfeil und im globalen Maßstab grob verfehlt. Alleine aber die Infragestellung von lieb gewonnenen und ritualisierten Standards, die „Verstörung“ des Systems ist ein Wert an sich. Vor allem aber überzeugt das humanistische Plädoyer des Autors, ebenso das beherzte Eintreten für die radikale, an die Grenze des irgendwie Möglichen gehende Akzeptanz des Irritierenden, Verstörenden, Andersartigen, das ja immer auch und zuerst eine Spielart des Menschlichen ist, während jede Kategorisierung in „uns“ und „die anderen“, die „Normalen“ und die „Irren“ ja die Tendenz des Abwertenden, Abwehrenden, Rechte in Frage Stellenden beinhaltet.

So gesehen, sollten die Ärztekammern das Buch von Stefan Weinmann, dann aber gerne zusammen mit einem Standardwerk der Psychopharmakotherapie und einem sozialpsychiatrischen Grundlagenwerk, allen Absolventen der Facharztprüfung als „Morgengabe“ für die eigenverantwortliche berufliche Tätigkeit mitgeben – das wäre eine sinnvolle Verwendung der Kammerbeiträge. Als studentische Lektüre, Angehörigen- und Selbsthilfeliteratur dagegen bedarf das Buch einer fachlichen Kommentierung und kontroversen Diskussion.


Rezensent
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
M.A., M.A.E.
Fachhochschule Münster, FB Sozialwesen Gesundheitswissenschaft/Sozialmedizin Beauftragter für den Masterstudiengang "Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework)"
Mitglied der „Drafting Group for the elaboration of the Additional Protocol on the protection of human rights and dignity of persons with mental disorders with regard to involuntary placement and treatment“ des Europarats zur Ovideo-Konvention (Clinical Casework)"
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Zitiervorschlag
Hanns Rüdiger Röttgers. Rezension vom 28.05.2019 zu: Stefan Weinmann: Die Vermessung der Psychiatrie. Täuschung und Selbsttäuschung eines Fachgebiets. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2019. ISBN 978-3-88414-931-7.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25031.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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