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Christine Kanz, Ulrike Stamm: Anerkennung und Diversität

Cover Christine Kanz, Ulrike Stamm: Anerkennung und Diversität. Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. 268 Seiten. ISBN 978-3-8260-6605-4. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
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Thema

Kein Mensch ist bloß Mittel, sondern grundlegend Selbst und Eigen. Der anthrôpos, das mit Vernunft begabte menschliche Lebewesen, ist fähig und in der Lage, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Diese bereits aus der anthropologischen, aristotelischen Philosophie herleitbare Kompetenz wird verbunden mit der Erkenntnis Hegels, wenn dieser in der „Phänomenologie des Geistes“ (1807) erklärt, dass sich das Selbstbewusstsein eines Individuums nur dann selbst gewiss werden kann durch die Anerkennung eines anderen Selbstbewusstseins, von dem es selbst anerkannt wird (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, Alfred Kröner-Verlag, Stuttgart 2009, S. 33f). Im sozialphilosophischen Diskurs nimmt insbesondere Axel Honneth die Rekonstruktion der Moralität auf, indem er die interpersonellen und interkulturellen Beziehungen der Menschen in den Vordergrund stellt und darauf verweist, dass Entgleisungen und Verweigerungen der Anerkennung, z.B. in den kontroversen Auseinandersetzungen, wie etwa zur globalen Flüchtlingssituation oder den populistischen Identitäts-Interpretationen, nur kakophonistische Ergebnisse bringen können. Es geht im volkstümlichen Ausdruck dabei um nicht mehr und nicht weniger als Anerkennung auf Augenhöhe. Diese eigentlich selbstverständliche und logische Einstellung freilich hat ihre Tücken und Fallstricke.

Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen

In der Anerkennungsforschung werden insbesondere Fragen der „Anerkennung von Differenz“ thematisiert. Sie sind eingebunden und verbunden mit den individuellen, lokal- und globalgesellschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Aspekten, wie: Diversität – Geschlecht – Weltanschauung – Behinderung – Alter – sexuelle Orientierung. Die ethischen Zugangsweisen vermitteln sich durch rationales und emotionales Bewusstsein und Wertvorstellungen wie etwa: Verantwortung, Vertrauen, Zuversicht, Selbstbewusstsein, Menschenliebe.

Die Literaturwissenschaftlerinnen Christine Kanz von der pädagogischen Hochschule in Linz / Österreich und Gastprofessorin der Universität Gent/Belgien, und Ulrike Stamm, ebenfalls aus Linz und Privatdozentin für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität in Berlin, geben den Sammelband heraus. Ziel ist, differenzierte Aspekte der Anerkennung ästhetisch, literarisch und theatralisch darzustellen und die verschiedenen Anerkennungsaspekte auf Interkulturalität, Gender und andere Diversitätskategorien in Einzelbeispielen zu befragen. Die in der Publikation aufgeführten Beiträge sind überwiegend bei einem wissenschaftlichen Workshop 2015 an der Universität Konstanz und bei der Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft 2016 vorgetragen und diskutiert worden.

Aufbau und Inhalt

Im aktuellen Diskurs zu anerkennungstheoretischen und -praktischen Konzepten werden einerseits die Problematik der Verkennung, zum anderen deren Fragilität, und schließlich die interdisziplinären Zusammenhänge zur Affekt-, Genderforschung und anderen, im literarischen Kontext aufgenommenen Bereichen thematisiert. Die einzelnen Beiträge spannen damit einen Bogen von literarischen, mittelalterlichen, bis zu Texten des 21. Jahrhunderts. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Martin Baisch von der Universität Hamburg und dort zuständig für Ältere Deutsche Sprache und Literatur, findet mit seinem Beitrag „Ehre – gender – Anerkennung: Die Tugendproben im höfischen Roman“ heraus, dass in mittelhochdeutschen, literarischen Texten Anerkennung als Aberkennung steht, was für die Mächtigen als Legitimation und Durchsetzung ihrer Macht diente, für die Untergebenen aber abhängige Ehrgewährung oder -entzug bedeutete. Es sind die institutionalisierten Spottreden beim Artushof, die Scham, Unterwürfigkeit und Anpassung im hierarchischen, autoritären Selbstverständnis fordern, gleichzeitig aber auch ein gefordertes Identitätsbewusstsein ermöglichte. Die „Anrufung (zeigt sich) als eine negativer Anerkennungstheorie, als Performanzen der Beschämung“,

Antje Gimmler lehrt an der Universität Aalborg/Dänemark angewandte Philosophie. Mit ihrem Beitrag „Reflexionen über die sozialen Bedingungen geglückten Lebens“ setzt sie sich mit Axel Honneths Sozialphilosophie der Anerkennung und K. P. Moritz' Anerkennungsroman „Anton Reiser“ auseinander. Es sind die von Charles Taylor und Axel Honneth herausgearbeiteten Erkenntnisse, dass Anerkennung „das grundlegende Fundament einer gerechten sozialen Praxis und gerechter intersubjektiver Beziehungen“ ist, die zu kritischen Fragen auffordern und Ergänzungen und Erweiterungen notwendig machen; etwa die von Senneth mit der Haltung „Respekt“ aufgewiesene Einstellung (Richard Sennet, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1692.php) und die von Martha Nussbaum entwickelte Fähigkeit zur Identifikation mit anderen (Martha Craven Nussbaum, Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php).

Der Germanist von der University of Virginia / USA, Jeffrey A. Grossman, setzt sich mit dem Beitrag „Vom Schtetl zum Ghetto. Oder wie man einst in Deutschland die jiddische Kultur (v)erkannte“ mit dem Problem der Erkenntnis, der Anerkennung und des Verkennens der modernen jiddischen Literatur und Kultur in den Schrift- und Tonmedien des deutschen Sprachraums auseinander. Es sind die festgefügten, völkisch dominierten und ideologisch verfassten Sprach- und Denkregelungen, die den Ausschluss der jiddischen Literatur aus dem wissenschaftlichen und literarischen Kanon bewirkten.

Der an der Universität in Vechta tätige Kultur- und Literaturwissenschaftler Jonas Nesselhauf thematisiert mit dem Beitrag „Kriegsheimkehr und Anerkennung in Leonhard Franks Erzählung Karl und Anna“ (1926). Die Heimkehr eines Soldaten aus dem Krieg ist oft verbunden mit vielfältigen Konfliktsituationen, und zwar von individuellen, psychologischen, familiären und gesellschaftlichen. In der Spannweite – Vergessen, Erinnern, Erkennen, Anerkennen und Verkennen – vollziehen sich die sich auftürmenden Möglichkeiten von Anpassung und Widerstand, von Einigung bis zum Verlassen.

Ulrike Stamm analysiert die Begriffe und Wertvorstellungen von „Geschlecht, Geld und Anerkennung“ in Irmgard Keuns Roman Das kunstseidene Mädchen. Diese 1932 erschienene Erzählung fand als Exempel für Anerkennung im literarischen Diskurs immer wieder Aufmerksamkeit, bis hin zur Verfilmung (1959) und als Hörbuch (2007). Es geht um gesellschaftliche Wertschätzung, um Erfahrung, Erfolg, Unterwerfung und Versagen. Es ist gewissermaßen der Schrei nach Anerkennung, der mit materiellen Mitteln erkauft wird. Dabei bleiben die ideellen Dinge, Hoffnungen und Wünsche auf der Strecke.

Der Literaturwissenschaftler Martin A. Hainz von der Pädagogischen Hochschule Burgenland/Österreich betrachtet mit dem Beitrag „Uneinsichtig“ die Methapher und die Einstellung, die bei Anerkennungs-, Abwehr- und Ausschließungssituationen existentiell wirksam werden kann, etwa als „flüchtige Anerkennung bei Rose Ausländer“ und den dabei herangezogenen Argumentationen bei Paul Ricur, Jacques Derrida und Werner Hamacher. Die sich auf die Migrationserfahrungen von Rose Ausländers Biographie beziehenden Uneinsichtigkeiten bei der Visa-Erteilung werden in ihren Gedichten zu Schimären, Unsicherheiten und Unverständlichkeiten, die sich in der Gedichtstrophe ausdrücken: Auch ich verlor / meinen Namen / unter Namenlosen / Auch ich / fragte das Nichts / nach dem Sein.

Christine Kanz fragt: „Auf Augenhöhe?“, indem sie „Literatur als Inkubator neuen Wissens über Anerkennung und Verkennung“ stilisiert und dies im Diskurs mit dem Debütroman von Yadé Kara, Salon Berlin (2003), von Doron Rabinovicis Roman „Ohnehin“ (2004), von Yoko Tawadas Erzählung „Das Fremde aus der Dose“ (1992), und Thomas Hettches Geschichte „Fraueninsel“ (2014) herausarbeitet. Es sind gewissermaßen Stationen oder Stufe im Anerkennungsdiskurs, die mit den Wertpositionen „Egalität“, „Diversität“ und „Humanitäten“ Kategorien bereithalten und kulturelle Wertschätzung abbilden.

Die Literaturwissenschaftlerin von der Universität Stuttgart, Annette Bühler-Dietrich, nimmt sich Terezia Moras Roman „Das Ungeheuer“ (2013) vor, um nach der Bedeutung von „Affekt und Anerkennung“ zu fragen. Es sind Überschreitungen, Zumutungen, Empathie und Trauer, die beim Lesenden eine ethische Grundhaltung herausfordert, die affektive und anerkennende Gefühlsmomente erzeugt.

Romana Weiershausen von der Universität des Saarlandes thematisiert mit dem Zitat aus Elfriede Jelineks Theatertext „Die Schutzbefohlenen“ (2013/15) – „Verstehen werden Sie nicht, und unser Reden wird ins Leere fallen“ – die dramatische Anerkennungsthematik über Fluchtsituationen. Die Situation, dass sich An- und Aberkennungsfragen und -reaktionen im Umfeld von Flucht verschärfen. „Jelineks Werk setzt … nicht auf stimmiges Drama… Sie setzt vielmehr auf die Kontaminierung von Text- und Bühnenkunst im Zeitbezug und auf ihre Fortsetzbarkeit, womit potentiell ein Dialog eröffnet wird“.

Der Kulturwissenschaftler Moritz Schramm von der Süddänischen Universität Odense titelt seinen Beitrag „Sehnsucht nach sozialer Freiheit“, indem er sich mit erkenntnistheoretischer Perspektive auseinandersetzt mit „Zwangsehen und ‚Ehrenmorde‘ in Filmen von Faith Akin, Feo Aladag und Tony Gatlif“. Unter Berücksichtigung der Bewertung, dass „sich soziale Kontrolle als das Ergebnis externer Rollenerwartung deuten“ lässt, werden in den filmischen Darstellungen zu Fragen von Unabhängigkeits-, Abhängigkeits- und Freiheitsnormen durchaus kontroverse und alternative Lösungsperspektiven ins Bild gebracht. Damit wird ein Perspektivenwechsel in den gesellschaftlichen und narrativen Zuschreibungen vollzogen und damit gewissermaßen ent-migrantisiert und ent-feindlicht, dass „die soziale Kontrolle und ‚Ehrenmorde‘ als Beispiel für die prinzipielle Unvergleichbarkeit der ‚westlichen Welt‘ mit den angeblich archaischen Normen und Vorstellungen vor allem ‚muslimischer Einwanderung‘“ gelte.

Der Literaturwissenschaftler von der Universität Tübingen, Jürgen Wertheimer, fragt: „Anerkennung und Vertrauen – eine trügerische Ähnlichkeit?“. Es ist ein Plädoyer, den grundlegenden, individualisierten und kollektiven Wert, Vertrauen zu schaffen und zu ermöglichen, aufrecht zu erhalten und die Prozesshaftigkeit im Sinne von Paul Ricoeur zu betonen, wonach der Anerkennungsprozess stets drei Stadien durchlaufen müsse, nämlich „von der Annäherung an den Anderen, die diesen durchaus in bestimmte Rollen zwingt, über die Selbsterkundung hin zur Wechselseitigkeit von Anerkennung“.

Fazit

Die Werte und Einstellungen, wie sie sich in interpersonellen und interkulturellen Prozessen vollziehen und als ergänzende und kontroverse Vorstellungen und Verhaltensweisen zeigen, als Erkennung, Anerkennung und Aberkennung, zeigen sich als anthropologische, psychologische, ethische – und in unserem Fall – literarische Grundlagen für ein friedliches, gleichberechtigtes und gerechtes Zusammenleben der Menschheit. Mit der Anerkennung von Differenz und Vielfalt öffnet sich eine humane Tür, die es zu durchschreiten gilt. Die Analysen, wie sie von den Autorinnen und Autoren des Sammelbandes „Anerkennung und Diversität“ im literarischen und medialen Kontext vorgenommen werden, bieten vielfältige, interdisziplinäre Einblicke in neue, notwendige, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Räume an.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.11.2018 zu: Christine Kanz, Ulrike Stamm: Anerkennung und Diversität. Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. ISBN 978-3-8260-6605-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25033.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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