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Matthias Urban: Sprachlandschaften

Cover Matthias Urban: Sprachlandschaften. Über die Rolle von Sprache in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. 230 Seiten. ISBN 978-3-8260-6568-2. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
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Thema

Sprache ist mehr als ein Mittel zum Informationsaustausch. Nach der anthropologischen, aristotelischen Philosophie ist der anthrôpos ein sprach- und vernunftbegabtes menschliches Lebewesen, das mit Lauten etwas auszudrücken vermag, das Sinn und Bedeutung hat. Weil der Mensch in der Lage ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und Allgemeinurteile bilden zu können, ist gesprochene und gedeutete Sprache Existenz- und Identitätsmittel (vgl. dazu: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.). Die Fragen, wie der Mensch zu sich und zur Sprache kam, beschäftigt Anthropologen, Ethnologen, Philosophen, Biologen, Pädagogen, Sprach- und Neurowissenschaftler/innen seit Anbeginn des menschlichen Denkens. Sprechen lernen und Sprechen können sind Prozesse, die von Menschen an Menschen weitergegeben werden. Die Sprach- und Sprachvergleichsforschung entdeckt und entwickelt immer wieder neue Zugänge, um den Geheimnissen und Vielfalten, den Unterschieden und Besonderheiten menschlicher Sprache näher zu kommen.

Entstehungshintergrund und Autor

Mit dem Begriff „Sprachlandschaften“ verbinden sich Betrachtungen darüber, wie Sprache Räume charakterisieren und Menschen ihre Lebensräume benennen. Es sind geographische und lebensweltliche, physische und psychische, existentielle und virtuelle Überlegungen darüber, welche Bedeutung dabei Sprache spielt, „wie Menschen an verschiedenen Orten der Welt ihre Umwelt begreifen und mit Sinn versehen“. Mit der Sprach- und Wortanalyse werden die Phänomene deutlich, dass in den verschiedenen Sprachen Begriffe entweder mit wenigen eindeutigen oder mehreren vieldeutigen Bezeichnungen belegt werden, und diese Benennungen unterschiedliche Ausdrucks- und Zugangsweisen produzieren. Bemerkenswert ist dabei, dass sich der Sprachreichtum, sowohl in der Grammatik als auch der Semantik unterschiedlich darstellt, was die eher krude Auffassung ad absurdum führt, es gebe Hoch- und Primitivsprachen.

Der Sprachwissenschaftler von der Universität in Tübingen, Matthias Urban, nimmt die Tatsache zum Anlass, dass „Sprachen erworbene Systeme (sind), die jeder von uns … erlernt hat… Sie lassen uns an einem kulturellen Kontinuum teilhaben, das uns mit unserer Vergangenheit ( ), aber über unsere Kinder auch mit der Zukunft (verbindet)“. Er vergleicht die Sprachfähigkeit und -kompetenz mit einer Brille, die wir aufsetzen und durch die wir die Welt auf unterschiedliche Weise wahrnehmen. Es geht also in der Studie „Sprachlandschaften“ um die kulturelle Relevanz von Sprachen. Sie lässt sich ermitteln, indem das Verhältnis des Menschen zu seiner näheren und weiteren Umwelt betrachtet wird. Urban rekurriert diese Zusammenhänge von Sprache und Umwelt, indem er sich u.a. auf den Ethnologen und Sprachwissenschaftler Franz Boas (1858 – 1942) bezieht, der gegen die kulturellen und rassistischen Höherwertigkeits- und Abwertungsvorstellungen antrat und sie mit seinen Forschungen bei nordamerikanischen Ethnien und Indigenen widerlegte.

Aufbau und Inhalt

Wenn Menschen angestammten oder neuen Lebensräumen Namen geben, Landschaftstypen und -formen benennen, eignen sie sie sich gewissermaßen an, um sie zu besitzen, zu bearbeiten und zu verändern. Die dabei auftretenden und wirkenden Phänomene, die positiven, nachhaltigen und negativen, ausbeuterischen Entwicklungen im Zusammenhang von sprachlicher Bedeutung und Umweltbewusstsein werden vom Autor anhand von zwei Landschaften analysiert: Den Anden in Peru und Bolivien, und in Australien und Neuguinea. Der sprachkulturelle Zugang erfolgt mit der Betrachtung darüber, welche Ortsnamen und Landschaftsbegriffe Menschen verwenden, und welche Einstellungen und Bewertungen sie gegenüber ihrer direkten Umwelt entwickeln.

Neben der Einleitung und dem Schlussteil gliedert der Autor seine Studie in weitere fünf Kapitel.

Die Anatomie der Menschen und die Anatomie der Berge“. Hier thematisiert und analysiert er die kulturellen, kosmologischen sprachlichen Entwicklungen der Quechua- und Aymara-sprechenden Ethnien in den Andenregionen. Er arbeitet heraus, welche (differenzierten) Bezeichnungen die dort lebenden Menschen überlebenswichtigen Tätigkeiten, Grundbedürfnissen, Produkten, Lebensmitteln und Naturereignissen in den verwandten, eigenständigen Sprachen Quechua und Aymara geben, in Mythen und Erzählungen weitergeben und in Ritualen und Zeremonien ausdrücken. Es ist die Vorstellung, dass die „Zirkulation“, die Veränderung und die Wandlungsprozesse das menschliche Dasein regeln und bestimmen. Damit wird in Begriffen und Handlungen die „Ganzheit“ des menschlichen Daseins ausgedrückt, und es werden, im Gegensatz zum westlichen Denken, Einstellungen und Verhaltensweisen praktiziert wie Solidarität, Gemeinschaftssinn und Mitsorge.

Country to be by language“. Die Sprachlandschaften in Australien, Neuseeland und Neuguinea weisen, trotz ihrer lautlichen Verschiedenheit und ihrer grammatikalischen Unterschiede, Gemeinsamkeiten auf. Bemerkenswert ist, dass die Ethnien und Aboriginegemeinschaften vielfach mehrsprachig kommunizieren, was sich auf die (Mutter-)Sprachentwicklung und Begriffsbildung auswirkt, und ontologische und spirituelle kulturelle, ästhetische und künstlerische Identitäten schafft, wie z.B. das „Dreaming“, was in der Übersetzung als „Traumzeit“ bezeichnet wird.

Orientierung“, als Bezugsrahmen (Frames of Reference) bedeutet, dass es auf den „Standpunkt“, im räumlichen wie im physischen und psychischen Sinn ankommt, wie zu Gegenstände und Situationen gesehen, benannt und erkannt werden. Der Sprachvergleich bringt zutage, dass es verschiedene Orientierungsmöglichkeiten gibt, die sich wiederum in unterschiedlichen Bedeutungsmustern, Sprachbildern, Zeichen und Symbolen ausdrücken.

Benannte Orte und die Vorgeschichte Europas“, so titelt der Autor einen anderen Zugang zum Verhältnis von Sprache und Umwelt. Es ist nicht der ontologische, existentielle und natürliche, wie er in den Fallstudien über die Weltbenennungen in den Sprachen der Anden- und australischen Ethnien deutlich wird, sondern das Prinzip, „bestimmten Orten und Merkmalen der Umgebung Eigennamen zu geben“. Der Autor begibt sich dabei auf das Feld der „Trümmersprachen“, wie sie mit der antiken Illyrischen Sprache zum Ausdruck kommt, von der kaum Quellenhinweise vorhanden sind, jedoch in der Lautbildung auf historische, vorindogermanische Ursprünge zurückführen lassen. Er führt Ortsnamen und Sachbezeichnungen in europäischen, z.B. baskischen, und deutschen Sprachlandschaften an und zeigt auf, welche Bedeutung und welchen Erkenntnisgewinn die Sprachanalysen haben können.

Sprache und Klima“, in der Denkgeschichte der Menschen ein immer schon prägender und konträrer Zusammenhang. Die Auffassung, dass das Klima Einfluss auf Wohlbefinden, Aktivität, Kreativität… der Menschen habe, wird von Ethnologen, Anthropologen, Medizinern und Analytikern immer wieder zu belegen und zu widerlegen versucht. Der Autor begibt sich auch auf dieses glitschige Feld und untersucht und vergleicht Begriffe, die für Menschen in bestimmten Lebensräumen existentielle Bedeutung haben, wie etwa für die Andenvölker „Nebel“, „Wolken“, und bei den Inuit „Schnee“, „Eis“. Er kommt zu dem Ergebnis, dass „Korrelationen zwischen Lautstruktur und Klima bestehen“. Die Auseinandersetzung mit den neueren, sprachwissenschaftlichen, etymologischen, geographischen und sozialwissenschaftlichen Forschungsergebnissen ist nicht nur wegen der wissenschaftlichen Redlichkeit wichtig, sondern auch, um gegen rassistische und populistische Fake News und Zuschreibungen nach den einfältigen Einstellungen – „Der Deutsche, der Russe, der Indianer, der Chinese, der Afrikaner … ist…“ – vorzugehen.

Fazit

Bei den im Buch „Sprachlandschaften“ dargestellten, vergleichenden Sprachanalysen geht es vor allem um die Fragen, wie „Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umgebung und wie die Sprachen verschiedener Gesellschaften in verschiedenen Umgebungen diese Beziehung reflektiert und teilweise überhaupt erst etabliert“. Neben den vielfältigen, unterschiedlichen, vergleichenden Befunden wird in den Studien deutlich, dass die in den Fallbeispielen aufgeführten sprachlichen Phänomene gewissermaßen exemplarisch „überall zu finden“ sind. Die Forschungsarbeit ist damit auch ein Plädoyer, die Sprachen der Welt zu erhalten und wert zu schätzen. Das Sprachensterben muss die Menschheit beunruhigen, denn „wenn die Sprachen… verschwinden, so steht zu befürchten, sind auch die Sprachlandschaften, die von ihnen reflektiert werden, in Gefahr, in Vergessenheit zu geraten“.

Neben der umfangreich zitierten und genannten Literatur bietet auch das kurz gefasste Glossar Orientierungshilfe und weiterführendes wissenschaftliches Arbeiten auf diesem wichtigen Denk- und Sprachgebiet. Die Farbabbildungen, Skizzen und Tabellen veranschaulichen und illustrieren die Thematik.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.01.2019 zu: Matthias Urban: Sprachlandschaften. Über die Rolle von Sprache in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. ISBN 978-3-8260-6568-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25034.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


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