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Gerhard Oberlin: „Nun muss sich alles, alles wenden“

Cover Gerhard Oberlin: „Nun muss sich alles, alles wenden“. Perspektiven der Zukunft. Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. 160 Seiten. ISBN 978-3-8260-6617-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Nach uns die Zukunft?

Der ehemalige Manager und spätere Menschen- und Umweltaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) titelt in seinem Buch von der positiven Subversion (1979), dass es endlich Zeit sei, den notwendigen Perspektivenwechsel zu vollziehen und die tatsächlichen, gewachsenen, gewollten, gemachten, gegenwärtigen kapitalistischen Wirklichkeiten abzuschütteln und sich individuell und kollektiv auf den Weg hin zu einer menschenwürdigen Gegenwart und Zukunft zu machen: „Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge / um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge“. Der Psychoanalytiker Erich Fromm fordert in seinem Buch über die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft (1976) den Wandel von der Habenmentalität hin zum Seinsmodus. In den Berichten an den Club of Rome (1972, 1974 und folgende) werden die Warnungen ausgesprochen, dass die „Grenzen des Wachstums“ erreicht seien und sich die Menschheit am Wendepunkt ihrer Geschichte befinde. Die (Brundtland-Bericht, 1987) fordert, dass wirtschaftliches Handeln nicht mehr nach dem Motto „business as usual“ fortgesetzt werden dürfe, sondern sich im Sinne einer tragfähigen Entwicklung ändern müsse.

Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) appelliert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“… Bereits in der Antike haben Philosophen erkannt, dass mellonta – Zukünftiges und Zukunft – in Vergangenem und Gegenwärtigem eingebunden ist (H. Weidemann, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 341ff). In Science-Fiction-Erzeugnissen, Zukunftsfilmen und -romanen wird das erdachte und phantasierte Zukünftige verherrlichend, dramatisierend oder apokalyptisch dargestellt. Im wissenschaftlichen, interdisziplinären Diskurs wird nach den Werten gesucht, die für eine humane, menschenwürdige Menschheitszukunft gelten (Alexander Birken, Hrsg., ZukunftsWerte. Verantwortung für die Welt von Morgen, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24175.php ). In der Zukunftsforschung werden visionäre, spekulative, berechnende, eigenwillige, merkwürdige, witzige, glaubwürdige, hoffnungsvolle und angsterzeugende Projekte thematisiert. Es geht um den Blick in die ferne (Jacob A. Goedhart, Über-Leben, 2006, www.socialnet.de/10087.php) und nahe Zukunft (Ernst A. Grandits, Hrsg., 2112 - die Welt in 100 Jahren, www.socialnet.de/rezensionen/18192.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Zukunft denken, das ist Vernunft und Wirklichkeit, Alltag und Wagnis, Selbstvergewisserung und Verantwortungsbewusstsein, Ethik und Moral, Aufklärung und Symbolik, Chronos und Kairos. Ein Blick in die Zukunft, nicht durch das Zauberglas, sondern mit den Mitteln der wissenschaftlichen Zukunftsforschung, bietet die Optionen: „Es kann nur besser werden!“ oder: „Es kann nur schlimmer kommen!“. Beide Annahmen beruhen auf Erfahrungen und Wertvorstellungen aus der Gegenwart und Vergangenheit. So wird man sagen können: Um Zukunft zu erfinden, bedarf es fester Standpunkte in der Gegenwart und der Bereitschaft und Kompetenz, Veränderungen zu denken! Dazu aber sind Utopien wichtig, gewissermaßen als Wegweiser für Inspiration, und als Erkenntnis, dass Zukunftsgedanken und Zukunftshoffen immer verbunden sind mit der persönlichen und kollektiven, kulturellen Entwicklung (Andreas Hartmann / Oliwia Murawska, Hg., Representing the Future. Zur kulturellen Logik der Zukunft, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18833.php). Weil nämlich Utopie in diesem Sinne die Hoffnungen und Beweggründe aufzeigen kann, die zur Weiterentwicklung der Menschheit beitragen.

Der Literatur- und Sportwissenschaftler Gerhard Oberlin (geboren 1950) ist in jene Gruppe von Menschen einzureihen, von denen man sagt, sie seien viel in der Welt herumgekommen. Dieses Interesse und die Fähigkeit, über den eigenen (begrenzten) Gartenzaun zu schauen, bewirken Lebenserfahrung und das Vermögen, das Erlebte zu erzählen, zu reflektieren und in Beziehung zu bringen zu den Alltäglichkeiten des Lebens. Einer, der die eigene Existenz und Identität aufgehoben sieht in der Menschheit, entwickelt in seinem Denken und Tun die Erfahrungswerte, die ihn als zôon politikon, als politisches Lebewesen (Aristoteles) ausweisen. Er verbindet die existentielle Frage „Wer bin ich?“ mit der Kantischen Nachschau: „Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen?“ Und er mündet in der Aufforderung: Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Aus diesen Erkenntnissen entwickeln sich Einsichten, nämlich die, dass der anthrôpos sich immer schon sich darum bemühte, seine Gegenwart in die Spannweite von Vergangenheit und Zukunft einzuordnen. So kann es sein, dass das Mögliche, Erhoffte, Ersehnte und Geplante des gegenwärtigen Lebens sich entweder einordnet oder einzwängt in scheinbar Machbares, das besser nicht gemacht werden sollte. Die Menschen müssen erkennen, dass sie nicht alles, was sie meinen machen zu können oder auch tatsächlich machen können, nicht machen dürfen! Weil es Schaden für die Menschheit bringt! Diese Gedanken der Nachhaltigkeit, der Voraussicht, der Schadens- und Nutzenabschätzung sind Zukunftsgedanken!

Aufbau und Inhalt

Der Blick in die Zukunft kann, angesichts der produktiven wie gleichzeitig verheerenden Vergangenheit der Menschheit, der positiven wie negativen Entwicklung, Zuversicht oder Menetekel sein. In diesem Spagat bewegt sich das Essay über „Perspektiven der Zukunft“ von Gerhard Oberlin. Die Einführung in die Thematik titelt er mit „Auspizien“. Er will mit dem aus dem altrömischen Diskurs entlehnten Begriff des göttlichen und gesellschaftlichen Zeichens die aktuelle Zukunftsbetrachtung weg vom schnöden und egoistischen Momentanismus, hin zu grundlegenden, zusammenhängenden und ganzheitlichen, aktuellen und zukunftsgefährdenden Entwicklungen lenken. Die Bestandsaufnahme zur Lage der Welt unternimmt der Autor in fünf Kapiteln.

Im ersten Kapitel geht es um die Darstellung von „Zeitbildern“, um die drei Plagen der weiterhin wirkenden Menschheitsvergangenheit.

  1. Es ist die „Melencolia“, die Albrecht Dürer in seinem Kupferstich 1514 als Anblick von Trauer, vielleicht sogar Fatalismus, Narzissmus, Selbstbespiegelung, Enttäuschung, Mutlosigkeit, Depression, Ermüdung, Hilflosigkeit…darstellt – und der die aktuelle, lebenswirkliche und lebensweltliche Erkenntnis zu vermitteln vermag: „Melancholie ist der Zustand, dem wir nur entrinnen, wenn wir das Geistige dem Körper unterordnen“.
  2. Die zweite Plage ist „Morbidität“, die Tatsache der Vergänglichkeit und der Gefährdung. Der Autorkommt diesem Begriff nahe, indem er das Gedicht „Frühlingsglaube“ von Ludwig Uhland (1812) analysiert und daraus auch den Titel seines Buches gewinnt. Es sind die durchaus realen Forschungsbemühungen und -ergebnisse, den Menschen als „ewig lebendes Wesen“ zu erfinden (Gerd Leonhard, Technology vs. Humanity. Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine,2017, www.socialnet.de/rezensionen/23155.php).
  3. Die dritte Plage: „Mellitus“. Es ist das „Nimmersatt-Syndrom“, das „Immer-Mehr“, die Unersättlichkeit, die Gier, die den homo oeconomicus hervorgebracht hat, und gegen den (scheinbar) der homo sociologicus und der homo empathicus keine Chance haben. Auch wenn ein Perspektivenwechsel nicht in Sicht ist, bleibt es den Menschen nicht erspart, darüber nachzudenken, dass „die gegen das eigene Leben gerichteten Speerspitzen ( ) auf Dauer an der Lebenssubstanz (zehren) und Verhaltensweisen ausbilden, die man als selbstschädigend, als suizid bezeichnen muss“.

Im zweiten Kapitel – „Miseren“ – werden Entwicklungen diskutiert, die nach Verantwortung und Herausforderung schreien: Etwa die Frage, wie in der Zukunft mit dem Anspruch und der Institution der „Rente“ umgegangen werden soll; wie ein zukünftiges „Leben ohne Arbeit“, jedenfalls im traditionellen und übernommenen Sinn aussehen könnte; wie die Menschheit der „digitalen Entmündigung“ entrinnen könne, angesichts der technologischen und virtuellen Entwicklung hin zur „Künstlichen Intelligenz“ (vgl. dazu auch: Toby Walsh, It’s alive. Wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändern wird, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25047.php).

Im dritten Kapitel stellt der Autor „reale Utopien“ als durchaus kritisch zu betrachtende „Segnungen“ vor: „Panazee“, ein Heilmittel, das Heilung und Wunder verspricht, und in der wissenschaftlichen Genforschung einer verantwortlichen, human-zukunftsweisenden Aufmerksamkeit bedarf; mit der Forderung „Gleiches Geld für alle“ werden im sozialgesellschaftlichen Diskurs verschiedene Möglichkeiten einer gerechteren Verteilung des Volksvermögens diskutiert: Bedingungsloses Grundeinkommen, Bürgergeld… Neben den Bürgerrechten kommen dabei auch die Bürgerpflichten ins Spiel, die auf dem Humanum „Solidarität“ gründen müssen.

Im vierten Kapitel werden mit drei Aussichten Prinzipien einer „kommunalen Gesellschaft“ vorgestellt: Linkshumanismus – Politik versus Staat – Memento.

Das fünfte Kapitel thematisiert mit drei Annäherungen Visionen von einer „Welt im Jahr 2084“. Es sind „Prämissen“, die der Mensch als Bewusstsein der Verantwortung für die Menschheit mit sich trägt und herausgefordert wird, dies nicht nur zu erkennen, sondern auch aktiv human mit zu gestalten. Es ist der Mut, ein „Szenario“ zu denken, wie Individuen und lokale und globale Gesellschaften im Jahr 2084, also in der nahen, rund ein halbes Jahrhundert später gedachten Zukunft leben werden. Die beiden erfundenen Musterpersonen Will (geboren 2012) und Clara(2013) leben 2084 in der Nähe von Freiburg (Will) und Berlin (Clara). Es sind deutschland-, europa- und weltweit solidarisch organisierte Kommunen und Gemeinschaftsformen, die Will, Clara, ihren Nachkommen und den Bewohnern des Landes ein gutes Leben ermöglichen. Mit „Technotop“ titelt der Autor schließlich den technologischen Fortschritt, der sich mittlerweile vollzogen hat: Alternative Energien, Biogenetik, Computerisierung des alltäglichen, individuellen und beruflichen Lebens, Egoismus, Nationalismus und Rassismus gehören der Vergangenheit an. Der Übergang von der „Wachstums“- hin zur „Wahrungsgesellschaft“ ist lokal und global gelungen.

Fazit

Mit der Ausrufung des Anthropozäns, einem Zeitalter, in dem die Allmacht des Menschen anscheinend jeden Respekt und das Bewusstsein vor der notwendigen Balance zwischen Mensch und Natur zerstört und in dem die bisher in der Menschheit erstmalige Gefahr besteht, dass die Menschen sich selbst ausrotten können, treten Situationen auf, die Existenz- und Weltgefahren befürchten lassen. Die menschgewordene Unfähigkeit, human zu denken und zu handeln, lässt nichts Gutes für die Zukunft der Menschheit befürchten. Zu viele Menschen negieren die Gefahren, verleugnen wider besseren Wissens die drohenden Entwicklungen oder fallen angesichts der scheinbaren Aussichtslosigkeiten, dass die Menschheit endlich einen Perspektivenwechsel vollziehen möge, in Fatalismus und Lethargie. Zu wenige stehen auf gegen Machtmissbrauch und Ignoranz, und stellen sich den intellektuellen Herausforderungen zu schauen, wie wir geworden sind, was und wie wir sind (vgl. z.B. auch: Joachim Radkau, Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22444.php).

Ob das Essay des Lehrers und Wissenschaftlers Gerhard Oberlin über „Perspektiven der Zukunft“ als „Alters“-Werk des Zeit seines Lebens aktiven und weltaufgeschlossenen Menschen zu verstehen ist, sei dahingestellt; es ist jedenfalls eine interessante, gewinnbringende Reflexion darüber, was man den Kakophonien über Weltuntergang und Menschheitsvernichtung entgegen setzen sollte: Die Fähigkeit zu denken, zu sehen, zu beurteilen und zu handeln und den Blick in die Zukunft als eine heilsame, Veränderungen erfordernde Herausforderung zu begreifen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.11.2018 zu: Gerhard Oberlin: „Nun muss sich alles, alles wenden“. Perspektiven der Zukunft. Königshausen & Neumann (Würzburg) 2018. ISBN 978-3-8260-6617-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25035.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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