socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Matthias Häussler: Der Genozid an den Herero

Cover Matthias Häussler: Der Genozid an den Herero. Krieg, Emotion und extreme Gewalt in "Deutsch-Südwestafrika". Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. 348 Seiten. ISBN 978-3-95832-164-9. D: 38,90 EUR, A: 40,00 EUR.

Schriftenreihe "Genozid und Gedächtnis" des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung der Ruhr-Universität Bochum.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Wie Deutschland zu den Kolonien kam

Über die europäische und deutsche Kolonialpolitik gibt es vielfältige, autobiographische, dokumentarische und analytische wissenschaftliche Forschungsarbeiten. Sie sind gekennzeichnet durch unterschiedliche, nicht selten konträre Positionen. Auf der einen Seite sind sie bestimmt von dem Bemühen, die Kolonialpolitik der europäischen Mächte objektiv zu erklären, und zum anderen, die meist gewaltsamen kolonialen Eroberungen aus dem Zeitfenster des europäischen Imperialismus zu betrachten und damit gewissermaßen auch zu relativieren. Die historische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgewalt, vornehmlich in den afrikanischen Gebieten (1884-1914, ) vollzog sich spät und gewinnt erst in den letzten Jahrzehnten eine nennenswerte Aufmerksamkeit (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Wie die Deutschen zu den Fremden kamen, Paulo Freire Verlag, Aspekte der Freire-Pädagogik, Nr. 18. 2002. 42 S.; sowie die in den socialnet Rezensionen unter dem Stichwort „Afrika“ veröffentlichten Literaturhinweisen).

Entstehungshintergrund und Autor

Die Ursachen und Folgen der europäischen Kolonialpolitik werden im wissenschaftlichen Diskurs ziemlich umfassend thematisiert und erforscht. Es sind Fragen nach ethnozentristischen, rassistischen, fundamentalistischen, nationalistischen und populistischen Höherwertigkeitsvorstellungen, nach dominanter Gewalt und menschenunwürdiger Politik. Und es sind Analysen nicht nur darüber, wie wir geworden sind, was und wie wir sind, sondern auch nach den neokolonialen Entwicklungen Hier und Heute. Die Forschungen darüber, wie die Deutschen in ihren Kolonien mit den „Eingeborenen“ und „Untertanen“ umgegangen sind, bieten die Chance, die langen und ideologisch gesteuerten Märchen und Mythen vom „guten deutschen Kolonialherrn“ zu revidieren und den Wahrheiten und brutalen Wirklichkeiten der deutschen Kolonialherrschaft näher zu kommen. Es sind aber auch die selbstbewussten Wortmeldungen der ehemaligen Kolonisierten, die nach Wahrheitsfindung rufen (M. Moustapha Diallo, Hrsg., Visionäre Afrikas. Der Kontinent in ungewöhnlichen Porträts, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16225.php). Es sind unbequeme Schuldzuweisungen, wie sie z.B. von den Nachfolgern und Hinterbliebenen des Herero-Volkes in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ im heutigen Namibia gestellt werden. Sie reichen von der geschichtlichen Anerkennung der kolonialen Gewalt, bis hin zu Forderungen nach Wiedergutmachung und Entschädigung.

Der Wissenschaftler an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, Matthias Häussler, legt mit dem Band „Der Genozid an den Herero“ seine Dissertationsschrift vor. Mit seinen kolonialhistorischen Forschungen zeigt er die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der so genannten „Pazifizierungskriege“ in den ehemaligen deutschen Kolonien am Beispiel der Verfolgung und Vernichtung der Herero auf. Er ordnet die kriegerischen Gewaltmaßnahmen ein in die Strategien zur Etablierung und Sicherung der Kolonialherrschaft. Sie gründete auf den völkischen, patriarchalischen und hierarchischen Rassenlehren jener Zeit, die den Nichtgermanen und Nichteuropäer, speziell in Afrika, als Untergebenen und Abhängigen betrachteten, wie dies in exemplarischer Weise der Sprach- und Afrikaforscher Diedrich Westermann (1875 – 1956) zum Ausdruck brachte: „Das Geschick des Afrikaners ist für alle absehbare Zeit mit dem des Europäers aufs engste verbunden, ja es ist von ihm abhängig, er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir die Herren und er der Untergebene“ (Der afrikanische Mensch und die europäische Kolonisation, in: Kolonialprobleme der Gegenwart, Berlin 1939, S. 67ff).

Die historische Forschung auf dem Gebiet der deutschen und europäischen Kolonialherrschaft kann einerseits zurückgreifen auf eine Reihe von bereits publizierten Schriften, Monografien, Pamphleten, Erinnerungen und Studien; andererseits gibt es nach wie vor verschlossene, vergessene und übersehene Quellenmaterialien, die im Forschungsprozess ausgegraben werden müssen. Diesen Herausforderungen stellt sich Häussler mit seiner Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Die Forschungsarbeit wird neben der Einleitung und dem Schlussteil in weitere fünf Kapitel gegliedert: „Siedler, Herero und die Spirale der Gewalt“ – „Der strategische Horizont: Leutwein / Metropole / Trotha“ – „Der Feldzug“ – „Dynamiken des Kleinen Krieges“ – „Von der Lagerherrschaft zur ‚Eingeborenenpolitik‘“.

Es sind die imperialistischen Entwicklungen in Europa, die die „koloniale Aggression bei den Kolonisierten als Terror verinnerlicht“ (Vorwort von Jean Paul Sartre in: Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, rororo1209. 1969, S. 15), die den analytischen Blick hinwenden muss zu den gewaltverherrlichenden, imperialen und raumeroberungsmotivierten, individuellen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den europäischen Kolonien. Die Ursachenforschungen darüber, wie es zu den Widerstandsbewegungen der „Eingeborenen“ gegen die Kolonialherrschaft kam, verdeutlichen, dass zum einen die gewaltsamen Inbesitznahmen von Gebieten durch europäische Siedler und deren aggressives und herrschaftliches Verhalten ein gedeihliches Miteinander unmöglich machten. zum anderen waren es die institutionalisierten, von den europäischen Zentralmächten gesteuerten, politischen und Verwaltungsstrukturen, die in friedliches, gar gleichberechtigtes Zusammenleben und -arbeiten mit den Kolonisierten verhinderten. Im Fall der Kolonisierung von Deutsch-Südwestafrika waren es die Herero- und Nama-Völker, die zum gewaltsamen Kampf gegen die Kolonialherren aufriefen: „Sie kamen, Freundschaft und Frieden heuchelnd, gleich Tigern und Hyänen herangeschlichen und mordeten schändeten, raubten und vernichteten in frivolster Weise, unbarmherzig, ohne Gnade“.

Als am 12. Januar 1904 erstmals die Herero mit organisierten Gewaltmaßnahmen gegen die Siedler vorgingen, da reagierte die deutsche Kolonialverwaltung mit ihrer überzeugten Überlegenheit der Herrschafts- und Waffengewalt. Sie unterschätzten und ignorierten die Entschlossenheit, den Langmut und die Organisationskraft der Aufständischen, die „Besatzer“ zu vertreiben. Die Ignoranz der Siedler, und die säbelrasselnde Politik der Kolonialverwaltung verhinderten die Suche nach friedlichen Lösungen. Der Widerstand der Eingeborenen musste mit der Kolonialmacht gebrochen werden. Die Eskalation war nicht mehr aufzuhalten, zumal auch aus der „Heimat“ kriegerische Töne, Durchhalte- und Eroberungsforderungen kamen, die den jeweiligen Kolonialverwaltungen keinen Spielraum für evtl. Befriedungs- und Beruhigungsaktivitäten ermöglichten. Der Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Theodor Leutwein, pflegte „ein persönliches Regiment, das vormoderne Züge trug… Er selbst verglich seine Stellung gegenüber den Häuptlingen mit denjenigen des ‚römisch-deutschen Kaisers im Mittelalter zu den Stammesherzögen‘“. Er, wie auch die Mehrzahl der Siedler und die kolonialen Kräfte im Wilhelminischen Deutschland sahen den „Aufstand in erster Linie als Angriff auf die (nationale) Ehre“. Er konnte nur mit Gewalt und keinesfalls mit einem Kompromiss gelöst werden. Als schließlich Berlin am 8. Mai 1904 Leutwein durch den machthungrigen und bereits in anderen militärischen Auseinandersetzungen erprobten General Lothar von Trotha abgelöst wurde, war die Zielsetzung der Kolonialmacht vorbestimmt: Niederschlagung des Widerstandes um jeden Preis! In seinem „Aufruf an das Volk der Herero“ forderte von Trotha auf, die Anführer der Aufständischen auszuliefern. Im Falle der Verweigerung drohte er die Vertreibung der Herero aus ihren Lebensräumen und die Tötung der männlichen Volksangehörigen an. Weil die Hereros dieser Aufforderung nicht Folge leisteten, trat die Schutztruppe unter seiner Führung im August 1904 in der „Schlacht am Waterberg“ gegen die Herero an und besiegte sie.

Die Herero flohen in die Trockengebiete von Omaheke. Die wenigen Wasserstellen und die gezielte Zerstörung der Quellen durch Siedler und Kolonialtruppe bewirkten, dass Tausende Herero auf der Flucht verdursteten. Dieser Vernichtungskrieg und dieses Massaker wird als Genozid bezeichnet. Häussler widerlegt mit seiner Forschungsarbeit und der Heranziehung von zahlreichen, bisher nicht oder falsch ausgewerteten Quellenmaterialien die vorliegenden Relativierungen und falschen, historischen Analysen zum Völkermord an den Hereros: „Der Umgang der Weißen mit den ‚Eingeborenen‘ in Südwestafrika war bereits zu ‚Friedenszeiten‘ von Willkür, Gewalt und Grausamkeit bestimmt. Mit dem Ausbruch der Aufstände radikalisierten sich die Gewaltverhältnisse und verstetigten sich über den Kriegszustand hinaus“. Die Zuordnung, dass in den so genannten „Kleinen Kriegen“ oftmals große, unbeachtete und unkontrollierte Grausamkeiten herrsch(t)en, lässt sich bis heute beobachten, wenn von „Nebenkriegsschauplätzen“ und „Stellvertreterkriegen“ gesprochen wird.

Wut, Zorn, Vergeltung und Entgrenzungen bestimmten die Einstellungen und Verhaltensweisen der zu Beginn des Krieges eingesetzten, auf die widrigen tropischen, unbekannten Mentalitäten und Landschaften nicht vorbereiteten deutschen Soldaten. Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt rotierte immer heftiger. Es waren die ersten „Konzentrationslager“, in denen die besiegten und gefangen genommenen Hereros ihr Leben fristeten und viele von ihnen nicht überlebten. Nur widerwillig befolgte von Trotha die Anweisung des deutschen Generalstabs vom 9. Dezember 1904, „den sich freiwillig stellenden Hereros gegenüber Gnade (zu) üben“. Die hierarchische und machtbewusste „Eingeborenenpolitik“ in den deutschen Kolonien änderte sich freilich dadurch nicht; vielmehr potenzierte und verfestigte sich die rassistische Höherwertigkeitspraxis der Siedler, der Soldaten, der Kolonialbeamten und nicht zuletzt der Einstellungen der Deutschen in der Heimat gegenüber den Kolonisierten.

Fazit

Die Forschungsarbeit von Matthias Häussler zeigt durch die Heranziehung und Auswertung von bisher nicht, missverständlich oder falsch interpretierten Quellenmaterialien zum Umgang der Kolonialherren mit den Kolonisierten vornehmlich in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika nicht nur kolonialistische und rassistische Verhaltensweisen auf, sondern sie verweist auf darauf, dass „die Genozidforschung viel zu sehr darauf bedacht ist, Gewaltformen voneinander zu unterscheiden und den Blick auf bestimmte Formen einzuschränken, obwohl es darauf ankäme, die Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Formen … zu erfassen“. Denn das könnte eine der wesentlichen (neuen) Erkenntnisse der Dissertation sein: „Genozide entwickeln sich aus Prozessen und stoßen Prozesse an“, weil sie eine Vorgeschichte haben und aus dieser sich Unmenschlichkeit bildet.

Die umfangreiche Bibliographie von nicht edierten und edierten Quellen, von in Archiven erfassten, registrierten und vergessenen Materialien, privaten Sammlungen und wissenschaftlichen Forschungsarbeiten bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Intensivierung und Weiterführung der kolonialen und neokolonialen Frage.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.01.2019 zu: Matthias Häussler: Der Genozid an den Herero. Krieg, Emotion und extreme Gewalt in "Deutsch-Südwestafrika". Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. ISBN 978-3-95832-164-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25037.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kaufmännische Leitung (w/m/d), Kiel

Leitung Lohnbuchhaltung (w/m/d), Augsburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung