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Sabine Weber-Frieg: Selbstreflexives, transformatives Lernen in der Altenpflege­ausbildung

Cover Sabine Weber-Frieg: Selbstreflexives, transformatives Lernen in der Altenpflegeausbildung. Wege zum professionellen Handeln. wbv Media (Bielefeld) 2018. 311 Seiten. ISBN 978-3-7639-5930-3. D: 47,90 EUR, A: 49,30 EUR.

Reihe: Berufsbildung, Arbeit und Innovation / Dissertationen, Habilitationen - Band 50.
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Thema

Was prägt berufliches Handeln in der Pflege – die Ausbildung, die Erfahrung in der Praxis, die Kollegen oder die Arbeitsbedingungen? Oder sind es doch individuelle Faktoren? Weber-Frieg geht diesen Fragen in diesem Buch nach und leitet Empfehlungen für Ausbildungsstandards ab.

Autorin

Dr. Sabine Weber-Frieg ist Diplom-Pflegewirtin und hat Erwachsenenbildung studiert. Sie ist beim Bildungszentrum Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe e.V. beschäftigt. Dieses Buch ist ihre Dissertation.

Aufbau

Auf 311 Seiten folgt das Buch den üblichen Schritten des wissenschaftlichen Forschungsprozesses. Nach einer Einleitung zum Anlass der Arbeit wird der theoretische Rahmen gesetzt. Der empirische Teil zeigt die Untersuchungsmethoden und Ergebnisse. Empfehlungen für ein selbstreflexives und transformatives Lernen runden das Buch ab.

Inhalt

Der theoretische Rahmen zeigt die Bedeutung der Selbstreflexion in der Pflege auf. Grundlage für eine individuelle Pflege ist ein holistisches, ganzheitliches Pflegeverständnis vor dem Hintergrund professioneller Fürsorge. Die reflektierte Bewertung des eigenen Handelns zeigt sich in unterschiedlichen Ebenen der Subjekt-, Klienten-, Lernkontexte oder der gesellschaftlichen Orientierung. Der Forschungsstand zu reflexiver Kompetenz aus Studien zu transformativen Lernen in Ländern mit weiter entwickelter Pflegewissenschaft als in Deutschland zeigt den Transfer der transformativen Erwachsenenbildung nach Mezirow sowie die diesbezügliche Anwendung und Weiterentwicklung. Zudem steht die Professionalisierung der Altenpflege im Fokus – zwischen historischen Prägungen und beruflichen Entwicklungen werden sozioökonomische Entwicklungen, Verantwortungsbereiche der Pflege, Professionalisierungskonzepte und die Bedeutung professionellen Handelns verortet.

Weber-Frieg zeigt, wie die Ausbildung der Altenpflege in Deutschland aufgestellt ist. Die Ausbildungsstrukturen, Lernbedingungen und die Qualität der Ausbildung setzen hier wesentliche Eckpunkte. Es fehlt an einer verbindlichen Sicherung der Ausbildungsqualität, an Qualitätsentwicklung an den Schulen sowie gesetzlich geregelter, wissenschaftlicher Evaluation von Modellprojekten. Mit Blick auf die neue generalistische Pflegeausbildung bleibt nach Auffassung der Autorin abzuwarten, inwieweit es ausreicht, settingübergreifend auszubilden, da es in der Altenpflege besondere Kompetenzen braucht. Sie schlägt dazu ein spezifisches Anforderungsmodell vor.

Anschließend beschreibt die Autorin die Zielsetzung beruflicher Bildungsprozesse und Kompetenzanforderungen aus bildungspolitischer, berufspädagogischer und pflegedidaktischer Perspektive. Die Definition von selbstreflexiver Kompetenz bildet die theoretische Basis für den empirischen Teil.

Diese Dissertation verfolgt einen qualitativen Forschungsansatz und hat die Prinzipien der Grounded Theory nach Strauss und Corbin angewendet. 17 Teilnehmende eines Altenpflegeausbildungskurses wurden interviewt. Die Ergebnisse zeigen Selbstreflexionsschemata und selbstreflexives, transformatives Lernen als Kernkategorien. Diese beiden Phänomene sind im Wechselspiel miteinander verbunden bzw. zeigen sich in einem Kontinuum aus Stabilisierung und Adaption. Ursächliche Bedingungen sind individuelle Erfahrungen und Erlebnisse, soziokulturelle Werte und Normen. Als intervenierende Bedingungen zeigen sich unbewältigte Konflikte, die entwicklungspsychologisch in der Vergangenheit entstanden sind und in konfrontierenden Pflegesituationen reaktiviert werden. Strategien stehen in einem engen Zusammenhang zur individuellen Persönlichkeit. Auszubildende, die sich an veränderte Strukturen dynamisch anpassen könne, präferieren einen interpersonalen Bewältigungs- und Entwicklungsstil. Andere wiederum können unerwartete Anforderungen in der Pflegesituation nicht wahrnehmen, setzen sich über Klientenbedürfnisse hinweg oder entziehen sich unangenehmen Situationen. Als Konsequenz zeigen sich anhand der Daten Übereinstimmungen wie auch Diskrepanzen zwischen der Selbstbewertung durch den Auszubildenden und der Fremdbewertung durch Klient oder Kursleitung

Weber-Frieg leitet aus den empirischen Ergebnissen Empfehlungen für ein selbstreflexives und transformatives Lernen ab. Aus berufspädagogischer Perspektive steht die Empfehlung die Altenpflegeausbildung auf Niveau 5 bis 6 des EQR zu positionieren konträr zum Beschluss der Bundesregierung. Weber-Frieg stuft zudem modularisierte Curricula als sinnvoll ein. Sie nimmt zudem die konstruktivistischen Grundbegriffe nach Arnold wie Kontextabhängigkeit, Selbstreferenz, Strukturdeterminiertheit oder Selbstorganisation als Basis für ihre Ableitung selbstreflexiver Kompetenz.

Diskussion

Die Dissertation von Weber-Frieg umfasst einen umfang- und detailreichen theoretischen Teil, der das Feld selbstreflexiven und transformativen Lernens breit eröffnet. Die methodische Herangehensweise war dem Forschungsgegenstand angemessen. Limitierungen der Arbeit und Chancen und Grenzen der Anwendbarkeit werden diskutiert.

Wünschenswert wäre eine weitere Publikation, die allgemeinverständlich, kurz und prägnant die wesentlichen Ergebnisse und Ableitungen in z.B. einem Zeitschriftenartikel für die Praxis zugänglicher gestaltet, damit diese Eingang in die Berufsfachschulen, Hochschulen und didaktischen Interessenfelder finden. Spannend und offen bleibt an dieser Stelle die Frage, wie sich selbstreflexives Lernen in der zukünftigen generalistischen Ausbildung ab 2020 gestaltet und die Ergebnisse dieser Arbeit hier für weitere Curricula verwendet werden können.

Fazit

Zentrale Ergebnisse dieser umfangreichen Forschungsarbeit: persönlichkeitsspezifische Bewertungsschemata prägen mehr als die Arbeitsbedingungen in der Altenpflegeausbildung. Das Selbstreflexionsniveau der Lernenden und Niveau des europäischen Qualifikationsstandards sollten zusammenpassen.


Rezensentin
Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 12.07.2019 zu: Sabine Weber-Frieg: Selbstreflexives, transformatives Lernen in der Altenpflegeausbildung. Wege zum professionellen Handeln. wbv Media (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-7639-5930-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25044.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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