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Dieter Bednarz: Zu jung für alt

Cover Dieter Bednarz: Zu jung für alt. Vom Aufbruch in die Freiheit nach dem Arbeitsleben. Edition Körber (Hamburg) 2018. 271 Seiten. ISBN 978-3-89684-265-7. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Die Beschäftigung mit der Berufs-Ausgliederung hat mit der zu erwartenden Umstrukturierung der Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung noch einen zusätzlichen Schub erhalten. Geht es doch längst auch bei der Altersfreistellung von Erwerbsarbeit nicht mehr nur um das Verfüllen von freier Rest-Zeit, sondern durch die steigende Lebenserwartung auch um einen nachhaltigen biografischen Perspektivenwechsel in der Lebensgestaltung. Eine tätige Zweit-Karriere kommt hier wie da – bei der Freisetzung in schon jungen Jahren wie bei der Ausgliederung um die Zeit des Renteneintritts – in den Blick.

Einen sehr persönlichen, dabei gerontologisch unterfütterten Blick auf die neue Freiheit im fortgeschrittenen Leben legt Spiegel-Redakteur Dieter Bednarz in seinem in der Edition Körber erschienenen 272seitigen Sachbuch „Zu jung für alt. Vom Aufbruch in die Freiheit nach dem Arbeitsleben“ vor. Von den vielen, von ihm in zahlreichen Reportage-Reisen quer durch Deutschland ventilierten Möglichkeiten einer Weiterbetätigung kommt für ihn subjektiv nur eine zweite, ihn voll ausfüllende Aktivität infrage.

Autor

Dieter Bednarz arbeitet als 62jähriger Redakteur und Korrespondent beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und ist daneben auch als Autor mehrerer biografisch orientierter Bücher hervor getreten.

Aufbau

In seinem Buch „Zu jung für alt“ plädiert Bednarz für die Zeit nach dem plötzlich nahe auf ihn zukommenden Ende seiner hauptberuflichen redaktionellen Tätigkeit für ein ihn vollinhaltlich ausfüllendes, weiteres Engagement.

Die Such-Arbeit nach einer Weiter-Betätigung schlägt sich in dreizehn reportage-artigen Kapiteln in Form von Gesprächs-Schilderungen, Reiseberichten und Besuchs-Mitteilungen zu und mit wissenschaftlichen Gerontologen, Ruheständlern, Ehrenamtlern, Personaldienstleistern und sozialen Initiativ-Gruppen in Deutschland nieder.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Von den Gerontologen und Gerontologinnen erfährt der gegen seinen Willen mit seinem Ruhestand konfrontierte Bednarz in Jena von Silke van Dyk etwas zur Typologie der Ruheständler, in Berlin von Clemens Tesch-Römer etwas zur Dynamik zwischen Alterszuschreibungen und Verhalten der älteren Menschen, in Heidelberg von Andreas Kruse etwas zu Plastizität, Produktivität, Resilienz und Gerotranszendenz im Alter und in Kassel von Hartmut Radebold einiges zur Trauerarbeit, Freiheit für Neues und den zeithistorischen Prägungen heutiger alter Menschen durch den Zweiten Weltkrieg.

Eingangs stellen Kapitel zur Rentenversicherung und zur Demografie die Überlegungen des Autoren in den sozialpolitischen Zusammenhang. Die Schwierigkeiten zur Vermeidung von Altersarmut schlagen sich im Verhaltenstypus des Weitermachens in der Erwerbstätigkeit nieder.

In weiteren Kapiteln untersucht der Verfasser neben Reiseaktivitäten und künstlerischer Betätigung Altenbildungs-Möglichkeiten wie Seniorenstudium und Universität des Dritten Alters sowie Ehrenamts-Initiativen wie Seniorenbüros, Seniorentrainer, Mentoring bei Ausbildungsabbrechern und Freiwilligenagenturen, um hier den Typen der Nachholer (von im bisherigen Leben Entgangenem) und der Anknüpfer (an im Leben erworbene Kompetenzen) nachzugehen.

Beim Besuch früh verrenteter Bergleute im Ruhrgebiet kommt der Typus der Befreiten in den Blick. Gespräche mit Vermittlern von Positionen für Stellensuchende im fortgeschrittenen Alter zeigen einen Markt auf für beruflich Ausgegliederte oder von Ausgliederung Bedrohte, die sich noch nicht aus dem Berufsleben verabschieden möchten.

Einen Lichtblick findet der Autor auf seinen für die berufliche Fortexistenz fragenden Reportage-Besuchen in einem ausführlichen Gespräch mit dem 33jährig seine Profifussballer-Karriere aufgebenden Philipp Lahm in Bad Aibling. Der bringt „sieben Ratschläge eines Weltmeisters“ ins Gespräch ein aus seiner Zweit-Karriere als Einsteiger in individuell förderliche Nahrungs- und Körperpflege-Produkte:

  1. Die Gesetze der Branche erkennen,
  2. rechtzeitig sein Karriere-Ende im Blick haben,
  3. die Veränderungen am Arbeitsplatz mit den eigenen Werte-Vorstellungen abgleichen,
  4. selbst die Initiative für einen neuen Weg behalten,
  5. bereits in der Aktivzeit noch konkrete Projekte ins Auge fassen,
  6. in der Zweit-Karriere den eigenen Werten treu bleiben und
  7. das Neue unverzüglich beginnen.

Als hilfreiche Anstösse schildert der Buchautor die psychotherapeutischen Empfehlungen, eigener innerer, vermittelnder Richter seiner persönlichen Umbruchsituation zu sein und Neugierde auf einen veränderten Lebensabschnitt zu entwickeln.

Diskussion

Das Buch „Zu jung für alt“ hebt sich als subjektiverLagebericht eines vor der beruflichen Ausgliederung Stehenden nachhaltig von den vielen objektiven Ratgebern für die Betätigung im Ruhestand ab. Denn den Menschen Dieter Bednarz treibt die persönliche Kränkung über den drohenden Positionsverlust in seinem renommierten Verlagshaus merklich um. Diese Frustration steht hinter allen und über allen Erwägungen über die beim Berufsende ja doch vorhandene existentielle Absicherung, über die intakte Familiensituation, über das Einbringen von Lebenserfahrung und journalistischer Berufskompetenz in eine mögliche ehrenamtliche Betätigung als „Anknüpfer“.

Insofern scheidet auch die ehrenamtliche Pressearbeit für eine soziale Organisation für den gedemütigten Primemagazin-Redakteur aus. Wieviel hat Bednarz „tatsächlich mit rheumatischen Kindern, mit irgendeinem Freilichtmuseum oder einem Leben mit Behinderten zu tun“, fragt der Autor auf Seite 181 und gesteht: „Nichts!“. Insofern ist er ein schwieriger therapeutischer Fall. Er klebt am erreichten Prestige, sieht nicht, dass alles seine Zeit hat, und dass es auch „ein Leben danach“ gibt. Dieser Ton wehmütiger Larmoyanz stört bei der Lektüre. Gehört denn nicht auch Abschied zu unser aller Leben?

So nimmt auch das therapeutische Gespräch des Autoren mit Götz Mundle in seinem Reflexionsbuch einen breiten Raum ein. Der sich allseits umhörende Zweitkarriere-Sucher findet also erst einmal kaum Boden unter den Füßen. Die Selbst-Analyse endet so mit dem zuerst einmal wenig konkreten Ergebnis „Neustart“. Das Verwerfen aller anderen Möglichkeiten liest sich dank der Reportage-Kompetenz von Bednarz zwar flüssig. Systematische Herleitungen darf man nicht unbedingt erwarten. Dazu sind die geschilderten Begegnungen des Autoren zu zufällig. Und sogar Persönliches wie der Besuch mit der Familie im Europapark Rust wird mit metaphorischen Parallelen zwischen den die Gäste umher katapultierenden Fahrgeschäften und den austauschbaren Arbeitskräften eingefügt.

Vielfach wird Disparates zusammen gefügt, werden rezeptologische Abfolgen, wie sie in solchen Ruhestands-Ratgebern sonst üblich sind, durcheinander gebracht. Was auf Bednarz passen mag, eignet sich nicht für Müller oder Meier. Und auch Bednarz ist nicht aus dem Schneider. Am Ende mag vielleicht auch er als Autor weiterer Bücher und als Reportage-Journalist irgendwo bei irgendwem „Anknüpfer“ werden. Wenn die Berufsposition nur zum Fetisch für die eigenen Bedeutsamkeitsgefühle wird, wie es bei Bednarz durch scheint, dann hat der Autor sein Buch vor allem für sich selbst geschrieben. Immerhin treiben die Fragestellungen „Geht noch was?“ auch andere um, die die Erwägungen des Autoren mit ihren Antwort-Versuchen abgleichen können.

Positiv zu sehen ist, dass das Buch nicht nur Ausgliederungsfälle nahe oder kurz vor der Altersrente im Blick hat, sondern sich bei aller Problem-Subjektivität mit der Thematisierung einer Zweitkarriere auch für Karriereknicke mitten in der Erwerbs-Lebenszeit eignet, was heute bei weitem nicht nur für Profisportler, Ballett-Mitglieder oder Mannequins gilt, wo Körperkraft und äußere Ästhetik im Vordergrund stehen. Sicherheits-Berufler und das Heer von Erwerbsgeminderten müssen sich schon lange um Zweitjobs Gedanken für die Zeit bis zur Rente machen. In Zukunft kommen von der Digitalisierung Freigesetzte hinzu.

Das bei der traditionellen Ausgliederung drohende Phänomen der Altersarmut scheint insofern überzeichnet, als durchweg von individuellen Einkünften ausgegangen wird und die Tatsache des überwiegenden Lebens in Partnerschaften mit beiderseitigem Einkommen (und bei Tod des einen mit Hinterbliebenenansprüchen des anderen) nicht gebührend berücksichtigt wird. Auch im Haushalt des Buch-Verfassers steht ja mit der Anwaltskanzlei der Ehefrau eine weitere Einkommensquelle zur Verfügung.

So bleibt am Ende der Eindruck bestehen, dass ein alltäglicher Massenvorgang wie die berufliche Ausgliederung, für die es mannigfache sozialpolitische und zwischenmenschliche Kompensationen gibt, hier als therapeutischer Fall einer individuellen Deprivation aus der Eigenperspektive des Verfassers abgehandelt wird. Wobei aber durchaus Brauchbares und Wissenswertes in gut leserlichem Stil für andere Ältere auf Orientierungssuche mitgeteilt wird.

Fazit

Für das Problem des Berufsaustritts sind vielerlei Lösungen finanzieller und zwischenmenschlicher Art greifbar. Im Sachbuch „Zu jung für alt“ soll eine Zweit-Karriere die subjektive Kränkung des beruflichen Positionsverlierers wettmachen. Auch andere Lösungen wie Ehrenamt, Reiseaktivität, Kunst, Sport, Weiterbildung und Mentoring werden erwogen. Man erlebt ein bewußt unsystematisches, reportageartiges Durchstreifen des Terrains des Dritten Lebens, das am Ende offen lässt, ob es seinem sich selbst reflektierenden Verfasser weiter hilft.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 05.11.2018 zu: Dieter Bednarz: Zu jung für alt. Vom Aufbruch in die Freiheit nach dem Arbeitsleben. Edition Körber (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-89684-265-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25045.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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