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Wolf Lotter: Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken

Cover Wolf Lotter: Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken. Edition Körber (Hamburg) 2018. 219 Seiten. ISBN 978-3-89684-262-6. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Innovations-Inflation oder Innvations-Stau?

Die anthropologische Aufforderung, Neues zu denken und zu tun beruht auf der Erkenntnis, dass der Mensch qua Existenz und Sosein (eigentlich) ein Lebewesen ist, das auf Veränderungs- und Wandlungsprozesse angewiesen ist. Das konservative Verharren auf Bestehendem, das sich in dem wohlfeilen Spruch ausdrückt: „Das haben wir schon immer so gemacht!“, oder auch in dem verräterischen und entlarvenden Wahlslogan „Keine Experimente“ deutlich wird, drückt ja nichts anderes aus als die Unsicherheit und Angst vor Neuem. Doch Halt! Neues ist nicht grundsätzlich gut und wünschenswert. Es bedarf vielmehr einer verantwortungsbewussten und selbstkritischen Einstellung, die bestimmt wird von dem Bewusstsein, dass man dem Neuen Gutes und Besseres zutraut, aber ihm nicht blind vertraut. Es ist die politische Herausforderung sich darüber klar zu werden, dass der Mensch nicht alles tun darf, was er kann oder zu können glaubt.

Es tönt von allen Dächern, dass wir in einer Innovations- und Wissensgesellschaft leben. Noch einmal ein Halt! Nur dann, wenn es gelingt zu verstehen, dass das Wesen der Innovation aus Widerspruch und Kritik besteht und Wagnis, Erfahrung und Selbstverantwortung braucht. Neues ist nicht um des Neuen willen notwendig, sondern beruht auf Erworbenem und Weiterentwickelndem. Es beruht auf dem Denken, das der Königsberger Philosoph Immanuel Kant mit der Aufforderung ausweist: Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Innovation nach diesem Verständnis heißt demnach nichts anderes, als Neues zu schaffen und zu benutzen, damit die Menschheit gerechter, friedlicher, menschenwürdiger, humaner und nachhaltiger leben kann. „News for news“ darf deshalb kein Lebensprinzip sein, schon gar nicht „Fake news“ als Täuschung und Vorspiegelung von falschen Tatsachen (vgl. dazu: Rolf Arnold, Ach, die Fakten! Wider den Aufstand des schwachen Denkens, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23890.php). Es kommt vielmehr darauf an, Innovationen als Interventionen des Geistes und des intellektuellen Denkens und Handelns zu begreifen (Beate Binder, u.a., Hrsg., Eingreifen, Kritisieren, Verändern!? Interventionen ethnographisch und gendertheoretisch, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15279.php).

Autor

Der Journalist Wolf Lotter, Gründungsmitglied und Autor des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ setzt sich mit seinen Beiträgen für die Entwicklung der traditionellen Industriegesellschaften hin zu neuen Wissensgesellschaften ein. In seiner Streitschrift diskutiert er Innovationskompetenz als eine neue Form des barrierefreien Denkens. Der dafür notwendige Perspektiven- und Paradigmenwechsel ist nicht zu bewerkstelligen mit dem hergebrachten, hierarchischen Arbeits- und Produktionsdenkens (siehe dazu auch: Andrea Komlosy, Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17372.php); es braucht eine neue Innovationskultur.

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Mit dem Stichwort Innovationskultur beginnt der Autor Kapitel 1 seiner Schrift, wenn er feststellt: „Innovation ist das Andere, das Individuelle, das der Norm und der Masse, der Routine und der Regel widerspricht, bis es selbst der Norm und der Masse anheimfällt und selbst zur Routine und Regel wird“.

Das zweite Kapitel befasst sich mit den „Wellen der Erneuerung“. Es sind Bewegungen, Richtungen, Geschwindigkeiten und Zielperspektiven, die mit unterschiedlichen Erklärungsmustern und Modellen erklärt werden; etwa mit der sozialistischen eines Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew, der sozialpsychologischen eines Abraham Maslow, und der kapitalistischen eines Steve Jobs.

Im dritten Kapitel werden Fragen danach gestellt, was und wer ein Innovator ist. Die Typisierungen klingen eher wie Märchenerzählungen denn Analysen: Helden, Propheten, Eroberer. Genies, Erfinder und Entdecker; aber eben auch: Erkenner und Ermöglicher.

Im vierten Kapitel werden die Eigenschaften und Wertpositionen einer „Innovationsgesellschaft“ thematisiert. Da sind natürlich die Neugier, die Beständigkeit, Wagnis, Organisationstalent, Zuversicht, Selbstständigkeit, Kooperationsfähigkeit und Vertrauen. All das wird ermöglicht und befördert durch das richtige Denken (vgl. dazu auch: Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/17709.php). Es ist die Verantwortungskompetenz, zielgerichtet und bedacht Neues zu wagen, Blockaden eines „Das-haben-wir-noch-nie-so-gemacht“, oder eines „Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht“ zu überwinden, Risiken zu wagen, Fehlversuche und Misserfolge als Chance zum Umdenken zu begreifen.

Fazit

Der Zwischenruf „Innovation“ beinhaltet Bekanntes und Überraschendes. Er ist ein Mutmacher für eine neue Innovationskultur: „Der Anfang aller Innovation ist selbstständiges Denken“, nicht im Elfenbeinturm oder im abgeriegelten Labor, sondern mit individuellem und kollektivem, lokalem und globalem lebensweltlichem Bewusstsein. So zeigt sich sogar das, was in Bildungs- und Erziehungsprozessen immer wieder gefordert, erprobt und versucht wird, nämlich die Menschen davon zu überzeugen, dass sie gebildet und aufgeklärt sein wollen, und damit die Kompetenz erwerben, innovationsfähig zu sein (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen! In: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363 – 373).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 01.11.2018 zu: Wolf Lotter: Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken. Edition Körber (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-89684-262-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25046.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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