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Anne Deremetz (Hrsg.): Die BDSM-Szene

Cover Anne Deremetz (Hrsg.): Die BDSM-Szene. Eine ethnografische Feldstudie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 236 Seiten. ISBN 978-3-8379-2812-9. D: 25,60 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft - Band 13.
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Thema

Das Buch behandelt die soziale Organisation des Sadomasochismus, soweit dieser für ein Publikum zugänglich ist. Es ist dies ein Teilbereich des von der Normalform abweichenden geschlechtlichen Begehrens – die so genannte Fetisch- und Gewaltszene. Früher lautete das geläufige Kürzel hierfür S/M, und die Sexualform war als pervers markiert. Inzwischen hat sich der Bereich erweitert; neben das Erleben von Erniedrigung, Verletzung und Schmerz sind Spielszenen getreten, in denen interessante Rollensituationen wie Arzt-Patient, Lehrerin-Schülerin usw. nachgeahmt werden. Die Lust entsteht hier aus dem Nachvollzug hierarchischer Strukturen.

Entstehungshintergrund

Die Autorin hat an bayerischen Universitäten Soziologie studiert und arbeitet aktuell in einem Graduiertenkolleg an ihrer Dissertation. Das Buch dürfte auf der Grundlage ihrer Masterthese entstanden sein. Sie hat auch andere sozialwissenschaftliche Texte aus ihrer Studienzeit separat veröffentlicht.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer sozialtheoretischen Grundlagenorientierung, bezogen auf Sozialkonstruktivismus und Diskursanalyse (S. 17-40). Den Löwenanteil des Texts nimmt, wie im Untertitel angekündigt, eine Feldstudie ein (S. 62-201). Zusammenfassungen und Erweiterungen komplettieren die Studie.

Inhalt

Im Mittelpunkt des Leseinteresses steht ein Bericht über Veranstaltungen, auf denen sexuelle Begegnungen im Zeichen von BDSM ermöglicht werden. Das Akronym kürzt die englischen Wörter Bondage, Discipline, Dominance und Submission ab. Betrieben wird jeweils ein „Spiel um und mit Macht, Kontrolle, Gewalt und Sexualität“ (S. 10). Die Veranstaltungen werden von Kleinunternehmern angeboten; sie stehen für Interessierte offen. Früher wurden solche Handlungen sie umstandslos pathologisiert, wenn nicht gar kriminalisiert. Inzwischen stehen sie der in gesellschaftlichen Bewertung auf der Grenze zwischen Normalität und Nicht-mehr-Normalität (S. 50).

Der Bericht darüber beruht auf je einem Interview mit den Betreiber*innen von fünf verschiedenen Veranstaltungstypen. Ferner hat die Verfasserin die Abläufe vom Rande des Geschehens her beobachtet, indem sie vor Ort als Tresenkraft arbeitete oder sich als beauftragte Besucherin ausgab. Indem die Autorin BDSM als eine ‚Szene‘ ansieht, d.h. einen Ort sexuellen Handelns, kann sie folgende Themen ansprechen: Zugang zur Szene, Regeln und Verbote. Reale Gewalt und Gewaltspiel werden unterschieden (S. 94-97). Die typischerweise vorkommenden Events werden beschrieben (S. 105-124); dieses deskriptive Kapitel bildet für Neugierige vermutlich den interessantesten Teil der Studie.

Anhand der Interviews werden Organisation und Abläufe der BDSM-Treffen geschildert: wer teilnimmt, wie lange ein Event dauert, was es bietet, wie sich die Differenzen Frau/Mann bzw. hetero/homo geltend machen (S. 125-201). Die Informationen, geordnet nach dem Gesprächsleitfaden (S. 62, 80), kommen von den Veranstaltern, nicht von den Besuchern.

Das Erkenntnisinteresse der Autorin zielt auf die Grenzen, wie sie gesetzt und eingehalten werden. Darüber hinaus finden sich anregende Seitenbemerkungen zur Fluidität des Phänomens: Kaum, dass der Begriff BDSM bekannt geworden ist, erfährt die Sexualform eine Aufspaltung, insofern die Veranstaltungen sich an spezifische Begehrensrichtungen wenden müssen, um weiterhin Zulauf zu finden; Sexualität allein verbinde nicht mehr (S. 215).

Diskussion

Im sozialtheoretischen Vorspann wird das Hauptthema nur gestreift. Erst im Fazit (S. 211-221) finden die gedanklichen Linien zueinander.

Die Feldstudie zu den fünf Veranstaltungstypen ist anschaulich geschrieben und ermöglicht einen umfassenden Blick in verborgenes Geschehen. Der wissenschaftliche Anspruch führt zu einer stringenten Strukturierung, zum Verzicht auf jeden Sensationalismus und zu einer soliden Erstinformation. Der Text – im Hauptteil, also im Bericht zur Feldstudie – ist anschaulich geschrieben, verlässt hier kaum das Niveau einer Recherche anspruchsvoller Journalistik. Sozialtheoretisch Interessierte können sich an die Einleitung sowie an die raumsoziologische These halten, allerdings ohne dort mehr über das titelgebende Thema zu erfahren. Aus der Feldstudie heben sich diejenigen Passagen heraus, in denen eine Binnendifferenzierung und die Wandlungstendenzen angesprochen sind.

Den ‚harten Kern‘ des Geschehens – das sexuelle Handeln in BDSM-Situationen – braucht die Studie nicht anzusprechen; die norm- und wissenssoziologische Perspektive auf Konstruktion und Diskurs erspart ihr (und uns) das. Damit bleibt der ‚Elefant im Raum‘ unsichtbar. Wohl aber hören wir viel dazu, wie auf jenes Geschehen geblickt wird.

In einer Art von Exkurs bietet die Verfasserin eine „Gentrifizierungsthese“ zur Erklärung des Phänomens an (S. 203-209). Danach bilden sich durch Grenzziehung neue soziale Räume; die sexuellen Praktiken des BDSM werden hierher „verdrängt“, d.h. „gentrifiziert“ (S. 205). Das klingt so, als würde BDSM nur in den organisierten Zusammenhängen ausgeübt. Demgegenüber ist festzuhalten, dass diese Begehrensform zuerst und parallel in privaten Zweierkonstellationen entstanden ist und heute vor allem durch individuelle Partnersuche im Netz realisiert wird.

Fazit

Das Buch beschreibt einige Erscheinungsformen subkultureller Sexualität, in denen sadomasochistische und fetischistische Impulse mit anderen ausgelebt werden können. Geschildert werden die Erfahrungen mit kommerziell organisierten Veranstaltungen aus der Sicht der Betreiber. Berichtet werden Tendenzen zur Differenzierung und Spezialisierung der Nachfrage. Hingewiesen wird auf die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Klientel sowie zwischen Homo- und Heterosexualität. Im Vergleich zu früheren Studien wird einerseits eine Konstanz der Begehrensform, andererseits ein gewisses Ausmaß an Stiländerungen deutlich. Die Studie eignet sich vor allem für einen ersten Einblick in eine sexuelle Randszene.


Rezensent
Dr.phil. Dr.jur. Rüdiger Lautmann
Jg. 1935, arbeitete von 1971 bis 2010 als Professor für Soziologie an der Universität Bremen und lebt jetzt in Berlin. Zahlreiche Publikationen zu Recht und Kriminalität, Geschlecht und Sexualität.
Homepage www.lautmann.de
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Zitiervorschlag
Rüdiger Lautmann. Rezension vom 06.03.2019 zu: Anne Deremetz (Hrsg.): Die BDSM-Szene. Eine ethnografische Feldstudie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2812-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25048.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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