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Henning Ritter: Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid

Cover Henning Ritter: Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid. Verlag C.H. Beck (München) 2004. 223 Seiten. ISBN 978-3-406-52186-7. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Hintergrund

Im Abstand weniger Wochen sehen wir Bilder der Katastrophen, die in ungeahnten Ausmaßen Zerstörung, Tod und Leid hinterlassen: der Tsunami in Südostasien, die Hungersnot in Darfur, der Hurrikan über New Orleans. Die Orte des Schreckens sind weit, aber die Bildberichte bringen sie nahe, sie erregen, sollen Mitgefühl erwecken und sind häufig mit Aufrufen verbunden, die uns deutlich machen, dass man etwas tun kann: zumindest spenden. Gelegentlich stellt sich Misstrauen ein: täuscht der Enthusiasmus, der uns nicht nur zur Export-, sondern auch zu Spendenweltmeistern gemacht hat, nicht über das tägliche Elend hinweg, das, nah oder fern, ganz andere Anstrengungen zu seiner Linderung oder gar Abschaffung verlangt als karitative? Die globale Solidarität für Erdbebenopfer im Iran oder hungernde Kinder in Indien ist gewiss unverächtlich. Aber ohne die Medien ist den meisten der arbeits- und perspektivlose Jugendliche in Rüsselsheim genauso fern wie der Obdachlose in Louisiana.

Inhalt

Die Möglichkeit oder vielmehr Unmöglichkeit des Mitleids mit (geographisch) fernem Unglück ist eins der Leitmotive in Ritters Untersuchung. Sie ist literatur- oder motivgeschichtlicher Art und konzentriert sich auf die französische und englische Philosophie des 18.Jahrhunderts mit Ausblicken auf Balzac und Freud, Bergson und Jünger. Das philosophisch zentrale Thema ist das Verhältnis von Egoismus und Mitgefühl, wobei die Problematik einer rationalen Begründung von Moral und die Verbindung zur Politik leider weit gehend ausgeblendet werden.

Ritter gliedert seine Arbeit in vier Teile und 43 kürzere Kapitel, die zum Teil nur lose miteinander verknüpft sind.

  1. Der erste Teil geht aus von einem Denkbild bei Balzac, das die Frage stellt, ob wir einen im fernsten Osten lebenden unbekannten Mann, dessen Tod uns reich machen könnte, töten würden, wenn dies allein durch einen Gedanken und völlig unbemerkt möglich wäre. Für Ritter zielt diese Geschichte - tatsächlich eine Variation der alten Frage: würden wir uns weigern, unmoralisch handeln, wenn wir einen Vorteil hätten und absolut sicher vor Entdeckung wären? - auf die Schwierigkeiten des Mitleids mit Unbekannten, letztlich wohl gegen eine internationalisierte Moral: "Menschlichkeit lässt sich nicht soweit ausdehnen, dass sie auch Unbekannte in großer Entfernung einschließt."(44) Zu dieser Einschätzung kann man freilich nur kommen, wenn man Moral auf Mitleid einschränkt und die mediale Schein-Aufhebung der Entfernung ignoriert.
  2. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den relativistischen Verunsicherungen, die durch die Entdeckung überseeischer Kulturen hervorgerufen wurden. Montaigne und Rousseau werden als Vertreter einer "Deregulierung" und "Regionalisierung der Vernunft" ins Feld geführt, die dem Universalismus der moralischen Vernunft, wie er von Voltaire oder Beccaria vertreten wird, skeptisch gegenüber stünden. Demnach kann auch die Verbindung des Mitleids mit der Vernunft den Anwendungsbereich der Moral nicht ausdehnen. Aber schon bei Montaigne hatte, was Ritter ignoriert, die Erfahrung der kulturellen Relativität zum Appell an die Vernunft geführt, die eigenen Gewohnheiten zu überprüfen. Rationalistische Ethiker und Universalisten wie Spinoza und Kant reagieren auf die Herausforderung des Kultur- (und natürlich auch des Geschichts-) relativismus mit Konzeptionen, die das Mitleid ausschließen. Das mag genauso problematisch sein wie seine Beschränkung auf das nächste Umfeld, zeigt aber deutlich, dass man auch die Geschichte der Moralphilosophie nicht auf das Problem Mitleid vs. Egoismus reduzieren kann.
  3. Der dritte Teil setzt an der Wirkung an, die das Erdbeben von Lissabon (1755) in der Intellektuellenwelt Europas, v.a. bei Voltaire, hinterlassen hat, um sich dann ausgiebig der frühen moraltheoretischen Schrift von Adam Smith, des späteren Begründers der klassischen Nationalökonomie, zu widmen. Ritter sieht in Smiths "Theorie der moralischen Gefühle" einen Versuch, die Gefühle einzuschränken und zu beherrschen und er macht auf Keime der späteren ökonomischen Ansichten aufmerksam (v.a. der These von der invisible hand, der Diskrepanz von individuellen Absichten und gesamtgesellschaftlichem Resultat).
  4. Im vierten Teil schließlich werden die Freundschaft und das Zerwürfnis von Rousseau und Diderot thematisiert, wobei das fiktive Beispiel eines Philosophen, der sich die Ohren zuhält, um die Schreie eines Mordopfers unter seinem Fenster nicht zu hören und sich der Entwicklung seiner philanthropischen Theorien widmen zu können, den Ausgangspunkt bildet. Die Darstellung ist etwas verschlungen, denn sie verwebt die Frage der Autorschaft für jene Fiktion (Diderot oder Rousseau) mit Spekulationen über die persönliche Entwicklung und der Wiedergabe von Rousseaus Zivilisations- , Wissenschafts- und Philosophiekritik.

Beurteilung

Ritter liefert eine Menge interessantes Material in gut leserlicher Portionierung. Er zitiert häufig, aber leider ohne konkrete Nachweise, wodurch die wissenschaftliche Brauchbarkeit für den Nichtfachmann beschränkt wird. Die Position des Autors drängt sich nirgends auf, bleibt durch Verzicht auf explizite Aktualisierung eher verborgen. Dennoch kann kein Zweifel bestehen, woher der Wind weht. Ritters "Essay" ist der Versuch, mit Hilfe selektiver Interpretationen vor allem der französischen Aufklärung die Position zu vergegenwärtigen, die Arnold Gehlen zu Beginn der 70er Jahre (in: Moral und Hypermoral) mit seiner Polemik gegen Hypermoral, Humanitarismus und Dauerreflexion vertreten hatte. Man darf das relative Recht dieser Position nicht verkennen: Das Herzklopfen für das Wohl der Menschheit ist unaufrichtig, wenn es keinen konkreten Handlungsbezug hat, und es kann zur Ablenkung von den Verpflichtungen und Handlungsmöglichkeiten im nahen Umfeld führen. Wenn diese Überlegung jedoch die Verantwortung für die Vermeidung oder Linderung des Leidens (räumlich oder zeitlich) Fernstehender leugnet- und damit die Notwendigkeit einer politischen Moral, die über die Opferbereitschaft des Patriotismus hinaus geht, negiert - wird sie zur ideologischen Legitimation des bürgerlichen Egoismus, der noch nie Schwierigkeiten hatte, die eigenen Leute mit einzuschließen.


Rezensent
Prof.em. Dr. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 25.10.2005 zu: Henning Ritter: Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid. Verlag C.H. Beck (München) 2004. ISBN 978-3-406-52186-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2505.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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