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Chris Iveson, Evan George u.a.: Brief Coaching

Cover Chris Iveson, Evan George, Harvey Ratner: Brief Coaching. Ein lösungsfokussierter Ansatz. SolutionSurfers Magyarország (Budapest) 2018. 241 Seiten. ISBN 978-615-80268-3-3.

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Thema

Coaching ist ein breit aufgestellter Begriff und ein mindestens ebenso weit gefasstes Arbeitsfeld. Gleiches gilt für den lösungsorientieren Beratungs- und Therapieansatz, der seinen Ursprung in der sogenannten Milwaukee Schule um Steve de Shazer und Insoo Kim Berg hat. Deutlich enger gefasst sind jedoch die Umsetzungen eines radikaler geführten lösungsfokussierten Ansatzes und dessen Umsetzung, auch und gerade im Coaching. Lösungen intendieren eine potenzielle Veränderungsoption aus den Vorstellungen der Adressat*innen selbst heraus, in dem Sinne, dass (wieder) eine selbstgesteuerte Lebendigkeit in die alltagsgestalteten Prozesse einkehrt. Der Knoten der gefühlten und zum Teil erlebten Starre, die Ohnmacht und der Mangel an Handlungsoptionen löst(!) sich durch diesen Prozess. Lösungsbilder (Shazer/ Dolan 2008) sind dabei Imaginationen eines zukünftig veränderten Zustands, die durch ihre möglichst detailreiche Ausmalungen insbesondere von handlungsbezogenen Interaktionen im alttäglichen Netzwerk der sozialen Beziehungen eine motivierende Attraktivität gewinnen. Daraus handlungsunterstützende, wohlformulierte Ziele zu erarbeiten, die in ihrer Konkretheit sich auf nächste, im Bezug zu bestehenden Ressourcen, realisierbare und realistische Handlungsschritte beziehen, die maßgeblich durch die Adressat*innen selbstinitiierbar sind, wird zum zentralen beraterischen Handwerkszeug durch die Konstruktion kommunikativer Lösungsräume. Dabei geht es jedoch nicht allein und maßgeblich um das Erreichen der ausgearbeiteten Ziele als vielmehr das durch das Gehen dieser geplanten Wege ermöglichte Erleben einer Selbstwirksamkeit im Sinne der oben benannten (Wieder)Einkehr von selbstgesteuerter Lebendigkeit durch die Adressat*innen selbst.

Das Besondere am hier vorgestellten BRIEF-Ansatz ist die Radikalität: „Es wird alles unternommen, um jegliche absichtsvolle Beeinflussung durch den Coach auszuschließen. […] Wenn wir dem Kunden zutrauen, dass er seine eigenen besten Entscheidungen trifft, dann trifft der Kunde diese Entscheidungen schneller“ (S. 21).

Autoren

Chris Iveson, Evan George, Harvey Ratner sind allesamt Gründungsmitglieder von BRIEF, einem bereits im Jahr 1989 gegründeten Coaching-, Therapie- und Weiterbildungsinstitut in London.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort folgt eine inhaltliche Einleitung, in der der historische Entwicklungsprozess sowie die markanten Aspekte des lösungsfokussierten Ansatzes im BRIEF Coaching zunächst prägnant skizziert werden und es hier schon nachvollziehbar wird, weshalb BRIEF eine ausgesprochen passende Bezeichnung darstellt: so wenig Interventionen und in kürzester Dauer wie möglich.

Grundsätzlich sehr hilfreich an diesem Buch ist, dass jedes nun folgende Kapitel – wie in einem Lehrbuch – mit einer kleinen Zusammenfassung und einer kleinen Übung abgeschlossen wird.

Es folgt ein Kapitel zu den Prinzipien von Brief Coaching, in dem maßgeblich die ‚Philosophie‘ und ‚Haltung‘ geklärt und die gesprächsführende Rolle des bzw. der Berater*in nachvollziehbar gemacht wird.

Dann folgen Kapitel, die grundsätzlich den Verlauf eines Coachinggesprächs nachzeichnen: Vom Aushandeln einer Vereinbarung zu Beginn, dem Klären der gewünschten Zukunft, dem Identifizieren von Gelingendem und den Ausnahmen vom ‚Problem‘, den Einsatz von Skalen sowie dem Beenden einer Sitzung. Zudem werden Aspekte der Folgesitzung(en) skizziert, ein durchaus ausführliches Beispiel mit einem Transkript von einem Coachingprozess ausgeführt, in dem die zuvor beschriebenen Aspekte praxisnah in der Anwendung nachvollziehbar werden sowie ein weiteres, sehr interessantes Kapitel, das die Coachingexpertisen für Führungskräfte darlegt.

Das Buch endet inhaltlich mit einem kurzen Kapitel ‚Zum Schluss‘: „Lösungsfokussiertes Coaching ist ein einfaches Geschäft. […] Es ist einfach aber nicht simpel, und es wird, wie beim Erlernen einer neuen Sprache, nur durch fortgesetztes Üben besser.“ (S. 214) Der Lehrbuchcharakter für dieses Üben wird durch den sehr anregenden Anhang unterstützt, in dem eine Reihe möglicher Fragen systematisiert nach Phasen und Anlässen aufgelistet sind sowie ein ‚Bonus Track‘ (S. 226) in Form eines weiteren Transkriptes von einem Beratungsgespräch aus der Praxis der Autoren.

Diskussion und Fazit

Gerade in den bio-psycho-sozialen Handlungsfeldern wird viel über die sogenannte professionelle Distanz geschrieben und geredet. In diesem Buch findet sich ein wunderbarer Fundus für die Gestaltung einer professionellen Nähe. Die Nähe entsteht durch die durchweg wertschätzende und respektvolle Haltung. Jedes Problem ist in seinem spezifischen Kontext einzigartig und jeder soziale Interaktionszu­sammenhang besitzt eine je eigene Komplexität, die es anzuerkennen gilt. Lösungsfokussierte Beratung achtet dies, indem sie die „Fertigkeit des Nichtwissens“ (Jong/ Berg 2003, S. 46) als eine professionelle Haltung, verbunden mit einer entspre­chenden methodischen Kommunikationstechnik einsetzt. So werden mit größtem Respekt und tiefer Wertschätzung der Wille, das Wissen und die Ressourcen der Adressat*innen herausgearbeitet. Statt aus einer Position des Expert*innenwissens heraus, gelingt es den Coaches durch diese ‚Fertigkeit des Nichtwissens’ im Bezugsrahmen der Adressa­t*innen zu bleiben und sehr genau darauf zu achten, was ihnen jeweils wichtig ist und wozu sie bereit sind und sich fähig halten, um Veränderungen einzuleiten. Professionell bleibt diese Nähe eben auch dadurch, dass es aus dieser Haltung heraus keine inhaltliche Einmischung geben kann. Ein tolles, praxisnahes und ermutigendes Lehrbuch, das einen respektvollen und durchaus sehr anspruchsvollen, wenngleich nicht komplizierten Ansatz darlegt.

Literatur

Jong, Peter de/ Berg, Insoo Kim (2003): Lösungen (er-)finden. 2. Aufl. Dortmund

Shazer, Steve de/ Dolan, Yvonne (2008): Mehr als ein Wunder – Lösungsfokussierte Kurztherapie heute. Heidelberg


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Professor für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Gemeinwesenarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 23.05.2019 zu: Chris Iveson, Evan George, Harvey Ratner: Brief Coaching. Ein lösungsfokussierter Ansatz. SolutionSurfers Magyarország (Budapest) 2018. ISBN 978-615-80268-3-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25050.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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