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Steffen K. Herrmann: Ich - Andere - Dritte

Cover Steffen K. Herrmann: Ich - Andere - Dritte. Eine Einführung in die Sozialphilosophie. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2018. 205 Seiten. ISBN 978-3-495-49003-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Der vorliegende Band widmet sich der Einführung in die Sozialphilosophie. Auf dem Buchmarkt liegen seit den letzten Jahren einige Einführungsbände in die Sozialphilosophie vor, unter anderem die beliebte Einführungen von Rahel Jaeggi, Thomas Bedorf, Norbert Röttgers und anderen. Das vorliegende Buch bietet mit der Aufteilung in drei Figuren des Sozialen: Ich, Andere und Dritte. Jedes Kapitel über diese Sozialfiguren ist wiederum in drei weitere Unterkapitel aufgeteilt, die wiederum klassischen Autoren gewidmet sind. So bietet der vorliegende Band sowohl eine Einführung in zentrale Themen der Sozialphilosophie wie auch in das Werk klassischer Autoren.

Autor

Dr. phil Steffen Herrmann studierte Philosophie und Soziologie und arbeitet derzeit als Akademischer Rat an der FernUniversität Hagen.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band beruht in weiten Teilen auf einem Studienbrief, den der Autor im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der FernUniversität Hagen ausgearbeitet hat.

Aufbau

Der vorliegende Band gliedert sich grob in neun inhaltliche Kapitel, drei Kapitel bilden jeweils einen Schwerpunkt, „Ich“, „Andere“ oder „Dritte“. Das Buch ist sehr geschickt gegliedert, da jeweils in ein sozialphilosophisches Thema eingeführt wird und einen einschlägigen Vertreter der Sozialphilosophie. Damit möchte der Band mit jedem Unterkapitel in grundlegende Figuren, Grundbegriffe und klassische Autoren der Sozialphilosophie einführen.

Inhalt

Die Kapitel selbst sind aufgeteilt in kleinere Abschnitte von 1–2 Seiten Umfang mit Marginalien versehen, was der Übersichtlichkeit und dem Selbststudium sehr entgegen kommt. Das Gleiche kann über die Literaturhinweise gesagt werden, die am Ende eines jeden Kapitels als Vorschläge zur weiteren Lektüre gegeben werden. Da mit Einleitung und Schluss insgesamt elf Kapitel vorliegen, kann der vorliegende Band auch sehr gut als Grundlage für eine Lehrveranstaltung dienen.

Im Einführungskapitel wird eine Antwort angeboten, was Sozialphilosophie sei. Anders als Sujets der philosophischen Reflexion wie Recht, Politik oder die Wirtschaft wird das Soziale als der gemeinsame Boden eingeführt, auf dem Institutionen wie Recht, Wirtschaft oder die Politik sich entfalten können. In der historischen Dimension wird Sozialphilosophie in die Tradition der Aufklärung gestellt. Mit der schwindenden Überzeugungskraft von religiösen oder traditionellen Formen des Zusammenlebens stellt sich die Frage, wie das gute Zusammenleben aussehen sollte, nachdrücklich. Es wird auf den im 19. Jahrhundert auftretenden doppelt freien Arbeiter (Marx) hingewiesen, die Verelendung der Arbeiterschaft, die Verrohung der Sitten etc., was heute als die „Soziale Frage“ (S. 10) bekannt ist. In Abgrenzung zur klassischen Soziologie Max Webers wird die Sozialphilosophie, die nicht nur gesellschaftliche Begriffe beschreiben will, sondern als „normativ-kritische“ Wissenschaft eingeführt. In der Sozialphilosophie der Gründerväter – Rousseau, Hegel, Marx – sei Analyse und Kritik nicht zu trennen gewesen (S. 14). Das Einleitungskapitel wird mit Hinweisen auf die Sozialphilosophie Honneths als „Analyse sozialer Pathologien“ weitergeführt. Da eine Krankheitsmetapher im sozialtheoretischen Kontext nicht unproblematisch erscheine (S. 15), werden die Maßstäbe der Kritik referiert.

Die Konzeption des Bandes folgt dem Konzept einer Sozialontologie. Um die Frage nach einem „sozialen Wir“ beantworten zu können, wird zunächst die Frage nach dem „Ich“ beantwortet, denn das Subjekt speise sich in seinem Selbstverständnis durch Interaktion mit dem Anderen. Neben dem Andern wird eine weitere Sozialfigur eingeführt, die des Dritten. Dieser Dritte ist nicht ein weiterer Anderer, sondern gibt dem sozialen Gefüge eine neue Qualität, bzw. wird auch als Grundlage für soziale Interaktionen betrachtet. „Der Dritte, egal ob personell, materiell oder institutionell gefasst, stellt das Milieu bereit, in welchem Ich und Du sich allererst (sic!) begegnen“ (S. 20).

Zum Schluss wird das Motiv der sozialen Pathologien aufgegriffen und auf die in diesem Band eingeführten sozialen Figuren angewendet, wiederum in Selbst-, Fremd-, und Weltbezüge. Die Auswahl der Autoren bietet vor allem Perspektiven an, die in einer phänomenologischen Tradition (z.B. Merleau-Ponty, Levinas) stehen an. Neben den in einer eher kritisch-dialektisch stehenden Einführung von Rachel Jaeggi ist ein Einführungsband in diese Theorierichtung ein lesenswerter Kontrast, an einigen Punkten kommt es zu einer inhaltlichen Nähe, z.B. was die Ausführungen zu Anerkennung (Honneth) angeht.

Diskussion

Bei der Diskussion eines Einführungsbandes in die Sozialphilosophie stellt sich immer die Frage, ob es eine weitere Einführung benötigt hätte, da der Markt diverse weitere Einführungsbände anbietet, die ebenfalls als Paperback erhältlich sind. Die Frage, ob es eine weitere Einführung bedürfe, kann eindeutig bejaht werden.

Die Einordnung der Sozialphilosophie in die kritische Tradition ist positiv hervorzuheben, es werden verschiedene kritische Perspektiven auf die Gesellschaft vorgeschlagen. In Hinblick auf die Auswahl der Autoren ist der Band bemerkenswert, da vor allem Sartre und Merleau-Ponty, Honneth und Latour über die Lektürehinweise der Einführungen von Horster und Jaeggi hinausgehen. Ebenso ist das Einbeziehen der Sozialfiguren „Leib“ und der „Dinge“ nicht selbstverständlich, in der Zuspitzung mit Selbst- Fremd und Weltbezug nachvollziehbar und überzeugend.

Die Einteilung in Ich-Andere und Dritte gibt der vorliegenden Einführung eine große Originalität. Anstatt der naheliegenden Versuchung zu erleiden, eine Serie von oberflächlichen Betrachtungen verschiedener Autoren anzubieten, werden die Werke der Autoren in einen größeren Zusammenhang gesetzt.

Fazit

Der vorliegende Band ist für Studierende und Lehrende der Fächer Philosophie und Soziologie als Lektüre empfohlen. Der Einführungscharakter wird besonders daran deutlich, dass der Band zu weiteren philosophischen Lektüren und Studien inspiriert.


Rezension von
Martin Gloger
Diploma Hochschule – Fachhochschule Nordhessen
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Zitiervorschlag
Martin Gloger. Rezension vom 21.12.2020 zu: Steffen K. Herrmann: Ich - Andere - Dritte. Eine Einführung in die Sozialphilosophie. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2018. ISBN 978-3-495-49003-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25053.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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