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Magdalena Knappik: Schreibend werden. Subjektivierungs­prozesse in der Migrationsgesellschaft

Cover Magdalena Knappik: Schreibend werden. Subjektivierungsprozesse in der Migrationsgesellschaft. wbv Media (Bielefeld) 2018. 245 Seiten. ISBN 978-3-7639-5968-6. 44,90 EUR.

Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft, 6.
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Thema

Akademische Arbeiten spielen sich immer vor einem Hintergrund ab. Sie verfolgen ein Ziel, ein Problem zu beschreiben oder zu lösen.

Worum soll es hier gehen? Wir haben es ja eigentlich mit einem interessanten Thema zu tun. Es geht um das verdienstvolle Projekt, das Schreiben in deutscher Sprache im Kontext einer Institution zu vermitteln, sei es Schule, sei es Universität oder Volkshochschule. Kompliziert wird dies durch den Gedanken der Migrationsgesellschaft samt deren Erstsprachlern und Zweitsprachlern. Ging es darum, Schreiben in deutscher Sprache an Migranten zu vermitteln? Oder ging es darum, die Macht der „Geltung als erstsprachliches Subjekt“ zu problematisieren?

Im Mittelteil der Arbeit findet sich eine qualitative Forschung: Schreibbiographien als Erhebungsinstrumente, „Lebensgeschichte als Schreibende_r“.

Aufbau und Inhalt

Die Dissertation ist wie folgt aufgebaut:

  1. Einleitung.
  2. Schreibentwicklung: Stand der Forschung,
  3. Eine subjektivierungstheoretische Modellierung von Schreibentwicklung.
  4. Methodologie und Methode.
  5. Darstellung der Grounded Theory: Schreibentwicklung als Aushandlung von Viabilität.
  6. Gesamtdarstellung, Reflexion und Implikation der Ergebnisse.

Interessant immerhin der Schlussgedanke: Für ein Schreiben, das mehr kann und mehr will als Viabilität.

Die Autorin belastet ihr Projekt mit zahlreichen theoretischen Ansprüchen und umstellt es mit ausgeklügelten Problemansichten. Denn sie will nicht allein Kenntnisse des Schreibens in der deutschen Sprache vermitteln, sondern ein „starkes Schreibenden-Subjekt entwickeln“ (219), „das nicht in beständiger Gefährdung schreibt“ (219). Sie unternimmt den Schritt, „einen Ausschnitt dieser Subjektwerdung zu konstruieren: Die Entstehung von sogenannten Schreibenden-Subjekten“ 19).

Es geht der Autorin um „ein Schreiben, das mehr sein will und das mehr sein kann, als das Erreichen von Viabilität“ (221). „Die In-Beziehung-Setzung der Subjekte mit ihrem Kontext geschieht über einen längeren Zeitraum hinweg im Medium des Schreibens: In der Aneignung der Praktiken des Schreibens und in der je spezifischen Ausführung dieser Praktiken“ (121). Sie differenziert hierbei analytisch Schreiben vor einer Viabilitätserfordernis, Schreiben für Viabilität, Schreiben in Viabilität. Viabilität meint die Bedingungen dafür, als Schreibenden-Subjekte als möglich zu gelten – zum Beispiel als möglich in einer bestimmten Institution, in der Abschlüsse erworben werden können (121).

Schreiben in Viabilität „enthält die Eigenschaft, dass schreibende Subjekte innerhalb des Viabilitätskontextes – innerhalb dessen, was von ihm erwartet wird – schreibhandlungsfähig sind. Das bedeutet aber nicht, dass nun ‚alles gut‘ ist“ (214).

In der Perspektive dieser Arbeit sind Schreibende jene Menschen, die Schreibakte vollziehen. Sie fragt nun, wie sich Konstitutionsprozesse von Schreibenden-Subjekten in der Migrationsgesellschaft vollziehen (20). Wie vollziehen sich Aushandlungsprozesse von Ermöglichung und Unterwerfung in Bezug auf das Schreiben in Institutionen und welche Schreibenden-Subjekte entstehen dabei (21)? In welchem Zusammenhang stehen diese Aushandlungsprozesse mit migrationsgesellschaftlichen lingualen Differenzierungen (21)?

Die Autorin unterscheidet „zwischen Menschen, die als erstsprachliches Subjekt des Deutschen gelten und solchen, die als nicht zu dieser Kategorie zugehörig angesehen werden“ (21). Doch nicht genug damit, sie vertritt dabei noch eine „nichtbinäre Konzeption von Geschlecht“ und liefert einen „Beitrag zur Hinterfragung des Konstruktes binärer Geschlechtlichkeit“ (21).

Über den Rekurs auf die Kategorie ‚Erstsprache Deutsch‘ funktioniert eine Über- und Unterordnung (197). Diskriminierung lauert überall: „Eine anerkennende Aussage über ein sehr hohes Niveau an Deutschkenntnissen ist eine Adressierung als nicht-erstsprachliches Subjekt des Deutschen“ (219).

Ihr Fazit, als „Grounded Theory“: „Es geht beim Schreiben in Bildungsinstitutionen immer um die Aushandlung von Viabilität“ (210). Zu ihren Desiderata gehört u.a. die Frage, welche Rolle die Beurteilungspraxis tatsächlich für die Entstehung von Schreibenden-Subjekten spielt. Es könnte sein, dass nicht die Beurteilungspraxis der entscheidende Faktor für die Entwicklung von solchen Schreibenden-Subjekten ist, die nach Viabilitätskriterien schreiben, ohne dies als machtvolles Mittel zu erleben. Letzteres scheint aber der Autorin wichtig.

Fazit

Es gibt Bücher, die nur überaus mühevoll zu lesen sind. Um ein solches Handelt es sich bei der Arbeit von Magdalena Knappik, „Subjektivierungsprozesse in der Migrationsgesellschaft“. Dies hat eine sprachliche und eine inhaltliche Seite.

Bei dem Buch handelt es sich um eine Dissertation. Das ist zu bedenken. Sozusagen als mildernder Umstand. Denn die akademische Übung prägt Schreibstil und Lesbarkeit nachhaltig. Was ist das Leid von Dissertationen? Alles und Jedes muss begründet und mit Zitat belegt werden. Um jeden Gedanken muss zudem eine Theorie geflochten werden. All dies kann zu Komplikationen führen und ist in der Lage, die Narration stocken zu lassen und mit geschraubten Formulierungen die Lesbarkeit zu erschweren.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Waldemar Schuch
Lehr- und Kontrollanalytiker, Lehrsupervisor, Vis. Professor am Departement für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit der Donau-Universität Krems
Homepage www.hwschuch.de
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Zitiervorschlag
Hans Waldemar Schuch. Rezension vom 06.06.2019 zu: Magdalena Knappik: Schreibend werden. Subjektivierungsprozesse in der Migrationsgesellschaft. wbv Media (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-7639-5968-6. Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft, 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25055.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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