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Hannah Arendt: Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?

Cover Hannah Arendt: Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur? Piper Verlag GmbH (München) 2018. 93 Seiten. ISBN 978-3-492-23828-1. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 13,90 sFr.

Herausgegeben von Marie Luise Knott.
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Thema

Die hier rezensierte Publikation befasst sich mit der Frage, inwiefern Menschen in einer Diktatur persönlich zur Verantwortung gezogen werden können.

Autorin

Dr. Hannah Arendt, geboren 1906 und gestorben 1975, studierte Philosophie, Theologie und Griechisch in Marburg, Freiburg und Heidelberg. Sie promovierte 1928 bei Karl Jaspers über den Liebesbegriff bei Augustin. Arendt war als Lektorin, Schriftstellerin und Professorin für Politische Theorie in Chicago und New York tätig.

Marie Luise Knott, geboren 1953, ist freie Autorin, Kuratorin, Journalistin und Übersetzerin. Sie studierte romanische Literatur und Politische Theorie an den Universitäten Köln und Konstanz. Knott gilt als Expertin für das Werk von Hannah Arendt.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation basiert auf dem Skript zu einem Vortrag aus den Jahren 1964/1965. Das englische Originalskript mit dem Titel „Personal Responsibility under Dictatorship“ ist laut Piper Verlag zu Arendts Lebzeiten unveröffentlicht geblieben und befindet sich in ihrem Nachlass. Eine erste Übersetzung von Eike Geisel erschien im Jahre 1991 in dem Band „Israel, Palästina und der Antisemitismus“.

Knott greift für den vorliegenden Band die Übersetzung von Geisel auf, überarbeitet diese und ergänzt sie mit einem eigenen Essay.

Aufbau

In dem vorliegenden Essay (S. 7-52) behandelt Arendt die von Knott wie folgt zusammengefassten Fragen:

  • Was heißt persönliche Verantwortung in Zeiten allgemeiner Vergesellschaftung?
  • Was hat es trotz der vielen, mitunter lautstark geäußerten Meinungen mit der allgemeinen Furcht zu urteilen auf sich?
  • Wohin führt das Argument des „kleineren Übels“?
  • Und das des Sachzwangs?

Abschließend befasst sich Knott mit der Bedeutung und Aktualität von Arendts Essay (S. 53-86). Außerdem geht sie der Frage nach, was es bedeutet zu urteilen.

Inhalt

Eingangs nimmt Arendt Bezug auf die Kontroverse, die ihr Buch über den Eichmann-Prozess ausgelöst hat. Sie verweist auf Unterstellungen, die ihr in diesem Zusammenhang gemacht wurden. Viele Fragen, die öffentlich diskutiert worden seien, habe sie nie gestellt. Ihr Anliegen sei es gewesen, einen Tatsachenbericht vorzulegen.

Arendt macht, und dies ist ein wesentlicher Gegenstand ihres Essays, auf die Unterscheidung zwischen juristischen und moralischen Fragen aufmerksam. Voraussetzung für Beides sei die Urteilskraft.

Als Spiegel der Auseinandersetzung mit einer Diktatur wählte Arendt die NS-Diktatur. Die moralischen Probleme seien erst mit der Gleichschaltung aufgetaucht, nicht bereits mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

In der Unterscheidung von politischer und persönlicher Verantwortung verweist Arendt darauf, dass jede Regierung oder Nation die Verantwortung für die Taten der Vergangenheit übernähme. Ihr Credo ist, dass es keine kollektive Schuld gäbe. Der Schuldbegriff müsse Anwendung auf das Individuum finden.

Im Dritten Reich habe sich die Entscheidungsgewalt in letzter Konsequenz auf Adolf Hitler beschränkt. Politisch sei er daher voll verantwortlich. Jede andere Person in dem System, sofern sie sich mit öffentlichen Angelegenheiten befasste, war ein Rädchen, dass zum Funktionieren des Systems beigetragen und dadurch individuelle Schuld getragen habe.

Wenn ein Verantwortungsträger, wie im Fall Eichmann, für seine Taten zur Verantwortung gezogen werde, so geschehe dies, weil er nicht nur eine Funktion im System innehabe, sondern auch ein menschliches Wesen sei. Dadurch könne überhaupt erst die Frage der persönlichen Verantwortung und somit juristischen Schuld entstehen.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse spielen für Arendt eine bedeutende Rolle. Rechtmäßige Handlungen hätten im Dritten Reich ein Verbrechen darstellen ebenso wie moralische Handlungen gegen das Recht gewesen sein können.

Die Taten erfolgten nicht durch Monster, sondern von Menschen, die ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft gewesen seien. Zu einem Urteil waren die Menschen in der Lage, die nicht teilnahmen und ihr Wertesystem austauschten.

Arendt betont, dass politische Verantwortung auch politische Macht voraussetze. Die Machthabenden seien auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen. Ziviler Ungehorsam sei eine Möglichkeit, um diese Unterstützung zu verweigern. Auch ohne aktiven Widerstand könne so Verantwortung übernommen und eine diktatorische Herrschaft ins Wanken gebracht werden. Für Arendt ist also nicht die Frage nach dem Gehorsam entscheidend, sondern die Frage nach der Unterstützung.

Knott stellt in ihrem Beitrag die Ausführungen Arendts in den Kontext des Gesamtwerkes und gesellschaftlicher Debatten. Mit Blick auf die heutigen Phänomene wie Filterblasen und Fake News sieht sie die Gefahr der Auflösung von Tatsachen und den Zerfall in Parallelgesellschaften.

Diskussion

Es kommt nicht von Ungefähr, dass Arendt zu Beginn ihres Essays Bezug auf die Kontroverse zu ihrem Buch über den Eichmann-Prozess nimmt. Als Prozessbeobachterin für das Magazin „The New Yorker“ begleitete sie diesen in Jerusalem geführten Prozess im Jahr 1961 gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der sich für seine Verbrechen im Zuge der „Endlösung der Judenfrage“ verantworten musste. Zwei Jahre nach dem Prozess veröffentlichte sie ihr Buch mit dem Titel „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Der Essay dient auch als Reflexionsfläche auf die öffentlichen Reaktionen zu ihrem Werk. Sie setzt sich aktiv mit diesen Rückmeldungen, die sie doch zuweilen überraschten, auseinander.

Eine konkrete Antwort auf die Frage, die der Titel des Essays aufwirft, lässt sich in dem Manuskript Arendts nicht finden. Dies ist, darauf lässt auch ein Hinweis von Knott schließen, vermutlich auch nicht ihr Anliegen. Vielmehr regt sie zu weiteren Fragen und der Auseinandersetzung mit diesen an.

Als bemerkenswert kann angesehen werden, dass nicht schon die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine Anfrage an moralisches Handeln darstellt, sondern erst die Frage der Gleichschaltung. Hieraus lassen sich Implikationen für die aktuelle politische Situation in Deutschland ableiten.

Arendt rückt mit ihrem Essay die Bedeutung des zivilen Ungehorsams in den Vordergrund. Diese Bedeutung erlangt der Ungehorsam jedoch nicht nur in Diktaturen, sondern auch in anderen Herrschaftsformen. Das Befolgen von Gesetzen ist auch eine Unterstützung der Gesetze. Die fortwährende öffentliche Debatte um das Kirchenasyl zeigt, dass hier auch in der Gegenwart eine gewisse Spannungskraft liegt.

Der Essay ist als Appell zu deuten, ein eigenes Urteil zu bilden. Aus einem Urteil kann die Entscheidung zum zivilen Ungehorsam erwachsen, der in Diktaturen insofern förderlich ist, als dass er das politische System durch die Infragestellung des Machtgefüges ins Wanken bringt. Arendt weist an anderer Stelle darauf hin: „Was einen politischen Körper zusammenhält, ist sein jeweiliges Machtpotenzial, und woran politische Gemeinschaften zugrunde gehen, ist Machtverlust und schließlich Ohnmacht“ (Arendt, 2016, S. 252). Ziel des zivilen Ungehorsams kann und darf in demokratischen Gesellschaften jedoch nicht die grundsätzliche Infragestellung des Systems sein.

Dort wo einzelne Menschen handeln, muss auch das Handeln des einzelnen Menschen moralisch und juristisch beurteilt werden. Dies wird bei der Lektüre des Essays deutlich.

Knott betont, dass es nötig sei, in Distanz zu dem Gegenstand zu treten über den ein Urteil gefällt wird. Dass dies aufgrund emotionaler Betroffenheit zuweilen nicht leicht ist, zeigt insbesondere die kontroverse Debatte über das Buch zum Eichmann-Prozess.

Anders als Jaspers in seinem Werk „Die Schuldfrage“ (vgl. Jaspers, 2012) vertritt Arendt die Auffassung, dass es ebenso wenig eine kollektive Schuld wie Unschuld gibt. Der Schuldbegriff muss, so betont Arendt, auf das Individuum übertragen werden. Jedoch gäbe es eine kollektive sowie persönliche Verantwortung. Diese Frage stellt sich in totalitären Herrschaften in besonderem Maße, ist jedoch auch für andere Herrschaftsformen relevant.

Fazit

In der vorliegenden Publikation werfen sowohl die Autorin Hannah Arendt, als auch die Herausgeberin Marie Luise Knott Fragen über die persönliche Verantwortung in einer Diktatur auf. Dabei wird die persönliche ebenso wie die kollektive Verantwortung beleuchtet. Gegenstand ist die Verantwortung in Bezug auf das Individuum, die Zivilgesellschaft und das politische System. Das Werk regt zum Nachdenken über Verantwortung und Schuld an.

Der Band hat auch aufgrund seiner Implikationen zur Frage des zivilen Ungehorsams und gewisser Parallelen zur derzeitigen politischen Lage einen aktuellen Bezug und ist daher als Lektüre für TheoretikerInnen und PraktikerInnen empfehlenswert.

Literatur

  • Arendt, Hannah (2016). Vita activa oder Vom tätigen Leben (18. Aufl.). München und Zürich: Piper.
  • Jaspers, Karl (2012). Die Schuldfrage: Von der politischen Hoffnung Deutschlands. München und Zürich: Piper.

Rezensent
Patrick Quack
Diakon und Sozialarbeiter M.A.
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Zitiervorschlag
Patrick Quack. Rezension vom 25.02.2019 zu: Hannah Arendt: Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur? Piper Verlag GmbH (München) 2018. ISBN 978-3-492-23828-1. Herausgegeben von Marie Luise Knott. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25059.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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