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Baha Güngör: Atatürks wütende Enkel

Cover Baha Güngör: Atatürks wütende Enkel. Die Türkei zwischen Demokratie und Demagogie. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2017. 237 Seiten. ISBN 978-3-8012-0511-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

In dem Buch wird gezeigt, wie sich die türkische Republik politisch in verschiedenen Phasen entwickelt hat. Die Rolle des Präsidenten Erdogan wird genauso intensiv beleuchtet wie die der verschiedenen politischen Kräfte, die im historischen Wandel der vergangenen Jahrzehnte in der Türkei gewirkt haben. Güngör erklärt in dem Werk unter anderem auch, was diese Entwicklungen mit den Menschen türkischer Herkunft in Deutschland zu tun haben.

Autor

Baha Güngör ist ein deutscher Journalist türkischer Herkunft. Für die Deutsche Presse Agentur (dpa) berichtete er mehrere Jahre aus Ankara. Vor seinem Eintritt in den Ruhestand leitete er die türkische Redaktion der Deutschen Welle (DW).

Aufbau

Das Buch ist weitgehend chronologisch aufgebaut, widmet sich in einzelnen Kapiteln aber auch besonderen Themen ausführlicher:

  • Einleitung
  • Kapitel 1 – Der Geheimdienst und die Solbruchstellen der modernen Türkei
  • Kapitel 2 – Die Parteien und Regierungen in Atatürks Republik
  • Kapitel 3 – Die entscheidenden 1980er-Jahre – Teil I: Neustart der Demokratie
  • Kapitel 4 – Die entscheidenden 1980er-Jahre – Teil II: Vertrauensschwund und Parlamentschaos
  • Kapitel 5 – Die entscheidenden 1980er-Jahre – Teil III: Polarisierende Laizismusdebatten
  • Kapitel 6 – Frauen – Türkinnen zwischen Tradition und Fortschritt
  • Kapitel 7 – Die 1990er-Jahre und der schleichende Ausverkauf der laizistischen Republik – Vorprogramm des politischen Paradigmenwechsels
  • Kapitel 8 – Wegbereiter des Fundamentalismus – Die Armee schlägt Alarm
  • Kapitel 9 – Kurden – Eingeklemmt zwischen allen Fronten
  • Kapitel 10 – Deutsch-türkische Verstimmungen – ‚Waffenbruderschaft‘ ist schon längst Geschichte
  • Kapitel 11 – Der Putschversuch vom 15. Juli 2016 und die Gülen-Bewegung – Ein Putschversuch als ‚Geschenk Gottes‘?
  • Kapitel 12 – Medien und Justiz – Ein lebensgefährliches Pflaster für Journalisten
  • Schlusskapitel – Keine Chance gegen Erdogan unter 50+1

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Ernüchterung kommt gleich in der Einleitung des Buches: „Die Rückkehr zu einer ausschließlich an weltlichen Werten orientierten Grundordnung im Staate Türkei erscheint im Zuge der inneren politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nach den umwälzenden Veränderungen unter Erdogan nicht mehr realistisch“, beschreibt Autor Baha Güngör. In dem Werk schildert er, wie es historischen dazu gekommen und welchen großen Wert Republik-Gründer Atatürk auf die konsequente Trennung von Staat und Religion legte.

Schon in der Zeit Atatürks sei die Opposition „zerstritten und gespalten“ gewesen, führt Güngör aus. In der wechselvollen Geschichte der Türkei konnten sich die laizistischen Eliten eigentlich demnach stets darauf verlassen, dass die mächtige Armee eingreift, wenn die entsprechende Staatsordnung in Gefahr gerät. Eine Reihe von Putschen belegt diese Erfahrung. Erdogan sei schließlich aufgrund der eingetretenen „Trägheit der Kemalisten und der Nationalisten“ für viele wählbar geworden. Außerdem weist Güngör darauf hin, dass Erdogan derjenige in der türkischen Politik war, der sich vor Jahren besonders überzeugend für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union eingesetzt habe.

Erdogan hatte aber bereits zu dieser Zeit eine klare islamische Agenda, was Güngör mit dem Hinweis belegt dass der spätere Regierungschef eine viermonatige Haftstrafe wegen Volksverhetzung verbüßen musste und mit einem Verbot politischer Betätigung belegt worden war. Er hatte aus einem Soldatengedicht zitiert, „in dem Moscheen zu Kasernen, Minarette zu Bajonetten, Kuppeln zu Stahlhelmen und Gläubige zu Soldaten erklärt worden waren“. Letztlich hätten die westlichen Regierungen zu Unrecht darauf vertraut, dass Erdogan sich den Werten der EU annähern werde, so Baha Güngör.

Die verschiedenen Verhaftungswellen von unterschiedlichen Berufsgruppen bis hin zu Abgeordneten werden in dem Buch genauso thematisiert wird die tiefe gesellschaftliche Irritation in Folge des jüngsten umfangreicheren Putsches im Jahr 1980: „Niemand war seines Lebens mehr sicher.“ Der Autor wirft aber auch einen Blick darauf, dass westliche Staaten die türkischen Regime trotz ihrer Menschenrechtsverletzungen stets unterstützt hätten, weil das Land als „zuverlässiger militärischer Partner“ in der Region wichtig gewesen sei. Für die Zeit der 1980er Jahre notiert der Autor aber sowohl Verfolgungen der freien Presse als auch erbitterten Streit zwischen Abgeordneten, der bis hin zu Schlägereien im Parlament reichte. Hinzu komme der damals niedrige Bildungsstand der Menschen in die Türkei und die Unfähigkeit der Politiker, die Situation zu verbessern. Stattdessen habe man sich in den religiösen Glauben geflüchtet, wodurch später auch Erdogan politischen Auftrieb erhielt. Ende der 1990er Jahre, so dokumentiert Güngör es mit detaillierter Sachkenntnis, habe die Armeeführung vor einer stetigen Ausweitung der Koranschulen in der Türkei gewarnt, was letztlich zu einer fundamentalistischen Unterwanderung staatlicher Institutionen geführt habe.

In Kapiteln zu Frauen und zu Kurden werden die Hintergründe beleuchtet. Die Sorge der in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft vor rechtsterroristischen Anschlägen spielt in dem Werk ebenso eine „verschärfte Polarisierung auch unter Türkeistämmigen in Deutschland in pro- und antifundamentalistische Lager“. Die verschiedenen Auftritte Erdogans in der Bundesrepublik werden dabei in den politischen Kontext gestellt. Güngör berichtet auch von eigenen Erfahrungen als Korrespondent und erläutert die bisher bekannten Hintergründe und Folgen des Putschversuches vom Juli 2016.

Nach einer kritischen Bestandsaufnahme des aktuell äußerst angespannten Verhältnisses zwischen Medien und Justiz in der Türkei zeichnet Güngör die ungeheure Machtfülle nach, die Erdogan durch Gesetzesänderungen und Entscheidungen per Dekret im Ausnahmezustand zukommt. In seinem Schlusskapitel resümiert der Autor, dass der Geist Erdogans habe „das Land unumkehrbar auf andere Gleise gehoben als einst Atatürk“: „Die Türkei wird wohl die Wertefamilie des modernen Zeitalters verlassen.“ Dennoch wendet sich Baha Güngör gegen einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, was er bezeichnet als „Genickschuss für mindestens die Hälfte ihrer Bevölkerung, die sich noch immer mit allen Mitteln gegen Erdogans Allmacht stemmt“.

Diskussion

Baha Güngör ist ein fundierter und dennoch spannend geschriebener Überblick über die Geschichte der Türkei gelungen, ohne die man die heutige Situation in dem Land nicht verstehen kann. Er richtet den Blick auf politische wie gesellschaftliche Zusammenhänge, die er nicht nur aufgrund seiner Herkunft, sondern auch wegen seiner langjährigen journalistischen Erfahrungen – unter anderem als dpa-Korrespondent in Ankara – treffend schildert und analysiert.

Fazit

Wer die Türkei und auch Spannendung zwischen Türkischstämmigen in Deutschland verstehen will, kommt an diesem Werk von Baha Güngör nicht vorbei.


Rezensent
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 31.10.2018 zu: Baha Güngör: Atatürks wütende Enkel. Die Türkei zwischen Demokratie und Demagogie. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2017. ISBN 978-3-8012-0511-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25064.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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