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Suitbert Cechura: Unsere Gesellschaft macht krank

Cover Suitbert Cechura: Unsere Gesellschaft macht krank. Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit. Tectum (Baden-Baden) 2018. 344 Seiten. ISBN 978-3-8288-4149-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Das Buch analysiert im ersten Teil die Ursachen der sog. „Zivilisationskrankheiten“ und verortet sie in der kapitalistischen Ökonomie dieser Gesellschaft. Im zweiten Teil befasst es sich mit der Behandlung von Krankheiten; dazu werden die einzelnen Bestandteile des Gesundheitsmarkts und ihre Leistungen für Patienten untersucht und kritisch gewürdigt: Ärzte, Apotheken, Pharmafirmen, Krankenhäuser, Pflegedienste. Es handelt sich nicht um ein Fachbuch für Experten, sondern um ein Sachbuch, das in einer für den Laien verständlichen Art und Weise geschrieben ist. In seinen Ausführungen stützt es sich auf allgemein zugängliche Quellen, Presseberichte und amtliche Dokumente.

Autor

Suitbert Cechura ist Rehabilitationswissenschaftler. Er war lange Zeit als Psychotherapeut tätig und zuletzt Professor für Gesundheitswesen und Sozialmedizin am Fachbereich Soziale Arbeit der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei große Bestandteile. Der etwas längere erste Teil löst den Gesamttitel des Buchs ein und untersucht, inwiefern unsere Gesellschaft krank macht. Der zweite Teil befasst sich mit den Leistungen, die das deutsche Gesundheitssystem für die Patienten bereit stellt.

Inhalt

Einleitend bezieht der Autor im Kapitel „Gesundheit – das gefährdete Gut“ programmatisch Stellung gegen den Mainstream-Diskurs, der die „neuen Volkskrankheiten“, die die klassischen Seuchen der Vergangenheit (Tuberkulose, Diphterie, Typhus usw.) abgelöst haben, auf den modernen „westlichen Lebensstil“ zurückführt. Dagegen stellt er seine These, die er im folgenden Text beweisen will: Die Ursachen dieser so genannten „Zivilisationskrankheiten“ liegen in der Subsumtion von Arbeit, Konsum und Freizeit unter den gesellschaftlichen Zweck der Geldvermehrung.

Teil 1

Die neuen Volkskrankheiten sind im Wesentlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats, Allergien/Asthma und psychische Leiden. Ihre Bezeichnung als „Zivilisationskrankheiten“ verweist einerseits darauf, dass auf gesellschaftliche Gründe für sie verantwortlich gemacht werden. Andererseits ist „Zivilisation“ eine vom Zweck der Gesellschaft abstrahierende und zudem in sich widersprüchliche Ursachenzuweisung, da ausgerechnet die zunehmende Beherrschung der Natur und wachsender Wohlstand neue „Seuchen“ bewirken sollen.

Jeweils zu Beginn eines Kapitels erklärt Cechura informativ und auch für medizinische Laien gut verständlich, worin diese Erkrankungen bestehen. Danach arbeitet er sich durch die (immer gleichen) Ratschläge, die der Bevölkerung in Sachen Prävention und Therapie erteilt werden: Rauchen ist zu unterlassen, Alkoholkonsum zu minimieren, Stress zu vermeiden, stattdessen gesunde Ernährung und Bewegung. Dabei weist er nach, dass dem Einzelnen damit ein Kampf um seine Gesundheit ans Herz gelegt wird, den er oder sie nicht gewinnen kann. Die Ernährung und die Sorge um die eigene Fitness sollen Angriffe auf Körper und Geist ausgleichen, die tagtäglich und mit ungleich größerer Wucht im marktwirtschaftlich geregelten Leben auf jedermann einwirken: physische und psychische Belastungen am Arbeitsplatz, der Verkehr mit Lärm, Gift und Stress, kapitalistisch produzierte Lebensmittel, Textilien und Baustoffe. Dazu kommt die „Restgröße“ Freizeit, die angesichts der vielen Verpflichtungen und Erwartungen selbst zur Quelle von „Stress“ wird. Auf den individuellen Organismus wirken diese Belastungen übrigens nicht einzeln ein (wie in medizinischen Fragestellungen und bei Festlegung diverser Grenzwerte meist unterstellt wird), sondern in Kombination inklusive eventueller Wechselwirkungen…

Die Argumentation dieser Kapitel soll hier nicht im Einzelnen nachvollzogen werden; wichtig und nützlich erscheint jedenfalls das Bemühen des Autors um Dekonstruktion vieler im öffentlichen (und wissenschaftlichen!) Diskurs geradezu selbstverständlich geglaubter Floskeln: Was bedeutet „Stress“? Warum ist Rauchen als Krebsursache eindeutig anerkannt, während ein „kausaler Zusammenhang“ bei anderen Stoffen (Feinstaub, Asbest) bezweifelt wird oder wurde? Was ist von gesunder „biologischer“ Ernährung als Mittel gegen Krebs zu halten? Machen „Grenzwerte“ das Leben sicher? Usw.

Psychische Erkrankungen bilden einen weiteren Schwerpunkt des Buches. Der Autor, selbst Psychotherapeut, weist darauf hin, dass es sich dabei um Erkrankungen handelt, deren Ursachen in vielen Fällen wissenschaftlich umstritten sind. Vielfach bildet schlicht „abweichendes Verhalten“ die Symptomatik; damit fließen moralische Vorstellungen in die Bestimmungen mit ein, weswegen die Krankheitsbilder auch wechseln, zum Teil verschwinden und neue aufgenommen werden. Den gängigen Erklärungen stellt Cechura den normalen Alltag mit seinem Streben nach Erfolg und Anstand, nach Verwirklichung eines Selbstbildes und der Suche nach Lebenssinn entgegen. All dies kann – wie er exemplarisch an sozialen Ängsten, Burn-out und Depression zeigt – zu Krisen führen.

Ein erstes Resümee fasst zusammen, wie die Unterwerfung aller Lebensumstände unter die Kalkulation des Wirtschaftswachstums (Vergiftung von Atemluft, Lebensmitteln, Textilien, Baustoffen, Belastungen am Arbeitsplatz und die gesamten Lebensumstände, Stichwort: Konkurrenzgesellschaft) die Menschen durch hohe physische und psychische Belastungen schädigt.

Teil 2

Der zweite Teil beginnt mit der staatlich geregelten Ausbildung des medizinischen Personals, an der das staatliche Interesse an der „Volksgesundheit“ deutlich wird. Der moderne deutsche Sozialstaat sorgt für Volksgesundheit als Grundvoraussetzung der Existenz seiner Bevölkerung, indem er das Gesundheitswesen als besonderen Markt organisiert. Das führt zu Widersprüchen eigener Art, in denen die Gesundheit der sozialversicherten Patienten, die Gewinnrechnungen der Wirtschaft wie die ökonomischen Kalkulationen der auf dem Gesundheitsmarkt tätigen Akteure systematisch gegeneinander stehen. Der Umgang des Staats mit den daraus resultierenden „Kostenproblemen“ hat dazu geführt, dass die Gesundheitsversorgung nicht nur bei Ärzten, Apothekern und Pharmafirmen, sondern inzwischen auch bei Krankenhäusern und ambulanten Pflegediensten als Gewinnquelle firmieren soll. Die Folgen sind weitgehend bekannt: unter anderem fehlendes (da wegrationalisiertes) Pflegepersonal, multiresistente Keime und eine Zunahme von Operationen, die Gewinn versprechen.

Ein besonderer Abschnitt ist auch hier der Psychiatrie gewidmet, die eine spezielle Form des Krankenhauses darstellt, in der auch gegen den Willen des Patienten behandelt werden darf.

Im Kapitel über die Rehabilitation wird der Gegensatz zwischen dem Anspruch der Versorgung aus einer Hand und unabhängig vom Grund der Behinderung und der Finanzierung dieses Anspruches durch die verschiedenen Sozialversicherungen behandelt. Dies führt zu einem umfangreichen Hilfeplanverfahren, in dem nicht der Bedarf der Betroffenen, sondern die rechtlichen Regelungen des Anspruchs im Vordergrund stehen.

Die Misere der Pflege ist in aller Munde. Cechura stellt klar, dass hier nicht von einem Versagen der Politik im Sinne von Unterlassen auszugehen ist, sondern die Einrichtung der Geschäftssphäre Pflegemarkt politisch gewollt war und ist; mit allzu störenden Konsequenzen wird umgegangen, ohne dass die Ursachen ernsthaft thematisiert werden. Der Sozialstaat zählt zudem nach wie vor bewusst auf die Familie und ihre „Gratisarbeit“, wenn es um die Versorgung alter Menschen geht – so werden die Sozialversicherungskosten, die bekanntlich in die Lohnkosten miteingehen, in Grenzen gehalten.

Das Kapitel über den staatlich regulierten Gesundheitsmarkt fasst den zweiten Teil zusammen. Der moderne Staat will eine Bevölkerung, die ökonomisch funktionsfähig ist – deshalb regelt er diesen Sektor als ein Feld seiner Sozialstaatlichkeit. Die Finanzierung überantwortet die deutsche Variante weitgehend den Betroffenen: Aus ihren Lohn- und Gehaltskosten wird dieser Sektor gespeist, was die Gewinnrechnung der Wirtschaft berührt. Gleichzeitig ist das Gesundheitswesen selbst als Geschäftszweig gestaltet, um so einen wirtschaftlichen Umgang mit den Kosten sicherzustellen. Das Wachstum dieses Geschäftszweiges belastet seinerseits die Kostenrechnung der übrigen Wirtschaft, was Anlass einer ganzen Reihe von Gesundheitsreformen war und ist.

Die Frage, ob ein staatlicher Gesundheitsdienst eine – aus Sicht der Patienten – positive Alternative zum Gesundheitswesen in Deutschland darstellen würde, wird verneint. Auch in Staaten, in denen der Gesundheitsdienst aus Steuern finanziert wird, die medizinische Versorgung der Bevölkerung also als Kost in den staatlichen Haushalt eingeht, konkurrieren diese Kosten mit anderen Ausgaben im Etat. Deshalb kann und will auch ein solches System nicht die medizinische Versorgung zuwege bringen, die unter den heutigen Bedingungen von Forschung, Technik und gesellschaftlichem Reichtum möglich wäre.

Die Mängel in der Gesundheitsversorgung – so akzentuiert Cechura am Ende seiner Darlegungen – entspringen nicht der Untätigkeit, dem Versagen der Politik, sondern sind Resultate politischer Entscheidungen und Maßnahmen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diskussion

Dieses Buch fällt aus dem Rahmen der üblichen Gesundheitsbücher heraus. Es gibt den modernen Individuen, die sich ziemlich massiv mit Gesundheitsfragen herumschlagen und deshalb auch gerne mit diesem Thema befassen, explizit keine Ratschläge. Stattdessen weist Cechura nach, dass Gesundheit überhaupt keine individuelle Angelegenheit ist. Angesichts der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen jeder von uns leben muss, sind ständige Schäden für die Gesundheit unvermeidlich – dagegen individuell anzuarbeiten, ist eine Sisyphos-Arbeit: aufwendig und doch unlösbar! Dass dieses System mit all seinen schädigenden Konsequenzen so widerspruchslos funktioniert, beruht nach Ansicht des Autors darauf, dass es sich alle Betroffenen gefallen lassen. Dies ist wohl eine Feststellung mit Aufforderungscharakter – dem Buch ist trotz der nüchternen Darstellung durchaus anzumerken, dass es eine gerne eine gesellschaftliche Debatte zum Thema auslösen würde.

Fazit

Suitbert Cechura hat eine fundamentale Kritik am deutschen Gesundheitswesen vorgelegt. Das betrifft die Krankheitsursachen wie deren Behandlung und Finanzierung. Das umfang- und kenntnisreiche Buch ist in seiner Argumentation gut nachzuvollziehen.


Rezensentin
Dr. Renate Dillmann
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Zitiervorschlag
Renate Dillmann. Rezension vom 30.07.2019 zu: Suitbert Cechura: Unsere Gesellschaft macht krank. Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit. Tectum (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8288-4149-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25068.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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