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Karlheinz Ortmann: Soziale Arbeit als Beratung

Cover Karlheinz Ortmann: Soziale Arbeit als Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 180 Seiten. ISBN 978-3-525-61624-6. D: 25,00 EUR, A: 26,00 EUR.
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Thema

Karlheinz Ortmann leistet mit diesem Buch einen Beitrag zur Fundierung von Beratung in der Praxis als eigenständiges „Handwerkzeug“ (7).

Autor

Ortmann nimmt in seinem Buch Bezug auf notwendige Beratungskompetenzen, die er über langjährige Erfahrungen in derPsychosozialen Beratungsstelle des Instituts für soziale Gesundheit(ISG) der Katholischen Hochschule Berlin gewonnen hat. Dabei fokussiert er sich als praxiserfahrener Hochschullehrer sehr pragmatisch an möglichen Anforderungen in der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 11 Kapitel:

  1. Soziale Probleme
  2. Soziale Arbeit als Disziplin und Profession
  3. Beratung
  4. Kompetenzen
  5. Mit Komplexität und Durcheinander umgehen
  6. Beratung strukturieren
  7. Ressourcen und Probleme erkennen
  8. Handlungsfähig sein
  9. Qualität entwickeln
  10. Auf die eigene Gesundheit achten
  11. Keep cool

Im ersten Kapitel identifiziert Ortmann als Gegenstand Sozialer Arbeit hauptsächlich den professionellen Umgang mit sozialen Problemen und die Notwendigkeit, gesellschaftliche Entstehungsbedingungen und Exklusionsrisiken zu erkennen. Diesen Zugang begründet er aufgrund epidemiologischer Daten, sozialrechtlicher Ansprüche und normativer Aspekte zu den Bereichen Arbeit, Bildung, Einkommen, Kultur soziale Sicherung und Wohnen. Dabei gelingt es ihm trotz der relativ kurzen Darstellung, die zentralen Handlungs- und Auftragsdimensionen Sozialer Arbeit überzeugend zu beschreiben. Insbesondere die ungleichen Chancenverteilungen zur erfolgreichen Inklusion werden für die genannten Teilaspekte deutlich. Die nächste Perspektive umfasst die Gemeinschaft mit ihren vielfältigen Ausprägungen. Für den Autoren sind Menschen als „soziale Wesen“ abhängig von einem reziproken Austausch mit der Umwelt (18). Dabei wird im Buch die Bedeutung sozialer Unterstützung in ihren unterschiedlichen Formen näher beleuchtet. Es wird eine empirisch begründete Integrationsperspektive Sozialer Arbeit entwickelt, um soziale Ressourcen zu aktivieren, damit Menschen wieder soziale Kontakte konstruieren und erleben können. Ortmann spezifiziert am Beispiel der Familienarbeit die professionellen Zugänge Sozialer Arbeit. Der Mensch als Individuum steht im Mittelpunkt der nächsten Ausführungen. Dabei werden schwerpunktmäßig die Themen Gesundheit, Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit systematisch beschrieben, insofern nimmt der Autor hier die Perspektive der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit ein, weitere Ausstattungsmerkmale wie Bildung, Gender, etc. werden an dieser Stelle kaum thematisiert. Gleichwohl sind auch hier die wesentlichen Ziele und Aufgaben für die Soziale Arbeit klar benannt und bieten gute Handlungsorientierungen. Die Darstellung unterschiedlicher „Problemgefüge“ stützt sich auf die Auswertungen von Beratungen in dem o.g. Institut. Hier werden unterschiedliche Anforderungslevel durch die Beschreibung „einfacher sozialer Probleme“, komplexer Probleme und von „soziopsychosomatischen Problemlagen“ entwickelt (27-30). Aufgrund der vielen Praxisfelder Sozialer Arbeit mit unterschiedlichen Beratungskontexten sind diese Ergebnisse allerdings nicht grundsächlich generalisierbar, die Unterscheidung von niedrig- zu hochkomplexen Fallkonstruktionen ist aber wertvoll, um Beratungsbedarfe abzuleiten. Demensprechend ist die Einbindung der „Ressourcengefüge“ (31) folgerichtig, um die Selbsthilfeaktivitäten grundsätzlich zu fördern.

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Ortmann mit dem disziplinären und professionellen Selbstverständnis Sozialer Arbeit und plädiert wieder für eine Orientierung am Sozialen, d.h. insbesondere den vielschichtigen Verbindungen zwischen Mensch und Umwelt. Mit einer nun folgenden Argumentation basierend auf der Definition der International Federation of Social Work (IFSW) verbindet er Disziplin und Profession mit Zielrichtung der Unterstützung bei der Erreichung von Teilhabe und Partizipation (34).

Das dritte Kapitel führt zum eigentlichen Schwerpunkt, der Beratung. Neben einer allgemeinen Einführung stellt der Autor vier Zielrichtungen vor, um das „besondere Beratungsverständnis“ (38) Sozialer Arbeit zu erläutern. Neben der Stärkung von Potenzialen der Selbsthilfe und sozialer Netzwerke geht es auch um die Ermittlung sozialrechtlicher Ansprüche und die Nutzung von Sozialräumen. Sehr konkret und hilfreich ist dann die Konkretisierung der Beratung über die Darstellung von „Komponenten“ (41) wie „Begleitung“, „Betreuung“, „Case Management“, „Einzelfallhilfe“, „Gemeinwesenarbeit“, „Krisenintervention“, „Mediation“, „Psychoedukation“, „Sozioedukation“ und „Training sozialer Kompetenzen“(42-54). In aller Kürze gelingt ihm hier, die zentralen notwendigen Kompetenzen zu beschreiben. Eine Anbindung an das Kerncurriculum der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) wäre an dieser Stelle sinnvoll gewesen, damit Studierende den direkten Zusammenhang zwischen Studieninhalten und beginnender Praxis schalten können. Im Folgenden erläutert Ortmann Rollenverständnis und Beratungssettings anhand von Orten und schließt auch die wachsende Bedeutung von Online-Beratung mit ein. Aber auch Zugänge über individuelle Beratung, „Familienberatung“ (73) und gruppenorientierte Beratung werden besprochen. Erwähnt werden die Rahmenbedingungen, die die Beratungstätigkeiten beeinflussen wie Trägerinteressen, finanzielle Bedingungen und Kostenerstattung etc. Eine Mandatierungsproblematik über Doppel- und Tripelmandat wird nur implizit behandelt. Die Darstellung grundsätzlicher Dimensionen wie Zeitbudgets und rechtliche Aspekte von Datenschutz bis Schweigepflicht schließen das Kapitel ab.

Notwendige Kompetenzen und Haltungen thematisiert der Autor im vierten Kapitel und betont den notwendigen reflexiven Anteil für Praktiker*innen in der Zusammenarbeit mit ihrer Klientel. Bezugnehmend auf Lüssi und von Spiegel stellt er Eigenschaften zusammen, die für eine Praxis seines Erachtens erforderlich sind, um in eigener persönlicher und professioneller Stabilität Beratungsleistungen zu erbringen. Aspekte von Wissen in Können werden anschließend behandelt.

Das fünfte Kapitel ist der Komplexität in der Beratungspraxis gewidmet, hier bezieht sich Ortmann auf systemtheoretische Erklärungsansätze und beschreibt die Beratungspraxis in ihren Bedingungsgefügen ohne Kausalitäten. Er plädiert für eine „fallverstehende“ Hilfepraxis und plausibilisiert eine notwendige „Prozesskompetenz“, um „situativ“ auf die jeweiligen Bedürfnisse und Bedarf von Klient*innen eingehen zu können (95). Gerade die ungewissen Beratungsumstände sollten über die interpersonellen Sinnkonstruktionen aller Beteiligten zu mehr Orientierung führen, um dann fundiert-begründetes Handeln unter Einbeziehung von Beratungstheorien zu ermöglichen. Gleichzeitig wird eine realistische Bewertung eigener Beratungsoptionen aufgrund von limitierenden personellen und konzeptionellen Einflüssen benannt. Insofern ist auch die Einbindung experimentellen Handelns in dieser Logik folgerichtig, da hier Aspekte der vielfältigen Lösungswege berücksichtigt werden. Ortmann stellt gleichberechtigt fundiertes und experimentelles Handeln nebeneinander und wirbt für eine heterogene Praxeologie in der Beratung. Die professionellen Reflexions- und Überprüfungsbedingungen hätten konkreter gefasst werden können, um einer Beliebigkeit in der Beratung eine fachliche Abfuhr zu erteilen.

Ab dem sechsten Kapitel geht es um konkrete Beratungspraxis, hier bietet der Autor gut nachvollziehbare und hilfreiche Handlungsschritte, die zur Strukturierung der Gesprächssituation erforderlich sind. Dazu gehören für ihn die Vorbereitung, Beginn, Problem- und Lösungsverhandlung, Bearbeitung und Entwicklung von Lösungswegen und die Beendigung des Beratungsprozesses.

Diagnostische Dimensionen bei der Erfassung von Ressourcen und Problemen werden im siebten Kapitel behandelt. Ortmann führt in unterschiedliche Gesprächsformen ein und begründet jeweils den fachlichen Zugang Sozialer Arbeit auch unter Nennung der jeweiligen notwendigen Kontexte. Zwar kurz aber als erste Anregung durchaus sehr sinnvoll stellt er anschließend elaborierte Instrumente wie das psychosoziale Koordinatensystem, eine Form der Netzwerkkarte, Inklusionschart und biografischer Zeitbalken vor, die auch in der Praxis tauglich sind.

Zur Funktionsbegrenzung von Techniken und Methoden in der Beratung äußert sich der Verfasser im achten Kapitel. Hier werden einerseits methodische Zugänge beschrieben, andererseits aber für einen defensiven Umgang damit geworben, um den alltagsorientierten Zugang zur Lebenswelt von Klient*innen nicht zu gefährden. Für ihn ist somit eine umgangssprachlich geführte Beratung qualitativ nicht weniger wert als „hochartifizielle Therapieverfahren“ (131). Detailliert werden praxisrelevante Techniken vorgestellt. Diese umfänglichen Möglichkeiten bieten der Leserschaft Bausteine zur Reflexion und Entwicklung eigener Handlungsperspektiven in Beratungssituationen. Auch werden schwierige Beratungssituation wie Distanzverlust, Dissonanzen und fehlende Sympathie also auch eine Vermischung von professioneller und privater Beziehung sehr anschaulich und offen thematisiert.

Im neunten Kapitel wird die Qualitätsentwicklung in der Beratung Sozialer Arbeit dargestellt. Die Orientierung an Standards zur besseren Praxis im Sinne von Prozess-. Ergebnis- und Prozessqualität wird ebenso besprochen wie die Bedeutung einer „fallverstehenden Beratungspraxis“ (164). Danach erfolgen Hinweise zur stärkeren Partizipation von Klient*innen, Nutzung von Supervision, Fallbesprechungen und weiteren Zugängen zur Reflexion.

Zehntes und elftes Kapitel beinhalten die Selbstsorge in der Sozialen Arbeit mit Hinweisen auf das hohe Risiko für die Berufsgruppe, z.B. Burnout und depressive Folgen zu erleiden. Dabei werden schließlich ein paar Hinweise und Strategien für eine gute Chance, gesundheitlich stabil zu bleiben.

Diskussion

Karlheinz Ortmann hat mit seinem Buch einen sehr nützlichen Beitrag für die praktische fallorientierte Beratung veröffentlicht und insbesondere die wesentlichen Alleinstellungsmerkmale Sozialer Arbeit bei sozial indizierten Sachverhalten begründet. Zwar hat er einige sozialarbeitstheoretische Dimension zur Lebenswelt und -führung deutlicher einbinden können, er hat sich aber auf die Praxisrelevanz von Beratung fokussiert und somit auch konkrete Anleitungen für die Beratung geliefert. Somit ist es ihm gelungen, die besonderen Komplexitäten von Beratungssituationen plausibel und nachvollziehbar aufzubereiten und insbesondere den genannten Zielgruppen Studierende und Berufsanfänger*innen eine wertvolle Arbeitsgrundlage zu bieten. Er begründet auch eine überfällige Aufwertung von Beratung im Vergleich zu therapeutischen Interventionen und demonstriert dadurch eine selbstbewusste Identifikation mit einer alltagsorientierten Sozialen Arbeit.

Fazit

Das Fachbuch von Karlheinz Ortmann bietet einen wertvollen Beitrag zur Bedeutung von Beratung als fester Bestandteil Sozialer Arbeit. Es gelingt ihm, für die Zielgruppen Studierende und Berufsanfänger*innen die besonderen Anforderungen Sozialer Arbeit in der Beratungspraxis aufzuarbeiten und positioniert die Profession als zentrale Instanz im Umgang mit sozialen Problemen ihres Klientel. Settings, Rahmenbedingungen, Kompetenzen und Techniken werden ebenso überzeugend dargestellt wie auch Haltungs- und Wissensdimensionen. Somit ist dieses Buch nicht nur Praktiker*innen sehr zu empfehlen, es ist auch in der Lehre zur Gestaltung von Übungen und Seminaren zum Thema Beratung gut verwertbar.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
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Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 20.03.2019 zu: Karlheinz Ortmann: Soziale Arbeit als Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-61624-6.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25069.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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