socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michael Flohr: Kulturpolitik in Thüringen

Cover Michael Flohr: Kulturpolitik in Thüringen. Praktiken, Governance, Netzwerke. transcript (Bielefeld) 2018. 395 Seiten. ISBN 978-3-8376-4255-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Edition Politik - Band 58.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Michael Flohr legt mit seiner nun publizierten Dissertationsschrift zur Kulturpolitik in Thüringen einen ganz wichtigen Meilenstein in der kulturpolitischen Forschung der Länderpolitiken vor. Insbesondere das Bundesland Thüringen, das strukturell sehr stark auf Tourismus und einer hochqualitativen kulturellen Infrastruktur beruht, bedarf einer kulturpolitischen Grundlagenforschung, die bislang gefehlt hat. Genau in diese Forschungslücke platziert der Autor nun seine Arbeit und wird damit die Diskussion über die Länderkulturpolitik weiter anregen.

Autor

Dr. Michael Flohr ist für das netzwerk n im Bereich nachhaltige Hochschulentwicklung tätig und arbeitet vor allem zu den Themen Kulturpolitik, nachhaltige Entwicklung und Postwachstumsgesellschaften. Er studierte Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Musikerziehung, Kulturmanagement und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation in Erfurt, Weimar, Jena, Schoelcher (Martinique) und Straßburg und war u.a. Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Entstehungshintergrund

Michael Flohr bezieht sich in seinen Überlegungen einerseits auf die Diskussion, die sich seit dem Buch Der Kulturinfarkt (2012) auf das Segment der Kultur und der Kulturinstitutionen in Deutschland bezieht, jedoch die Kulturpolitik selbst immer wieder weitgehend ausspart. Um zu beschreiben, wie Kulturpolitik heute und vor dem Hintergrund einer anhaltenden Krise und kulturellen Überproduktion (Schmidt, 2016) funktioniert, und welchen Steuerungs- und Regelungscharakter sie eigentlich noch besitzt, möchte Michael Flohr diese anhand des sogenannten „Kulturlandes Thüringen“ analysieren und diskutieren. Dabei geht es ihm darum, „die inhaltliche Gestaltung des Politikfeldes (policy) der Kulturpolitik in Thüringen (zu) beschreiben und (zu) erklären sowie die Effekte der policy auf(zu)decken.“ (Flohr: 11).

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit folgt einer sehr stringenten Logik und Struktur und ist in vier große Kapitel eingeteilt.

Im ersten Kapitel diskutiert Flohr die Konzeption der Arbeit und stellt wichtige Begriffe vor. Nach der Erläuterung der wesentlichen Fragestellungen seiner Arbeit widmet er sich der Kulturpolitik Thüringens, dem Forschungsgegenstand seiner Arbeit, was insofern bemerkenswert ist, als dass Thüringen – neben Sachsen – zu den Bundesländern gehört, die die dichteste Versorgung mit Angeboten im Bereich des Theaters und der Klassischen Musik im Deutschland-Vergleich hat. Wie auf einer Perlenschnur von Eisenach bis Gera reihen sich alle 20 bis 30 km ehemalige Residenzstädte (Gotha, Erfurt, Weimar etc.) nacheinander auf, die alle über sehr große, personalintensive Theater, Orchester und oft auch Museen verfügen, die in diesen Städten nicht selten zu den größten und wichtigsten Arbeitgebern und Tourismus-Attraktionen gehören. Dass Thüringen zum Beispiel seine Theater- und Orchesterstruktur im Gegensatz zu anderen BL weitgehend erhalten konnte, liegt an konzertierten Aktionen der Bürger*innen, Medien und Kulturschaffenden gegen eine oftmals konzeptlose Kulturpolitik. Erst mit der neuen Landesregierung beginnt sich diese Situation allmählich aufzulösen und zu konsolidieren, sodass nach 30 Jahren endlich wieder eine Konzentration auf die Kulturproduktion und die künstlerische Entwicklung zu verzeichnen ist.

Im zweiten Kapitel untersucht der Autor die Kulturpolitik in Deutschland zwischen 1945 und heute. Dabei unterscheidet er die Kulturpolitik in der DDR und der BRD voneinander und gibt diesen Entwicklungssträngen die klugen Bezeichnungen Kultur für den Staat (DDR) und Kultur im Staat (BRD), bevor er hier im dritten Abschnitt dieses Kapitels die Kulturpolitik im vereinigten Deutschland seit 1990 als Schwerpunkt vorstellt und untersucht.

Im dritten Kernkapitel der Arbeit macht Flohr eine Bestandsaufnahme der Landeskulturpolitik in Thüringen. Richtigerweise macht er auf die auch aus meiner Sicht störende verstreute Verwaltung kultureller Angelegenheiten aufmerksam, die zwischen Kommunen und Landesregierung, zwischen verschiedenen Ämtern und Hoheitsgebieten verteilt ist, und so keine ausreichende kulturpolitische Synergie entwickeln kann. Anschließend untersucht der Autor in zehn Teilabschnitten die verschiedenen Kulturbereiche von Theater und Musik bis zu Soziokultur, Festivitäten und Hochschulen mit kunst- und kulturbezogenen Fachbereichen. Flohr geht hier aber auch auf die Kultur- und Kreativwirtschaft ein, die in nahezu allen Äußerungen der Landeskulturpolitik Thüringens immer wieder sehr prominent erwähnt worden ist. Diese 15 Abschnitte machen die Vielfalt der verschiedenen kulturellen Bereiche, aber auch die Breite des Angebotes für die Bevölkerung und die Touristen, vor allem aber für die Menschen in den Städten und Gemeinden deutlich. In einem weiteren Abschnitt untersucht der Autor die Strukturierung der Kulturförderung und deren Konzeption. Hier geht er auf die Arten und die Verteilung der Kulturförderung, aber auch auf die Gremien, den Kulturlastenausgleich und die Kulturentwicklungskonzeption der Landesregierung ein.

Im vierten Kapitel stellt Michael Flohr schließlich die Ergebnisse der empirischen Erhebungen vor. Mit einer Netzwerkerhebung und –analyse nutzt er quantitative Methoden, die er mit qualitativen Methoden trianguliert. Hierzu gehören vor allem die Analyse von Interviews und die qualitative Inhaltsanalyse. Flohr geht in diesem Kapitel auch auf die Interaktionsformen in der Regierungskoalition Thüringens und im Landtag ein, die wesentlichen Einfluss auf die Politikkonzeption des Bundeslandes hat. Insbesondere diese analytischen Abschnitte machen diese Arbeit so interessant und bemerkenswert, weil es Flohr gelingt, anhand von anschaulichen Erläuterungen einen Blick hinter die Kulissen des Kulturpolitik-Machens zu geben.

Es folgt im fünften Kapitel ein Resümee mit Ausblick. Ein ausführlicher Anhang mit Karten, Verwaltungsvorschriften, Akteurslisten, Fragebogen und Leitfaden für die Experteninterviews rundet die Arbeit ab und ermöglicht es dem Leser, einen vertieften Einblick zu erhalten.

Fazit

Michael Flohrs Arbeit gibt einen ausgezeichneten Einblick in die hochdifferenzierte Kulturpolitik eines Bundeslandes, dessen Schwerpunkt neben dem Tourismus die Kultur ist. Der Autor führt fundiert in die verschiedenen konzeptionellen und analytischen Teilbereiche der Kulturpolitik ein, um dann anhand seines Fallbeispiels Thüringen einen hervorragenden Überblick über das Räderwerk einer Kulturpolitik zu geben, die zwar gut konzipiert, jedoch immer wieder an den strukturellen Aspekten der eigenen Politik und der Verfassung der Kultur-Organisationen scheitert. Auch die verschiedenen Fristigkeiten der Politik in ihren Legislaturperioden und der notwendigen langfristigen Planung der Kulturinstitutionen führen immer wieder zu Friktionen, die eine regelgerechte Synchronisierung von Kulturpolitik und Arbeit der Kultur-Organisationen verhindern.

Gleichzeitig zeigt der Autor aber auch auf, wie wichtig diese Kulturpolitik ist, um den Erhalt der Kultur zu sichern und gegen den Trend eines systematischen Kulturabbaus zu arbeiten, wie er in vielen anderen, vor allem ostdeutschen Bundesländern an der Tagesordnung ist (v.a. Sachsen- Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg). Anders als diese Länder kann von einem großen Bemühen der Thüringischen Landesregierung und ihrer Kulturpolitik gesprochen werden, dieser einmaligen und wertvollen Kulturlandschaft auch längerfristige Entwicklungsimpulse zu geben. Dies zeigt Michael Flohr in sehr gründlicher, analytisch wie empirisch fundierter Weise und mit bestechenden Ergebnissen seiner Forschung auf. Damit wird dieses Buch ein wichtiges Grundlagenwerk der Kulturpolitik-Forschung der Bundesländer. Es wäre zu wünschen, dass diese Arbeit viele Leser*innen in den Reihen der Kulturpolitik und der Kulturschaffenden findet, aber auch, dass dieser Arbeit weitere Werke über die Kulturpolitik anderer Bundesländer folgen, um auch das Verständnis für die Verschiedenheit der Kulturpolitiken der Länder zu befördern. Ich kann deshalb allen Interessierten an Themen der Kulturpolitik und an der Entwicklung der ostdeutschen Länder, hier insbesondere Thüringens, die Lektüre dieses ausgezeichneten, klugen, tiefgründigen und sehr lesenswerten Buches nur empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Schmidt
Direktor Masterprogramm Theater- und Orchestermanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main; Mitglied des Vorstandes des ensemble-netzwerkes sowie der Hessischen Theaterakademie; em. Geschäftsführer (2003 – 2011) und Geschäftsführender Intendant (2011 – 2013) des Deutschen Nationaltheaters Weimar
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Thomas Schmidt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thomas Schmidt. Rezension vom 21.10.2019 zu: Michael Flohr: Kulturpolitik in Thüringen. Praktiken, Governance, Netzwerke. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4255-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25072.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung