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Arnd Götzelmann (Hrsg.): Zweieinhalb Jubiläen

Cover Arnd Götzelmann (Hrsg.): Zweieinhalb Jubiläen. Der Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Ludwigshafen am Rhein und seine Vorgeschichte seit 1948. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2018. 468 Seiten. ISBN 978-3-7528-9789-0. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Herausgeber und Autoren

Der Herausgeber wie auch die meisten Autoren sind Hochschullehrer, Mitarbeiter, Studierende bzw. Absolventen der jetzigen Hochschule Ludwigshafen und/oder eines Vorläufers wie der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen. Insgesamt haben über 50 Personen an diesem Buch mitgearbeitet.

Entstehungshintergrund

In diesen Jahren begehen viele Fachhochschulen bzw. deren Sozialwesen-Fachbereiche Jubiläen ihrer Gründung. Denn vor einem halben Jahrhundert wurden aus unterschiedlichen Vorläufereinrichtungen wie Höheren Fachschulen bzw. Ingenieurschulen die Fachhochschulen geschaffen. Sie nennen sich heute Hochschule bzw. „University for Applied Sciences“. Viele haben eine bewegte Entwicklung hinter sich. Diese hat auch zu tun mit der deutschen Nachkriegsgeschichte sowie ihrer Bildungs- und Sozialpolitik. Aber immer weniger Studierende, Absolventen und Lehrpersonen wissen um diese Zusammenhänge. Daher sind für die Nachgeborenen Erinnerungs- oder Festschriften wichtig.

Thema

In diesem Buch geht es um die Entwicklung des Fachbereichs Sozial- und Gesundheitswesen der jetzigen Hochschule Ludwigshafen. Wie kam es zu diesem merkwürdigen Titel? Im Jahre 2018 beging die Sozialwesen-Ausbildung gleich drei Jubiläen:

  1. Siebzig Jahre Ausbildung in Soziale Arbeit in der Pfalz.
  2. Fünfzig Jahre Grundsteinlegung eines eigenen Gebäudes sowie
  3. zehn Jahre Fusion der Evangelischen Fachhochschule mit dem FB Wirtschaft zur Hochschule Ludwigshafen.

So entstand damals der Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen an der Hochschule Ludwigshafen (S. 79). Damit ist wohl das halbe Jubiläum gemeint.

Nach mindestens vier Grußworten folgt auf den Seiten 30–79 eine Chronik des Herausgebers. Es hatte eine Reihe von Vorläufereinrichtungen gegeben:

  • Evangelische Schule für kirchliche und soziale Dienste (1948),
  • Seminar für Sozialberufe (1950) in Speyer,
  • Höhere Fachschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Ludwigshafen (1970),
  • Evangelische Fachhochschule 1971 und seit 2008 Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen in der staatlichen Hochschule Ludwigshafen (S. 30).

Einen ähnlichen Begriffswandel haben die Bezeichnungen für die Absolventen hinter sich. Vor 1963 hießen sie Wohlfahrtspflegerin oder Wohlfahrtspfleger, danach Sozialarbeiterin bzw. Sozialarbeiter. Seit 1965 war die Ausbildung dreijährig plus Berufspraktikum. Zeitweilig existierte auch ein Studiengang Religionspädagogik. Viele Jahre lang lagen die Studierendenzahlen unter einhundert.

Inhalt

Im zweiten Teil (S. 82-248) wird die Ludwigshafener Bildungsinstitution aus „verschiedenen persönlichen Sichtweisen“ dargestellt. Beispielsweise durch Interviews mit seinerzeit führenden Persönlichkeiten der Evangelischen Fachhochschule. Gestört haben mich dabei die häufigen Aufzählungen von Personen mit ihren Titeln und Taten sowie die vielen Begebenheiten aus dem kirchlichen Bereich. Für mich wäre es wichtiger gewesen, mehr über die damaligen politischen Zusammenhänge und die Einbindung in die Region erfahren zu haben.

Interessant war für mich das Interview mit Wittmann, der sich als Pfarrer, Professor und langjähriger Rektor über das „Abschieben“ der Evangelischen Fachhochschule an das Land Rheinland-Pfalz beklagt (S. 167). Hier wurde viel Kritik geübt. Denn „die Kirche trennte sich von der Fachhochschule zu einem Zeitpunkt, zu dem sie eine erfolgreiche und mit großem Zukunftspotenzial ausgestattete Entwicklung vollzogen hatte“ (S. 173). Das sehe ich auch so. Denn viele wesentlich besser ausgestattete staatliche Einrichtungen hatten es ohne Druck von außen bzw. oben nicht geschafft, neue Studiengänge einzurichten und blieben zu sehr der praxisfernen universitären Fächeraddition verhaftet. Das scheint in Ludwigshafen besser gelungen zu sein. Weiter unten in dieser Rezension befindet sich die eindrucksvolle Liste dieser Studiengänge. Gerne hätte ich mehr darüber erfahren wie sich die Finanzierung unter kirchlicher Trägerschaft abgespielt hatte. „Unseren Freiraum als kirchliche Hochschule haben wir nur sehr restriktiv ausgenutzt“ (S. 178).

Der dritte Teil der Jubiläumsschrift lautet: „Studiengänge, Funktionen und Besonderheiten“ (S. 252-467). Darin werden, auch mit Rückmeldungen von Studierenden, Absolventen und Personal vorgestellt:

  • „Soziale Arbeit“ (Diplom/B.A.),
  • „Soziale Arbeit“ (Master),
  • „Pflegepädagogik“ (Diplom/B.A.),
  • „Pflegeleitung“ (Diplom),
  • „Pflege dual“ (Berufsausbildung und B.A.),
  • „Hebammenwesen“ (Berufsausbildung und B.Sc.),
  • „Fundraising-Management und Philanthropie“ (Master),
  • „Mediation“ (Diplom),
  • „Sozialgerontologie“ (Master),
  • „Unternehmensführung im Wohlfahrtsbereich“ (Master).

Weiterhin enthält dieser Teil Beiträge über Promotionsmöglichkeiten in Form von Kooperationen mit Universitäten, Informationen zum sinnvollen Querschnittmodul Flucht/Migration, Ausbau der Bibliothek, Entwicklung der Gleichstellungsarbeit, Ethik als Prozess und zur Internationalisierung der Studiengänge. Schaut man einmal jenseits der für Außenstehende nicht so interessanten Details, so fallen einige Themen auf:

Bewegte Zeiten: In den letzten Jahrzehnten hat die Sozialwesen-Ausbildung, nicht nur in Ludwigshafen, vieles erlebt: Kaum gegründet, übte das „Städtetag-Papier“ von 1972 massive Kritik. Darin wurden die neuen FH-Fachbereiche des Sozialwesens bundesweit der Praxisferne beschuldigt.

Weitere Themen: Neue Steuerung, Professionalisierungs-Debatten, Evaluierungen, Zertifizierungen, Umstellung auf die C-Besoldung, Zeiten ohne gewähltes Dekanat, neue Berufsfelder und Studiengänge und dann deren Schließung, Bologna-Prozess mit Umstellung auf Bachelor und Master-Abschlüsse usw.

1968 und danach? Was war los in der sogenannten Studentenrevolte? „Richtige linke Gruppen wie z.B. SDS, Kommunistischer Bund Westdeutschlands sind nie wieder aufgetaucht“ (Wittmann S. 166). Mangold ergänzt über die Studierenden dieser Zeit: „Dann haben sie zum Teil ihre Hunde mitgebracht, dann hatten wir manchmal noch Kleinkinder in der Lehre, aber das ging noch“ (S. 191).

Wechselnde Studierendengruppen: Zuerst solche mit Hauptschulabschluss bzw. Mittlerer Reife, Berufsausbildung und Lebenserfahrung, dann einige Ex-Bundeswehr-Angehörige („Zwölfender“), danach 1968er-Zeiten. Später kamen Studierende, die an ökologischen und alternativen Themen Interesse hatten, dann wieder brave (Fach-) Abiturienten mit wenig Lebens- und Berufserfahrung. Andererseits hatte man es in den Pflege-, Gesundheits- und Hebammen-Studiengängen wie auch in den berufsbegleitenden Kursen mit Menschen tun, die schon zehn oder zwanzig Jahre im Beruf gestanden und Kinder großgezogen hatten. Zu manchen Zeiten waren die Studierenden älter und teilweise auch erfahrener als einige Lehrende.

Das Personal: In den Anfangszeiten waren auch Personen tätig, die schon in der NS-Zeit in den Vorgängereinrichtungen gearbeitet hatten. Was dort geschehen ist, wäre gesonderte Untersuchungen wert, etwa in Form von Abschlussarbeiten. Es wurde auch deutlich, dass das hauptamtliche Personal anfangs wenig Kenntnis von den sich rasch verändernden Arbeitsfeldern hatte. Einige Lehrende wurden von Vorgängereinrichtungen übernommen oder sind über die Kirchenlaufbahn und persönliche Kontakte so hineingeraten, teilweise ohne Promotion. Das ist zu dieser Zeit bei vielen staatlichen Einrichtungen bundesweit ähnlich gewesen. Auch hier gab es mehrere Geburtsfehler: ein unverbundenes Fächerstudium, teilweise Fehlberufungen und eine sogenannte akademische Lehrfreiheit, die im Verbund mit einer falsch verstandenen Selbstverwaltung Innovationen erschwerte. Inwieweit das auch auf Ludwigshafen zutraf, ist nicht genau an den Texten zu erkennen gewesen. Danach kamen Professoren, die ihr Fach teilweise so eng verstanden und ausübten, wie sie es an der Universität gelernt hatten. Alles das ist kein automatisches Kriterium für Qualität.

Seit etwa dreißig Jahren versucht man, auch in Ludwigshafen, ein eigenes Profil eines mehr auf die Praxis bezogenen Typus von Hochschullehrer zu schaffen. Das soll über entsprechende Stellenbeschreibungen sowie die „Sozialarbeitswissenschaft“ als neue Leitdisziplin geschehen.

Diskussion

Ganz schön innovativ: Trotz der vielen Veränderungen, interner Auseinandersetzungen, Wechsel in der Trägerschaft können sich die Leistungen, vor allem in der kreativen Schaffung neuer Studiengänge, sehen lassen. Möglicherweise ist klein aber fein und in der Provinz doch besser als Studiengänge in der Großstadt mit mehr als tausend Immatrikulierten und riesengroßen Ansprüchen. Wahrscheinlich lag das auch daran, dass es meistens Verantwortliche für den Aufbau und Betrieb der Studiengänge gab. Alle neuen Studiengänge sind akkreditiert worden.

Was mir bei diesem Thema durchgängig fehlte, waren Informationen über Ergebnisse von Lehrbefragungen und Hinweise darüber, was aus den Absolventen geworden ist.

Natürlich ist es immer schwierig, allen Ansprüchen an eine Jubiläumsschrift gerecht zu werden. Viele müssen daran beteiligt werden und so kommt einiges zusammen. Sicherlich gibt es auch Unterschiede zwischen dem, wie man selber gern gesehen werden möchte und wie man von anderen wahrgenommen wird. Aber verglichen mit einer Studie von Kunz/Mergner über „Hundert Jahre öffentlich getragene Ausbildung für die Soziale Arbeit in Köln 1914-2014“ (vgl. die socialnet Rezension) ist eine gut lesbare, ideologiefreie, fleißige und informative Arbeit entstanden.

Bei den Ludwigshafenern gerieten mir die persönlichen Darstellungen und viele Wiederholungen zu sehr in den Vordergrund. Bei einigen älteren Akteuren scheinen die Wunden des Trägerwechsels noch nicht verheilt zu sein. Zu kurz geraten ist was im Kölner Buch stärker vorkam. Allgemeine und berufliche Geschichte.

Zielgruppe

Wen könnte das Buch aus Ludwigshafen interessieren? In erster Linie wohl Mitglieder, Absolventen, Freunde und Kooperationspartner des Sozial- und Gesundheitswesens an der dortigen Hochschule, sowie alle, die sich für die Geschichte und Entwicklung derartiger Studiengänge interessieren und vielleicht ähnliche Studiengänge auf- oder ausbauen möchten. Auch werden künftige Autoren ähnlicher Jubiläumsschriften sich daran orientieren können.

Fazit

Eine umfangreiche Darstellung von Entwicklung, Angeboten und Leistung des Fachbereichs Sozial- und Gesundheitswesens der Hochschule Ludwigshafen von 1948 bis 2018.


Rezensent
Prof. Dr. Nando Belardi
Bergisch Gladbach bei Köln, em. Universitäts-Professor und Lehrstuhlinhaber für Sozialpädagogik an der TU Chemnitz. Tätigkeit als Gastprofessor in Hongkong, Wolgograd, Bozen und Chengdu
Homepage www.nando-belardi.jimdo.com
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Zitiervorschlag
Nando Belardi. Rezension vom 19.02.2019 zu: Arnd Götzelmann (Hrsg.): Zweieinhalb Jubiläen. Der Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Ludwigshafen am Rhein und seine Vorgeschichte seit 1948. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2018. ISBN 978-3-7528-9789-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25074.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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