Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolf Müller, Ulrike Scheuermann (Hrsg.): Praxis Krisenintervention

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 31.05.2005

Cover Wolf Müller, Ulrike Scheuermann (Hrsg.): Praxis Krisenintervention ISBN 978-3-17-018211-0

Wolf Müller, Ulrike Scheuermann (Hrsg.): Praxis Krisenintervention. Ein Handbuch für helfende Berufe. Psychologen, Ärzte, Sozialpädagogen, Pflege- und Rettungskräfte. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2004. 351 Seiten. ISBN 978-3-17-018211-0. 27,00 EUR. CH: 47,20 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Einführung

Die Herausgeber und Autoren zielen mit dieser praxisnahen Einführung in die Krisenintervention darauf ab, die Krisenintervention stärker in der Aus- und Weiterbildung zu verankern, die Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen darzustellen und methodische Ansatzpunkte bei Kriseninterventionen zu vermitteln. Hierbei geht es nicht nur um klassische Beratungssituationen, sondern beispielsweise auch um Öffentlichkeitsarbeit, um die Organisation des Beratereinsatzes in Katastrophengebieten und um die internetbasierte Beratung. An dem Buch haben 24 deutschsprachige Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Fachrichtungen mitgewirkt, knapp die Hälfte der Mitwirkenden sind in Berlin tätig, bei einzelnen Beiträgen konnten auch Erfahrungen aus Österreich und der Schweiz eingebunden werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Abschnitte:

  • Teil I beginnt zunächst einmal mit einer gesellschaftlichen Bestandsaufnahme einer zu bewältigenden Individualisierung und Pluralisierung, in der die zunehmenden Anforderungen an Flexibilität und Mobilität ein "postmodernes Angstmilieu" erzeugen, in dem der Begriff "Krise" insbesondere in den Medien inflationäre Verwendung findet. So besteht eine wichtige Aufgabe der Einrichtungen der Krisenhilfe auch darin, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit ihre potentiellen Nutzer zu erreichen und über Kriseninterventionsmöglichkeiten glaubwürdig zu kommunizieren. Mit diesem Themenfeld beschäftigt sich der zweite Beitrag. Im dritten Beitrag wird nun der Nutzen von Krisenmodellen relativiert und auf die hohe Bedeutung persönlicher Krisenkompetenz hingewiesen.
  • Teil II widmet sich nun der Aus- und Weiterbildung von Krisenhelfern. Hier finden sich praxisnahe Handlungsleitlinien, Fallbeispiele und Grundprinzipien sowie Ablaufvorschläge für konkrete Weiterbildungsmaßnahmen. Besonders hingewiesen wird in einem eigenen Beitrag auf die Bedeutung des Diversity Managements - des produktiven Umgangs mit einer Vielfalt, die aus der Zusammenarbeit von Helfern verschiedener Fachdisziplinen und verschiedener kultureller Herkunft entstehen kann.
  • Teil III besteht nun aus vielen Einzelbeiträgen, in denen auf unterschiedliche Kontexte und Zielgruppen Bezug genommen wird: Zunächst geht es um Krisenintervention im Familiensystem, dann um die Zusammenarbeit zwischen stationären und ambulanten Krisendiensten und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Sozialpsychiatrischen Diensten, danach werden Sichtweisen von Psychiatrie-Betroffenen und Angehörigen dargestellt. Besondere Zielgruppen, die in den folgenden Beiträgen gesondert hervorgehoben werden, sind: Wohnungslose, geistig Behinderte, Migranten, Kinder und Jugendliche, alte Menschen und Männer (die trotz hoher Suizidrate Kriseneinrichtungen deutlich seltener nutzen als Frauen). Viele der Beiträge sind durch interessante Praxisbeispiele, die einen Einblick in die konkrete Arbeitsweise erlauben, angereichert; insgesamt geben sie einen guten Überblick über mögliche Zielgruppen von Kriseninterventionen und machen deutlich, dass zielgruppenspezifische Methoden unverzichtbar sind, dies beginnt z.B. bereits in der geschlechtsspezifischen Öffentlichkeitsarbeit. Die einzelnen Beiträge sind allerdings für die konkrete Arbeit mit den speziellen Zielgruppen dann doch eher knapp und zum Teil (z.B. Kapitel 16) etwas oberflächlich gehalten.
  • Teil IV befasst sich mit Traumatisierungen, akuten Belastungsreaktionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Hier werden Maßnahmen der (Erst-)Versorgung traumatisierter Menschen und Unterstützungsmöglichkeiten für Helfer thematisiert, es werden Interventionsmöglichkeiten für die Einzelfallhilfe und Gruppeninterventionen (Debriefing) praxisnah dargestellt und kritisch evaluiert. Ein Beitrag befasst sich mit der Organisation und Umsetzung der Maßnahmen, die nach der Bergbahn-Katastrophe von Kaprun eingeleitet wurden. Ein weiterer Beitrag ist der Deeskalation bei drohenden Gewalttätigkeiten gewidmet. Hierbei wird der Krisenhelfer unter anderem ermutigt, seine eigenen Warnsignale bei drohender Eskalation Ernst zu nehmen und bei beginnender Gewalt keine ineffektiven, die Gewalt eher stimulierenden Interventionen aus einer Position vermutlicher Unterlegenheit zu unternehmen.
  • Im Teil V geht es um die Beratung im Internet und deren technische und methodische Voraussetzung. Hier hätten die Beiträge noch besser aufeinander abgestimmt werden können, um Wiederholungen zu vermeiden. Insgesamt wird jedoch deutlich, dass Onlineberatung (E-Mail, Forum und Chat) gerade für Jugendliche und jüngere Erwachsene eine wichtige Anlaufstelle sein kann, bei der erstmals schambesetzte (sexueller Missbrauch) und tabuisierte Themen (Selbstverletzung, Suizidalität) formuliert werden können.
  • Teil VI rundet mit Adressenlisten von Kriseneinrichtungen, Internetlinks und Newsgroups dieses Praxishandbuch ab.

Fazit

Das Buch ist eine Fundgrube für Praktiker, Lehrende und Studierende; es ist aktuell, anschaulich geschrieben und aufbereitet und integriert zahlreiche konkrete Interventionsfälle. In der Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen können angesichts der großen Spannweite der Themen natürlich jeweils nur einige Aspekte vertieft werden. Insgesamt liegt - wie der Titel schon ausdrückt - der Fokus auf der Praxisnähe und weniger auf einer theoretischen Fundierung oder wissenschaftlichen Evaluation. An vertiefter Beschäftigung mit einzelnen Themen interessierte Leser finden jedoch nach jedem Kapitel weiterführende (bei den meisten Themen vorrangig deutschsprachige) Literaturhinweise.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Website
Mailformular

Es gibt 137 Rezensionen von Annemarie Jost.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 31.05.2005 zu: Wolf Müller, Ulrike Scheuermann (Hrsg.): Praxis Krisenintervention. Ein Handbuch für helfende Berufe. Psychologen, Ärzte, Sozialpädagogen, Pflege- und Rettungskräfte. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-17-018211-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2508.php, Datum des Zugriffs 27.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht