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Christopher Johns: Achtsames Führen in der Pflege

Cover Christopher Johns: Achtsames Führen in der Pflege. Mit Mindful Leadership überzeugen und verändern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. 224 Seiten. ISBN 978-3-456-85716-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,50 sFr.

Michael Herrmann (Übersetzer).
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Thema und Entstehungshintergrund

«Stationsleitungen spielen eine Schlüsselrolle in nationalen Gesundheitsorganisationen und sind daher ein zentrales Ziel für die Entwicklung von Leadership.» (Seite 88) Diese Erkenntnis von 1999 des Departments of Health ist ein Startschuss zur Förderung von Leadership Entwicklungsprogrammen im britischen National Health Service (NHS). Das Buch von Prof. Dr. Christopher Johns «ist angelegt, Sie in neue Betrachtungsweisen von Leadership hineinzuziehen.» (Seite 15) Und gleich vorweg: Dies gelingt Johns durch die Verknüpfung von Erzählungen («Narrativen») mit der Theorie. Ausgehend von einer Auswahl aus 80 Narrativen von angehenden Führungspersonen in verschiedenen Organisationen des NHS beschreibt das Buch die Herausforderungen beim Übergang von der transaktionalen zur transformativen Führung. Dieser Übergang ist notwendig, da transaktionales Führen in der heutigen komplexen Welt immer weniger funktioniert.

Im Vorwort berichtet der West Briton (12. März 2015) über eine Umfrage des Royal Cornwall Hospital NHS Trustin dem «ein verherrendes Versagen von Leadership» (Seite 16) festgestellt wurde. Umso dringlicher erscheint es Johns ,Führungsperson durch das 2002 aufgelegte MSc Health Care Leadership Programm zu unterstützen, denn: «Wir können gesunde Organisationen der Gesundheitsversorgung haben, deren primäre Funktion darin besteht, Leadership zu fördern, sodass das Personal die besten Voraussetzungen hat, um dem Kerngeschäft einer effektiven Versorgung von Patienten zu begegnen. Es ist nicht schwer sich klarzumachen, dass Menschen, die wertgeschätzt werden, Verantwortung übertragen bekommen und das Gefühl haben, das man sich um sie kümmert, produktiver und zufriedener sind. Patienten und deren Familien bekämen eine bessere Versorgung. Beides ist reziprok. Und das Betriebsklima wäre fantastisch.» (Seite 16)

Der Schlüssel zu dem allen ist «Reflexion». Das Instrument dazu ist «Servant Leadership», also Dienendes Leadership.

Herausgeber und Autor

Das ist das Panorama dieses Praxisberichts mit vielen theoretischen Bezügen, der 2018 von Prof. Dr. Volker B. Schulte von der Fachhochschule Nordwestschweiz auf Deutsch herausgegeben wurde. Christopher Johns selbst ist Professor an der University Bedfordshire und Canterbury Christ Church University im Vereinigten Königreich.

Aufbau und Inhalt

Die Narrative angehender Führungspersonen zeigen das persönliche Ringen um gute Führung anhand realer und alltäglicher Herausforderungen in Pflege und Geburtshilfe. Der hohe Grad an Reflexion und die konsequente Verknüpfung mit theoretischen Grundlagen werden durch den gesamten Band verfolgt. Der Unterschied von transaktionaler und transformativer Führung wird beispielhaft am Umgang der Erzählerin mit «Beatrice» gezeigt. Beatrice ist eine neue Pflegende, die sehr gute Arbeit leistet und im Karrieresystem aufsteigen möchte, sich jedoch weigert, bestimmte Aufträge zu übernehmen und damit der Leiterin und Erzählerin Alison vor den Kopf stösst. Diese reagiert zunächst «transaktional» und schlägt Beatrice eine Unterstützung durch Supervision vor. Beatrice wehrt sich vehement dagegen, weint, fühlt sich in Frage gestellt. Alison schreibt: «Ich bitte sie, mich an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben zu lassen. Es hilft.» (Seite 96) In der Folge wird deutlich, dass Beatrice auf Grund ihrer Sozialisation mit afrikanischem Hintergrund und «tief verwurzelter hierarchischer Sichtweise» (ebda.) und mangels anderer Vorbilder auf Station eine von ihr vermutete hierarchische Grenze nicht überschreiten konnte. Bei diesem, wie bei allen anderen sehr praktischen Beispielen, folgt dem Narrativ die ausführliche Reflexion über das eigene Führungsverhalten. Das Beispiel Beatrice wird zur Illustration folgender Attribute von «Servant Leadership» genutzt:

  • Dienende Führung engagiert sich für das Wachstum anderer, damit diese auch zu dienenden Führungspersonen werden.
  • Die dienende Führungsperson verfügt über eine Vision und ist deshalb im Stande, anderen den Weg zu zeigen.
  • Dienende Führungspersonen hören erst einmal zu.
  • Dienende Führungspersonen sind «resilient» und erkennen Muster intuitiv und leiden nicht an Selbsttäuschung.
  • Leadership ist etwas spirituelles und gründet in liebenden und fürsorgenden Gemeinschaften.

Die 8 inhaltlichen Kapitel des Bandes beginnen bei «Visionen von Leadership» und durchschreiten die einzelnen Meilensteine, die die zukünftig achtsam Führende zu bewältigen hat, um schließlich „Die Blase der Maschine“ zu werden und Johns schreibt:

«Da ich während der vergangenen zwölf Jahre Führungspersonen angeleitet habe, weiss ich, dass sich die transaktionale Pyramide nur schwer bewegen lässt. Die Führungsperson wird zur Blase in der Maschine, zu einem metaphorischen Virus, der die transaktionale Organisation mit seinen Leadership-Werten infiziert, geschützt durch einen Wall aus Achtsamkeit.» (Seite 164).

Anhang 1 beschreibt das MSc Health Care Leadership Programm und Anhang 2 die Methode «Narrative», die auf 6 Dialogschritten beruht und die Biografie der Führungsperson in den Reflexionsprozess miteinbezieht.

Ein ausführliches Literatur- und Stichwortverzeichnis folgt. In der deutschen Ausgabe finden sich auch Anmerkungen des Übersetzers Michael Herrmann mit kurzen Erklärungen zum britischen Gesundheitssystem.

Diskussion und Fazit

Der Herausgeber Schulte schreibt im Geleitwort auf Seite 10: «Der Praxisbezug macht dieses Werk zu einem einzigartigen Lehrbuch für achtsame Führung in der Gesundheitsversorgung.» Dieser Meinung möchte ich mich voll und ganz anschliessen. Als Coach und Organisationsentwickler im schweizerischen Gesundheitssystem kenne ich die Beispiele aus eigener Praxis. Noch einmal betonen möchte ich, dass der laufende Bezug zur Theorie sich tatsächlich durch das ganze Buch hindurchzieht. Die dabei verwendeten Quellen entsprechen der mir bekannten aktuellen Literatur zur transformativen Führung und deren Umfeld (z.B. wird auch Ken Wilber zitiert).

Allerdings erstaunt es mich, dass Jon Kabat-Zinn, der heute wohl prominenteste Vertreter eines spezifischen Wegs der Achtsamkeit nur einmal kurz zitiert wird. Im gesamten Buch finde ich keine Hinweise, wie Achtsamkeit durch Übungen erreicht werden kann, kein Wort zu Meditation oder anderer Formen zum «Prozess der Selbstkultivierung» (Seite 9). Vielleicht meint Johns, dass dieses Wissen heutzutage sowieso vorausgesetzt werden kann. Mich hat dieser Mangel nicht bei der Lektüre gestört, im Gegenteil: ich war erleichtert, nicht einen neuen Ratgeber zur Erlangung von «Achtsamkeit» vorliegen zu haben. Da gibt es genügend andere. Auf jeden Fall ist dieses Buch allen angehenden und schon bestehenden Führungspersonen, nicht nur im Bereich der Gesundheitsversorgung, zu empfehlen!


Rezensent
Thomas Reinhardt
Dipl. Berater für Organisationsentwicklung. Arbeitet als interner Berater im Universitätsspital Basel und freiberuflich in den Bereichen Organisationsentwicklung, Gesundheitsmanagement, Konfliktmoderation, Coaching für Führungsverantwortliche, Teamentwicklung und Supervision Schwerpunkte: Gesundheit und Führung, Change Management, Leadership, Kommunikation, Psychohygiene und Glück.
Homepage www.corvus-opera.ch
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Zitiervorschlag
Thomas Reinhardt. Rezension vom 06.08.2019 zu: Christopher Johns: Achtsames Führen in der Pflege. Mit Mindful Leadership überzeugen und verändern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-456-85716-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25080.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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