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Eva Neumann, Rainer Sachse u.a.: Persönlichkeit und Bindung in der therapeutischen Beziehung

Cover Eva Neumann, Rainer Sachse, Uwe Britten: Persönlichkeit und Bindung in der therapeutischen Beziehung. Eva Neumann und Rainer Sachse im Gespräch mit Uwe Britten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 145 Seiten. ISBN 978-3-525-40629-8. D: 17,00 EUR, A: 18,00 EUR.

im Gespräch mit Uwe Britten Reihe: Psychotherapeutische Dialoge. Psychologie.
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Thema

Uwe Britten sprach im Juli 2017 mit Eva Neumann und Rainer Sachse über das Zusammenwirken von Persönlichkeitsstrukturen und Bindungsmustern.

GesprächsteilnehmerInnen

Uwe Britten ist Lektor, Redakteur und Autor in den Feldern Psychotherapie, Psychiatrie und Jugendhilfe.

Dr. Eva Neumann, Jg. 1962, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Seelische Gesundheit am LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum.

Dr. Rainer Sachse, Jg. 1948, ist Professor am Institut für Psychologische Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum.

Aufbau

1. Person und Persönlichkeit verstehen

  • Die Unmöglichkeit der Konsistenz
  • Empathie und Empathiegrenzen
  • Das therapeutische Beziehungsangebot

2. Die soziokulturelle Konstruktion der Persönlichkeit

  • Was ist eine „Persönlichkeit“?
  • Die Stigmatisierungsfalle
  • Zur Stabilität von Persönlichkeitsmustern
  • Person, Situation und Bindungsverhalten
  • Begrifflichkeiten verändern

3. Persönlichkeit und Bildungsmuster bei Klienten und Therapeuten

  • Bindungsmuster und therapeutische Begegnungen
  • Wenn zwei Muster aufeinanderkrachen

4. Herausforderungen der Therapeut-Klient-Interaktion

  • Manipulieren
  • Konfrontieren
  • Scheitern

5. Vom gelingenden Schluss

  • Gute Lösungen lernen
  • Die Virtualisierung von Beziehungen

6. Ausgewählte Literatur

Inhalt

Zum Verständnis von Person und Persönlichkeit müssen wir uns klar machen, dass es nicht die eine Person gibt. Eva Neumann nennt hier z.B.: „Männer, die Kinder sexuell misshandeln und sogar töten, die aber gleichzeitig eine eigene Familie haben und ihren Kindern gegenüber sehr liebevoll sind“ (S. 12). Es gibt, wie Sachse es ausdrückt, widersprüchliche Tendenzen in einer Person und das ist ganz normal: „Wir sind nicht einheitlich“ (S. 13).

Beim ersten Zusammentreffen mit einem Menschen achten wir auf die Attraktivität dieses Menschen. So hat eine lächelnde und freundliche Person bessere Karten als ein verschlossener und mürrisch daherkommender Mensch. Daraus können sich dann Bindungsmerkmale generieren. Eine sicher gebundene Person ist eine, die ein positives Bild von sich selbst und von anderen Menschen hat. Sie verfügt in Beziehungen über ein gesundes Selbstbewusstsein. Bei Affären sucht, im Unterschied zu einer Dauerbeziehung, eine Person sich den Partner nach eigenen Kriterien aus. Affären sind nicht alltagstauglich. Menschen, die sich auf Affären einlassen, „suchen in verschiedenen Kontexten ganz unterschiedliche Dinge beim Partner“ (S. 22).

Im therapeutischen Beziehungsangebot geht es um die professionelle Beziehungsgestaltung. Letztgenannte ist von Sachlichkeit geprägt, Der Therapeut kümmert sich um den Klienten, fragt nach, bleibt dran und versucht zu verstehen. Ein 'aufgeweichtes Therapieangebot ist ein Kunstfehler. Sachse sagt hierzu: „Gingen wir mit den Klienten genauso um wie im Alltag, dann würde die Therapie völlig ineffektiv. […] Wenn wir anfingen, auf die Geburtstagsfeiern unserer Klienten zu gehen, dann wäre die Therapie hin“ (S. 35). Im Gegensatz zu professionellen Beziehungen bieten Bindungsbeziehungen den so bezeichneten sicheren Hafen: Jemand erhält in problembehafteten Situationen Trost, Beruhigung und Hilfe.

Was nun eine Persönlichkeit ist lässt sich schwer sagen. Nach Sachse wird mit Persönlichkeit das umschrieben, „was uns relativ konsistent macht über die Zeit, was uns berechenbar macht, und zwar auch für Interaktionspartner“ (S. 42 f.). Gleichzeitig meint Sachse aber auch, dass wir eigentlich eine ganze Reihe von Persönlichkeiten haben, was er eingeschränkt als Persönlichkeitsanteile bezeichnet. Persönlichkeiten sind gewissermaßen Stränge über die Zeit hinweg, was dann zu vier oder fünf Persönlichkeiten in einem Menschen führt.

Um eine gute erste Hypothese über den Klienten bilden zu können, benötigt der erfahrene Therapeut im Schnitt eine Stunde. Es hängt stark davon ab, wie der Klient agiert. Beispielhaft führt Sachse das Verhalten einer paranoiden Person an. Sie lässt den Therapeuten nicht in die Karten schauen, was eine Informationsgewinnung zur Folge hat. Dadurch ist die Diagnosestellung erschwert.

Am Kontinuum Borderline, welches

  • eine neuropsychologische Störung und
  • eine Schema-Borderlinestörung

sein kann, wird die Stabilität von Persönlichkeitsmustern diskutiert. Eva Neumann stellt klar, dass bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung das Beständige eben das Unbeständige ist. Persönlichkeitsstörungen verschlimmern sich bei Stress i.S. von Achse-I-Störungen. Beispielhaft werden hier erfolgreiche Narzissten angeführt. Sie sind Workaholics. Das führt zu Stress, dessen Belastungsgrenzen ignoriert werden.

Korreliert das Bindungsverhalten mit der Persönlichkeit? Neumann meint das sowohl extrovertierte als auch introvertierte Personen sicher gebunden sein können. In den ersten Lebensjahren sind positive Bindungserfahrungen bestimmt immer günstig. Dies wirkt sich z.B. beim Verlust der Eltern – durch Tod – positiv aus.

Ist es eigentlich legitim von Persönlichkeitsstörungen zu sprechen? Mit dem Begriff der Persönlichkeitsstörung, so Sachse, sei „immer noch die alte psychiatrische Klassifikation verbunden, die nahelegte, die Störung sei ein Schicksal, gegen das man nichts machen könne“ (S. 74). Letztgenannter findet die Begriffe Beziehungsstörungen oder Interaktionsstörungen besser. Demgegenüber sind Bindungsmuster besser fassbar. Hierfür gibt es einige etablierte Messinstrumente, „die objektiv sind, das heißt, wenn verschiedene Leute sie anwenden, kommen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu denselben Ergebnissen, sofern die Instrumente fachgerecht angewendet werden“ (S. 78 f.).

Zu Persönlichkeit und Bindungsmustern bei Klienten und Therapeuten wird die Haltbarkeit von gegenwärtigen Bindungsmustern besprochen. Eva Neumann geht, in Anlehnung an R. Chris Fraley, davon aus, dass Bindungen hierarchisch geordnet sind. Ganz oben befindet sich das innere Arbeitsmodell von Bindung, welches bereits in der frühen Kindheit entsteht und sehr stabil ist. Es folgt nun die Ebene, die zwischen der Bindung an die Eltern und derselben an Peers unterscheidet. „Das innere Arbeitsmodell legt […] Wahrscheinlichkeiten fest, […], ob wir eher sichere oder eher unsichere Bindungen haben“ (S. 84).

Was ist nun zu tun, wenn zwei verschiedene Bindungsmuster aufeinanderstoßen? Hierfür hat Sachse die These entwickelt: „Wenn wir mit Klienten arbeiten, mit denen wir emotional eigentlich nicht arbeiten können, werden wir selbst als Therapeuten zu einer wandelnden Kontraindikation“ (S. 99).

Bei den Herausforderungen der Therapeut-Klient-Interaktion wird thematisiert:

  • das Manipulieren, bei welcher jemand den Partner dazu bekommt, Dinge zu tun, die er eigentlich nicht will;
  • das Konfrontieren, d.h. das der Therapeut eine Intervention macht, die der Klient nicht will;
  • das Scheitern, das auftritt, wenn schlechte Therapie gemacht wird, denn, so Eva Neumann: „Man kann gute Therapie machen und damit die Therapieprozesse fördern, aber man kann nichts forcieren“ (S. 133).

Auf die Ausbildung angesprochen fordert Rainer Sachse in der Verhaltenstherapieausbildung eine stärkere Thematisierung der Persönlichkeitsstörungen. Nur so könne es gelingen das dreißig Stunden eine histrionische Störung nicht übersehen wird. Gute Lösungen für eine Therapie mit schwer dysfunktionalen Persönlichkeitsmustern, so Neumann, sind adaptive, angepasste Beziehungsmuster, da es sich generell um Beziehungs- und Interaktionsstörungen handelt.

Abschließend äußern sich Eva Neumann und Rainer Sachse sehr negativ zu den virtuellen Beziehungen, die einfach, bei Nichtgefallen, am Handy weggewischt werden können. Bevorzugt werden von den beiden Letztgenannten dann doch die realen Beziehungen und Begegnungen, was dann auch der Psychotherapie über das Medium Skype entgegensteht.

Fazit

Im Gespräch mit Uwe Britten thematisieren Eva Neumann und Rainer Sachse das Zusammenspiel der Persönlichkeitsstrukturen von psychotherapeutischen Patienten und Psychotherapeuten. Sie gehen ferner der Frage nach, welche Bindungsart das Psychotherapeut-Klient-Verhältnis darstellt. Beispielhaft führen die beiden Gesprächspartner Persönlichkeitsstörungen, z.B. narzisstische Persönlichkeitsstörung oder paranoide Persönlichkeitsstörung an, um hieran die spezifischen Aspekte darzustellen.

Die Gesprächsform bietet eine gut lesbare Form des Buches an, das eine sinnvolle Vertiefung in die Thematik bietet.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 13.12.2018 zu: Eva Neumann, Rainer Sachse, Uwe Britten: Persönlichkeit und Bindung in der therapeutischen Beziehung. Eva Neumann und Rainer Sachse im Gespräch mit Uwe Britten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-40629-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25085.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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