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Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft

Cover Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft. Vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise. oekom Verlag (München) 2018. 317 Seiten. ISBN 978-3-96238-066-3. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

Ulrich Grober lädt den Leser ein, das Innenleben einer Gesellschaft im Übergang zu erwandern. Inmitten vielfacher, bedrohlicher Krisen finden sich unübersehbare Zeichen des Aufbruchs. Teilweise miteinander unvereinbare Konzepte von Nachhaltiger Entwicklung werden trennscharf analysiert im Blick auf ihr Potenzial als „große Erzählung“, die in eine neue Zeit führen kann.

Autor

Ulrich Grober ist freier Publizist und Buchautor zu den Themen Ökologie und Nachhaltigkeit.

Aufbau

Das Buch ist neben einer Einleitung in sechs Kapitel gegliedert und endet mit einem Epilog, der die Quintessenz gelassenen Zukunftsdenkens zusammenfasst. Nach jedem Kapitel folgt ein Zwischenruf, der zentrale Gedanken philosophisch, beinahe meditativ, untermalt.

Inhalt

Bereits in der Einleitung spannt das Buch den Bogen von der Pariser Klimakonferenz zurück zum Lebensgefühl der 1968iger mit dem kalifornischen Traum bis hin zur mittelalterlichen Mystik Meister Eckharts. Eine ungewöhnliche Zeitreise sich wandelnder Werte und Zukunftserzählungen. Grober formuliert als Ziel, zwischen Wissenschaft und Weisheit zu vermitteln und aus beidem die Essenz der Zukunft der Menschheit zu finden.

  1. Das erste Kapitel erzählt das Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff. Die Geschichte vom Kohlenbrenner Peter Munk, der im Gegenzug zum gewünschten Reichtum sein lebendiges Herz austauschen muss gegen ein Herz aus Stein, beschreibt die Anatomie der Gier: das Herz aus Stein lässt ihn unempfindlich werden gegen Empfindungen von Mitgefühl oder Barmherzigkeit.
    Das Märchen spielt im Schwarzwald, einer vom ersten Kahlschlag der frühkapitalistischen Holzindustrie stark gekennzeichneten Region, dem Süddeutschland bis heute seinen Reichtum verdankt. Die zur Erkaltung von Mitgefühl führende Gier ist systemisch geworden und führt dazu, dass im Turbokapitalismus eine kleine Minderheit bewusst auf Kosten der anderen lebt.
  2. Im zweiten Kapitel führt sein Weg in die Autostadt Wolfsburg, die im Zuge der Expo 2000 unter dem Leitbild Sustainable Development entstand. Sehr feinsinnig beschreibt er die Botschaften der Ausstellung, mit denen das digitalisierte, selbstfahrende Auto als Lösung aller Probleme präsentiert wird. Der neue Narrativ des Konzerns lautet: Vorsprung durch Nachhaltigkeit. Suggeriert wird hier die Möglichkeit einer marktförmigen, technikzentrierten Version von Nachhaltiger Entwicklung. Bei genauer Betrachtung bedeuten Reduktion und Entschleunigung allerdings letztlich die Selbstabschaffung des Autos: mitten im Boom befindet sich dieses in seiner größten Krise.
  3. Im dritten Kapitel nimmt uns Grober mit auf die Spuren des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart. Der Theoretiker der Gelassenheit findet gegenwärtig wieder starke Resonanz. Denn der Charakter der anstehenden Transformation wird sich weniger durch „Machen“ auszeichnen als durch „Lassen“. Lassen, also der Verzicht auf Dinge, Güter und Aktivitäten wird zur Grundlage eines sorgfältigen Minimalismus. Dabei nimmt Verzicht nichts weg, sondern gibt – Lebensqualität, Sinn. Grober sieht in der Orientierung auf Werte wie Konvivialität, Lebensqualität und Zeitwohlstand für Europa die Möglichkeit, eine neue Rolle einzunehmen: als Protagonist beim Durchbruch in eine andere Welt.
  4. Im vierten Kapitel besucht er die Halde Hoheward im Ruhrgebiet, ein ehemaliges intensives Steinkohleabbaugebiet. Heute ist sie ein Lernort mit Horizontobservatorium und Landschaftspark. Die Altlasten des Industrialismus in Oasen des Lebens zu verwandeln, ist ureigenste Aufgabe der großen Transformation. Das Betrachten des Sternenhimmels erzeugt ein tiefes Gefühl der Verbundenheit des Menschen mit dem Universum, das zur Befreiung vom Ich und zu einer Haltung von Demut und Genügsamkeit führen kann. Diese Werte sind grundlegend für eine Ethik der Nachhaltigkeit. In der Renaturierung und Revitalisierung zerschundener Ökosysteme scheinen die Möglichkeiten des Neuen auf: das solare Zeitalter, die Kreislaufwirtschaft, in der Rohstoffe gebraucht anstatt verbraucht werden: reduce – reuse – recycle.
  5. Im fünften Kapitel entführt uns Grober in die Welt der Allmende bzw. der commons. Am Beispiel einer funktionierenden Waldgenossenschaft führt er das seit Jahrhunderten praktizierte Modell des gemeinsamen Besitzes als Basis der Grundversorgung aus. Hierbei ist der gemeinschaftliche Zugang zu den Gütern stark reglementiert. So dürfen Waren aus dem Gemeingut nicht auf dem Markt verkauft werden. Die lokalen Gemeinschaften bieten auch heute wesentlichen Schutz vor peak globalization, dem möglichen Zusammenbruch der globalen Versorgungskette. Darüber hinaus weist die Wissensallmende auf das Prinzip der Schwarmintelligenz, das einer Herrschaft der Eliten weit überlegen ist.
  6. Im sechsten Kapitel nimmt Grober den Leser mit zu drei Orten und drei Pionieren des Wandels. Gemeinsam ist den Aktionen öffentlichen Gärtnerns in Münster, einem KulturNaturHof in Thüringen und der Freiburger Regionalwert AG das Schaffen eines sorgfältigen Minimalismus, der den Gedanken der Selbstbegrenzung als Basis von Schönheit, Gemeinsamkeit und Lebensqualität ernst nimmt. In den Gesprächen mit den Projektinitiatoren zeigt sich die Wiederentdeckung des Nahraumes: gelebte Nachbarschaft, think globally, act locally.

Diskussion

Ulrich Grober bekennt sich mit seinem Buch sehr deutlich zu den neuen Werten, die im Schoß unserer Gesellschaft heranwachsen. Er lässt keinen Zweifel, dass sie es sind, die in eine lebenswerte Zukunft führen werden. Wir stehen am Punkt der Entscheidung, und er lässt wenig Zweifel daran, dass nur gestärkt aus einer Krise hervorgehen kann, wer mit alten Traditionen bricht. Hierher gehören alle Versuche, den der aktuellen Wirtschaftsweise zugrundeliegenden Wachstumsgedanken mit der Idee von Nachhaltigkeit zu verbinden.

Fazit

Das Buch zeigt neben einer recht gnadenlosen Analyse des Abgrunds, in das jedes weiter so führen muss, ermutigende Ausblicke auf eine neue Gesellschaft. Zentral für diese ist ein neuer Wertekanon.

Zukünftige Generationen haben keine Kaufkraft – so beschreibt Grober nüchtern das Dilemma des Marktes. Daher bilden neue Werte wie Entschleunigung, Mäßigung, Gelassenheit den Angelpunkt einer neuen zukunftsfähigen Gesellschaft, in der Platz für Mensch, Natur und lebbare Zukunft ist. Nicht Techno-Futurismus, sondern soziale Innovationen werden den Weg in die Zukunft ebnen – nicht künstliche Intelligenz, sondern kollektive Intelligenz. Die universelle Zunahme an Empathie hält er für den Schlüssel zum Überleben der menschlichen Gattung.

Äußerst erhellend ist Grobers Methode der „semantischen Tiefbohrungen“, mit denen er erstaunliche historische Zusammenhänge herstellt. So erfährt der Leser, dass transformatio in der mittelalterlichen Mystik Meister Eckharts das Gottesgebet in der Seele meint.

Dieser und viele andere historische Rückbezüge nehmen der momentanen Klimawandeldebatte das Ängstliche, Laute und binden sie in frühere Erfahrungen der Menschheitsgeschichte ein. Inmitten der Zukunftsdebatten ein wohltuendes Buch, das dem Bereich des Sozialen in der Transformation den ihm gebührenden Platz erteilt.


Rezensentin
Dr. Kristina Bayer
Themenfelder: gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit.
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Zitiervorschlag
Kristina Bayer. Rezension vom 22.03.2019 zu: Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft. Vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise. oekom Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-96238-066-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25089.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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