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Roland Schleiffer: Dissoziales Handeln von Kindern und Jugendlichen

Cover Roland Schleiffer: Dissoziales Handeln von Kindern und Jugendlichen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. 252 Seiten. ISBN 978-3-8497-0100-0. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.

Reihe: Störungen systemisch behandeln - Band 12.
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Thema

Kinder und Jugendliche, die sich dissozial verhalten, stellen eine besondere Herausforderung für Erziehungs- und Helfersysteme dar. Gerade weil sie wenig Wert auf soziale Verbindungen und Zugehörigkeit zu legen scheinen, machen sie sich für unterstützende Angebote häufig eher unerreichbar. Schleiffer entwickelt seinen besonderen Ansatz unter systemisch- konstruktivistischen Aspekten und macht deutlich, wie sehr diese Kinder und Jugendlichen auf Begleitung, Hilfe und Unterstützung angewiesen sind und wie diese gelingen kann.

Autor

Roland Schleiffer ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie war viele Jahre Professor für Psychiatrie und Psychotherapie in der Heilpädagogik an der Universität zu Köln. Zu seinen Schwerpunktthemen gehören neben der Entwicklungspathologie und der Bindungstheorie auch die Systemtheorie.

Entstehungshintergrund

Die Reihe „Störungen systemisch behandeln“ im Carl Auer Verlag hat sich das Ziel gesetzt, SytemikerInnen und anderen „das große Spektrum theoretisch fundierter und praktikabler systemischer Lösungen für einzelne Störungen zugänglich zu machen.“(im Vorwort der Herausgeber). Die in dieser Reihe veröffentlichten Fachtitel geben jeweils einen Überblick über die historische Entwicklung, die Symptomatik der Störungsbilder, verschiedene therapeutische Herangehensweisen und diagnostische Merkmale. Im Hauptteil wird ein systemisches Störungsverständnis und Behandlungskonzept vorgestellt und mit praktischen Beispielen erläutert.

Aufbau

Schleiffer folgt im Aufbau seines Buches der Systematik der Reihe „Störungen systemisch behandeln“ und beschreibt im ersten Teil zunächst, was er unter „dissozialem Handeln“ von Kindern und Jugendlichen versteht, welche Herausforderungen für helfende Berufe damit verbunden sind, welche Erscheinungsbilder und störungsspezifische Aspekte zu berücksichtigen wären und zu welchen Behandlungskonzepten die verschiedenen Erklärungsmodelle führen. Im zweiten Teil des Buches (Kapitel 6) widmet er sich den verschiedensten Interventionsmöglichkeiten.

Inhalt

Roland Schleiffer sieht in der Methode der funktionalen Analyse, die ein systemtheoretisches Problemverständnis für dissoziales Handeln ermöglicht, einen anschlussfähigen Ansatz zur Beschreibung, Erklärung und Behandlung der Kinder und Jugendlichen mit dissozialem Verhalten und ihren Familien. „Dieser Methode, die das Schema Problem/Problemlösung einsetzt, kommt ein zentraler Stellenwert in der vom Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann vorgelegten differenz-theoretisch konzipierten Theorie autopoietischer Systeme zu.“(S. 14) Insofern folgerichtig stellt Schleiffer die Frage, was sich in der Betrachtung, in der Bewertung und im Verständnis „dissozialen Handelns“ ändert, wenn ebendieses Verhalten nicht länger als Problem sondern vielmehr als Problemlösung verstanden wird. Anders formuliert: Schleiffer geht davon aus, dass dissoziales Handeln eine (oder mehrere) Funktionen erfüllt, die für das Kind überlebensnotwendig sind. Wenn die Frage nach der Funktion beantwortet werden kann oder klarer wird für welche Art „Problem“ das dissoziale Verhalten eine Lösung darstellt, kann den Kindern und Jugendlichen auf anschlussfähigere Weise geholfen werden – bzw. die Wahrscheinlichkeit, dass Hilfsangebote greifen können, kann erhöht werden.

Dissozialität begründet einen hohen Interventionsbedarf, weil

  • Kinder und Jugendliche in ihrer psychosozialen Entwicklung Schaden nehmen,
  • Mitmenschen seelisch und materiell geschädigt werden,
  • Die Lebenserwartung dissozialer Menschen deutlich verkürzt ist,
  • Dissozialität häufig einhergeht mit schulischen Problemen, Drogenkonsum und kriminellen Handlungen,

Die gesellschaftlichen Kosten in der Versorgung der Kinder und Jugendlichen, die durch dissoziale Handlungen auffallen um ein 10-Faches höher einzuschätzen sind als bei „unauffälligen“ Kindern (S. 22).

Erziehung kann, so Schleiffer, verstanden werden als „absichtsvolle Kommunikation“ mit dem Ziel der Veränderung bzw. Entwicklung beim Adressaten (in diesem Fall dem Kind). „Als Adressat dieser absichtsvollen Kommunikation fungiert das Kind, welches durch diese Erziehungsbemühungen auf seine künftige Teilnahme an den anderen gesellschaftlichen Systemen vorbereitet werden soll. Erziehung soll beim Kind die Entwicklung von Fähigkeiten fördern, die es benötigt, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden.“ (S. 95)

Nun ist es keineswegs so, dass Kinder und Jugendliche über erzieherische Maßnahmen „direktiv steuerbar“ sind. Vielmehr gelingt Erziehung (nur) dann besonders gut, wenn Kinder ihren Eltern vertrauen und sich mit ihnen verbunden fühlen. Kinder und Jugendliche können sich unter diesen Voraussetzungen auch erzieherischen Maßnahmen anschließen, die mit einer Verschiebung oder Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse oder Unlustgefühlen verbunden sind. Eine genauere Betrachtung der familiären Umstände von Kindern, die dissozial auffällig werden, führt zu einer Reihe von Aspekten, die als „Risikofaktoren“ für die Entwicklung von dissozialem Verhalten gelten können. Dazu gehören u.a.:

  • Armut und geringe Teilhabemöglichkeiten an gemeinschaftlichen Aktivitäten
  • Isolation der Familie
  • Kriminelle Neigungen der Eltern
  • Strafendes Erziehungsverhalten
  • Mangelnde elterliche Aufsicht bis hin zu Vernachlässigung
  • Irritierte Bindungsmuster zwischen Eltern und Kind
  • Häusliche Gewalt, Alkohol- und Drogenkonsum
  • Sexuelle Übergriffe und Missbrauch
  •  Soziales Umfeld und delinquentes Verhalten der Peers

Bei der Berücksichtigung von Risikofaktoren zur Beschreibung oder Erklärung von dissozialem Handeln soll es keineswegs darum gehen, kausale Verknüpfungen nahe zu legen. Schleiffer betont vielmehr das komplexe Zusammenwirken verschiedenster Faktoren und macht deutlich, wie bedeutsam eine genaue und jeweils individuelle Betrachtung des „Falls“ sei. Auffällig sei aber, dass Kinder und Jugendliche die durch dissoziales Verhalten auffällig werden, in vielen Fällen eher geringe Schutzfaktoren (u.a. Intelligenz, Attraktivität, kommunikative Fähigkeiten, Selbstwirksamkeit) aufweisen.

Schleiffer nutzt die funktionale Analyse und kommt zu dem Ergebnis, dass dissoziales Handeln von Kindern und Jugendlichen als (z.T. hartnäckiger) Versuch verstanden werden kann, Eltern zu einem anderen Erziehungsverhalten zu bewegen. Oder auch Eltern dazu zu bewegen, sich überhaupt in irgendeiner Weise zuzuwenden. „Die Vermutung liegt nahe, dass es das elterliche Erziehungsverhalten ist, das sich mehr an den elterlichen als an den kindlichen Bedürfnissen orientiert, welches für ein Kind zum Problem wird, auf das es dann mit dissozialen Problemlösungsstrategien antwortet.“ (S. 93) Nachvollziehbar entstehen über das dissoziale Verhalten weitere Negativerfahrungen, die wiederum weitere Dissozialität in der Logik des Kindes rechtfertigen. Im Inneren des Kindes entwickelt sich ein eigenes Verständnis der Welt und der sozialen Beziehungen, welches zunehmend durch niedrige Erwartungs-Erwartungen, niedrige Selbstwirksamkeit und Vermeidung von Enttäuschung gekennzeichnet ist.

Auch Hilfsangebote können als „absichtsvolle Kommunikation“ verstanden werden – gerade Kinder und Jugendliche mit dissozialen Verhaltensweisen entziehen sich als Adressaten dieser Art der Kommunikation. Die Schwierigkeiten, die in stationären Jugendhilfeeinrichtungen oder auch auf kinder- und jugendpsychiatrischen Stationen entstehen, sind bekannt (bzw. lassen sich erschließen).

Im zweiten Teil seines Buches (Kapitel 6) widmet sich Schleiffer verschiedenen Interventionsmöglichkeiten. Metaperspektivisch wird zum einen die funktionale Analyse genutzt, um anschließend nach Möglichkeiten zu suchen, wie das „Problem“ auf weniger schädliche Weise gelöst werden könnte. Unter der Prämisse, dass auch Kinder und Jugendliche, die sich an ihre dissozialen Handlungen gewöhnt haben, in jeder Situation die (theoretische und faktische) Möglichkeit haben, sich anders zu verhalten als bisher, werden verschiedenste Optionen kritisch diskutiert:

  • Pharmakotherapeutische Interventionen
  • Psychotherapie (psychodynamische Verfahren, Verhaltenstherapie)
  • Konfrontative Pädagogik
  • Elterntrainings
  • Systemische Therapie (und Familientherapie)

Schleiffer betont ausdrücklich, dass sich Helfer (seien es nun Erzieher, Lehrer, Berater oder Therapeuten) ob nun im stationären oder ambulanten Kontext damit auseinandersetzen müssen, dass sie es in aller Regel mit Klienten zu tun haben, die unfreiwillig, gegen ihren Willen oder gezwungenermaßen „adressiert“ werden. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Gestaltung von Kommunikationsprozessen, auf die Hilfeerwartung und schließlich auch auf das Selbstwirksamkeitsempfinden der Helfer selbst. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass hier die Gestaltung einer therapeutischen Beziehung unter erschwerten Bedingungen erfolgt. Therapeutische Leitfragen in diesem Verständnis könnten folgendermaßen klingen: „Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit der eingeschlagene Entwicklungspfad verlassen und ein 'besserer', d.h. sozial verträglicherer, gewählt werden kann, mit anderen Worten: Was muss verändert werden, damit das Problem anders, eben auf nicht so prekäre Weise gelöst werden kann? Oder: Was müsste geschehen, damit das eher erwünschte Verhalten zur Problemlösung eingesetzt wird?“ (S. 235)

Die von Schleiffer entwickelten Ansätze werden durch zahlreiche Fallbeispiele illustriert.

Diskussion

Für diejenigen, die sich selbst als (mehr oder weniger) systemisch denkend und handelnd einschätzen, dürfte die Betrachtung eines „Problems“ als Lösungsversuch nicht wirklich neu sein. So gesehen mag die Beschreibung der „funktionalen Analyse“ wie Schleiffer sie vorschlägt folgerichtig und überzeugend sein, aber nicht neu. Auch die möglichen Antworten auf den Mangel an elterlicher Aufsicht und deutlichen Beziehungsangeboten von Eltern an ihre Kinder als praktische Intervention im Sinne einer „Stärke statt Macht“ (Stichwort: Elterntraining) sind insbesondere in dem Konzept der „Neuen Autorität“ oder den Interventionen des Gewaltlosen Widerstandes in der Erziehung deutlich beschrieben (vgl. H. Omer u. A.v. Schlippe, 2002, 2004, 2010, 2016).

Dennoch überzeugt Roland Schleiffer in seiner Beharrlichkeit und konsequenten Anwendung der Idee, dissoziales Handeln als Problemlöseversuch zu verstehen. Er liefert mit seinen Beschreibungen der Hintergründe und Entstehungszusammenhängen vielfältige Ansatzpunkte für sinnstiftende Hypothesen und hilfreiche Interventionen. Und er trägt – aus meiner Sicht – mit dazu bei, Helfer*innen zu ermutigen „dran zu bleiben“ – auch wenn sie im unmittelbaren Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen Ablehnung, Abwertung und Verweigerung erfahren. In diesem Sinne ist das Buch neu und bereichernd für alle, die sich mit der besonderen Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen befassen, die dissozial auffallen.

Fazit

Roland Schleiffer gelingt eine überzeugende Darstellung der komplexen Zusammenhänge und Wirkfaktoren in der Entstehung, Wirkung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen, die durch dissoziales Verhalten auffallen. Davon ausgehend, dass es sich bei diesen Verhaltensweisen um „Problemlösestrategien“ handelt (und nicht um das Problem selbst) ermöglicht die funktionale Analyse ein tieferes Verständnis für die herausfordernden Verhaltensweisen dieser Kinder. Auch wenn die Prognosen für viele dieser Kinder als tendenziell schlecht einzustufen sind, da sie eben mit „absichtsvollen Kommunikationen“ schwer zu erreichen sind, so macht das Buch sehr eindringlich deutlich, wie sehr gerade diese Kinder und Jugendlichen helfenden Beistand brauchen, um „Ausstiegshilfen“ aus ihren destruktiven, zirkulären und eskalierenden Verhaltensmustern zu finden.


Rezensentin
Ilke Crone
Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin, Supervisorin und Lehrende für Systemische Beratung und Therapie am Bremer Institut für Systemische Therapie und Supervision
Homepage www.i-crone.de
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Zitiervorschlag
Ilke Crone. Rezension vom 03.01.2019 zu: Roland Schleiffer: Dissoziales Handeln von Kindern und Jugendlichen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. ISBN 978-3-8497-0100-0. Reihe: Störungen systemisch behandeln - Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25090.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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