socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Roland Kachler: Nachholende Trauerarbeit

Cover Roland Kachler: Nachholende Trauerarbeit. Hypnosystemische Beratung und Psychotherapie bei frühen Verlusten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. 204 Seiten. ISBN 978-3-8497-0239-7. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Roland Kachler widmet sich vor allem frühen Verlusterfahrungen aus der Kinder- und Jugendzeit, die im Erwachsenenalter entweder durch aktuelle Ereignisse oder auch durch psychotherapeutische Prozesse reaktiviert werden. In der therapeutischen Arbeit schlägt er eine Verbindung seines hypnosystemischen Ansatzes zur Trauerarbeit und der Arbeit mit Ego-States vor.

Autor

Roland Kachler ist Psychologischer Psychotherapeut und Autor vielzähliger Bücher zum Thema Trauer, Trauerbegleitung und Trauertherapie. Seine Überlegungen beziehen Aspekte der Klinischen Transaktionsanalyse, der Klinischen Hypnose, der Hypnotherapie sowie der Ego-State-, und der Traumatherapie mit ein.

Entstehungshintergrund

Kachler selbst misst einer bedeutsamen schweren eigenen Trauererfahrung bei der Entstehung seines hypnotherapeutischen Ansatzes erhebliche Bedeutung bei. Als sein Sohn im Alter von 16 Jahren tödlich verunglückt, erfährt der Vater als Betroffener, wie wenig hilfreich er Trauerbegleitungen erlebt, die sich ausschließlich darauf orientieren, den Prozess des Abschiednehmens und Loslassens zu gestalten. Er erlebte sich selbst im „Widerstand“ zu den angebotenen Interventionen und in seinem Inneren mit Fragen nach einer lebbaren Beziehungsgestaltung zu seinem Sohn beschäftigt. „Erst durch meine eigene Erfahrung wurde mir klar, dass der 'Widerstand' von Trauernden als Rückmeldung an einen – zumindest – einseitigen Traueransatz zu verstehen ist und er deshalb nicht nur zu revidieren, sondern an seiner Stelle ein neues Verständnis der Trauer und der Trauerarbeit zu entwickeln ist.“ (S. 14)

Aufbau

Zunächst wird im ersten Kapitel der hypnosystemische Ansatz in der Trauerarbeit zusammengefasst beschrieben.

Im Anschluss widmet sich Kachler diagnostischen Fragen und diskutiert die Auftragsklärung („Vertragsarbeit“) mit den Klienten (Kapitel 2).

Nach einer Einführung in die hypnosystemische Ego-State-Therapie werden die verschiedenen Phasen der Nachtrauerarbeit vorgestellt: Beelterungsarbeit, Realisierungsarbeit, Beziehungsarbeit zwischen den beteiligten Ego-States, nachholende Trauerarbeit mit dem Familiensystem und Transformation der aktuellen Problematik.

Viele praktische Beispiele sowie kleinere Exkurse in andere Themengebiete sowie konkrete Anregungen für Interventionen ergänzen die Theorie und ermutigen zur praktischen Anwendung.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Nach dem Verlust eines nahen Angehörigen stehen die Hinterbliebenen vor vielfältigen Herausforderungen. Zum einen sind sie gefordert, anzuerkennen, dass der andere unwiederbringlich „fort“ ist und nicht zurückkehren wird. Sie sind gefordert ein Leben ohne die geliebte Person zu leben und zu gestalten und diesen Verlust zu verarbeiten. Kachler entwickelt in seinem hypnosystemischen Ansatz der Trauerarbeit den Ansatz, gleichzeitig an einer aktiven Beziehungsgestaltung im Inneren des Hinterbliebenen zu arbeiten. Für Kachler ist es naheliegend und logisch, dass sich die internalen Repräsentanzen des geliebten Menschen mit seinem Tod nicht einfach auflösen. So betrachtet lebt die Beziehung, die Verstorbene und Hinterbliebene zueinander hatten (und haben) weiter – und kann (und sollte) bewusst, kreativ und aktiv gestaltet werden. Dazu bietet Kachler eine in sich logische, aufeinander aufbauende therapeutische Prozessarbeit an, in der die „Realisierung der äußeren Abwesenheit des geliebten Menschen“ ebenso Raum hat wie die „Reetablierung und das Gestalten einer inneren Beziehung zum nahen Menschen.“ (S. 17) Wichtige Prozessschritte sind hierbei die Realisierungsarbeit, die Stabilisierungsarbeit, die Installation sicherer (äußerer und innerer) Orte, die Arbeit am weitergehenden Leben und die Beziehungs- und Konfliktklärung zwischen Verstorbenem und Hinterbliebenem.

Nachdem in Kapitel 1 die Grundlagen eines hypnosystemischen Ansatzes erläutert wurden, widmet sich Kachler dann dem eigentlichen Thema. Nachholende Trauer- und Beziehungsarbeit bezieht sich vor allem auf frühe Verlusterfahrungen in der Kindheit und Jugend, die möglicherweise durch aktuelle Krisen oder Ereignisse im Erwachsenenalter reaktiviert werden. Diese sollten dann als wesentlicher Bestandteil einer aktuellen psychotherapeutischen Arbeit anerkannt und berücksichtigt werden. Kachler bietet mit seinem Modell der hypnosystemischen Ego-State Therapie eine Möglichkeit nachholende Trauerarbeit in therapeutische Prozesse zu integrieren.

Frühe Verluste sind für Kachler (und auch für andere) u.a. deshalb so bedeutsam, weil Kinder und Jugendliche über geringere Bewältigungsstrategien verfügen, ihre Abwehrmechanismen weniger ausdifferenziert sind, sie in ihrer Entwicklung vulnerabel sind und frühe Verluste tendenziell häufiger mit traumatischem Erleben einhergehen. Häufig fehlt es darüber hinaus an angemessener Unterstützung im Trauerprozess und Kinder sind von den Veränderungen im Familiensystem durch einen Verlust deutlich stärker betroffen. Wenn frühe Verluste in der Kindheit oder Jugend nicht angemessen betrauert werden konnten, so Kachlers Hypothese, tauchen die damit verbundenen Themen häufig im Erwachsenenalter wieder auf. Allermeist zeigen sie sich dann in bestimmten Symptomatiken wie Depressionen, Angst und Panik, Suchtverhalten oder Beziehungsdynamiken – oder aber auch darin, dass Klientinnen aktiv mit diesem Thema beraterische oder therapeutische Hilfe suchen.

Kachler schlägt vor, mit diesen Klienten mit Hilfe der hypnosystemischen Ego-State-Therapie zu arbeiten und bezieht sich dabei auf verschiedene Vorläufer: in der Transaktionsanalyse nach Berne, in der Schematherapie nach Young und in systemischen Ansätzen nach Schwartz, Schultz von Thun oder Peichl (S. 64f). „Die Ego-States einer Person bilden danach ein internales System und sind untereinander in kommunikativem Austausch. Hypnosystemisch verstanden 'hypnotisieren' sich die Ego-States wechselseitig und laden sich also über ihren kommunikativen Austausch zu Tranceprozessen ein.“ (Schmidt, 2004, in Kachler, 2017, S. 66). Ego-States können auch verstanden werden als innere Repräsentanzen lebender (oder verstorbener) Beziehungspartner in sozialen Systemen.

Die nachholende Trauerarbeit nach Kachler arbeitet nun vor allem mit zentralen Ego-States:

  • dem Kind-Ego-States zum Zeitpunkt des Verlustes,
  • den Ego-States des Verstorbenen,
  • den Ego-States der verbleibenden Angehörigen,
  • den Ego-States des erwachsenen Klienten und
  • den Ressourcen-Ego-States als Unterstützer- und Begleitgestalten.

Mit diesen „inneren Akteuren“ kann dann in der hypnosystemischen Trauerarbeit gearbeitet werden. Kachler schlägt sowohl Trance und Imagination, als auch die Installation „sicherer transformatorischer Orte“ (im Innen und Außen) vor. In der Arbeit mit den verschiedenen Ego-States gilt es vor allem die jeweils aktualisierten Gefühle, Gedanken und Körpersensationen acht-und einfühlsam wahrzunehmen und zuzulassen. So können versäumte Trauerreaktionen nach- und durchlebt werden. Dem Ego-State des erwachsenen Klienten kommt die verantwortungsvolle Aufgabe zu, dem Ego-State des Kindes angemessen zu begegnen und diese ggfs. nachzubeeltern. So kann der Ego-State des Kindes Trauer, Verlust, Wut und Angst erleben und sich im „hier und jetzt“ getragen und geschützt fühlen. Klienten brauchen in der Übernahme dieser internalen Aufgabe die sensible, feinfühlige Unterstützung der therapeutischen Begleitung! Auch in der nachholenden Trauerarbeit geht es (möglicherweise) um Konfrontation mit Realitäten – danach sind die Einführung von Trauer- und Rückszugsorten im außen, gute Orte im Körper des Klienten, heilsamen Entwicklungsorten und schließlich die Rückkehr ins eigene Leben hilfreich (S. 131).

Die Idee der nachholenden Trauerarbeit mit Hilfe des Ego-States Konzeptes klingt überzeugend. Gleichwohl braucht es die Bereitschaft der begleitenden Therapeuten sich mit der besonderen Art und Weise wie Kinder und Jugendliche trauern, auseinanderzusetzen. Gelingt die therapeutische Begleitung, so kann davon ausgegangen werden, dass nicht nur Symptome verschwinden oder sich verändern, sondern ein bereicherndes Weiterleben möglich wird. „Jeder Mensch geht mit einem frühen Verlust in Kindheit und Jugendzeit anders um. Viele Menschen brauchen dafür auch später noch Unterstützung und Begleitung. Dafür habe ich dieses Buch geschrieben.“ (S. 200)

Fazit

Roland Kachler widmet sich in diesem Buch den Kindern und Jugendlichen, die eine schwere Verlusterfahrung zu verarbeiten haben und im Kinder- und Jugendalter wenig oder keine Unterstützung erhalten haben, diesen Verlust zu verarbeiten. Wenn diese dann später als Erwachsene aus unterschiedlichen Gründen psychotherapeutische Unterstützung suchen, macht es Sinn (auch) nach frühen Verlusterfahrungen zu forschen. Eine aktivierte internale Begegnung der verschiedenen Ego-States (des Kindes, des Verstorbenen, anderer Familienagehöriger usw.) kann dazu beitragen, nicht verarbeitete Trauer „nachzuholen“ und im „hier und jetzt“ angemessene Rituale, sichere Orte und eine tragfähige internale Beziehung zu entwickeln.

Auch in diesem Buch finden sich zahlreiche Fallbeispiele, Anleitungen und Beispiele für eine sensible Gesprächsführung in der Praxis. Lesenswert, empfehlenswert und bereichernd!


Rezensentin
Ilke Crone
Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin, Supervisorin und Lehrende für Systemische Beratung und Therapie am Bremer Institut für Systemische Therapie und Supervision
Homepage www.i-crone.de
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Ilke Crone anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ilke Crone. Rezension vom 20.12.2018 zu: Roland Kachler: Nachholende Trauerarbeit. Hypnosystemische Beratung und Psychotherapie bei frühen Verlusten. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. ISBN 978-3-8497-0239-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25091.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung