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Roland Kachler: Hypnosystemische Trauerbegleitung

Cover Roland Kachler: Hypnosystemische Trauerbegleitung. Ein Leitfaden für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. 244 Seiten. ISBN 978-3-89670-742-0. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Hypnose und Hypnotherapie.
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Thema

Roland Kachler wirbt in seinem Praxisleitfaden für einen ganzheitlichen, hypnosystemischen Ansatz in der Trauerbegleitung. Dabei liegt ihm besonders am Herzen, Trauerprozesse nicht ausschließlich als Prozesse des Abschiednehmens und Loslassens zu betrachten. Für Kachler geht es in der Begleitung vor allem auch um die Unterstützung von Selbstorganisationsprozesses und Neuorientierungen in der Gestaltung der inneren Beziehung zwischen den Verstorbenen und den weiterlebenden Angehörigen.

Autor

Roland Kachler ist Psychologischer Psychotherapeut und Autor vielzähliger Bücher zum Thema Trauer, Trauerbegleitung und Trauertherapie. Seine Überlegungen beziehen Aspekte der Klinischen Transaktionsanalyse, der Klinischen Hypnose, der Hypnotherapie sowie der Ego-State-, und der Traumatherapie mit ein.

Entstehungshintergrund

Kachler selbst misst einer bedeutsamen schweren eigenen Trauererfahrung bei der Entstehung seines hypnotherapeutischen Ansatzes erhebliche Bedeutung bei. Als sein Sohn im Alter von 16 Jahren tödlich verunglückt, erfährt der Vater als Betroffener, wie wenig hilfreich er Trauerbegleitungen erlebt, die sich ausschließlich darauf orientieren, den Prozess des Abschiednehmens und Loslassens zu gestalten. Er erlebte sich selbst im „Widerstand“ zu den angebotenen Interventionen und in seinem Inneren mit Fragen nach einer lebbaren Beziehungsgestaltung zu seinem Sohn beschäftigt. „Erst durch meine eigene Erfahrung wurde mir klar, dass der ‚Widerstand‘ von Trauernden als Rückmeldung an einen – zumindest – einseitigen Traueransatz zu verstehen ist und er deshalb nicht nur zu revidieren, sondern an seiner Stelle ein neues Verständnis der Trauer und der Trauerarbeit zu entwickeln ist.“ (S. 14)

Aufbau

Das Buch ist in insgesamt 11 Abschnitte gegliedert.

  • Während sich in den ersten Abschnitten (1-3) vor allem grundlegende Aspekte schwerer Verlusterfahrungen und deren Bearbeitung in Begleitung, Beratung und Therapie finden lassen,
  • konzentrieren sich die Abschnitte 4 bis 11 auf verschiedene konkrete Aspekte des hypnosystemischen Ansatzes.
  • So werden Realisierungs- und Beziehungsarbeit (4,6,7),
  • Stabilisierungs- und Ressourcenarbeit (5),
  • die Arbeit mit dem „sicheren Ort“ (8),
  • die Transformation der Trauer (10) und
  • Leben nach dem Verlust (11) ausführlich beschrieben.

Die theoretischen Überlegungen untermauert Kachler mit vielen praktischen Beispielen aus seiner Praxis. Darüber hinaus finden sich zahlreiche Hinweise („Beachte!“) und praktische Anleitungen für die Praxis in der Trauerarbeit, die entsprechend gekennzeichnet (und so leicht findbar) sind.

Inhalt

Die „Trauertheorie muss zum Trauerprozess passen“ (S. 33) und nicht umgekehrt. Dies könnte als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines erweiterten Ansatzes in der Trauerarbeit gelten. Insbesondere bei schweren und schwersten Verlusterfahrungen wird für Kachler ein anderes Verständnis von Trauerarbeit besonders bedeutsam – auch wenn natürlich jede Verlusterfahrung ausgesprochen individuell zu verstehen ist. Zu diesen zählen u.a. unerwartete Verluste zu Unzeiten (frühe, plötzliche Todesfälle), traumatische Umstände des Todes, das unmittelbare Miterleben des Todes unter dramatischen Umständen, Verlust durch Suizid, Verluste die uneindeutig sind oder Todesfälle bei denen sich die Hinterbliebenen mitschuldig fühlen.

Für Kachler besteht die Herausforderung in der Trauerarbeit darin, zum einen die Realität des Todes im Außen anzuerkennen und gleichzeitig die innere Beziehung zwischen dem Verstorbenen und dem Trauernden zu erhalten, zu würdigen und zu gestalten. Auf diese Weise versteht er den Widerstand trauernder Klienten als deutliche Rückmeldung an die Trauerbegleiter – und entwickelt ein hypnosystemisch – konstruktivistisches Verständnis von Trauerprozessen und Trauerarbeit.
„Der Trauerprozess hat sich mir erschlossen als:

  • ein komplexer und dynamischer Selbstorganisationsprozess
  • ein komplexer emotionaler, kognitiver und somatischer, aber auch spiritueller und religiöser Verarbeitungsprozess
  • ein komplexer internaler und imaginativer Verarbeitungsprozess
  • ein komplexer systemischer und kreativer Beziehungsprozess
  • ein selbstbezüglicher, widersprüchlicher Identitätsprozess
  • ein komplexer und tiefgreifender Neukonstruktionsprozess.“ (S. 33)

Trauerberatung und -therapie sollte sich diese Komplexität bewusst sein und durch entsprechende Interventionen in der Lage sein, verschiedene Prozessebenen zu fokussieren.

So könnten die „Traueraufgaben“ (S. 44) in vier Schritten beschrieben werden:

  • „Die Realität des Verlustes akzeptieren.
  • Den Trauerschmerz erfahren.
  • Sich an die Welt ohne den Verstorbenen anpassen.
  • Eine dauerhafte Verbindung zum Verstorbenen finden, während man sich zugleich auf ein neues Leben einlässt (Worden, 2009, S. 44)“

Sein hypnosystemisches Verständnis der (psychischen) Trauerarbeit beschreibt Kachler in fünf Dimensionen:

  • Es geht um eine Neukonstruktion der Beziehung zum Verstorbenen unter der schmerzlichen Bedingung der Abwesenheit des geliebten Menschen.
  • Die Beziehunsggestaltung bezieht sich auf die internalen Repräsentanzen des Verstorbenen im internalen System des Hinterbliebenen.
  • Somit ist Trauerarbeit eine kreative, internale Beziehungsarbeit, in der die Beziehung zwischen dem Verstorbenen und dem Hinterbliebenen ebenso enthalten ist, wie die Beziehung des Hinterbliebenen zur Trauer und zu sich selbst in seinen Trauerreaktionen.
  • Insofern geht es auch um die Neukonstruktion des Lebens, wobei der Verstorbene im Äußeren immer fehlen wird und im Inneren Teil des Lebens bleibt.
  •  Das Ziel der Trauerarbeit ist die bewusste Gestaltung der komplexen Beziehungen – Aufgabe der Trauerbegleitung ist eine wertschätzende, hilfreiche und achtsame Unterstützung des Trauernden in diesem Prozess.

Für eine Trauerbegleitung in diesem Sinne bietet Kachler eine Vielzahl anregender Impulse und Überlegungen. So widmet er sich den Aspekten der Anerkennung und Würdigung von Trauerreaktionen (Abschnitt 3, S. 53ff)), gibt Anregungen für eine behutsame systemisch-Konstruktivistische Auftragsklärung, eröffnet Möglichkeiten zu Bewegungen zwischen innerer und äußerer Realität (Abschnitt 4,S. 70ff), betont die notwendige Stabilisierungsarbeit unter besonderer Betonung äußerer und innerer sicherer Orte für den Hinterbliebenen und seine Trauer (Abschnitt 5, S. 85ff) insbesondere in der wichtigen Phase der Realisierung des Verlustes im Außen (Abschnitt 6, S. 98ff). Die Abschnitte 7–9 widmen sich der neuen Beziehungsgestaltung zwischen der inneren Repräsentanz des Verstorbenen im Hinterbliebenen und geben zahlreiche Hinweise, wie diese hilfreich und unterstützend gestaltet werden kann (S. 125ff). Zum Ende des Buches wird die Beziehung des Hinterbliebenen zu seiner Trauer fokussiert, Transformationsprozesse begleitet sowie der gesamte Prozess der Trauerarbeit retrospektiv gewürdigt.

In allen Phasen des Trauerprozesses werden internale „Trauerbegleiter“ als hilfreiche Adressaten genannt. Dazu gehören u.a. das Unbewusste, die Liebe zum Verstorbenen, der geliebte Mensch und die Trauer selbst. Im therapeutischen Gespräch können diese Repräsentanzen ebenso gut als Kommunikationspartner einbezogen werden und die trauernde Person unterstützen. Kachler bietet in seinem Buch eine Vielzahl hilfreicher Fragen für die Gestaltung des Prozesses in den jeweiligen Schritten an. Darüber hinaus finden sich einige konkrete „Imaginationen“, die praktisch eingesetzt werden können.

Fazit

Roland Kachler ist ein ausgesprochen gut lesbares, nachvollziehbares, anregendes und ermutigendes Buch für die Arbeit mit trauernden Hinterbliebenen gelungen. Neben den – auch in anderen Ansätzen vertretenen – Aufgaben der Realitätsbewältigung im Außen und den hiermit verbundenen schmerzlichen Trennungsprozessen, bietet sein hypnosystemischer Ansatz eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie Verstorbene auf eine gute Art und Weise in den Gedankenwelten der Hinterbliebenen weiter leben dürfen. Damit beantwortet Kachler das paradoxe Dilemma, welches beim Tod eines geliebten Menschen entsteht -nicht anerkennen zu wollen, dass der andere nicht wieder zurück kommt (außen) und gleichzeitig ihn oder sie auf keinen Fall vergessen zu wollen (innen). Die vielen Fallbeispiele, extra markierte Exkurse zur Vertiefung, konkrete Vorschläge zur Gesprächsführung sowie praktische Anleitungen zu Imaginationen machen das Buch zu einem tauglichen Begleiter für alle, die mit der Begleitung, Beratung oder Therapie von Trauernden befasst sind.


Rezensentin
Ilke Crone
Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin, Supervisorin und Lehrende für Systemische Beratung und Therapie am Bremer Institut für Systemische Therapie und Supervision
Homepage www.i-crone.de
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Zitiervorschlag
Ilke Crone. Rezension vom 21.12.2018 zu: Roland Kachler: Hypnosystemische Trauerbegleitung. Ein Leitfaden für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. ISBN 978-3-89670-742-0. Reihe: Hypnose und Hypnotherapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25094.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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