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Yuval Noaḥ Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Cover Yuval Noaḥ Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck (München) 2018. 459 Seiten. ISBN 978-3-406-72778-8. 22,95 EUR.
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Thema

Es besitzt schon ein gewisses Maß an Vermessenheit, ein Buch des israelischen Historikers Yuval Noah Harari rezensieren zu wollen. Er ist ein Bestsellerautor ersten Ranges. In den deutschen und internationalen Feuilletons wird Harari als Kultautor gehandelt, der mit erzählerischer Wucht, populärwissenschaftlicher Eleganz und anekdotischem Witz die großen Fragen der Menschheit behandelt. Mit „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (Erstausgabe in Israel 2011, deutsche Übersetzung 2013) wirft Harari einen universalgeschichtlichen Blick auf die Phylogenese des Menschen und fragt, ob der Mensch die Krone der Schöpfung oder der Schrecken des Ökosystems sei. Bis 2018 erschienen 10 Millionen Exemplare dieses Buches weltweit. In „Homo Deus“ (deutsche Übersetzung 2017) blickt Harari weit in die Zukunft und sucht nach Antworten auf die Frage, wie es künftig mit Homo Sapiens weitergehen könnte. Für dieses Buch bekam er 2017 u.a. den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Es wurde bisher in mehr als 50 Sprachen übersetzt.

Im neuen Buch geht es ebenfalls um Vieles, um globale und individuelle Herausforderungen (Arbeit, Freiheit, Gleichheit, Nationalismus, Terrorismus, Religion, Postfaktisches und Mediation), vor allem aber um Lektionen, in denen Harari seinen Leserinnen und Leser Empfehlungen gibt, wie mit diesen und anderen Problemen zukünftig umgegangen werden kann. In einer Welt, in der sich die Bedrohungen vervielfältigt und globalisiert haben, griffige Erklärungen und Handlungsanweisungen für den Umgang mit den Bedrohungen aber fehlen, sind „klare Vorstellungen davon, was das Leben überhaupt ausmacht“ (S. 17) dringend vonnöten.

Autor

Yuval Noah Harari (1976 in Haifa, Israel geboren) studierte 1993 bis 1998 an der Hebrew University in Jerusalem Geschichte und promovierte 2002 an der Universität von Oxford zu dem militärhistorischen Thema „Krieg und die Beziehungen zwischen Geschichte und persönlicher Identität in Memoiren von Militärs in der Renaissance“ (Harari, 2004). Seit 2005 lehrt er an der Hebrew University Universalgeschichte, schreibt regelmäßige Kolumnen in israelischen Zeitungen (z.B. in Haaretz) und ist gefragter Gastredner auf internationalen Meetings und Konferenzen, so z.B. 2018 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Aufbau und Einleitung

Dem 21. Jahrhundert sind 21 Lektionen gewidmet, die in 21 Kapiteln (nebst einer Einleitung) abgehandelt werden. Der Begriff Lektion kommt bekanntlich aus dem Lateinischen („lectio“), bedeutet „das Gelesene“ oder „die Vorlesung“ und bezog sich im kirchlichen Gottesdienst auf das Vorlesen eines bedeutsamen Abschnitts der Bibel, meist Apostel- oder Märtyrergeschichten, auf große Erzählungen also, mit denen die Hörenden belehrt werden sollten. Um große Geschichten und Erzählungen sowie um Belehrung geht es auch im vorliegenden Buch.

In der Einleitung hebt Harari eine Frage, die im Mittelpunkt des Buches steht, besonders hervor: „Wie kann ich festen moralischen Boden finden in einer Welt, die meinen Horizont weit übersteigt, die sich vollständig menschlicher Kontrolle entzieht und die alle Götter und Ideologien misstrauisch beäugt?“ (S. 14).

Die nachfolgenden 21 Lektion sind in fünf Teile gegliedert.

Zu Teil I

Teil I („Die technologische Herausforderung“) umfasst die Kapitel 1 bis 4: Die Menschheit habe den Glauben an die liberale Erzählung, die die Weltpolitik in den letzten Jahren bestimmte, in jenem Augenblick verloren, als sie – die Menschheit – durch die Verschmelzung von Informations- und Biotechnologien mit den größten und existentiell bedrohlichen Herausforderungen konfrontiert werde.

Was es mit den großen Erzählungen im Allgemeinen und der liberalen Erzählung im Besonderen auf sich hat, erzählt Harari im Kapitel 1 („Desillusionierung. Das Ende der Geschichte wurde vertagt“). Die im Verlaufe des 20. Jahrhunderts formulierten großen Erzählungen (die kommunistische und die faschistische), mit denen Welt und Zukunft erklärt werden sollten, seien kläglich und gewaltig gescheitert. Eingeweihte erkennen unschwer den Link zur frühen Feststellung des Franzosen Jean-François Lyotard (1979, deutsche Übersetzung 1986) vom Ende der „großen Erzählungen“ oder Meta-Erzählungen. Harari erwähnt den großen Franzosen nicht, macht stattdessen auf die dritte, im 20. Jahrhundert entstandene und bis heute verbliebene, große, nämlich die liberale Erzählung aufmerksam. Diese feiere den Wert und die Macht der Freiheit, kämpfe aber auch mit einer Vertrauenskrise. Die Stichworte dafür sind bekannt und aktuell: Donald Trump, Brexit, die aufstrebende Supermacht China, das wiederauferstandene Russland, der Islamismus. Lokale nationalistische und religiöse Erzählungen diskreditieren die große liberale Erzählung ebenfalls im zunehmenden Maße. „Wir stehen folglich vor der Aufgabe, eine aktualisierte Erzählung für die Welt zu schaffen“ (S. 40). Eine solche Erzählung müsse dann aber auch die Folgen von künstlicher Intelligenz, Big-Data-Algorithmen und Bioengineering erklären, aber auch deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt abschätzen können.

Um diese Auswirkungen geht es im Kapitel 2 („Arbeit. Wenn du erwachsen bist, hast du keinen Job“). Was bringen die Verschmelzungen von Informations- und Biotechnologien für die Arbeitssphäre? Welche Fähigkeiten muss Mensch besitzen, um in der Zukunft arbeitsfähig zu sein? Mit welchen neuen Jobs können wir in Zukunft rechnen; oder wird Mensch in der Arbeitswelt gar überflüssig? Brauchen wir dann eine „allgemeine Grundsicherung“, ein bedingungsloses Grundeinkommen, um den Menschen eine menschliche Existenz zu garantieren? Alles Fragen, mit denen sich Harari auseinandersetzt, ohne allerdings konkrete Lösungsansätze zu skizzieren.

Wichtiger erscheint ihm, dass Mensch sich diesen Fragen stellt.

Fragen stehen auch im Mittelpunkt von Kapitel 3 („Freiheit. Big Data is watching you“). Der Titel dieses Kapitels ist diesbezüglich hinreichend informativ. Auch wenn Sie sich den sozialen Medien verweigern, „werden Sie nicht in der Lage sein, Ihr Innerstes vor Amazon, Alibaba oder dem Geheimdienst zu verstecken“ (S. 83). Verschiebt sich deshalb die Macht von den Menschen auf die Algorithmen? Und wenn ja, wie „gehen“ Algorithmen mit moralischen Dilemmata um?

Können Big-Data-Algorithmen die Freiheit und die Gleichheit bedrohen und digitale Diktaturen produzieren? Das ist eine der zentralen Fragen im Kapitel 4 („Gleichheit. Wem die Daten gehören, dem gehört die Zukunft“). Heute scheint es keinesfalls gesichert, wem die Daten gehören. Auch grundlegende Festlegungen, wie der Besitz der Daten geregelt sein muss, existieren nicht. Auf jeden Fall, so Harari, könnten das die wichtigsten politischen Herausforderungen unserer Zeit sein (S. 121).

Zu Teil 2

„Die politische Herausforderung“, lautet dann auch die Überschrift von Teil 2: Die Verschmelzung von Informations- und Biotechnologien bedrohe die zentralen Werte der Moderne, nämlich Freiheit und Gleichheit. Um die Folgen dieser globalen und lokalen Bedrohungen geht es in diesem zweiten Abschnitt, der die Kapitel 5 bis 9 umfasst.

Kapitel 5 („Gemeinschaft. Menschen haben Körper“) widmet sich indirekt einem grundlegenden menschlichen Bedürfnis, dem Bedürfnis nach Gesellung und Kooperation (vgl. auch Frindte & Geschke, 2019; Tomasello, 2009). Die Frage, die Harari in diesem Zusammenhang umtreibt, dreht sich um die Formen dieser Gesellung und Gruppenbildung. Können Online-Communties, wie wir sie auf Facebook, Twitter oder Instagram praktizieren, die Tiefe erreichen, die physische Gemeinschaften realisieren können oder werden die Technikgiganten in Zukunft unsere Körper und unsere sozialen Beziehungen vollständig manipulieren?

„Zivilisation. Es gibt nur eine Zivilisation auf der Welt“, so ist das Kapitel 6 überschrieben. Das richtet sich zum einen gegen die These von Samuel P. Huntington vom „Clash of Civilizations“ (1996, 2002), macht zum zweiten darauf aufmerksam, dass künftige Auseinandersetzungen (z.B. über den Klimawandel) eher mit dem Kampf innerhalb einer (nämlich der menschlichen) Zivilisation einhergehen werden und betont drittens die Möglichkeit und die Notwendigkeit einer menschlichen Kooperation im globalen Maßstab.

Risiken und Gefahren, die eine solche menschliche Kooperation bedrohen, sind der Nationalismus (Kapitel 7: „Nationalismus. Globale Probleme verlangen globale Antworten“), der religiöse Fundamentalismus (Kapitel 8: „Religion. Gott steht jetzt im Dienste der Nation“) und auch die Fehlwahrnehmungen sowie rassistischen bzw. kulturalistischen Ethnozentrismen im Zusammenhang mit weltweiten Wanderungs- und Zuwanderungsbewegungen (Kapitel 9: „Zuwanderung: Manche Kulturen sind womöglich besser als andere“). „Was Europa und der Welt insgesamt dabei helfen könnte, Zuwanderer besser zu integrieren und Grenzen wie Köpfe offenzuhalten, wäre weniger Hysterie im Hinblick auf Terrorismus. Es wäre äußerst unglückselig, würde das europäische Experiment in Sachen Freiheit und Toleranz durch eine übertriebene Angst vor Terroristen zunichte gemacht. Terrorismus ist die Waffe eines randständigen und schwachen Teils der Menschheit. Wie konnte es passieren, dass er die Weltpolitik beherrscht?“ (S. 212).

Zu Teil 3

Um diese Frage, wie konnte es passieren, drehen sich Hararis Argumente im Teil 3 seines Buches („Verzweiflung und Hoffnung“; die Kapitel 10 bis 14): Obwohl die Menschheit mit gravierenden Herausforderungen konfrontiert ist, können diese bewältigt werden, wenn die Menschen ihre Ängste zu kontrollieren vermögen und mehr Demut an den Tag legen. Wie kann das gehen?

Zunächst einmal wäre es hilfreich, sich von den terroristischen Gefahren nicht in Angst und Panik versetzen zu lassen (Kapitel 10: „Terrorismus. Keine Panik“). Das ist leicht gesagt, aber schwer zu realisieren. Globale Risiken, wie die Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus, sind keine Katastrophen, die bereits stattgefunden haben, sondern Inszenierungen und die Vorwegnahme künftigen Unheils. Darauf hat Ulrich Beck (2007) vor einiger Zeit eindringlich aufmerksam gemacht. Auch Yuval Noah Harari spricht vom Theater des Terrorismus (S. 223). An der Inszenierung des Terrorismus sind die Terroristen, ihre Netzwerke und Sympathisanten ebenso beteiligt wie die politischen Strategen, die wissenschaftlichen Beobachter, die bedrohte Bevölkerung und nicht zuletzt die Medien. Nur so erhält der Terrorismus seine Form und kann seine Wirkung entfalten (Frindte & Haußecker, 2010). „Ob der Terrorismus Erfolg hat oder scheitert, hängt somit ganz von uns ab“ (S. 225). Zumindest zu großen Teilen, schränkt der Rezensent ein.

Und wie ist das mit den Kriegsgefahren? Darum geht es im Kapitel 11 („Krieg. Unterschätze nie die menschliche Dummheit“): „…seit der Weltfinanzkrise von 2008 verschlechtert sich die internationale Lage rasant, Kriegstreiberei ist wieder en vogue, und die Rüstungsausgaben explodieren“ (S. 230). Was die Kriegstreiberei betrifft, erinnert der Rezensent zum Beispiel an einen in Großbuchstaben geschriebenen Tweet des US-amerikanischen Präsidenten an den iranischen Präsidenten Ruhani im Juli 2018: „Bedrohen Sie niemals wieder die USA, oder Sie werden Konsequenzen von der Art zu spüren bekommen, wie sie wenige zuvor in der Geschichte erleiden mussten“. Dummheit und Torheit der Regierenden sei, so Harari, in diesem Zusammenhang, eine der großen Gefahren.

„Ein potenzielles Heilmittel für menschliche Dummheit ist eine Dosis Demut“ (S. 242). Und so widmet sich Harari im Kapitel 12 eben diesem Thema (Kapitel 12: „Demut. Du bist nicht der Nabel der Welt“). Yuval Noah Harari ist keinesfalls naiv. Er weiß, dass narzisstische Politiker/innen keine besonders ausgeprägte Neigung zu demütigem Verhalten besitzen. Also belässt es Harari zunächst bei einer allgemeinen Feststellung: „Viele Religionen preisen den Wert der Demut – glauben dann aber, sie selbst seien die allerwichtigste Sache im Universum. Bei ihnen gehen Forderungen nach persönlicher Bescheidenheit mit eklatanter kollektiver Arroganz einher. Menschen aller Glaubensbekenntnisse täten gut daran, Demut ein wenig ernster zu nehmen“ (S. 262).

Hilft der Glaube an Gott, sich demutsvoller zu verhalten? Gibt es Gott überhaupt? Im Kapitel 13 („Gott. Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen“) sucht Harari nach Antworten auf diese Frage und kommt zu dem Ergebnis: „Wie die letzten Jahrhunderte belegen, müssen wir nicht Gottes Namen beschwören, um ein moralisches Leben zu führen. Auch der Säkularismus kann uns mit all den Werten versorgen, die wir brauchen“ (S. 270).

Säkularismus ist das zentrale Thema im Kapitel 14 („Säkularismus. Finde dich mit deinem Schatten ab“). Säkular eingestellte Menschen verherrlichen bekanntlich nicht irgendwelche Personen, Gruppen, Bücher oder Symbole, sondern sie heiligen die Wahrheit, meint Harari (S. 273). Mag sein; der Rezensent meldet vorsichtige Zweifel an. Der Rezensent ist aber ganz mit Yuval Noah Harari einer Meinung, wenn es um die Forderung geht, Menschen, für die eine Religion, eine Ideologie oder eine Weltanschauung, wichtige Orientierungssysteme darstellen, sollten immer auch die „Schatten“, sprich Fehler und Verfehlungen ihrer Religion etc., selbstkritisch im Auge behalten.

Zu Teil 4

Überschrieben ist der Teil 4 des Buches (Kapitel 15 bis 18) schlicht mit „Wahrheit“: Die Welt ist komplex und kaum noch zu überschauen. „Wie lässt sich dann die Wahrheit über die Welt erfahren und verhindern, dass man Propaganda und Falschinformationen zum Opfer fällt?“ (S. 286). Tja, wie könnte das gehen? Schwierig ist es allemal, wissen wir doch weniger als wir zu wissen meinen und haben deshalb auch nur begrenzte Ressourcen, um die Wahrheit von der Wahrheit zu unterscheiden.

Das Kapitel 15 („Nichtwissen. Du weißt weniger, als du glaubst“) dreht sich aber nicht nur um die Frage des Nichtwissen-Könnens. Nicht immer, aber immer öfter, wollen Menschen gar nichts anderes wissen als das, was sie schon wissen, „weil sie sich in einer Echokammer gleichgesinnter Freunde und das eigene Weltbild bestätigender Newsfeed eingeschlossen haben, wo ihre Überzeugungen ständig bestärkt und nur selten infrage gestellt werden“ (S. 291).

Nicht nur die Frage von wahr und falsch lässt sich in Zeiten einer zunehmend komplexer werdenden Welt schwer beantworten. Auch die Unterscheidung zwischen gerecht und ungerecht fällt immer schwerer, wie die Leserinnen und Leser im Kapitel 16 („Gerechtigkeit. Unser Gerechtigkeitsempfinden könnte veraltet sein“) nachlesen können.

Und dann sind da noch die Fake News (Kapitel 17: „Postfaktisch. Manche Fake News halten ewig“). Fake News werden mittlerweile als Symptome einer postfaktischen Ära angesehen. Auch für Harari beginnt das postfaktische Zeitalter aber nicht erst mit den sozialen Medien oder dem Aufstieg von Trump und Putin (S. 309). Propaganda und Desinformationen sind nichts Neues. Harari belegt das mit zahlreichen historischen Beispielen. Tatsächlich, so Harari (S. 310), habe die Menschen schon immer in einer Zeit des Postfaktischen gelebt. Der Rezensent ergänzt: Nicht nur aus historischer Perspektive scheint es kaum angemessen, das jetzige Zeitalter als Ära des Postfaktischen zu bezeichnen. Auch aus einer psychologischen Sicht scheint die Erzählung über ein gegenwärtiges postfaktisches Zeitalter kaum haltbar zu sein. Menschen bilden die Welt, in der sie leben, nicht einfach ab. Alles Fühlen, Denken und Handeln von Menschen ist Ergebnis individueller und sozialer Konstruktionen, die vor dem Hintergrund selbstreferentieller psychischer Prozesse in der sozialen Verständigung ausgehandelt werden. Die individuell und sozial geschaffenen Konstruktionen von Welt lassen sich durchaus auch als postfaktische Bilder von der Wirklichkeit bezeichnen.

Und doch sollte man Fake News nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vor allem Wissenschaftler/innen sind gefordert, sich in öffentlichen Debatten zu engagieren, um mit ihren Mitteln Falschinformationen zu entlarven (S. 324). Wenn sie es doch viel öfter tun würden!

Es ist durchaus einer wissenschaftlichen Debatte wert, ob, wie Yuval Noah Harari im Kapitel 18 („Science-Fiction. Die Zukunft ist nicht das, was man im Kino sieht“) behauptet, dass Menschen besser als andere Lebewesen kooperieren können, weil sie an Fiktionen glauben (S. 325). Leben wir gar in einer Fiktion, in der „Matrix“, der „Truman Show“ oder in Huxleys „schöner neuer Welt“?

Zu Teil 5

Egal, zu welchem Schluss man auch kommen mag, wichtig, nicht nur für Harari, auch für die interessierten Leserinnen und Leser, ist die Frage nach den Fähigkeiten der Menschen, die globalen Herausforderungen zu bewältigen und den damit verbundenen Risiken und Krisen zu widerstehen. Um Resilienz dreht sich Teil 5 des Buches (Kapitel 19 bis 21): „Wie sollen wir leben in einer Zeit der Verunsicherung, in der die alten Erzählungen weggebrochen sind und noch keine neue Erzählung entstanden ist, die sie ersetzen könnte?“ (S. 339).

Besieht man sich allerdings die Arbeiten der Protagonisten und Interpreten der „Zweiten Moderne“, also z.B. jene Entwürfe, die Ulrich Beck in den letzten Jahren vorgelegt hat, kommt man nicht umhin festzustellen, die Metaerzählungen leben noch und erfreuen sich der wissenschaftlichen Zustimmung und Kritik. Und auch der „Clash of Civilization“ hat genügend Potenzial, als große Erzählung anerkannt zu werden. Es wundert ja auch nicht. Würde man auf derartige Metaerzählungen verzichten, könnte man mit Francis Fukuyama tatsächlich behaupten, wir seien am Ende der Geschichte angekommen. Metaerzählungen weisen zumindest folgende Merkmale auf: Sie analysieren Vergangenes, formulieren Diagnosen über Gegenwärtiges und entwerfen Prognosen über Zukünftiges. Metaerzählungen stellen somit Konstruktionen bereit, um die von Harari diskutierte Komplexität von Welt zu reduzieren. Sie prognostizieren gleichzeitig, dass Welt und Menschsein unter bestimmten Bedingungen eine Zukunft haben können. Bei Ulrich Beck heißt diese Zukunft „Kosmopolitismus“. Kosmopolitismus bedeutet für Beck (2002, S. 412) im Kern „die Anerkennung der Andersheit der Anderen“.

Neben dem Kosmopolitismus werden natürlich gegenwärtig auch noch andere mehr oder weniger große Metaerzählungen über Zukünftiges vor dem Hintergrund des Gegenwärtigen und Vergangenen erzählt; etwa die – im vorliegenden Buch ebenfalls diskutierte – Erzählung über den Neoliberalismus nach der Lehman-Pleite, über den Nationalismus und dem Ende der Europäischen Union, die Erzählung über den religiösen Fundamentalismus und seine Verlockungen etc.

Was also tun? Yuval Noah Harari diskutiert drei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit: „Bildung“ (Kapitel 19: „Bildung. Veränderung ist die einzige Konstante“). Herkömmliche schulische Bildung sei nicht in der Lage, die Unmengen an Informationen, die uns im 21. Jahrhundert überfluten, zu vermitteln. Auch angebliche Zensoren können diesen Informationsstrom nicht aufhalten. Die Algorithmen der digitalen Welt sind immer schneller. Deshalb sollten Schulen weniger Wert auf technisches Können legen und stattdessen universell anwendbare Lebensfertigkeiten in den Mittelpunkt rücken (S. 345).

Die zweite Möglichkeit: nach dem Sinn des Lebens suchen (Kapitel 20: „Sinn. Das Leben ist keine Erzählung“). Aber wie und wo kann Mensch den Sinn des Lebens in einer globalisierten Welt finden, fragt der Rezensent? Findet man ihn in den Ideologien, die eh nur „falsches Bewusstsein“ reflektieren – wie Friedrich Engels in einem Brief am 14. Juli 1893 an Franz Mehring schreibt? Oder findet er sich in den Religionen, deren Gegenstand es ist „die Erinnerung an eine längst vergangene Zeit …zu erhalten“ – so Maurice Halbwachs (der französische Soziologen, der am 16. März 1945 im KZ Buchenwald ermordet wurde; 1985, 261)? Oder liefern uns gar die Medien, namentlich die sozialen, eine Vorstellung vom Sinn des Lebens? Sind die sozialen Medien der neue Religionsersatz? „Twitto ergo sum – Ich twittere, also bin ich“, stellte Umberto Eco kurz vor seinem Tod im Jahre 2016 fest (Eco, 2016, S. 31). Harari meint, im Universum ließe sich kein Sinn finden. „Ich gebe dem Universum Sinn. Das ist meine kosmische Berufung“ (S. 391). Und: „Wenn Sie also die Wahrheit über das Universum, über den Sinn des Lebens und über Ihre eigene Identität erfahren wollen, so beginnen Sie am besten damit wahrzunehmen und zu erkunden, was Leid wirklich ist“ (S. 404).

Und da kommt die dritte Möglichkeit ins Spiel (Kapitel 21: „Meditation. Einfach nur wahrnehmen“). Vor Jahren schlug ein Freund vor, er, Yuval Noah Harari, solle doch mal versuchen, einen Vipassana-Meditationkurs zu besuchen. Ein Meditationslehrer brachte ihm diese aus dem Buddhismus stammende Methode bei. Seitdem meditiere er täglich zwei Stunden. Meditation sei ein Instrument, um den (eigenen) Geist direkt zu beobachten (S. 414). Das ist nicht viel, hilft aber eventuell, um die eigene Kraft zu erkennen und für die großen Herausforderungen gewappnet zu sein.

Fazit

Es ist ein spannendes und gut übersetztes Buch, wie die früheren Bücher von Harari auch. Die Argumente sind nicht neu. Vieles von dem, was Harari im vorliegenden Buch diskutiert, hat er bereits in verschiedenen Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge veröffentlicht, so zum Beispiel in Haaretz, im Guardian, im New Yorker oder in Nature News. Diese Quellen und auch die wissenschaftlichen Belege, auf die sich Harari stützt, sind im Buch ausgewiesen. Beeindruckend sind das universelle Wissen und die transdisziplinären Brücken, mit denen Yuval Noah Harari seine Argumentation entwickelt. Werbung für das Buch ist überflüssig. Leserinnen und Leser gibt es genug. Ob allerdings auch jene Menschen dieses Buch lesen und verstehen, die im Postfaktischen, im Nationalismus, im Fundamentalismus oder in anderen verkorksten Weltsichten ihr Heil und den Sinn des Lebens suchen, wagt der Rezensent zu bezweifeln. Und weil es so ist, wie es ist, kann man eigentlich nur an die intelligenteren Menschen appellieren: Sorgt Euch um die Anderen und habt den Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen!

Zitierte Literatur

  • Beck, U. (2002). Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Eco, U. (2016). Pape Satàn. München: Carl Hanser Verlag.
  • Frindte, W. & Geschke, D. (2019). Lehrbuch Kommunikationspsychologie. Weinheim: Beltz/Juventa.
  • Frindte, W., & Haußecker, N. (2010). Inszenierter Terrorismus. Wiesbaden: Springer VS.
  • Halbwachs, M. (1985). Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Frankfurt a.M.: Fischer.
  • Harari, Y. N. (2004). Renaissance military memoirs: war, history, and identity, 1450–1600 (Vol. 18). Woodbridge: Boydell Press.
  • Huntington, S. P. (1996). The Clash of Civilizations. New York, NY: Simon & Schuster.
  • Lyotard, J.-F. (1986). Das postmoderne Wissen. Graz, Wien: Böhlau.
  • Marx-Engels Werke (1968). Brief Engels an Franz Mehring vom 14. Juli 1893. MEW, Band 39. Berlin: Dietz Verlag.
  • Tomasello, M. (2009). Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 31.01.2019 zu: Yuval Noaḥ Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck (München) 2018. ISBN 978-3-406-72778-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25100.php, Datum des Zugriffs 23.03.2019.


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