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Heike Lubitz, Bettina Lindmeier: Praxisbuch Demenzbegleitung

Cover Heike Lubitz, Bettina Lindmeier: Praxisbuch Demenzbegleitung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 178 Seiten. ISBN 978-3-7799-3937-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Edition Sozial.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch stellt ein erprobtes, praxisnahes Konzept vor, um Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in Wohneinrichtungen Informationen und alltagsnahe Bewältigungsstrategien im Umgang mit demenzkranken Mitbewohnern zu vermitteln.

Es richtet sich daher insbesondere an Fachkräfte, die Gruppenangebote mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen durchführen (ErwachsenenpädagogInnen, HeilpädagogInnen, PsychologInnen, SozialpädagogInnen und PflegepädagogInnen). Weiterhin können generell Fachkräfte in Einrichtungen für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sowie Studierende sehr von diesem Buch profitieren.

Autorinnen

Dr. Heike Lubitz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover und nebenberufliche Referentin zum Thema Alter und Demenz bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung.

Prof. Dr. Bettina Lindmeier ist Professorin für Allgemeine Behindertenpädagogik und -soziologie an derselben Universität.

Aufbau 

Das Buch besteht neben der Einleitung und dem Literaturverzeichnis aus vier unterschiedlich langen Kapiteln sowie einer umfangreichen Materialsammlung:

  1. Demenz bei kognitiver Beeinträchtigung
  2. Erwachsenenbildung mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung
  3. Kurskonzept: das Bildungsangebot für Mitbewohnerinnen und Mitbewohner von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und Demenz. Dieses Kapitel bildet das Herzstück des Buches
  4. Methoden der Demenzbegleitung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe

Inhalt

Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung erleben häufig Konflikte in ihrem Wohnumfeld, wenn in ihrer Wohngruppe MitbewohnerInnen an Demenz erkranken. Das vorliegende Buch enthält ein Konzept, wie sich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung Wissen über Demenz aneignen können und wie sie im angemessenen Umgang mit erkrankten MitbewohnerInnen unterstützt werden können. Hierzu wird ein Kursangebot mit acht – neun wöchentlich stattfindenden Einheiten vorgestellt.

Basierend auf einem Forschungsprojekt der Erstautorin werden zunächst Erfahrungen und Belastungen im Wohngruppenalltag dargestellt, wenn in Wohngruppen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und demenzkranke, geistig behinderte Bewohner zusammenleben: Die Arbeitsbelastung der Fachkräfte nimmt zu, die nicht an Demenz leidenden BewohnerInnen kommen möglicherweise zu kurz, und so kann es zu Konflikten zwischen den Gruppenmitgliedern kommen.

Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist auch die Erwachsenenbildung inklusiv zu gestalten. Das bedeutet, dass sich die Erwachsenenpädagogik in zunehmendem Maße mit Angeboten für Menschen mit Behinderungen befasst. Vor diesem Hintergrund wurde das Kurskonzept entwickelt, in der Praxis erprobt und evaluiert (auf die Evaluierung wird aber nicht ausführlich eingegangen, hier wird auf andere Publikationen verwiesen).

Das vorgestellte Bildungsangebot ist auf die Bedürfnisse und Interessen der teilnehmenden Gruppe abgestimmt und verwendet Methoden und Materialien, welche es Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten erlauben, die vermittelten Informationen zu begreifen und nachzuvollziehen. Es zielt darauf ab, das Einfühlungsvermögen für MitbewohnerInnen mit Demenz zu fördern und konkrete Verhaltensweisen zu erlernen, die bei Krisen und Konflikten angewandt werden können. Unterstützt werden sollte das Kursangebot durch die Fachkräfte in den Wohngruppen, die die TeilnehmerInnen im Alltag begleiten, sodass die KursteilnehmerInnen die Informationen und Ideen auf konkrete Situationen übertragen. Daher sollte es ein begleitendes Kursangebot für die Fachkräfte in den Einrichtungen geben, letzteres wird jedoch nur kurz skizziert.

Das Kurskonzept „Wolken im Kopf – Erste Hilfe bei Vergesslichkeit und was wir tun können“ ist flexibel. AnwenderInnen können selber entscheiden, ob sie Struktur in Gänze übernehmen oder verändern.

Die TeilnehmerInnen werden zum Kurs schriftlich in leichter Sprache sowie zusätzlich noch einmal persönlich eingeladen, weiterhin wird das Kursangebote auf Plakaten mit Piktogrammen bekannt gegeben. Die Gruppe sollte vier bis acht Personen umfassen. Alle TeilnehmerInnen erhalten eine Expertenmappe, die viele Piktogramme enthält und sukzessive mit Arbeitsblättern und Fotos von den Kurssitzungen ergänzt wird.

Das Buch enthält viele Hinweise zur Verwendung einer einfachen Sprache, zu geeigneten Materialien und umfasst im Anhang zahlreiche Piktogramme und konkrete Formulierungshilfen. Die einzelnen Sitzungen haben alle einen ähnlichen Ablauf und bestehen aus Gesprächsrunden und praktischen Übungen.

Zu Beginn der Kurssequenz werden gemeinsam Gruppenregeln erarbeitet. Die TeilnehmerInnen beschäftigen sich dann zunächst mit Wohlbefinden und Krankheit und überlegen, was sie sich selber bei Krankheit wünschen würden. Im weiteren Verlauf wird kleinschrittig, in einfacher Sprache und unterstützt durch konkretes Anschauungsmaterial Wissen zur Demenz vermittelt. Hierauf aufbauend werden gemeinsam Umgangsstrategien erarbeitet, in Rollenspielen erprobt und mit anschaulichen Materialien (z.B. Erste Hilfe Schachtel) untermalt. In der letzten Sitzung werden die Teilnehmenden ausführlich gewürdigt und erhalten Zertifikate. Mit einigem zeitlichen Abstand kann noch ein Nachtreffen organisiert werden.

Das letzte Kapitel: „Methoden der Demenzbegleitung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe“ analysiert gängige Konzepte im Umgang mit Demenzkranken auf ihre Übertragbarkeit auf Menschen, die bereits vor der dementiellen Entwicklung an kognitiven Beeinträchtigungen gelitten haben. Die vorgestellten Konzepte sind in

  • Biographiezentrierung
  • Personenzentrierte Ansätze und
  • Strukturelle Maßnahmen (Milieutherapie)

untergliedert. Bei den Personenzentrierten Ansätzen werden einige Annahmen von Naomi Feil kritisch reflektiert, während die Integrative Validation aufgrund des Verzichts auf rigide Phasenschemata und die person-zentrierte Demenzpflege nach Kitwood als geeigneter dargestellt werden. Auch das Konzept „Ernstnehmen-Zutrauen-Verstehen“ nach Pörtner böte die Grundlage für eine wertschätzende und positive Gestaltung des Gruppenerlebens in der Behindertenhilfe. Im Fazit wird hervorgehoben, dass ein Konzept erst dann besonders tragfähig und gerne angewendet wird, wenn es mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemeinsam entwickelt und ausgearbeitet wurde.

Diskussion

Man kann die Konzeption, den Kursaufbau und die Durchführung sehr gut nachvollziehen. Es handelt sich um ein wichtiges Buch für die Praxis, ein wenig schade ist es, dass der Titel etwas sperrig und nicht so einladend ist, wie ich es mir für ein so gelungenes Buch wünschen würde. Das Kapitel: „Methoden der Demenzbegleitung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe“ hätte noch etwas besser mit der eigenen Konzeption vernetzt werden können. Insgesamt ermutigt das Buch, das vorgestellte Konzept weiterzuentwickeln und in Einrichtungen der Behindertenhilfe weiterführende Begleitungsweisen für Menschen mit Demenz zu etablieren.

Fazit

Das Buch regt an, sich in Wohneinrichtungen der Eingliederungshilfe mit der Alltagsbegleitung von Menschen mit dementiellen Erkrankungen auseinanderzusetzen und hierbei die MitbewohnerInnen einzubeziehen. Es enthält ein überzeugendes, praxisnahes Konzept, wie man Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in acht bis neun Sitzungen zum Thema „Umgang mit Demenzkranken in der eigenen Wohneinrichtung“ in einfacher Sprache schulen kann.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 08.05.2019 zu: Heike Lubitz, Bettina Lindmeier: Praxisbuch Demenzbegleitung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3937-5. Reihe: Edition Sozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25101.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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