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Peter Zwanzger (Hrsg.): Angst

Cover Peter Zwanzger (Hrsg.): Angst. Medizin. Psychologie. Gesellschaft. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2018. 316 Seiten. ISBN 978-3-95466-406-1. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 30,00 sFr.
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Thema

Angst und Angststörungen bekommen in unserer Gesellschaft immer mehr Bedeutung. Tagtäglich erreichen uns Meldungen über Naturkatastrophen oder Terrormeldungen. Daraus entstehen sicherlich Ängste unterschiedlichster Ausprägungen, aber auch nicht Betroffene beängstigen diese Meldungen zunehmend. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieses Thema langsam enttabuisiert wird und daher mehr an die Oberfläche gelangt, wenn wir an zum Beispiel soziale Ängste denken. Angst ist ein Thema, vor welchem unsere Gesellschaft nicht die Augen verschließen und keine Angst haben sollte, es zu einem Thema zu machen. Dieses Buch macht Angst zu einem Thema und umfasst dabei alle wichtigen Themenbereiche, in denen Angst bedeutsam ist. Medizin. Psychologie. Gesellschaft.

Herausgeber

Peter Zwanger hat zusammen mit diversen AutorInnen aus dem medizinischen und psychologisch-therapeutischen Bereich ein interdisziplinäres Werk erstellt, welches die Angst und deren Behandlungsformen von verschiedenen Seiten aus beleuchtet. Zwanger selbst ist Mediziner und beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Entstehung und Behandlungen von Ängsten. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den neurobiologischen Entstehungsbedingungen von Angsterkrankungen sowie der Entwicklung neuer Behandlungsverfahren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Borwin Bandelow (Präsident der Gesellschaft für Angstforschung). Hier skizziert er die Entstehung bzw. Trag- und Reichweite von Ängsten in unserer heutigen Gesellschaft.

Der Herausgeber selbst schließt sich mit einer erweiterten Einführung an und greift die unterschiedlichen Themenbereiche auf, in dessen Kontext Angst betrachtet wird.

Das Buch ist in sechs große Kapitel unterteilt, die wiederum noch Subkapitel enthalten, welche die jeweiligen Themen vertiefen.

1. Oberkapitel: Angst und Gesellschaft:

Begonnen wird hier mit einem sehr weit zurückliegendem Blick in die antike Mythologie. Woher stammt der Begriff der Angst und welche Mythen gehen mit ihm einher. So waren im alten Griechenland Phobos & Deimos die Verkörperungen von Furcht und Schrecken. Angst wurde damals bewältigt als Personifikation von Naturgewalten.

Das Kapitel befasst sich weiter in den einzelnen Subkapiteln mit dem gesellschaftlichen Themenbereich. So werden Ängste der deutschen Gesellschaft, die Rolle der Medien, Angst und Glaube, aber auch Angst und Musik betrachtet. Letzteres mag auf den ersten Blick nicht mit Ängsten in Verbindung gebracht werden. Doch bei näherem Hinsehen erscheint die Bedeutsamkeit klar. In vielen Studien wurde nachgewiesen, welch angstauslösende Wirkung Musik besitzt. So legen einige Forscher dar, dass Angst als evolutionsbedingte Grundlage mit bestimmten strukturellen Signaturen von Musik ausgelöst wird (S. 33).

2. Oberkapitel: Angst und Angsterkrankungen:

In diesem Kapitel und Subkapitel wird die Epidemiologie von Angst und Angsterkrankungen beleuchtet sowie deren Erscheinungsformen.

Angst als biologisch notwendige Basisemotion kann, wenn sie zu gehäuft auftritt den Menschen derart beeinträchtigen, dass sie pathologische Formen annimmt. Grundsätzlich in jedem Alter auftretend, entstehen Angsterkrankungen schon häufig im Kindes- und Jugendalter mit erheblichen Einschränkungen in der Kindesentwicklung. Die vorhandenen Befunde zielen auf Präventionsmaßnahmen ab, gerade in Hochrisikopoulationen.

Bei der Einteilung bzw. Diagnostik von Angsterkrankungen gilt es zunächst den Patienten ausführlich von seinen Beschwerden berichten zu lassen, ggf. nachzufragen. Steht der Verdacht einer Diagnose im Raum kann sie mit sog. Screeningfragen eingegrenzt bzw. gefestigt werden.

3. Oberkapitel: Entstehungsbedingungen der Angst:

Ca. 25–67 % Heritabilitätsquote besteht um an Angststörungen zu erkranken. Studien das Genom betreffend verweisen auf eine Risiko-Genvariation hin. Derartige Entstehungsbedingungen indizieren ein Umdenken hinsichtlich den Therapieansatz betreffend. Weiterhin spielt die Diskrepanz zwischen früher und später Umwelt in der sog. Match – Mismatch – Hypothese eine wesentliche Rolle. Je größer die Diskrepanz, desto größer ist die Anfälligkeit an einer Angststörung zu entwickeln.

4. Oberkapitel: Therapie der Angst nach Leitlinien:

Von kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) bis hin zum pharmakologischen Therapieansatz bieten die Leitlinien ein breites Spektrum an Möglichkeiten der Behandlung, wobei die Summe aus den Ansätzen letztendlich am ehesten erfolgsversprechend ist. Gerade in der pharmakologischen Therapie führen Medikamente häufig zu Resistenzen, ein weiterer Teil der Patienten sprechen mitunter gar nicht auf die Medikation an. So wird beispielsweise an neuen und alternativen Wirkstrategien gearbeitet. D-Cyclosein (DCS) soll demnach in Kombination mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Interventionen diskutiert werden.

5. Oberkapitel: Perspektiven und Entwicklung in Therapie und Prävention:

Auch im Bereich von Angsterkrankungen ist die virtuelle Realität (VR) inzwischen angekommen. So kann diese in der KVT eingesetzt werden, um das Üben und Erlernen neuer Verhaltensweisen zu optimieren und effizienter zu gestalten. Als ebenfalls nicht-invasive Präventionsmaßnahme werden die repetetive-transkranielle Magnetstimulation sowie die transkranielle Gleichstromstimulation diskutiert. Für letzteres Verfahren liegen derzeit weniger Studien zur Wirksamkeit vor. Es wird angenommen, dass ein optimaler Effekt aus der Kombination beider Verfahren erreicht wird. Embodiment und Körperpsychotherapie als Präventionsansatz hilft dem Patienten sich selbst „körperlich – psychisch- mental“ zu aktivieren. Dadurch erfahren die Patienten ein positives Körpererleben und entwickeln Zuversicht. Diese Zuversicht wiederum wirkt psychoimmunologisch positiv. Um generell die Erkrankung an Angststörungen zu vermeiden, existieren im präventiven Bereich selektive und indizierte Interventionen. Diese Ansätze entfalten ihre Wirkung zum einen auf die Senkung der Inzidenz, weiter erreichen sie eine Senkung auf die Belastung für das Gesundheitssystem und zum anderen senken präventive Maßnahmen das Leid des Betroffenen selbst.

6. Oberkapitel: Besondere Belastungsstörungen:

Hier werden Themen diskutiert, die auch aktuell eine besondere gesellschaftliche Bedeutung haben. Angststörungen bei Menschen mit Migrationshintergrund nehmen immer mehr zu. Lindert et al. (2009) gaben dort bereits an, dass 40 % der Geflüchteten an einer Angsterkrankung litten. Aufgrund interkultureller Schwierigkeiten ist eine frühzeitige Erkennung und Behandlung des Krankheitsbildes häufig beschwerlich. Im Zuge der weiteren Globalisierung ist mit einer Zunahme an Patienten mit Migrationshintergrund zu rechnen, die an psychischen Störungen, wie Angststörungen, erkranken werden. Nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS; u.a. Angsterkrankung nach stattgehabtem Trauma). Unfälle nehmen immer mehr zu, auch Vergewaltigungen und Naturkatastrophen. Die Behandlung Erkrankter hier erfolgt in erster Linie traumafokussiert. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Verarbeitung der Erinnerung an das traumatische Erlebnis und/oder deren Bedeutung die der Patient dem Trauma noch beimisst.

Diskussion

Angst aus dem biologischen Blickwinkel kann lebensrettend sein. Dennoch nehmen Angst und Angsterkrankungen aus nichtbiologischer Perspektive einen immer höheren Stellenwert ein. Studien nach zu urteilen gehören sie zu den häufigsten psychischen Störungen überhaupt. In diesem Werk liefern Experten mit Blick aus den verschiedensten Perspektiven auf dem Gebiet der Angst und Angsterkrankungen einen praxisorientierten Überblick sowohl über das diagnostische Vorgehen als auch über diverse Behandlungsmöglichkeiten (medikamentös und psychotherapeutisch) anhand der bestehenden Leitlinien. Dieser multiperspektivische Blickwinkel ist insofern notwendig, als das Angsterkrankungen nahezu in allen Bereichen der Medizin und Psychologie/​Psychiatrie auftreten können. Darüber hinaus finden sich etliche Hinweise zur Prävention.

Fazit

Aufgrund eigener persönlicher Interessen habe ich schon einige Bücher über Angst bzw. Angststörungen gelesen. In diesem Buch von Peter Zwanger wird Angst zudem erweiternd in einen kulturellen und historischen Zusammenhang eingebettet. Aber auch die vermeintlich alltägliche Angst (bspw. Lampenfieber) findet Beachtung. Des Weiteren werden Entstehung, Diagnostik und Therapieansätze diskutiert, die Prävention und Selbsthilfe zudem nicht außer Acht gelassen. Das vorliegende Buch ist sicherlich für den Fachmann mehr als lesenswert, aber auch für Betroffene oder Angehörige von Patienten mit Angsterkrankungen ein wertvoller Ratgeber, Wissenserweiterer und Hinweisgeber.


Rezensentin
Christina Weckwerth
B.Sc. Psychologie an der FernUniversität in Hagen Allg. psych. Lernen, Motivation, Emotionen
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Zitiervorschlag
Christina Weckwerth. Rezension vom 05.11.2019 zu: Peter Zwanzger (Hrsg.): Angst. Medizin. Psychologie. Gesellschaft. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2018. ISBN 978-3-95466-406-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25113.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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