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Nahlah Saimeh (Hrsg.): Destruktive Sexualität

Cover Nahlah Saimeh (Hrsg.): Destruktive Sexualität. Therapie und Risk-Assessment in der Forensischen Psychiatrie. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2018. 243 Seiten. ISBN 978-3-95466-413-9. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,00 sFr.

Eickelborner Schriftenreihe zur Forensischen Psychiatrie - 6.
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Thema

Der aktuelle Tagungsband der Schriftenreihe zur Eickelborner Fachtagung fokussiert auf die inhomogene Gruppe „der“ Sexualstraftäter, die unterschiedlichen Motivgruppen und Deliktformen, diagnostische Erfordernisse, Therapiestrategien und die Risikobeurteilung. Daneben befassen sich einzelne Beiträge mit dem gegenwärtigen Veränderungsprozess der deutschen forensischen Psychiatrie nach der Reform des Maßregelrechts in 2016. Die Schriftenreihe erfasst jeweils zeitnah die zentralen Beiträge der jährlich stattfindenden Tagung und dokumentiert so seit mittlerweile mehreren Jahrzehnten die Entwicklung des Faches und bildet auch den fachlichen Diskurs mit gesellschaftlichem Bezug ab.

Herausgeberin und AutorInnen

Dr. med. Nahlah Saimeh studierte Humanmedizin in Bochum und Essen, absolvierte eine Facharztausbildung und leitete nach Oberarzttätigkeit in der Allgemeinpsychiatrie zunächst die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Bremen. Von 2004 bis 2018 war sie ärztliche Direktorin der größten Maßregelvollzugsklinik Deutschlands am LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie in Eickelborn-Lippstadt. Die einzelnen Texte sind schriftliche Ausarbeitungen der Tagungsbeiträge der letztjährigen Fachtagung in Eickelborn.

Entstehungshintergrund

Der Tagungsband dokumentiert die Beiträge der Eickelborner Fachtagung und richtet sich an alle in der Forensischen Psychiatrie tätigen Berufsgruppen.

Aufbau und Inhalt

Die im Tagungsband enthaltenen 20 Beiträge sind lediglich nach Autorennamen alphabetisch gegliedert. Für die inhaltliche Zusammenfassung werden sie im Folgenden thematisch gegliedert.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Tätergruppen

Die beiden Beiträge mit speziellem Deliktbezug befassen sich mit real sehr selten agierenden, in der Öffentlichkeit jedoch sehr stark wahrgenommenen TäterInnen: Solchem mit zugrunde liegendem sexuellen Sadismus und dem Neoantizid, einer speziellen Form des Infantizids, der Tötung eines Säuglings innerhalb der ersten 24 Lebensstunden.

Für die Gruppe der Sadisten beschreibt Lydia Benecke die zwei bekannten „Sadismustypen“, solche, die ihre Partner mit dessen Einverständnis quälen (und so selbst sexuell erregt werden) und solche, die ihre Opfer ausschließlich gegen deren Willen quälen. Der Artikel beschreibt die Hauptmerkmale dieser als „inklinierend (einvernehmlich)“ und „periculär (gefährlich)“ in Praxis und Forschung benannten Gruppen und stellt die wesentlichen psycho-sozio-sexuellen Merkmale und deren Unterschiede dar.

In ihrem Beitrag zu Säuglingsmorden erklärt Valenka Dorsch zunächst die Begrifflichkeiten und beschreibt dann das -bisher sehr übersichtliche – Wissen über die Täterinnen, meist Mütter, die im Kontext emotionaler Überforderung und in Konfrontation mit weiteren Stressoren Kindstötungen begehen. Stichworte für die Auseinandersetzung mit dieser Tätergruppe sind hier die pathologische Schwangerschaftsverarbeitung und besondere psycho-soziale Merkmale.

Reform des Maßregelvollzugs

Mit vier Beiträgen zu den Auswirkungen der Gesetzesreform im Maßregelrecht bzw. der aktuellen Situation im Maßregelvollzug und der sich abzeichnenden Entwicklung nimmt die Auseinandersetzung mit den formalen Auseinandersetzungen der Forensischen Psychiatrie breiten Raum ein.

Die Ausführungen schildern ausführlich -und eindrücklich- wie sich die Behandlungskultur, das Übergangsmanagement und die ambulante forensische Nachsorgelandschaft verändert haben, nachdem es im Nachgang zur Betonung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes im Maßregelvollzug vermehrt zur Entlassung von Patienten ohne ausreichenden Behandlungserfolg kam und kommt. Am Beispiel der Abläufe in einer hessischen Klinik beschreibt Beate Eusterschulte die Möglichkeiten (aber auch Grenzen) einer professionellen Bearbeitung solcher Entlasssituationen und zeigt die Möglichkeit der Professionalisierung aller beteiligten Berufsgruppen auf.

Jaqueline Kempfer führt in ihrem Beitrag ausführlich in die gesetzlichen Grundlagen der Novellierung zum Recht der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus aus. Die Schwerpunkte liegen hier bei den Anordnungsvoraussetzungen, den Voraussetzungen für die Fortdauer der Unterbringung und bei den Veränderungen prozessualer Vorschriften.

Die in den beiden Beiträgen dargestellten jüngsten Veränderungen in der Maßregellandschaft greift Ulrich Reitis-Münstermann auf und beschreibt den konkreten Hilfebedarf der aus Verhältnismäßigkeitsgründen entlassenen Patienten, hier am Beispiel der Patientengruppe mit einer Persönlichkeitsstörung. Der -aus sozialarbeiterischer Perspektive- aufgezeigte Hilfebedarf beschreibt Multiproblemlagen die durch Schwierigkeiten in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Finanzen und Versorgungslücken im allgemeinen sozialen Netz gekennzeichnet sind. Wenn auch nicht mit direktem Bezug auf die drei Kapitel zur letzten Reform des Maßregelrechts in Deutschland greift der Beitrag von Querengässer und Schiffer diese Befunde auf und begründet die Forderung nach einer forensischen Versorgungsforschung, deren Grundstruktur auch skizzenhaft entworfen wird.

Jugendliche Täter

Mit zwei Beiträgen findet die Gruppe von Straftätern Berücksichtigung, die in der forensischen Forschung eher wenig Berücksichtigung findet. Niels Habermann referiert die unter seinem Namen oder unter seiner Beteiligung erfolgte -und anderweitig bereits breit publizierte- Forschung zu Tatmotiven, Entwicklungspfaden und Delinquenzverläufen jugendlicher Sexualmörder. Thematisch breiter fragt der Beitrag von Schüler-Springorum und Schwank nach Beurteilungskriterien zur Einschätzung der Reifebeurteilung bei jugendlichen und heranwachsenden Straftätern unter den heutigen Sozialisations- und Heranreifungsbedingungen, die u a. von Pornografisierung (im Kontext von Digitalisierung) und postmodernen Gesellschaftsstrukturen geprägt sind.

Behandlungsstrategien

Die Frage nach angemessenen Behandlungsstrategien in der Forensischen Psychiatrie hat in den vergangenen 30 Jahren erhebliche Entwicklungen hervorgebracht. Multidimensionale, auf die körperliche, psychische und soziale Situation abzielende Interventionsstrategien die möglichst interdisziplinär vorgehalten werden und die Patientenperspektive einbeziehen haben sich als besonders wirksam erwiesen. Diese Aspekte werden in drei Beiträgen aufgegriffen und dabei die bekannten Möglichkeiten und Grenzen antihormoneller Behandlung bei Sexualdelinquenz, die Chancen der Psychotherapie (hier unter Einbeziehung der Berufsgruppe Pflege) und der Einbindung ehemaliger PatientInnen (in Ex-In-Projekten) aufgegriffen und als Erfahrungsberichte angeboten.

Forensische Diagnostik und Risikobeurteilung

Eine der Kernaufgaben der Forensischen Psychiatrie ist die Erhebung und Bewertung von Befunden und späteren forensischen Beurteilung, etwa zur Einschätzung der Schuldfähigkeit oder der Rückfallwahrscheinlichkeit. In vier Beiträgen werden die Aspekte der Bedeutung von Blutalkoholwerten (z.B. für die Frage der Steuerungsfähigkeit), die Einschätzung des Rückfallrisikos bei Sexualdelinquenz (mit Hinweisen zu den bekannten standardisierten Prognoseinstrumenten) und die Chancen einer forensisch-operationalisierten Risikoeinschätzung (siehe Rezension www.socialnet.de/rezensionen/20762.php ) diskutiert. Welche fachlichen Anforderungen bei der Erstellung von forensischen Gutachten (zur Schuldfähigkeit, zur Kriminalprognose) an die Gutachter gestellt werden beschreibt Herausgebern Nahlah Saimeh anhand einer Fallvignette. Der vorgestellte komplexe Fall verdeutlicht, dass es einer spezifizierten Fachausbildung bedarf um die unterschiedlichen Dimensionen von Tat, Täter, psychiatrischer Erkrankung und Gefährlichkeit erfassen zu können.

Varia

Die Problematik der Vernehmung von Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs, die Evaluation eines systemischen Anti-Gewalt-Trainings, der Ansatz der gewaltfreien Kommunikation im Maßregelvollzug, ein ressourcen- und resilienzgestützter institutionsfördernder Ansatz und Überlegungen zur Öffentlichkeitswirkung forensischer Psychiater: ganz unterschiedliche Einblicke geben fünf Beiträge, die konkrete Praxiserfahrungen oder eher theoretische Überlegungen zur Entwicklung der Praxis Forensischer Psychiatrie anbieten

Diskussion

Sexuelles Scheitern als soziales Scheitern ist dem Menschen zu Eigen und gehört auch zur postmodernen Gesellschaft. Dabei finden sich die Täter nicht vorwiegend oder gar ausschließlich im Feld der Forensischen Psychiatrie. Sexualdelinquenz ist unabhängig von sozialen Schichten und sozioökonomischen Verhältnissen fast überall verbreitet, wie Nahlah Saimeh in ihrem Vorwort zum Tagungsband treffend beschreibt. So ist die Beschäftigung mit krankheitswertiger destruktiver Sexualität im forensischen Kontext auch immer in seiner Lupenfunktion für allgemeine menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Relationen zu sehen.

Die Tagungsbände greifen die wesentlichen Plenumsvorträge und einzelne Workshops der jeweiligen Fachtagungen auf. Daraus ergibt sich ein detailliertes Protokoll unterschiedlicher Beiträge und Ansätze. Seit mehreren Jahrzehnten wird so die Entwicklung der Forensischen Psychiatrie im deutschsprachigen Raum dokumentiert und verfügbar gemacht.

Irreführend ist der Titel der diesjährigen Tagungsdokumentation, fast die Hälfte der Beiträge befasst sich nicht mit Sexualdelinquenz sondern mit anderen Aspekten, insbesondere mit den Auswirkungen der Reform des Maßregelrechts im Jahr 2016. Allerdings erweist sich die Mehrzahl -auch dieser- Beiträge als relevant und bereichernd, etwa, wenn die Möglichkeiten des Einsatzes von Ex-In-GenesungsbegleiterInnen beschrieben wird, oder Überlegungen zur Ausbildung von PsychotherapeutInnen aus der Berufsgruppe der Pflegekräfte konzeptionell erschlossen wird. Noch stärker als in den Tagungsbänden der Vorjahre entsteht der Eindruck, dass der Maßregelvollzug längst eine multiprofessionelle Welt geworden ist, in der die Beiträge aus Pflege, Psychologie, Sozialarbeit, Psychiatrie, Ex-Innlern zusammen ihre Wirkkraft entfalten, was auch ein ständiger Aushandlungsprozess ist. Auch das leistet die Schriftenreihe zur Forensischen Psychiatrie.

Fazit

Die Schriftenreihe zur Forensischen Psychiatrie und der aktuelle Tagungsband geben einen differenzierten Einblick zur aktuellen Entwicklung der Forensischen Psychiatrie, neuen Praxisansätzen und Entwicklungen, den verschiedenen Tätertypen, Behandlungsstrategien, Prognosewissenschaft und forensischer Diagnostik und insbesondere den Auswirkungen der jüngsten rechtlichen Reformen. Für alle Fachkräfte im Bereich der Forensischen Psychiatrie eine essentielle Quelle um die eigene Praxis weiterentwickeln zu können.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 11.03.2019 zu: Nahlah Saimeh (Hrsg.): Destruktive Sexualität. Therapie und Risk-Assessment in der Forensischen Psychiatrie. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2018. ISBN 978-3-95466-413-9. Eickelborner Schriftenreihe zur Forensischen Psychiatrie - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25114.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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