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Peter Wißmann: Werkstatt Demenz

Cover Peter Wißmann: Werkstatt Demenz. Vincentz Verlag (Hannover) 2004. 256 Seiten. ISBN 978-3-87870-102-6. 24,80 EUR.
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Grundhaltung der AutorInnen

Der Mensch mit Demenz "stellt keine ausgelöschte, sondern eine einzigartige Persönlichkeit mit dem Bedürfnis nach Liebe, Trost, und Einbindung, nach sinnvoller Betätigung und Identität dar. Er verfügt über eine hohe körperliche, emotionale und sinnliche Erlebnisqualität und entzieht sich als Individuum schematisierenden Kategorisierungsversuchen." Dieses Zitat aus dem letzten Kapitel des Buches verdeutlicht die Grundhaltung, mit der die 14 AutorInnen in dieser "Werkstatt Demenz" versuchen, eine neue Begleitkultur im Umgang mit dementen Menschen mit Inhalten zu füllen. Das Buch richtet sich an Pflegende, Therapeuten und Angehörige, ist engagiert und verständlich geschrieben und spannt thematisch einen weiten Bogen.

Eine Beleuchtung des Inhaltes

Im "Buch 1" werden die Grundsätze einer Begleitkultur dargelegt, welche sich kritisch von einem rein defizitorientierten Modell im Umgang mit dementen Menschen abgrenzt. Das reduktionistische, negativ stigmatisierende, defizitorientierte Modell wird mit dem Terminus "medizinisches Modell" (ob diese Namensgebung für die interdisziplinäre Kooperation die bestmögliche ist, bleibt dahingestellt) beschrieben, demgegenüber wird das eigene Modell als ganzheitlich bezeichnet, es berücksichtigt den Menschen in seinem sozialpsychologischen Umfeld und fokussiert seine Kompetenzen. Die Grundhaltung der Begegnung könnte hier mit auch mit den Worten "der Kontakt sollte immer Vorrang vor der Funktion haben" beschrieben werden. Im weiteren Verlauf werden nun die räumlichen und insbesondere die personellen Rahmenbedingungen der Implementierung eines ganzheitlichen Modells beschrieben: Es geht um das Kompetenzprofil der Mitarbeiter, um Empathie und Neugier, um Lernbegleitung (statt Fortbildung), Supervison und um Ausbildungscurricula für Präsenzkräfte. Zur Evaluation wird häufig auf die Methode des "Dementia Care Mappings" zurückgegriffen. Hilfreich für weniger pflegewissenschaftlich vorgebildete Leser wäre es meiner Meinung nach gewesen, diese Methode, die verschiedentlich umrissen wird, noch etwas ausführlicher zu beschreiben.

Ein Praxisbericht setzt sich mit dem "Wohngruppenhaus" des Seniorenzentrums "Clara Zetkin" in der Stadt Brandenburg auseinander. Den Übergang zwischen Buch 1 und Buch 2 bildet das Kapitel: "Interventions- und Kommunikationsformen", das sich zunächst kritisch mit den gängigen Vorstellungen einer Tagesstruktur für demenzkranke Menschen beschäftigt. Für besser erachtet wird von den Autoren eine Strukturierung, die aus dem individuellen Erleben der Umwelt und nicht aus von außen konventionell festgesetzten Abläufen besteht. Im weiteren Verlauf geht es um die Bedeutung von Kreativtherapeuten, die in der Lage sind, neue Kommunikationswege zu dementen Menschen zu erschließen.

Das "Buch 2" ist nun eine Sammlung weniger etablierter therapeutischer Interventionen mit dementen Menschen. Es beginnt mit dem "offenen Atelier", einer Kunstwerkstatt, in der die Menschen selbst bestimmt künstlerisch tätig werden und über ihre Kunstwerke kommunizieren. Hier konnte der Autor beobachten, dass entgegen aller "Postulate für so genannte 10 Minuten Aktivitäten" demenzkranke Menschen sehr wohl in der Lage sind, in langwierige Ausdrucksprozesse einzutreten.

Zwei Kapitel schildern die sensible Kontaktaufnahme von zwei Clowns und die Bedeutung von Humor in der Pflege. Zwei weitere Kapitel beschäftigen sich mit dem anthroposophischen Ansatz der Eurhythmie und heben u.a. die Kraft der rhythmischen Sprache und die Bedeutung der Verinnerlichung von Erlebnissen hervor. Ein weiterer Beitrag fasst die Zugangswege der integrativen Therapie zusammen. Den Abschluss des Buches bildet eine Erklärung für eine "Neue Kultur" in der Begleitung von Menschen mit Demenz.

Fazit

"Werkstatt Demenz" ist engagiertes Buch, das Grundprinzipien und konkrete Möglichkeiten eines respektvollen, ressourcenorientierten und wertschätzenden Umgangs mit dementen Menschen aufzeigt. Diese "Neue Kultur" kann sich am besten in Wohngruppen etablieren, in der die Helfer sensibel und offen für verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten sind und in der der Umgang miteinander von Toleranz, Neugier, Lernbereitschaft und Lernbegleitung geprägt ist.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 29.03.2005 zu: Peter Wißmann: Werkstatt Demenz. Vincentz Verlag (Hannover) 2004. ISBN 978-3-87870-102-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2512.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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