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Barbara Fontanellaz, Christian Reutlinger u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit und die Soziale Frage

Cover Barbara Fontanellaz, Christian Reutlinger, Steve Stiehler (Hrsg.): Soziale Arbeit und die Soziale Frage. Spurensuchen, Aktualitätsbezüge, Entwicklungspotenziale. Seismo-Verlag (Zürich) 2018. 264 Seiten. ISBN 978-3-03777-183-9. D: 34,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 38,00 sFr.

Reihe: Schriften zur Sozialen Frage.
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Herausgeber_innen

Barbara Fontanellaz ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin. Sie ist Leiterin des Fachbereichs Soziale Arbeit und Prorektorin der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Christian Reutlinger ist Sozialgeograph und habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er ist Leiter des Instituts für Soziale Arbeit (IFSA) an der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seine Arbeits- und Forschungsthemen sind soziale Nachbarschaften und Wohnen, Gemeinwesenarbeit, Soziale Arbeit im öffentlichen Raum sowie Sozialgeographie der Kinder und Jugendlichen.

Steve Stiehler ist promovierter Erziehungswissenschaftler. Er ist Leiter des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit an der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seine Arbeits- und Forschungsthemen sind persönliche Beziehungen und Vergemeinschaftung sowie Soziale Arbeit im Kontext von Männlichkeiten und Lebensbewältigung.

Mit Beiträgen von Bernd Dollinger, Ruedi Epple, Barbara Fontanellaz, Sibille Hartmann, Mathias Lindenau, Manfred Kappeler, Sonja Matter, Susanne Maurer, Marcel Meier Kressig, Carl Wolfgang Müller, Stefan Paulus, Christian Reutlinger, Steve Stiehler.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation enthält 11 Beiträge und 12 Auszüge aus historischen Quellentexten. In der Einleitung betonen die Herausgeber*innen, dass sie mit dem vorliegenden Buch ein Spektrum möglicher Zugänge zur Sozialen Frage mit unterschiedlichen Perspektiven vorstellen. Sie möchten den Leser*innen eine Auseinandersetzung mit der Komplexität der Sozialen Frage im Kontext der Sozialen Arbeit ermöglichen.

Mit dem Begriff der Sozialen Frage werden Mitte des 19. Jahrhundert die massenhafte Armut großer Teile der Bevölkerung und die sozialen Folgen der Industrialisierung bezeichnet: Soziale Ungleichheit, fehlender Arbeitsschutz, Wohnungsnot, Mangelernährung, gesundheitliche Einschränkungen, Krankheiten, geringe Lebenserwartung. Vor allem von Akteur*innen der bürgerlichen Öffentlichkeit wird deutlich gemacht, dass die soziale Not weder gottgegeben noch individuell verschuldet ist, sondern eine Folge des wirtschaftlichen und politischen Systems. Damit verbunden sind Forderungen nach der Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung zur Linderung und Bewältigung der sozialen Probleme.

Mit der Veröffentlichung begeben sich die Herausgeber*innen auf eine Spurensuche der Verhältnisbestimmung von Sozialer Frage und Sozialer Arbeit in der Geschichte und der aktuellen Situation. Dabei geht es Ihnen um drei Dimensionen:

  1. um das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und der Entwicklung der beruflichen Praxis und der Profession,
  2. das Verhältnis zwischen Sozialer Frage und gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Diskursen und
  3. um das Verhältnis zwischen Sozialer Frage und Theorieentwicklung der Disziplin Sozialer Arbeit. Diesen Dimensionen nähern sich die Beiträge aus historischer, politischer und theoretischer Perspektive.

Historische Zugänge

Im ersten Beitrag der „Historischen Zugänge“ rekonstruiert Sonja Matter unter der Überschrift „Armut anders denken. Die Soziale Frage und die Anfänge der Professionalisierung der Sozialen Arbeit in der Schweiz“ den Beginn der Ausbildung zur Sozialen Arbeit in Zürich im Kontext der Auseinandersetzungen um Armut. Dort findet 1908 unter der Leitung von Mentona Moser und Maria Fierz der erste halbjährige Kurs zur sozialen weiblichen Hilfstätigkeit statt. Diese Pionierinnen der Sozialen Arbeit hatten zuvor eine Ausbildung im Kontext der Settlementbewegung in London absolviert und forderten, dass sich Sozialarbeitende mit den strukturellen Ursachen von Armut auseinandersetzen und ihre sozialpolitischen und reformerischen Ansätze führten in Zürich zu heftigen Kontroversen: „Die Auseinandersetzungen mit der Sozialen Frage, wie sie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Expertenkreisen der Sozialen Arbeit stattfanden, können so als Ausgangspunkt gesehen werden: von einer Sozialen Arbeit als Wissenschaft, die dezidiert die sozialen Auswirkungen herrschender Machtverhältnisse untersucht und nach deren sozialen Folgen fragt“ (Matter 2018, S. 40).

Unter der Überschrift „Eine verhängnisvolle Verstrickung – Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Psychiatrie in der Geschichte der Heimerziehung“ rekonstruiert Manfred Kappeler die Geschichte der modernen Zwangs- und Fürsorgeerziehung als Instrument des intervenierenden Staates in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jugendfürsorge und Psychiatrie findet in „Erziehungs- und Besserungsanstalten bzw. Irrenanstalten“ (S. 44, Hervorhebung im Original) statt. Die Unterbringung von Kindern wird in Preußen ab März 1878 im „Gesetz, betreffend der Unterbringung verwahrloster Kinder“ (Zwangserziehungsgesetz) geregelt. Kappeler zeichnet die Begriffsgeschichte und den Wandel der Bedeutung von „Verwahrlosung“ nach und arbeitet heraus, wie die Kinder- und Jugendpsychiatrie die Deutungshoheit und Definitionsmacht über die Kinder- und Jugendhilfe gewinnen konnte.

Christian Reutlinger geht der Wohnungsfrage nach: „Die Wohnungsfrage revisited: einige Gedanken zu den sozialräumlichen Dimensionierungen des Wohnens“. Auf der Grundlage von zwei historischen Sozialreportagen entfaltet Reutlinger drei sozialräumliche Dimensionierungen des Wohnens, zu Wohnbedingungen und Wohnungsnot. Friedrich Engels verbrachte 21 Monate in Manchester und verfasste 1845 im Alter von 24 Jahren die heute noch sehr lesenswerte Sozialreportage „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. George Orwell geht 1936 ebenfalls nach Manchester, um vor Ort das Leben, Arbeiten und Wohnen von Arbeiterinnen und Arbeitern kennenzulernen und seine Beobachtungen in der Sozialreportage „Der Weg nach Wigan Pier“ zu veröffentlichen. Der Beitrag von Reutlinger enthält zahlreiche, sehr anschauliche Zitate aus den beiden historischen Reportagen. Bis hin zum Ausblick und der Frage, ob die Wohnungsfrage zurück ist, werden historische und aktuelle Perspektiven kenntnisreich verknüpft.

In dem Beitrag „Zur Sozialen Frage als Ausgangspunkt für die Ausbildung in der Sozialen Arbeit. Ein Beitrag zur Diskussion“ rekonstruiert Ruedi Epple zunächst Dimensionen der Sozialen Frage in einer historischen Perspektiven. Auf der Grundlage einer Veröffentlichung des St. Gallener Politikers Emil Frey „Über die Soziale Frage“ (1908) verdeutlicht Epple Kerndimensionen, die aus seiner Sicht immer noch aktuell und nur den heutigen Gegebenheiten anzupassen sind. Soziale Arbeit, die sich an der sozialen Frage orientiert, muss entsprechend gesellschaftskritisch und politisch engagiert sein. 

Politische Zugänge

C. Wolfgang Müller nimmt in seinem Beitrag „Klassengesellschaft und soziale Reformen“ einen historischen Rückblick bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland vor und arbeitet raus, dass es mindestens vier unterschiedliche Antworten auf die Soziale Frage gibt, die zum Teil gleichzeitig, nebeneinander, verbunden oder nacheinander existieren: „1. Minimale Hilfe und Abschreckung, 2. Schlechtes bürgerliches Gewissen und Zuwendung, 3. Verbesserung der sozialen Infrastruktur und 4. Vergesellschaftung von Reproduktionsrisiken durch Reformgesetze“ (Müller 2018, S. 133). Er weist überdies darauf hin, dass eine fünfte, prospektive Antwort, inzwischen verloren gegangen wäre, die „Abschaffung der privaten Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel“ (ebd.).

In der Perspektive einer sich als politisch verstehenden Sozialen Arbeit positioniert sich Sibille Hartmann in ihrem Beitrag „Die Soziale Frage als Klassenfrage. Eine historische Präzisierung für die Soziale Arbeit“. Sie macht deutlich, dass die Rede von der Sozialen Frage gesellschaftliche Widersprüche und Herrschaftsverhältnisse verschleiert. Wenn die Soziale Frage als Klassenfrage gestellt wird, zeigen sich die Widersprüchlichkeiten Sozialer Arbeit in kapitalistischen Verhältnissen, gleichzeitig wird auch die Entwicklung einer solidarischen Sozialen Arbeit ermöglicht.

Susanne Maurer hebt in ihrem Beitrag „Zur Vermittlung sozialer und politischer Fragen im Kontext von Frauenemanzipationsbestrebungen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert“ hervor, dass die Verknüpfung der Sozialen Frage und der Frauenfrage um 1900 durch die frauenbewegten Protagonist*innen eine neue Dimension eröffnet. Auch die bürgerlichen Frauen machten mit ihren Dokumentationen und Forschungen auf Strukturprobleme des Kapitalismus aufmerksam und sie betonten die gesellschaftspolitische Bedeutung der alltäglichen Lebensführung. Ausgehend von den Erfahrungen und Realitäten von Armut aus der Perspektive von Frauen entwickelten sie komplexe Konzepte einer sozialen Praxis.

Theoretische Zugänge

Unter dem Titel „Von der Sozialen Frage zu zehn Regeln gegenwärtiger sozialpädagogischer Theorie. Historisch informierte Anmerkungen“ skizziert Bernd Dollinger einleitend strukturelle Dimensionen und Positionen zur Sozialen Frage. Daran anschließend spürt er der Frage nach dem Sozialen in der gegenwärtigen sozialpädagogischen Theorie nach und formuliert zehn Regeln sozialpädagogischer Theorie in denen sich zahlreiche Ähnlichkeiten mit der Artikulation der Sozialen Frage zeigen. So schlussfolgert Dollinger, „dass in der Sozialen Arbeit die Soziale Frage nie aufgegeben wurde“ (Dollinger 2018, S. 220).

„Ja, dass die soziale Frage zurückkehrt, da sind wir uns ganz einig. Die Vorstellung, wir hätten jemals die soziale Frage gelöst, ist eine Illusion, weil wir in der Moderne leben, in einer von Krise zu Krise fort eilenden Entwicklung mit immer neuen Herausforderungen“ (Kaufmann 2015, S. 141). Dieses Zitat von Franz-Xaver Kaufmann stellen Mathias Lindenau und Marcel Meier Kressig ihrem Beitrag „Von der vergangenen Gegenwart zur gegenwärtigen Zukunft. Überlegungen zur sozialphilosophischen Auseinandersetzung mit der Sozialen Frage“ voran. Sie betonen damit gleich zu Beginn, dass die Soziale Frage auch unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation bestimmt. Gleichzeitig geben sie zu Bedenken, dass es die Soziale Frage nicht gibt, sie vielmehr ein „Kollektivsingular“, ein Sammelbegriff von Sozialen Fragen ist, mit denen Gesellschaften konfrontiert sind. Mit einer kurzen ideengeschichtlichen Skizze illustrieren die Verfasser drei Diskursstränge, die das Verständnis der Sozialen Frage rahmen: das Verhältnis zwischen Bürger*innen und der Gesellschaft/dem Staat, das Verhältnis von Bürger*innen zur Ökonomie und das Verhältnis von der Gesellschaft/dem Staat zur Ökonomie. Im Zentrum des Beitrags stehen dann Vorüberlegungen zu einer sozialphilosophischen Konzeption der Sozialen Frage sowie abschließende Reflexionen zum Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Sozialer Frage.

Stefan Paulus nimmt in dem letzten Beitrag des Bandes „Dispositionen der Sozialen Frage – Ausbeutung, Rassismus, Selbstschädigung“ eine kritische Positionsbestimmung der Sozialen Frage auf drei Analyseebenen vor, auf der Struktur-, der Symbol- und der Subjektebene. Vor dem Hintergrund eines neuen Kampfes „Aller gegen Alle“ und dem Erstarken von menschenverachtenden Politiken fragt Paulus, ob die Soziale Arbeit „ihr allparteiisches Professionsverständnis“ weiterhin behaupten kann.

Die historischen Quellentexte stehen in sehr guter Druckqualität zwischen den Beitragsgruppen. Auf diese Texte wird jedoch nur in der Einleitung hingewiesen. Ansonsten nimmt kein Beitrag einen direkten Bezug auf die Quellen, umgekehrt sind historische Quellen, die in einzelnen Beiträgen erwähnt werden, nicht Bestandteil der Quellentexte.

Fazit

Die Veröffentlichung leistet einen wichtigen Beitrag zur historischen und aktuellen Auseinandersetzung mit der Sozialen Frage im Kontext der Sozialen Arbeit. Die Texte eigenen sich hervorragend als Diskussionsgrundlage für Studierende und Hochschullehrende in Seminaren zur Sozialen Ungleichheit oder der Geschichte Sozialer Arbeit.


Rezensentin
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 03.07.2019 zu: Barbara Fontanellaz, Christian Reutlinger, Steve Stiehler (Hrsg.): Soziale Arbeit und die Soziale Frage. Spurensuchen, Aktualitätsbezüge, Entwicklungspotenziale. Seismo-Verlag (Zürich) 2018. ISBN 978-3-03777-183-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25122.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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