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Andreas Rödder: Wer hat Angst vor Deutschland?

Cover Andreas Rödder: Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 2. Auflage. 367 Seiten. ISBN 978-3-10-397238-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Die Sehnsucht (und die Chuzpe) nach dem „Platz an der Sonne“

Der Blick auf die Geschichte Deutschlands in den letzten 150 Jahren vermittelt ein janusköpfiges Bild: Zwischen Gut und Böse, zwischen Paradies und Hölle, zwischen Fortschritt und Stillstand, zwischen Glück und Unglück, zwischen Unschuld und Schuld. Es ist die Innenbetrachtung und die Außenschau, bei denen jeweils Selbst- und Fremdbilder entstehen. Es sind Erwartungshaltungen und Forderungen, die von den Deutschen und an sie gerichtet werden. Und es sind Stereotypen und Vorurteile, die von den Deutschen und über sie gebildet werden. Lapidar ließe sich mit dem Sprichwort darauf antworten: „Es allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann!“. Doch so simpel wollen wir es uns nicht machen! Nicht erst – aber besonders – in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden (Einen?) Welt kommt es darauf an, sich um ein friedliches, gleichberechtigtes und humanes Zusammenleben der Völker der Erde zu bemühen. Internationale, interkulturelle und interreligiöse Partnerschaft in der Vielfalt der Menschheit ist gefordert. Die Basis dafür kann nur sein, was in der „globalen Ethik“, der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vorangestellt wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Entstehungshintergrund und Autor

Betrachten wir die aktuellen Entwicklungen zur Europäisierung und Globalisierung, gleichzeitig aber auch die der Ethno- und Egozentrismen, der Rassismen und Populismen, so stellt sich die Frage: Welche Stellung und Position soll dabei Deutschland einnehmen? Motor oder Bremsklotz? Innovator oder Hemmschuh? Exempel oder Mauer? Dabei zeigt sich ein Dilemma: „Einerseits wird erwartet, dass Deutschland in Europa Führung übernimmt. Doch wenn es das tut, ist die Kritik an der deutschen Vormacht vorprogrammiert“. Da ist durchaus die Frage berechtigt: „Wer hat Angst vor Deutschland?“, und zwar nicht mit dem Ausrufezeichen und Zeigefinger, sondern als wissenschaftliche Analyse und zeitgeschichtliche Diagnose.

Der Historiker von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, Andreas Rödder, gibt Antworten darauf, indem er die Rolle und Wahrnehmung Deutschlands in den letzten 150 Jahren beschreibt und einen Beitrag zur Geschichte der internationalen Politik und zur europäischen Konfliktgeschichte seit dem 19. Jahrhundert liefert. Die Zielsetzung ist anspruchsvoll und herausfordernd: „Das Buch hätte eines seiner Ziele erreicht, wenn deutsche Leser verstehen, warum sie nicht verstehen, wie Franzosen und Griechen die Deutschen sehen, und wenn polnische und britische Leser verstehen, warum sie die Deutschen nicht verstehen“. Dazu stellt der Autor vier Fragen:

  1. Wie verändert sich die deutsche Machtposition in Europa von der Reichsgründung bis ins 21. Jahrhundert?
  2. Wie wurden Deutschland, seine Position und seine Politik in den politischen Öffentlichkeiten anderer europäischer Länder gesehen?
  3. Wie verhielten sich geopolitische Machtstruktur, politisches Handeln und Wahrnehmungen zueinander und wie wirkten sie aufeinander ein?
  4. Wie lassen sich deutsche Stärke und europäische Ordnung, deutsche Interessen und europäisches Gemeinwohl heute vereinbaren?

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seine historische Analyse in fünf Kapitel.

  1. Im ersten thematisiert er: „Furor und Feingeist: Die deutsche Frage bis 1914“;
  2. im zweiten geht es um „Hunnen und Henker (1914 – 2945)“;
  3. im dritten stellt er fest: „Deutschland bleibt Deutschland (1945 – 1990)“;
  4. im vierten um die Frage: „Hegemon oder Hippie-Staat?“;
  5. und schließlich beendet Rödder sein Essay mit der Titelfrage: „Wer hat Angst vor Deutschland?“.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die Frage, was des Deutschen Vaterland sei, wurde im der deutschen Geschichte idealistisch und ideologisch beantwortet. Und auf die Frage, was deutsch sei wurden und werden bis heute ordinäre, obsessive und objektive Antworten gegeben. Die Frage nach „deutschen Tugenden“ kapriziert Zuschreibungen und Zumutungen (vgl. dazu: Asfa-Wossen Asserate, Deutsche Tugenden. Von Anmut bis Weltschmerz, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/15390.php). Das „Volk ohne (genügend) Raum“ erobert Räume im Osten und in Übersee und stellt sich als Hegemon, Bezwinger und Draufgänger dar. In zwei (auch) von dem Deutschen vom Zaun gebrochenen, verlorenen Weltkriegen, bis hin zum Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten, bewegen sich die Deutschen in dem Spagat vom Kultur- zum Mördervolk. Während des Ost-West-Konflikts und des „kalten Krieges“ nach 1945 vollzog sich die „deutsche Teilung“, in der ein „deutsches Bewusstsein“ ideologisch dominiert wurde; in der aber auch, unterschiedlich, die Fragen nach Schuld und Sühne des Vergangenen und die Verantwortlichkeiten für Gegenwärtiges und Zukünftiges gestellt wurden. Wie ein Rettungsanker erscheint für ein humanes, freiheitliches und demokratisches Deutschsein der europäische Einigungsprozess, in dem die deutsche in eine europäische Identität eingehen solle. Der Prozess der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ist formal und völkerrechtlich vollzogen; doch die Befürchtungen und Ängste von anderen Völkern, wie etwa von Polen, dass sich die Bundesrepublik Deutschland zu einem politischen, ökonomischen und dominanten Koloss entwickeln könne, bleiben bestehen. Der polnische Journalist, Intellektuelle und Deutschlandkenner Adam Krzeminski mahnt deshalb: „Es geht um die Wahrnehmung des Nachbarn als gleichwertig“. Als eine neue Bewährungsprobe für Deutschland, Europa und die Welt türmt sich die globale Flucht- und Migrationskrise auf. Willkommenskultur, Brücken- und Mauerbau bestimmen das lokale und globale Bewusstsein der Menschen. Ein humanes Bewusstsein ist nur zu erreichen, wenn es gelingt, dass die Menschheit einen Perspektivenwechsel vollzieht, hin zur Selbstverpflichtung für eine globale Ethik der Menschlichkeit, einer Selbstverantwortung ohne dem Kalkül eines doppelten Bodens, und schließlich der Bewusstwerdung, dass die Menschheit in ihrer gleichwertigen Vielfalt in EINER WELT lebt.

Fazit

Die Frage, wer Angst vor Deutschland habe, wird in zeitgeschichtlichen Zusammenhängen der Zeitläufte in den letzten 150 Jahren beantwortet. Der Autor hat dabei immer im Blick, dass positives und negatives Vergangenes Einflüsse und Auswirkungen auf das momentane Heute und das perspektivische Morgen hat. Die Jetztzeit und die Meinung der Anderen holt er in Interviews in seinen intellektuellen Ratgeber hinein, die er mit Intellektuellen aus Athen, Budapest, London, Paris und Warschau geführt hat. Den Nachweis seiner Denk- und Fleißarbeit erbringt der Autor auch dadurch, dass er auf 87 Seiten seiner Analyse Anmerkungen, Quellen-, Literatur-, Abkürzungsverzeichnis und Personenregister ausweist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.01.2019 zu: Andreas Rödder: Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 2. Auflage. ISBN 978-3-10-397238-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25123.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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