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Ute Bales: Bitten der Vögel im Winter

Cover Ute Bales: Bitten der Vögel im Winter. Roman. Rhein-Mosel-Verlag (Zell) 2018. 410 Seiten. ISBN 978-3-89801-402-1. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.
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Autorin

Ute Bales, 1961 in der Vulkaneifel geboren und dort aufgewachsen, studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Kunst, zuerst in Gießen, dann in Freiburg, wo sie heute als freie Schriftstellerin lebt. Sie hat bisher sechs Romane veröffentlich. Ihr Werk erinnert an die Bücher von Alois Prinz, der biografische Romane über Hannah Arendt, Ulrike Meinhof, Dietrich Bonhoeffer und andere vorgelegt hat, die auch für Jugendliche informative, ans Herz gehende und gut lesbare Werke sind. Gleiches gilt für Ute Bales, die zuletzt die Düsseldorfer „Künstlermutter“ Johanna Ey und die Kölner Malerin Angelika Hoerle in den Mittelpunkt ihrer Romane stellte.

Inhalt

Epilog als Prolog. Robert Ritter und Eva Justin waren zentrale Vorbereiter und Mittäter der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik an den sogenannten Zigeunern. Ihre Rassengutachten waren Todesurteile…“ So beginnt der Epilog des Romans auf Seite 392. Das vorliegende Buch ist ein Dokumentar-Roman, der zwischen 1936 und 1945 spielt, hauptsächlich in Berlin. Die Namen der Protagonisten sind Klarnamen. Das Buch bewegt sich auf einem gut recherchierten historischen Terrain. Detailfreude und Sprachmacht der Autorin sorgen für eindrückliche Bilder aus einem verheerenden Krieg und einem trostlosen Lagerleben.

Personal. Der Mediziner und Rassenhygieniker Dr. Robert Ritter ist Vorgesetzter der jungen Krankenschwester (und später promovierten „Bastardbiologin“) Eva Justin, die an seiner Seite zur Geliebten und kaltblütigen Rassenfanatikerin wird. Justin verfasst an die zehntausend Gutachten, die zur Zwangssterilisation und Tötung von Sinti und Roma führen.

Liebesleid. Die ledige und um einiges jüngere Eva ist dem verheirateten Robert verfallen. Die Geschichte eines ungleichen Liebespaars grundiert und durchzieht den Roman. Das „Fräulein Justin“, das Eva für „Herrn Dr. Ritter“ tagsüber und im Dienst ist, wird nach Feierabend zum Ziel seiner Triebabfuhr. Sie glaubt an Liebe, er nutzt sie als Sexualobjekt und Naherholungsgebiet.

Faschismus. Der Roman ist aus der rassistischen Sicht und Gedankenwelt der Täterin Eva Justin geschrieben. Die Autorin unternimmt nichts, um Mitgefühl für die Täterin zu wecken. Aber sie unternimmt auch nichts, um deren Taten mit erhobenem Zeigefinger zu verurteilen. Die große Leistung des Romans besteht darin, die grausamen Details der alltäglichen „Rassenpflege“ schonungslos zu schildern und darüber hinaus zu zeigen, wie das moralisch Böse und Falsche zum Guten und geboten Richtigen werden konnte, ohne dass sich die ausübenden Personen großartig verändern mussten: Sie waren Kinder der Kaiserzeit, autoritär erzogen, der Obrigkeit untertan und also prädestinierte Vollzugsorgane, die dem kategorischen Imperativ des Führerprinzips entgegen kamen: Handle stets so, dass der Führer, wenn er von deinem Handeln Kenntnis hätte, dieses Handeln billigen würde.

Bildung schützt vor nichts. Der humanistisch gebildete Dr. Ritter, inzwischen Direktor des Kriminalbiologischen Instituts der Sicherheitspolizei, beruft sich auf Kant, Voltaire und andere Philosophen von Weltgeltung, wenn er die Überlegenheit der weißen Rasse behauptet, deren Reinerhaltung seine Arbeit dient. „Fräulein Justin“ beruft sich auf Vorbilder wie Marie Curie und Florence Nightingale. Selbstlos wie diese und in der Arbeit am gemeinsamen Werk aufgehend, so möchte sie sein. Im Falle Justin besteht das gemeinsame Werk darin, Deutschland von Untermenschen zu befreien und zur Entstehung einer Elite-Rasse weißer Arier beizutragen.

Kälte hilft. Kälte und Mitleidlosigkeit sowohl gegenüber dem großen „Gesindel“ („Juden, Zigeuner, Neger“) als auch dem kleinen „Gesindel“ („Kriminelle, Alkoholiker, Huren“) werden zum moralischen Gebot und zur persönlichen Stärke. So hat es Heinrich Himmler in seiner berüchtigten „Posener Rede“ von 1943 gefordert. Justin und Ritter handelten danach bereits lange vorher. Eines Himmler hätte es in ihrem Fall nicht bedurft. Was wir heute Barbarei, Zivilisationsbruch und Menschheitsverbrechen nennen, war für die Täter zum Zeitpunkt ihres Wirkens gemeinwohlorientierter Altruismus. Man war vom Gefühl beseelt, Teil von etwas menschheitsgeschichtlich Großem zu sein, für das sich jedes persönliche Opfer lohnte. Folglich arbeitete Justin bis zum Umfallen und gönnte sich, anders als ihre nicht ganz so besessenen Institutskollegen, keine Ablenkung.

Schwestern im Geiste. Eva Justin ist eine geistige Schwester von Melitta Maschmann, der BDM-Führerin, die Rechenschaft über ihr Leben als fanatische Nationalsozialistin im Buch „Fazit“ (1963) abgelegt hat. Wie „Fazit“ ist auch „Bitten der Vögel im Winter“ eine aufschlussreiche Studie der politischen Verführbarkeit jugendlichen Diensteifers. Eine der Quellen für den populistischen Erfolg des Nationalsozialismus überhaupt dürfte die geschickte Nutzbarmachung adoleszenten Übereifers gewesen sein.

Dienstbare Wissenschaft. Das Buch ist auch ein wissenschaftskritischer Roman. Schonungslos wird gezeigt, wie eine Rassenbiologie mit den Mitteln der empirischen Forschung die Ausrottung der Zigeuner quasi-wissenschaftlich begründet und legitimiert. Der „unverbesserliche Zigeuner als Volksschädling“ ist eine Erfindung und Fiktion dieser „Wissenschaft“, die allerdings zu höchst realen Vernichtungsmaßnahmen geführt hat. Das am Ende der 1920er-Jahre von William Isaac Thomas formulierte „Thomas-Theorem“ („Wenn Menschen Situationen als real definieren, so sind sie real in ihren Konsequenzen“) erfährt in dem Roman seine grausame Bestätigung. Mochten die Zigeunerkinder in den Internierungslagern gegenüber Frau Justin, die sie mit zum Teil abenteuerlichen Instrumenten („Nasentiefenmesser“) untersuchte, noch so freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit gewesen sein, es wurde ihnen als rassetypische „Hinterhältigkeit“ und „Verschlagenheit“ ausgelegt. Sie waren für alle Zeit abgestempelt und dem Tode geweiht. Der KZ-Arzt Josef Mengele hat sie Versuchstieren gleichgesetzt und „meine Meerschweinchen“ genannt.

Wende-Roman. Der Dokumentar-Roman von Ute Bales ist am Ende auch ein Wende-Buch. Kaum dass der Krieg vorbei und die totale Kapitulation besiegelt, werden aus Rassenfanatikern mitfühlende Zigeunerfreunde, die Schlimmeres verhindert haben. Forscher berufen sich darauf, nur Wissenschaftler gewesen zu sein und keine Politiker, Befehlsempfänger und keine Gesetzgeber. Die Behörden im Nachkriegsdeutschland folgen den fadenscheinigen Ausflüchten. Robert Ritter wird als „Mitläufer“ entnazifiziert, Eva Justin als „nicht belastet“ eingestuft. Beide finden 1947 im Sozialdienst der Stadt Frankfurt am Main neue Arbeit. Beide sterben früh; der eine mit 50, die andere mit 57 Jahren.

Titel. Der Titel des Romans gibt Rätsel auf. „Bitten der Vögel im Winter“. Man fühlt sich an das Kindergedicht von Bert Brecht erinnert: „Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster“. Da geht es um fröhliche Sangesgenossen, die uns den Sommer über erfreuen, aber im Winter in große Not geraten und darum auf unsere Hilfe angewiesen sind. Sind „Vögel“ eine Metapher für „Zigeuner“? Und stellt uns die Not der Vögel im Winter auf die Probe der Mitgeschöpflichkeit? Im vorliegenden Roman bestehen wir Menschen diese Probe gegenüber unseresgleichen nicht.

Fazit

Ein Roman über zwei Kinder ihrer Zeit, zu Untertanen erzogen und geschlagen mit der Verblendung, gottgleiche Herren über Leben und Tod zu sein. Ein Blick in die Seelen derer, die Daniel Jonah Goldhagen „Hitlers willige Vollstrecker“ genannt hat.

Das Buch hinterlässt einen aufgewühlten und zugleich wachsamen Leser, weil es keinerlei Hoffnung macht, dass sich das alles nicht wiederholen könnte.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 12.11.2018 zu: Ute Bales: Bitten der Vögel im Winter. Roman. Rhein-Mosel-Verlag (Zell) 2018. ISBN 978-3-89801-402-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25125.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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