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Patrick Oehler: Demokratie und Soziale Arbeit

Cover Patrick Oehler: Demokratie und Soziale Arbeit. Entwicklungslinien und Konturen demokratischer Professionalität. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 353 Seiten. ISBN 978-3-658-21653-5. 39,99 EUR.

Reihe: Kasseler Edition Soziale Arbeit.
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Professionelles Demokratieverständnis

Demokratie ist die beste Staatform der Welt, weil sie auf der „Herrschaft des Volkes“ beruht! Sie ist die Grundlage dafür, dass der Mensch als Individuum und Gemeinschaftswesen in Würde, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit in der Lage ist, ein gutes, gelingendes Leben zu führen. Es ist deshalb verwunderlich, dass – entsprechend einer Weltstatistik – weniger als die Hälfte (47 %) der Länder auf der Erde nach demokratischen Prinzipien verfasst sind, und in immer noch rund 40 % Staaten nichtdemokratische, autoritäre oder diktatorische Strukturen vorherrschen. Auch wenn umstritten ist, welche konkreten Kriterien und Voraussetzungen notwendig sind, um von einer (echten) Demokratie sprechen zu können, gilt im nationalen und internationalen Diskurs, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, wie dies in der demokratischen „globalen Ethik“ der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1949) postuliert wird. In den philosophischen, psychologischen, soziologischen und pädagogischen Sprachregelungen gilt auch, dass individuelles und kollektives demokratisches Denken und Handeln Existenz und Identität bestimmen, und Demokratie damit die beste Lebensform für die Menschheit ist.

Entstehungshintergrund und Autor

Betrachten wir die Bedingungen, Möglichkeiten und Wirkungen, die ein demokratisches Bewusstsein bestimmen, so gelangen wir ganz bald zu der Frage, ob und inwieweit demokratische Werte und Normen nicht nur das individuelle, persönliche, sondern auch das berufliche Denken und Tun beeinflussen (vgl. dazu z.B.: http://www.socialnet.de/rezensionen/12024.php). Spätestens hier bedarf es einer besonderen Aufmerksamkeit, denn darin zeigen sich Leitlinien und Fallstricke, die über ein gelingendes oder störendes Zusammenleben und Wirken der Menschen entscheiden können. Ob die sozialen und pädagogischen Professionen in besonderer Weise herausgefordert, belastet oder versucht sind, beim Umgang mit Abhängigen, Schutzbefohlenen, SchülerInnen, KlientInnen, PatientInnen… demokratische oder undemokratische Verhaltensweisen und Umgangsformen praktizieren, lässt sich vermutlich eher autobiographisch oder literarisch ausdrücken.

Der sozialwissenschaftlichen und sozialpädagogischen Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex „Demokratie und Soziale Arbeit“ kommt im Fachgebiet Soziale Arbeit – und nicht nur dort – bisher kaum Aufmerksamkeit zu. Der am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Basel tätige Sozialwissenschaftler und Sozialpädagoge Patrick Oehler hat 2016/17 an der Freien Universität in Berlin die Dissertation zum Thema vorgelegt. Mit seiner Forschungsarbeit arbeitet er die Entwicklungslinien heraus, wie das Konzept der Demokratie im Fachgebiet Soziale Arbeit traditionell und modern, in Theorie und Praxis, professionell, programmatisch und methodisch eingebunden ist. Der Bezug zu John Deweys Schlüsseltext „Demokratie und Erziehung“ ist dabei unverkennbar; und die aus der Arbeit entwickelten „Handlungsleitlinien für eine demokratische professionale Praxis in der Sozialen Arbeit“ sollten als Bausteine für die immer bedeutsamer und notwendig werdende Profession dienen.

Aufbau und Inhalt

Oehler gliedert seine Forschungsarbeit in sieben Kapitel. Im ersten wird das Spannungsverhältnis von Demokratie und Sozialer Arbeit dargestellt; im zweiten werden „demokratietheoretische Entwicklungslinien“ reflektiert; im dritten arbeitet der Autor verschiedene „professionstheoretische Positionen Sozialer Arbeit“ heraus; im vierten wird ein theoretischer Rahmen zu einem Praxiskonzept demokratischer Professionalität entworfen; im fünften werden „Marksteine einer Beziehungsgeschichte – Soziale Arbeit und Demokratie“ markiert; im sechsten Kapitel dann werden Handlungsleitlinien formuliert und Beispiele für „Demokratie als Programm und Methode der Sozialen Arbeit“ aufgeführt. Im Schlusstext schließlich zieht der Autor die Konsequenz aus der Forschungsarbeit: Dialog ist das Kernelement demokratischer Professionalität. Das 36seitige Literatur- und Quellenverzeichnis macht die Fleißarbeit deutlich, mit der Patrick Oehler in den (vernachlässigten, vielleicht sogar gescheuten?) Fach- und fächerübergreifenden Diskurs eingreift, auf Ansätze verweist, bereits Gedachtes aufnimmt und weiterentwickelt, auf Defizite aufmerksam macht und Anforderungen für die Soziale (und pädagogische) Arbeit formuliert.

Es sind Herausforderungen, die sich Hier und Heute ergeben. Die notwendig sind angesichts der lokalen und globalen Gefährdungen und Infragestellungen der Demokratie. Die professionellen Aufgaben jedoch lassen sich nur dann erfüllen, wenn es gelingt, dass das professionelle Denken und Handeln auf Selbstvergewisserung und demokratischen Identität beruht, und die Kompetenz entwickelt ist, die heutigen Kontroversen über die Demokratie zu erkennen und ein demokratisches Bewusstsein zu zeigen. Bereits in der griechischen Antike wurde darauf verwiesen, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist (Aristoteles). Das Eintreten für Demokratie im professionellen Denken und Handeln beruht deshalb zum einen auf dem historischen und aktuellen Wissen über die Grundlagen dieser menschlichsten Lebensform; zum anderen in der aktiven Teilhabe und Bereitschaft zur Mitgestaltung der Entwicklungen in der multipolaren (Einen?) Welt.

Fazit

Die vielfältigen, theoretischen und praktischen, historisch und aktuell herbeigeholten Bezugspunkte zur Grundlegung und zum Selbstverständnis der Fachprofession Soziale Arbeit werden in der Forschungsarbeit überwiegend als Sollensanforderungen formuliert. Damit werden die registrierten Defizite im professionellen Handeln verdeutlicht. Die Kritik, die sich daraus ergibt, wird vom Autor zum einen damit begründet, dass die Ausbildung im Fachgebiet – und die darauffolgende Praxis -zu stark auf Programme ausgerichtet ist, „die auf vorgefertigte und standardisierte Vorgehensweisen abzielen und dadurch einen kritisch-reflexiven Umgang des Professionellen mit dem Einzelfall schmälern“. Was ist dagegen zu tun? „Chancenreicher ist eine selbstbewusste professionelle Praxis Sozialer Arbeit, wenn sie nicht nur wissensbasiert und an einem beruflichen Kontext orientiert ist, sondern wenn sie strategisch und methodisch einen dialogisch-demokratischen Praxisrahmen nutzt, in dem Prozesse des Erkennens und Verstehens, der Veränderung und Weiterentwicklung von den Klientinnen und Klienten, aber auch von den Professionellen selbst unmittelbar und reflexiv hervorgebracht werden können“.

Die Forschungsarbeit will den Diskurs mit Dozierenden, Forschenden und Studierenden der Sozialen Arbeit, der Soziologie, der Erziehungs- und Politikwissenschaft und der Philosophie aufnehmen, und mit den Praktikern im professionellen Feld in Dialog treten. Es ist zu hoffen, dass das gelingt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.11.2018 zu: Patrick Oehler: Demokratie und Soziale Arbeit. Entwicklungslinien und Konturen demokratischer Professionalität. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-21653-5. Reihe: Kasseler Edition Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25128.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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