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Manfred Schnabel: Macht und Subjektivierung

Cover Manfred Schnabel: Macht und Subjektivierung. Eine Diskursanalyse am Beispiel der Demenzdebatte. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 382 Seiten. ISBN 978-3-658-23324-2. D: 64,99 EUR, A: 66,81 EUR, CH: 67,00 sFr.
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Thema

Demenz war bis vor einigen Jahren ausschließlich ein Syndrom für überwiegend degenerative und auch vaskuläre neuropsychiatrische Erkrankungen des Gehirns, wobei die Alzheimerdemenz als eine klassische Alterserkrankung in ihrer Begrifflichkeit und auch Symptomatik ein Bestandteil des Allgemeinwissens der Gesellschaft wurde. Das Unvermögen trotz aufwendiger Forschung in den letzten Jahrzehnten überwiegend im pharmakologischen Bereich diesen progredient verlaufenden Erkrankungen Herr zu werden, führte zu einem eklatanten Dilettantismus in der Erfassung und Bearbeitung dieser Thematik vor allem in den Arbeitsfeldern der Sozialarbeit, Pflege und Betreuung. So entstanden eine Vielzahl an Modellen und Konzepten im Umgang mit Demenzkranken, die sich nicht mit dem wissenschaftlichen Stand der Forschung begründen ließen. Und die gleichzeitig den Nachweis der Wirksamkeit schuldig blieben, wie z.B. die Validation, die Mäeutik und der Ansatz von Tom Kitwood.

Im Kontext dieser Entwicklung hin zu einer bewussten Entsagung medizinischer Erkenntnisse und damit zugleich auch Praxisferne dominiert gegenwärtig in Deutschland die Tendenz, Demenz vorrangig nicht als Krankheit sondern eher als eine besondere Hirnalterung aufzufassen. Das führte u.a. dazu, dass z.B. sozialen und psychologischen Ursachen die gleiche Wertigkeit wie den pathologischen Hirnveränderungen für die Entstehung einer Demenz eingeräumt wird (Demenz als „Phänomen“ oder „Betroffenheit“). Die hier vorliegende Publikation kann diesem neuen Trend zugeordnet werden.

Autor und Entstehungshintergrund

Manfred Schnabel, Krankenpfleger und Sozialarbeiter, arbeitet seit Dezember 2016 als Professor für das Fach Gemeindenahe Pflege an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um seine Dissertation an der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus sechs Kapiteln.

In Kapitel 1 (Zum Gegenstand: Dimensionen der Demenz, Seite 11 - 36) expliziert der Autor seine Vorstellungen und Einstellungen zur Demenz zu Beginn anhand des Amyloid-Konzeptes als zentralem Erklärungsansatz der Alzheimerdemenz. Hierbei weist er kritisch auf die Abweichungen zwischen klinischer Symptomatik und neuropathologischem Befund (Histologie) hin, wobei er u.a. Bezug auf die bekannte „Nonnenstudie“ von David Snowden nimmt. Es folgen kritische Ausführungen zu den Verfahren der „Biomarker-Diagnostik“ als Zugang zu einer präklinischen Erfassung der Erkrankung, der Diskussion über die „kognitive Reserve“ und der „leichten kognitiven Störung“ als ein potentielles Frühstadium der Alzheimerdemenz. Die Unklarheiten und teilweise auch Widersprüche veranlassen den Autor zu der Einschätzung, dass die Alzheimerdemenz eher als ein „Mythos“ (Whitehouse) als eine Krankheit im engeren Sinne aufgefasst werden kann. In seiner Argumentation geht er noch eine Stufe weiter, indem er annimmt, dass das Entstehen der Demenzthematik wohl auch mit dem demografischen Wandel (zunehmende gesellschaftliche Alterung) und den sozioökonomischen und sozialpolitischen Prozessen der letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen sind, ohne jedoch diese Zusammenhänge und Thesen zu belegen.

Kapitel 2 (Theoretische Grundlegung: Subjekt, Macht, Diskurs, Seite 37 - 102) enthält die Explikation zentraler Begriffe seiner Abhandlung aus philosophischen Themenkreisen. Im Mittelpunkt stehen u.a. die Gedanken der französischen Philosophen Michel Foucault und Jaques Derrida, die ideengeschichtlich als Vertreter des Strukturalismus und Poststrukturalismus bezeichnet werden. Das zentrale gedankliche Konstrukt dieser geisteswissenschaftlichen Welterfassung besteht aus der Kategorie Macht, die alle gesellschaftlichen Bezüge bis hin zur Sprache zu durchdringen scheint und die es kritisch zu reflektieren gilt.

In Kapitel 3 (Poststrukturalistischen Perspektiven in den Pflegewissenschaft, Seite 103 - 119) wird der Versuch unternommen, diese philosophische Begrifflichkeit und die damit verbundenen gedanklichen Implikationen mit dem Schwerpunkt Macht auf die Ebene der Pflegewissenschaft mit dem Aspekt Ökonomisierung zu transferieren. Bezüglich der Demenzthematik wird u.a. anhand der Kritik einiger Fachbeiträge aufgezeigt, dass das Instrumentarium Sprache („Demenz als bedrückendes Leiden“) und auch das Instrumentarium „unreflektierte Klassifizierungen“ wie „Demenz als Krankheit“ Wirkkraft im Diskurs über Macht und Subjekt in Anlehnung an Foucault zeigen.

Kapitel 4 (Diskurse analysieren: Methodologie und Methode, Seite 121 - 238) beinhaltet zu Beginn die Darstellung wesentlicher Teile der Methodologie und der damit zusammenhängenden Methoden dieser Abhandlung, die im Kern als eine Diskursanalyse verstanden werden soll. Neben den Ansätzen von Foucault über Macht, Subjekt und weitere Zugangswege erweitert der Autor seinen theoretischen Bezugsrahmen um den Ansatz einer so genannten Hegemonie-Theorie in Anlehnung an Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, die dieses poststrukturalistisches Ideenkonzept entwickelten. Im Folgenden wird dann u.a. eine Differenzierung der Diskursarten bezüglich des Themenfeldes Demenz vorgenommen: naturwissenschaftlicher Diskurs, anthropologischer Diskurs und gesellschaftspolitischer Diskurs.

In Kapitel 5 (Ergebnisse: Drei Diskurse, Seite 239 - 280) werden die Unterscheidungskriterien dieser unterschiedlichen Diskursebenen konkret anhand verschiedener Erfassungsmodalitäten aufgelistet. So ist z.B. im naturwissenschaftlichen Diskurs die Demenz eine Krankheit und an ein Einzelschicksal gebunden, während sie im gesellschaftlichen Diskurs zusätzlich mit dem Alter verbunden ist und ein kollektives Risiko darstellt. Im anthropologischen Diskurs bedeutet Demenz neben Krankheit und Alter auch zugleich eine conditio humana. Der Problembezug im naturwissenschaftlichen Diskurs ist der kranke Körper, im gesellschaftlichen Diskurs die Gesellschaft und im anthropologischen Diskurs das „falsche Leben“.

In Kapitel 6 (Diskussion der Ergebnisse, Seite 281 - 317) werden die bisherigen Diskurse und Analysen nochmals einem Reflexionsprozess unterzogen, wobei zu Beginn die Machtthematik mit ihren unterschiedlichen Seinsmodalitäten im Fokus steht. Des Weiteren werden die folgende Themenfelder erörtert: Überlegungen zu den methodischen Fragen der Abhandlung, der Beitrag zur pflegewissenschaftlichen Diskursanalyse, der Beitrag zu einer kritischen Pflegewissenschaft und eine abschließende Diskussion des Forschungsdesigns.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Studie überrascht und verwirrt zugleich, wird doch eine geisteswissenschaftliche Reflexion in Form eines Diskurses über ein biologisch-medizinisches Themenfeld vorgestellt. Das führt zu einigen kritischen Fragestellungen. Zum Beispiel, ob der Gegenstandsbereich Demenz vom Autor angemessen dargestellt wird, um ihn anschließend auf der Metaebene Philosophie gedanklich in seiner Komplexität durchdringen und interpretieren zu können.

Der Autor bleibt den Nachweis eines ausreichenden Wissensstandes über das Krankheitssyndrom Demenz schuldig, wenn er z.B. Amyloid-Plaques und Taufibrillen in ihrer Lokalität verwechselt (Seite 11). Er konstruiert Widersprüche und Wissenslücken z.B. anhand des Amyolid-Kaskaden-Ansatzes, der gegenwärtig nicht im Zentrum der wissenschaftlichen Diskussion steht. Auch blendet er vollständig den pathologischen Abbau mit den neurogenerativen und zugleich auch verhaltensbezogenen Symptomen aus: Retrogenese, systematische Ausbreitung des Absterbens der Nervenzellen in Gestalt der Neurofibrillen, siehe Reisberg- und Braak-Stadien. Bei der Alzheimerdemenz handelt es sich letztlich um eine „sekundäre Tautologie“ (1).

Der Autor vermag nicht zu explizieren, warum ein empirisch und damit zugleich ein naturwissenschaftliches Themenfeld einem so genannten poststrukturalistischen Reflexionsprozess unterzogen werden kann. Es fehlen die hierfür erforderlichen Ableitungs- und Vermittlungsschritte, um die Ebene eines wissenschaftstheoretischen Erklärungskontextes stringent und plausibel entwickeln zu können. So bleibt nur der Vorwurf an den Autor, willkürlich und dem Gegenstand nicht angemessen vorzugehen. Eine Erfassung und Durchdringung des Gegenstandes erfordert jedoch ein Mindestmaß an Adäquatheit der Begriffe, Methoden und Analyseschritte.

Es bleibt das Fazit zu ziehen, dass aufgrund fehlenden Fachwissens und der Thematik nicht angemessener Reflexionsmodalitäten es in der vorliegenden Studie nicht gelungen ist, das Krankheitssyndrom Demenz mit all seinen sozialen und persönlichen Leidenskomponenten in seiner Komplexität zu erfassen.

Literatur

Jessen, F. (Hrsg.) (2018): Handbuch Alzheimer-Krankheit. Grundlagen – Diagnostik – Therapie – Versorgung – Prävention. Walter de Gruyter (Berlin) www.socialnet.de/rezensionen/24698.php


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 02.05.2019 zu: Manfred Schnabel: Macht und Subjektivierung. Eine Diskursanalyse am Beispiel der Demenzdebatte. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. ISBN 978-3-658-23324-2.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25129.php, Datum des Zugriffs 24.05.2019.


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