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Jens Weidner, Rainer Kilb (Hrsg.): Konfrontative Pädagogik

Cover Jens Weidner, Rainer Kilb (Hrsg.): Konfrontative Pädagogik. Konfliktbearbeitung in sozialer Arbeit und Erziehung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 224 Seiten. ISBN 978-3-8100-3986-6. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-17091-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Einführung

In der Jugendhilfe hat sich seit Anfang der neunziger Jahre eine neue Methode etabliert und wird auch von den Wissenschaftlern kritisch begleitet (vgl. Sozialextra, Nr. 4, 2003), nämlich das Anti-Aggressivitäts- (AAT) bzw. das Coolness-Training (CT). Während das AAT Mitte der achtziger Jahre in den Justizvollzugsanstalten als eine deliktspezifische Behandlungsmethode für Mehrfachtäter angewendet wurde, wird diese Methode seit Mitte der Neunziger auch unter dem Namen Coolness-Training in unterschiedlichen pädagogischen Feldern (Offene Kinder- und Jugendarbeit, Schulsozialarbeit, stationäre Jugendhilfe, berufsbezogene Jugendarbeit etc.) praktiziert. Coolness-Training ist eine abgewandelte Form des Anti-Aggressivitäts-Trainings für den ambulanten Bereich. Die beiden Begriffe sind beim Europäischen Marken- und Patentamt in München mit der Begründung, dass gewisse Qualitätsstandards erfüllt werden müssen, geschützt. Ziel dieser Trainings ist es, auf Kleinigkeiten, mittels konfrontativer und provokativer Intervention, übertrieben zu reagieren, damit Großes erst gar nicht passiert. Das heißt, der Jugendliche wird mit jedem Aspekt seines abweichenden Verhaltens unmittelbar und ohne Ausnahme konfrontiert und die Rechtfertigung bzw. die Neutralisierung wird nicht akzeptiert, weil jedes Individuum für sein Verhalten selbst verantwortlich ist.

Seit Mitte der 1990er-Jahre gibt es eine Fülle von Veröffentlichungen, die sich mit diesem Ansatz beschäftigen. Einige seien hier exemplarisch genannt:

  • Weidner, Jens: Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter, 5. Aufl., Mönchengladbach 2001 (vgl. die Rezension).
  • Weidner/Kilb/Kreft (Hrsg.): Gewalt im Griff. Neue Formen des Anti-Aggressivitäts-Trainings, Weinheim und Basel 1997.
  • Toprak, Ahmet: "Ich bin eigentlich nicht aggressiv" Theorie und Praxis eines Anti-Aggressions-Kurses mit türkischstämmigen Jugendlichen, Freiburg 2001 (vgl. die Rezension).
  • Schanzenbächer, Stefan: Anti-Aggressivitäts-Training auf dem Prüfstand, Herbolzheim 2003 (vgl. die Rezension).
  • Weidner/Kilb/Jehn (Hrsg.) Gewalt im Griff Band 3, Weiterentwicklung des Anti-Aggressivitäts- und Coolness-Trainings, Weinheim 2003 (vgl. die Rezension).
  • Schanzenbächer, Stefan: Gewalt ohne Ende, Freiburg 2004 (vgl. die Rezension)
  • Toprak, Ahmet: Jungen und Gewalt. Die Anwendung der Konfrontativen Pädagogik in der Beratungssituation mit türkischen Jugendlichen, Herbolzheim 2005 (vgl. die Rezension).

Hintergrund für Entstehung des Buches und die Autoren

Die folgende Studie ist der Versuch, sich - sowohl im theoretischen als auch im praktischen Abschnitt - von den klassischen Anti-Aggressivitäts- und Coolness-Trainings zu lösen, um systematisch die Theorie und die unterschiedlichen Anwendungsgebiete der Konfrontativen Pädagogik darzustellen. Die Herausgeber des Sammelbandes, Prof. Dr. Jens Weidner (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) und Prof. Dr. Rainer Kilb (Fachhochschule Mannheim), haben den Anspruch, die Konfrontative Pädagogik als eine Theorie der Sozialen Arbeit zu etablieren.

Aufbau und Inhalt

Die Studie ist sehr einfach und verständlich aufgebaut, nämlich bestehend aus einem theoretischen und praktischen Teil, flankiert von einem sehr kurzen Vorwort der Herausgeber. Eine Streitschrift mit dem Titel Konfrontative Pädagogik - oder: Verstehen alleine genügt nicht von Wolters komplettiert diesen Band.

Der theoretische Abschnitt des Buches trägt den Titel Grundsatzartikel und beinhaltet vier - zwei von ihnen sind sehr ausführlich - Aufsätze.

  • Konfrontation mit Herz: Eckpfeiler eines neuen Trends in Sozialer Arbeit und Erziehungswissenschaft von Weidner diskutiert grob den Ansatz der Konfrontativen Pädagogik. Der Leser wird allerdings enttäuscht sein, wenn er von diesem Beitrag etwas Neues erwartet. Die Ausführungen des Autors kann der Leser in früheren Veröffentlichungen nachlesen, wie z. B. in proJugend (2/2003) oder in Gewalt im Griff (Bd. 3).
  • Der recht umfangreiche Aufsatz von Wolfgang Tischner (Professor an der FH Nürnberg) ist dagegen sehr aufschlussreich. Der Autor setzt sich mit der fehlenden väterlichen Seite in der Erziehung auseinander und konkretisiert seinen Ansatz am Beispiel der Glenn Mills School: "Glenn Mills betreibt (É) eine einseitig ausgerichtete Erziehung und Bildung (É) Für Jugendliche, die in ihrer Kindheit einen Mangel an (guter) Väterlichkeit erfahren mußten, bedeutet diese Einseitigkeit einen heilsamen Ausgleich" (Tischner, S.46f.)
  • Der Beitrag von Philipp Walkenhorst ist eine längst fällige Auseinadersetzung mit dieser Methode. Er ordnet die Methode ein, präzisiert den Begriff (S. 54ff.), benennt explizit die Adressaten (S. 55ff.) bzw. Nichtadressaten (S. 56f.), beschreibt die grundlegenden Annahmen der Konfrontativen Pädagogik (S. 57ff.), zählt die Methoden der Konfrontativen Pädagogik auf (S. 64ff.) und setzt sich kritisch - anhand einiger ausgewählter Aspekte (S.68ff.) - mit der Konfrontativen Pädagogik auseinander.
  • Der letzte Aufsatz des ersten Abschnitts (Peter Rieker, DJI) vergleicht den konfrontativen Ansatz mit dem akzeptierenden Ansatz nach Krafeld. In der Sozialen Arbeit werden mit den Begriffen "Akzeptanz" und "Konfrontation" unterschiedliche Ansätze verstanden und einander gegenübergestellt. Rieker macht aber deutlich, "dass 'akzeptierende Sozialarbeit' und 'konfrontative Pädagogik' konzeptionell erhebliche Gemeinsamkeiten aufweisen."(Rieker, S.103f.)

Folgende sechs Praxiskonzepte finden in diesem Band Platz:

  • Stirn an Stirn - Streiten lernen helfen: Praktische Anmerkungen zu einer fälligen Paradigmenverschiebung (Stiels-Glenn/Glenn)
  • Der Einsatz konfrontativer Techniken bei Ablöseprozessen Jugendlicher in pädagogischen Maßnahmen und Einrichtungen (Kilb)
  • Der konfrontative Ansatz der subversiven Verunsicherungspädagogik in der Präventionsarbeit mit rechten und rechtsorientierten Jugendlichen (Osborg)
  • Wider die Resignation! - Konfrontative Lösungen für gewalt-besetzte Situationen in der stationären Jugendhilfe - das Konzept K.L.A.R. (Schanzenbächer)
  • Unbeschulbare GrundschülerInnen gibt es nicht. Konfrontative Pädagogik in Kooperation von Schule und Jugendhilfe mit Kindern aus Multiproblemfamilien. Das KoPädik-Konzept (Reissner)
  • Eingreifen hilft! Ein Interventionsprogramm für verhaltensauffällige SchülerInnen (InvaS). Ein Kooperationsprojekt von Jugendamt und Schulamt und Polizeipräsidium Mannheim (Jetter-Schröder)

Zielgruppen

Lehrende und Studierende an den Hochschulen, Praktikerinnen und Praktiker, die mit gewalttätigen und gewaltbereiten Jugendlichen arbeiten.

Fazit

Dieser neue Sammelband systematisiert den Inhalt und die Theorie der Konfrontativen Pädagogik. Das unklare Bild, was die Theorie der Konfrontativen Pädagogik überhaupt sei, wird hiermit konkretisiert. Die Sprache aller Autoren ist leserfreundlich bzw. verständlich. Es werden durchaus neue und innovative Praxisprojekte vorgestellt (Schanzenbächer, Reissner und Jetter-Schröder). Die Aufsätze von Kilb, Stiels-Glenn/Glenn und Osborg sind eher theoretisch, mit praktischen Ansätzen. Die Praktiker werden aus den letztgenannten drei Beiträgen keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Wenn man bedenkt, dass in großen Ballungszentren fünfzig Prozent der Klienten der Trainings einen Migrationshintergrund haben, ist es verwunderlich und nicht nachvollziehbar, warum die interkulturellen Ansätze in diesem Band nicht berücksichtigt wurden.

Das Buch ist ohne Einschränkung den Theoretikern und theoretischorientierten Praktikern zu empfehlen. Praktiker kommen nicht ganz auf ihre Kosten, weil lediglich drei Aufsätze für sie von Interesse sein könnten. Der an Konzepten und deren Umsetzung interessierte Praktiker sollte sich ein anders Buch von Weidner/Kilb - Gewalt im Griff Band 3, 2003 - zulegen.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 08.03.2005 zu: Jens Weidner, Rainer Kilb (Hrsg.): Konfrontative Pädagogik. Konfliktbearbeitung in sozialer Arbeit und Erziehung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-8100-3986-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2513.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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