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Dirk Nüsken, Wolfgang Böttcher: Was leisten die Erziehungshilfen?

Cover Dirk Nüsken, Wolfgang Böttcher: Was leisten die Erziehungshilfen? Eine einführende Übersicht zu Studien und Evaluationen der HzE. Juventa Verlag (Weinheim) 2018. 228 Seiten. ISBN 978-3-7799-2693-1. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

Reihe: Basistexte Erziehungshilfen.
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Thema

Untersuchungen zu Funktion und Wirkungsweise von Hilfen zur Erziehung kommt nach wie vor eine große Bedeutung zu. Wenn in diesem Feld – in Relation zu seinem fachpolitischen und sozialwirtschaftlichen Gewicht – insgesamt auch nur sehr beschränkte Forschungsmittel zur Verfügung stehen, so mangelt es doch nicht an sehr vielen mehr oder weniger begrenzten Evaluationsstudien zu Modellversuchen und einzelnen Programmen. Diese zahlreichen, über einen langen Zeitraum verteilten Einzelbefunde zusammenfassend darzustellen, ist kein leichtes Unterfangen. Diesem Anspruch stellt sich das vorliegende Buch und gibt dazu einen systematischen Überblick. Es reiht sich ein in eine Folge von Werken [1], die in Zeitabständen ähnliches versucht haben, wie etwa: Lambers (1995) „Bestandsaufnahme der Heimerziehungsforschung“; Gabriel (2003) „Was leistet Heimerziehung“; Wolf (2007): Metaanalyse von Fallstudien erzieherischer Hilfen: Macsenaere / Hiller / Fischer (2010): „Outcome in der Jugendhilfe gemessen“.

Die Autoren

Der Erstautor ist Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Der Zweitautor ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Beide Autoren verfügen über umfassende Erfahrungen auf dem Feld der Evaluation sozialer Dienstleistungen, insbesondere im Bereich der Erziehungshilfen.

Aufbau und Inhalt

Der Text des Buches umfasst 200 Seiten, gefolgt von einem umfassenden Quellenverzeichnis im Umfang von 17 Seiten (mit ca. 260 Quellen vorwiegend zu Untersuchungen in Erziehungshilfen).

In einer Einführung werden Überlegungen zur Bestimmung des Gegenstandes „Hilfen zur Erziehung“ und deren Bewertung durch Evaluation dargelegt. Dabei werden fünf zentrale „Fragedimensionen“ evaluativer Studien herausgestellt, die vor allem in der amerikanisch geprägten Forschung zur Programmevaluation zum Tragen kommen.

Der Kern des Buches beinhaltet exemplarische Kurzdarstellungen von 31 empirischen Evaluationsstudien zu (vorwiegend stationären) Hilfen zur Erziehung aus den Jahren 1959 bis 2011. Diese Darstellungen sind in acht Unterkapitel nach Merkmalen bzw. Blickrichtungen der Studien gegliedert. Dazu gehören etwa Gesichtspunkte wie

  • Lebensbewährung,
  • Hilfeverlauf,
  • Kosten-Nutzen-Aspekte,
  • Fallstudien oder
  • katamnestische Befragungen.

Jede Studie wird in ihren jeweils spezifischen historisch-fachpolitischen Kontext eingeordnet und anhand ihrer jeweiligen Spezifika beschrieben und bewertet. Dazu wird jede Studie in einer drei- bis vierseitigen Zusammenfassung in ihren wesentlichen Merkmalen dargelegt und abschließend in Bezug auf die folgenden sieben Aspekte charakterisiert: Grundfrage; Datenquellen; Methoden; methodologische Aspekte; ausgewählte Empfehlungen; kritische Aspekte sowie Funktion der öffentlichen Erziehung. In die Diskussion der Einzelbefunde werden mit zahlreichen Literaturhinweisen Ergebnisse und kritische Anmerkungen aus vielen weiteren Studien in dem jeweiligen spezifischen Feld herangezogen.

Diese kumulative Darstellung wird an vier Stellen von jeweils einem Zwischenfazit unterbrochen, in dem die wesentlichen Erkenntnisse der zuletzt referierten Studien jeweils zusammengefasst werden. Hierin werden jeweils besondere Merkmale der Studien unter generellen Aspekten von Evaluationsforschung hervorgehoben:

  • Bedeutung und Aussagekraft quantitativer Untersuchungen;
  • Ansprüche an Wirkungsevaluationen mit Kontrollgruppendesign;
  • Vorzüge und Beschränkungen von Fallstudien und
  • die Relevanz der Einbeziehung von Adressat*innenperspektiven.

Aufgelockert wird der Gesamttext außerdem durch sehr zahlreich eingestreute Textblocks mit Basisinformationen zu Erziehungshilfen wie etwa Kindeswohl, öffentliche Erziehungshilfe, Jugendwohlfahrtsgesetz, Lebensweltorientierung, ICD 10, Qualitätsmanagement, Tagesgruppen, Sozialpädagogische Familienhilfe.

In einem 25 Seiten umfassenden Abschlusskapitel „Bilanzen und Ausblicke“ werden zunächst übergreifende Einsichten zusammengefasst und Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Studien gezogen. Dabei werden insbesondere zwei Perspektiven herausgestellt: Zum einen die Tatsache, dass im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte Fragestellungen, Evaluationskriterien und Untersuchungsstrategien einem erheblichen Wandel unterlagen, zum anderen, dass die jeweiligen Grundannahmen zur Funktion von öffentlicher Erziehung erheblich von den jeweils gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den daraus resultierenden fachpolitischen Positionen abhängig sind. Beide Wandlungsprozesse beeinflussen die Evaluationsforschung der Erziehungshilfen wesentlich. Eine klare Stellungnahme zur Bedeutung wissenschaftlichen Wissens für die sozialarbeiterische Praxis schließt den Text ab.

Diskussion

Das Buch nimmt ein sehr großes Spektrum unterschiedlichster Untersuchungen aus einem vergleichsweise großen historischen Zeitraum von über fünf Jahrzehnten in den Blick. Dieser Zugang gibt dem Werk sein besonderes Gepräge. Es wird sehr deutlich aufgezeigt, wie sich unter der Weiterentwicklung sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden sowie unter sich wandelnden fach- und gesellschaftspolitischen Frage- und Problemstellungen die Erforschung der Hilfen zur Erziehung verändert hat. Dies erschwert wohl eine stringente und abschließende Grundaussage über Wirkmechanismen dieser Hilfen im Allgemeinen. Die Betrachtungsweise macht aber deutlich, dass in jede Evaluationsforschung auch Wertentscheidungen einfließen, die letztlich nicht nomothetisch-wissenschaftlich begründet werden können.

Das bedeutet aber nicht, dass die Autoren zu den Wirkungen der Hilfen keine Aussagen machen können. Im Gegenteil: Sie verweisen darauf, dass viele Studien immer wieder einige übereinstimmende Ergebnisse erzielt haben, die letztlich die hohe Validität wesentlicher Grundaussagen unterstützen. Insgesamt erweisen sich zwei Drittel aller Hilfen als (mehr oder weniger) erfolgreich vor dem Hintergrund mehrerer Erfolgsfaktoren wie:

  • Hilfedauer,
  • Beteiligungsorientierung,
  • Einbezug von Eltern,
  • schulische und therapeutische Förderung,
  • Nachbetreuung sowie
  • Arbeitsbedingungen der Fachkräfte.

Im Unterschied zu einer rein additiven Darstellung von Einzelbefunden sind die Autoren besonders darum bemüht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Studien herauszustellen. Die Chancen und Grenzen verschiedener Zugänge werden ebenso dargelegt wie die Notwendigkeit, in Evaluationen die jeweils aktuellen fachpolitischen Ansprüche von Erziehungshilfen zu berücksichtigen. Darüber hinaus wird anhand zahlreicher Überlegungen deutlich gemacht, dass allein die Einhaltung spezifischer Gütekriterien der Evaluationsforschung die Voraussetzung dafür bietet, dass die Praxis wissenschaftlich erarbeitete Evaluationsergebnisse ernst nehmen und für eine fachliche Weiterentwicklung nutzbar machen kann.


 Lambers, H. (1995): Bestandsaufnahme der Heimerziehungsforschung. In: AFET e.V.: Wissenschaftliche Informationsschriften, Jg. 13; Hannover“

Gabriel, T. (2003): Was leistet Heimerziehung? In: Gabriel, T. / Winkler, M. (Hrsg.): Heimerziehung. Kontexte und Perspektiven. München, S. 167-195

Wolf, K. (2007): Metaanalyse von Fallstudien erzieherischer Hilfen. In: Institut für Soziale Arbeit (Hrsg.): Wirkungsorientierte Jugendhilfe, Band 04, Münster; Macsenaere, M. / Hiller, S. / Fischer, K. (Hrsg.) (2010): „Outcome in der Jugendhilfe gemessen“


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 23.01.2019 zu: Dirk Nüsken, Wolfgang Böttcher: Was leisten die Erziehungshilfen? Eine einführende Übersicht zu Studien und Evaluationen der HzE. Juventa Verlag (Weinheim) 2018. ISBN 978-3-7799-2693-1. Reihe: Basistexte Erziehungshilfen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25144.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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