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Elke Grittmann, Katharina Lobinger u.a. (Hrsg.): Körperbilder – Körperpraktiken

Cover Elke Grittmann, Katharina Lobinger, Irene Neverla, Monika Pater (Hrsg.): Körperbilder – Körperpraktiken. Visualisierung und Vergeschlechtlichung von Körpern in Medienkulturen. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2018. 296 Seiten. ISBN 978-3-86962-175-3.
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Körperideal und -vision

Körperlichkeit ist Existenz! Körper und Geist sind ganzheitliche, anthropologische Zusammenhänge! Im Körper zeigt sich das Ich! „Sôma“, der Körper, so definierten es schon die griechischen Philosophen, dient, „sowohl als ganzer als auch in seinen Teilen, der Seele als Werkzeug“ (R.A.H.King, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 527). In einem gesunden Körper stecke auch ein gesunder Geist, so die ideologische Auffassung vom menschlichen Körper. Das „Körpermaß“ stilisiert sich gewissermaßen zum Idealbild beim Umgang der Menschen miteinander. Körper zeigen und Körper verhüllen unterliegen gesellschaftlichen, kulturellen und weltanschaulichen Werte- und Normensetzungen. Die philosophischen, ethischen, kulturellen, naturalistischen, realistischen, abstrakten, physischen und psychischen Körperempfindungen und -darstellungen unterliegen, wie alles Leben auf der Erde, stetigen Wandel- und Veränderungsprozessen. Es sind äußere, kreative und manipulative Einflussnahmen, und es sind innere, individuelle Aspekte, die das Bild vom menschlichen Körper prägen und bestimmen.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

„Gesellschaftliche Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, die Aushandlung von Körperlichkeit, von Körpernormen und -abweichungen, die Disziplinierung der Körpergestaltung im Zuge der Neoliberalisierung sowie die Überwachung und Kontrolle des Körpers werden damit zunehmend medial und visuell bestimmt“. Körperbilder und Körperpraktiken verschmelzen zu definierten und undefinierbaren Aneignungen und Differenzen. Es sind Modetrends, narzisstische, angepasste oder widerständige Auffassungen und Einstellungen, die das Körperherrichten und -schauen beeinflussen. Zu einer neuen Erscheinung sind Körperzeichnungen geworden, die als Tätowierungen, Piercing, Cutting, Ritzungen, Bemalungen oder Bodymodificationen das Körperbild verändern (vgl. z.B. auch: www.sozial.de/es-geht-unter-die-haut.html). Ertragen und/oder Verändern sind Lebensaufgaben!

Bei der Etablierung von Körpervorstellungen und -präsentationen haben heute die sozialen Medien einen erheblichen Einfluss. Die wissenschaftlichen Forschungen darüber vollziehen sich fachbezogen und interdisziplinär auf verschiedenen Ebenen. Es werden Zusammenhänge zwischen Bild und Körper, Anschauung und Präsentation, Affekten und Praktiken, Körperoptimierung und Disziplinierung… thematisiert.

Die Jahrestagung der Fachgruppen Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht, visuelle Kommunikation in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik (DGPuK) fand vom 26. – 28. September 2016 an der Universität Hamburg statt. Die TeilnehmerInnen diskutierten und setzten sich auseinander mit „fachspezifische(n) theoretische(n) Perspektiven (z.B. Poststrukturalistische Körper-Diskurse; praxeologische Ansätze, Normaltivität und Visualität; visuelle Stereotype / Frames)“.

Die Vorträge der 21 ReferentInnen werden von den Herausgeberinnen des Sammelbandes, der Medien- und Sozialwissenschaftlerin Elke Grittmann vom Institut für Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal, von der Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Lobinger von der Università della Svizzera italiana in Lugano und von der Hamburger Sozialwissenschaftlerin Irene Neverla, und der Geschlechterforscherin Monika Pater vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Aus dem Fach- und fächerübergreifenden Diskurs zur „Visualisierung und Vergeschlechterung von Körpern in Medienkulturen“ legt das Herausgeberteam 12 Beiträge vor, die in drei Kapitel gegliedert werden:

  1. „Der optimierte Körper“
  2. „Repräsentationen und diskursive Verhandlungen vergeschlechtigter Körper“
  3. „Visuelle Körperpolitiken, (Selbst-)Ermächtigung und Protest“

1. „Der optimierte Körper“

Die Soziologin Maria Schreiber und die Kommunikationswissenschaftlerin Gerit Götzenbrucker von der Universität in Wien fragen: „Körperbilder – Plattformbilder?“. Sie setzen sich in Theorie und Praxis mit „Bildpraktiken und visueller Kommunikation auf Social Media“ auseinander und informieren über Forschungsergebnisse. Sie identifizieren verschiedene Präsentationsformen, die sie in drei Kategorien aufteilen: konnektiv, (re)präsentierend, forensisch-explorativ. Sie kommen zu dem Ergebnis, „dass vernetzte, visuelle Kommunikation in Social Media sich stark ausdifferenziert“.

Die Medienwissenschaftlerin von der Universität Basel, Ulla Autenrieht, nimmt mit ihrem Beitrag „Vor-Bilder“ die Bestrebungen, Zwängen und Mentalitäten von (prominenten) Müttern zum „After-Baby-Body“ auf: „Von Gisele Bündchen zur ‚Average Mom‘ – Die Selbstdisziplinierungsspirale um den ‚After-Baby-Body‘, unter den Bedingungen bildzentrierter Kommunikation in vernetzten Umgebungen“. Mit zahlreichen Bildbeispielen zeigt sie auf, dass es bei den repräsentierten Zurschaustellungen und medialen konsumtiven Anforderungen nicht um das Bewusstsein des mütterlichen Körpers nach der Geburt eines Kindes, sondern um die möglichst schnelle und unauffällige Rückkehr der Frau zu ihrer früheren ‚Figur‘ geht.

Der Augsburger Kommunikationswissenschaftler Christian Schwarzenegger, der Kultur- und Sozialanthropologe Jakob Hörtnagl und Lena Erber fragen: „Straffer Körper, gutes Leben?“, indem sie die Ergebnisse einer Fallstudie über „Fitnessinhalte auf Instagram zwischen Ideal und Selbst und deren Aneignung durch junge Frauen“ vorstellen. Die Vor- und Idealstellung und „Fitness“ greift ein und prägt kommunikative und soziale Kontakte und Lifestyl-Erwartungen.

Die Medienwissenschaftlerinnen von der TU Berlin, Claudia Töpfer und Margreth Lünenborg, analysieren affektive Dynamiken von Zugehörigkeit und Exklusion im Reality-TV: „Verkörperte Affekte“. In den verschiedenen Formaten von öffentlicher Präsentation und Zurschaustellung, etwa bei den Castingshows, liegen Erfolg und Misserfolg, Nutzung und Ausnutzung, Anmaßung und Ausbeutung ganz nah beieinander. Das Autorenteam schlägt „ein affekttheoretisch informiertes Modell zur Analyse audiovisueller Medien“ vor, und sie diskutieren, „welche Bedeutung die Analyse von Affekten für Fragen der medial sierten Herstellung von Gemeinschaft haben kann“.

2. „Repräsentationen und diskursive Verhandlungen vergeschlechtigter Körper“

Im zweiten Kapitel plädiert der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler für „das Recht auf den eigenen Körper“. Er untersucht „weibliche Aktdarstellungen in der Illustriertenpresse der Weimarer Republik“ und verweist auf die damalige (wie heutige?) Visualisierungspraxis, den weiblichen Körper nicht real und wirklich, sondern lediglich als visuellen Oberflächenreiz darzustellen.

Die Hamburger Kulturanthropologin Catharina Rüss blickt mit ihrem Beitrag „Coole Posen in schwarzem Leder“ ebenfalls auf die Zeit der 1920er Jahre, in der Befindlichkeiten und Schaustellungen wie „Coolness“ nicht nur Modelabels bestimmten, sondern damit auch Stimmungen zum Ausdruck brachten: Pro und Contra, Zustimmung und Distanz, Frost, Kälte und Identität.

Der Theater- und Medienwissenschaftler von der Universität Erlangen-Nürnberg, Florian Diener, fragt: „Maskulinität im Spagat?“. Er analysiert „Repräsentationen von Männlichkeit zwischen Jugend und Alter(n) im Spannungsfeld der Bier- und Kosmetikwerbung“ und arbeitet heraus, ob und in welcher Weise „körperliche Schön- und Schlankheitsideale in der Werbung mit Alter(n) und Geschlecht verwoben sind und welche Rolle sie in Konstruktionsprozessen von Maskulinität und bei der Repräsentation des Alter(n)s spielen“.

Die Doktorandin an der Eberhard Karls Universität in Tübingen, Ronja Röckemann, informiert über ihre Forschungen zur „Online-Bewertung von Prostitution / Sexarbeit – Derivatisierung in Freierforen“. Es wird deutlich, dass dabei „die Subjektivität von Personen, die in der Prostitution / Sexarbeit tätig sind, in Freierforen geleugnet bzw. missachtet wird“. Es wird hervorgehoben, dass allein die Tatsache, dass es „Freierforen“ gibt, die Selbstbestimmung und -achtung der Betroffenen schädigt, wie auch die Aussagen darin Menschenrechte verletzen.

3. „Visuelle Körperpolitiken, (Selbst-)Ermächtigung und Protest“

Im dritten Kapitel informiert die Tübinger Doktorandin Lina Brink über ihre Forschungen zu „Repräsentationen versammelter weiblicher Körper“, indem sie die deutschsprachige Bildberichterstattung über Proteste in Ägypten seit 2011 analysiert. Es sind Darstellungen, in denen „Frauen nicht als passive und unterdrückte Körper, sondern als emanzipierte Subjekte zu sehen“ sind, die eher den westlichen, okzidentalen Vorstellungen, als der orientalischen Wirklichkeit entsprechen und somit sogar von einer „diskursiven Kolonisierung“ gesprochen werden kann. Als am 8. Juni 2015 der Biochemiker und Nobelpreisträger Tim Hunt bei der World Conference of Science Journalists in Seoul die Situation und Tätigkeit von Frauen in wissenschaftlichen Laboren beschrieb und feststellte, wären drei Situationen möglich: Du verliebst dich in sie – sie verlieben sich in Dich – aber wenn du sie kritisierst, weinen sie, entstand im Netz ein Shitstorm und Hashtag.

Die Tübinger Medienwissenschaftlerin Miriam Stehling, die Wiener Kommunikationswissenschaftlerin Cornelia Brantner und Cornelia Lobinger thematisieren: „Meme als Diskursintervention“, indem sie „Körperbilder gegen Sexismus am Beispiel von #distractinglysexy“ analysieren. Sie stellen verschiedene Abbildungstypen vor und weisen darauf hin, dass die virtuell dargestellten, feministischen Positionen durchaus einer kritischen Betrachtung bedürfen.

Die Paderborner Kulturwissenschaftlerin Melanie Haller thematisiert mit dem Beitrag „Plus-Size-Blogs als Diversität von Mode“ Praktiken visueller Repräsentationen von Körpern und der Infragestellung weiblicher Normkörper in der Mode. Es sind bewusste Überschreitungen und sogar ökonomisch und gewinnerwartend kalkulierte Bekleidungsvorschläge, die von „ideal“-genormten Körpermaßen abweichen. Damit wird der Körper im Bild neu definiert.

Die am Institut für Ästhetisch-Kulturelle Bildung, Abt. Textil und Mode, der Europa-Universität in Flensburg lehrende Kulturwissenschaftlerin Dagmar Venohr beschließt den Sammelband mit dem Beitrag: „Ich bin Andere und Ich ist eine andere! Vestimentäre Selbstverfertigungen im Netz“. An Bloggerinnen-Beispielen verdeutlicht sie, dass „Modehandeln immer auch eine machtvolle Komponente (hat, nämlich): Eigene Wirkmächtigkeit zu spüren, Selbstermächtigung zu wollen und diese nach Außen darzustellen“.

Fazit

Körperbilder unterliegen Trends, Modeerscheinungen und Normierungen. In den Zeitschriften und in den Medien wird von der „Weisheit des Körpers“ gesprochen; es wird die „Last und Lust des Körpers“ betont; und die Körperlichkeit des Menschen wird als eine neue Entdeckung gepriesen. Mit Körperbildern werden Idealvorstellungen angezeigt, und Abweichungen von den in der Gesellschaft und der Kultur gesetzten Körpernormen bedürfen besonderer Anlässe und Selbstbewusstsein. Die im Sammelband „Körperbilder – Körperpraktiken“ vorgelegten Ergebnisse einer Fachtagung umspannen die vielfältigen Aspekte, die bei der Darstellung der Visualisierung und Vergeschlechterung von Körpern in Medienkulturen zu beachten sind und wissenschaftlichen Analysen unterzogen werden sollen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.01.2019 zu: Elke Grittmann, Katharina Lobinger, Irene Neverla, Monika Pater (Hrsg.): Körperbilder – Körperpraktiken. Visualisierung und Vergeschlechtlichung von Körpern in Medienkulturen. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2018. ISBN 978-3-86962-175-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25145.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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