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Hannes Hofbauer: Kritik der Migration

Cover Hannes Hofbauer: Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. 271 Seiten. ISBN 978-3-85371-441-6. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR.
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Thema

Der Autor möchte gegenüber einer euphorischen Einschätzung von Migrationsprozessen die Schattenseiten der Migration verdeutlichen, „ihren zerstörerischen Charakter für die Herkunftsländer, aber auch für die Zielländer“ (7). Dazu kündigt er einleitend „eine strukturelle sozioökonomische Kritik an Mobilität“ an (ebd.). Im Fokus stehen Verzerrungen des Arbeitsmarkts in den Zielländern und der Brain Drain in den Herkunftsländern. Hofbauer stellt die Win-Win-Situation in Frage, wie sie „die aktuell meinungsbildende Migrationsforschung“ unterstellt (84).

Inhalt und Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Auf das Vorwort und Ausführungen „Zur Begrifflichkeit“, in denen der Verf. das Thema Asyl explizit aus seiner Untersuchung ausschließt, folgt ein Kapitel über „Migrationsursachen“, wo nun doch fast ausschließlich Fluchtursachen behandelt werden, wenn man von dem Motiv der regionalen Einkommensdisparitäten absieht.

In einem Zwischenschritt werden „Zäsuren der europäischen Migrationsgeschichte“ beleuchtet (die Massenemigration im 19. Jahrhundert, die Fluchtbewegungen in und nach den beiden Weltkriegen, auch der Bevölkerungsaustausch, die Gastarbeiter-Beschäftigung).

Das zweite größere Kapitel hat die Arbeitsmigration zum Thema, und zwar „Von der Besiedelung Amerikas bis zum Gastarbeiterimport“. Hier erläutert der Verf., wie der Bedarf an Arbeitskräften für die Agrarproduktion in der Neuen Welt mit dem System der Schuldknechtschaft gedeckt wurde, ein bisher kaum bekanntes Kapitel der Geschichte der Arbeitsmigration. Die weiteren dort behandelten historischen Phasen können dagegen als allgemein bekannt gelten.

Ein drittes Kapitel trägt die Überschrift „Die Folgen der EU-Osterweiterung: Mobilisierung durch Krieg und Krise“. Der Verf. zeigt, warum die mitteleuropäischen Unternehmen in Ost- und Südosteuropa nicht nur neue Absatzmärkte fanden, sondern auch Betriebe dorthin auslagern oder sich kostengünstige Arbeitskräfte von dort holen konnten. „Die Mixtur aus einer sämtliche Sparguthaben enteignenden Hyperinflation, Arbeitsplatzverlust im Gefolge der Schließung Tausender Betriebe, dem Zusammenbruch sozialer Sicherungssysteme und einer extremen Lohndifferenz … stellte sich als ideales Treibmittel für Massenmigration heraus“ (114). Der Verf. skandalisiert neben dem Lohndumping den Brain Drain aus den Ländern der Peripherie Europas. Behandelt werden die Abkommen von Schengen und Dublin und zur Arbeitnehmerfreizügigkeit, aber auch der deutsche Asylkompromiss von 1993.

In dem Kapitel „Die große Wanderung der Muslime“ macht der Verf. klar, wie die Vernichtungskriege im Nahen Osten, aktuell im Jemen, aber auch die Zerstörung Libyens die massenhafte Flucht ausgelöst haben, die 2015 für Europa spürbar wurde und zu Spannungen innerhalb der EU führte. Stark beschäftigt den Verf. dabei der disproportionale Anteil männlicher Flüchtlinge. In der Bilanz wird die europäische Migrationspolitik als dilettantisch kritisiert (176), und zwar sowohl im Hinblick auf die Opfer unter den Migranten als auch auf die Kosten für die hiesige Bevölkerung.

Es folgen drei Kapitel unter der Überschrift „Gesellschaftliche Auswirkungen der Migration“. Im ersten mit dem Untertitel „Die soziale Differenz ökonomisch nutzbar machen“ wird vor allem ausgeführt, wie Unternehmen innerhalb Europas die Divergenz zwischen Zentrum und Peripherie zur Profitsteigerung nutzen. Und „Entwicklung durch Migration“ wird mit einem Fragezeichen versehen.

Mit dem Untertitel „Den Diskurs beherrschen“ zeigt Hofbauer an, dass er den Mainstream aufs Korn nehmen will. Hier wird „die Ideologie der Diversität“ der Kritik unterzogen, aber auch die politische Rechte, die den Migranten zum Schuldigen macht (236).

Hofbauer macht im vorletzten Kapitel „zerfallende Gesellschaften“ aus, auch weil er in kulturellen Differenzen, wie schon in vorherigen Ausführungen angedeutet, eine Sprengkraft vermutet. Er hält Integration für ziemlich unrealistisch (99, 160, 195). Ein Abschnitt über den „Mythos Mobilität“ beschließt den Band.

Diskussion

Der Band irritiert und provoziert, was offenbar auch die Absicht des Autors ist. Das könnte für die Debatten über Migration durchaus von Nutzen sein. Es ist tatsächlich an der Zeit, manche Selbstverständlichkeiten und Tabus zu überprüfen. Aber der Band hat doch einige Schwächen, schon was die Themenstellung betrifft. Denn dem Verf. geht es zunächst und primär um Aufklärung darüber, wie das Kapital die Mobilität der Arbeitskräfte für die Profitmaximierung nutzt und wie man dafür die Destabilisierung von Gesellschaften zumindest in Kauf nimmt.

Ganz beim Thema ist er, wo er die Arbeitsmarktpolitik der EU beleuchtet. Dann geht er aber auf Fluchtbewegungen und deren Ursachen ein, die sicher demselben System geschuldet sind, jedoch kaum als Effekt eines rationalen Kalküls gewertet werden können. Einerseits prangert Hofbauer die Abschottung gegenüber den Geflüchteten an, andererseits rechnet er uns vor, welche Belastung sie bedeuten – eine versteckte Botschaft, die ungewollt folgenreich ist. Und vor seinem entschiedenen Urteil über die „sichtbar unrealistische ‚Integration‘“ (99) hätte sich der Wirtschaftshistoriker Hofbauer doch besser einmal mit dem fachwissenschaftlichen Diskurs vertraut gemacht. Dass er für das Kapitel über die Flucht aus dem Nahen Osten die Überschrift wählt „Die große Wanderung der Muslime“, ist mehr als befremdlich.

Fazit

Trotz verdienstvoller Abschnitte, vor allem über die wenig beachtete imperialistische Politik in Ost- und Südosteuropa und generell über den ebenso meist ausgeblendeten Brain Drain, verspricht der Band insgesamt wenig Erkenntnisgewinn. Mit der Thematik wenig vertrauten Leser*innen sollte er nicht empfohlen werden, weil er zur Verwirrung der Geister beiträgt.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 14.12.2018 zu: Hannes Hofbauer: Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. ISBN 978-3-85371-441-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25149.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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