socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Meg Jay: Die Macht der Kindheit

Cover Meg Jay: Die Macht der Kindheit. Wie negative Erfahrungen uns stärker machen. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2018. 464 Seiten. ISBN 978-3-455-50374-6. D: 24,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 29,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wie gelingt es zum einen Heranwachsenden, große belastende Lebensereignisse bzw. traumatische Lebenserfahrungen zu bewältigen, während zum anderen Heranwachsende im weiteren Lebensverlauf massive Beeinträchtigungen erleiden und nicht selten an ihnen zerbrechen? Meg Jay entfaltet in ihrem „narrativen Sachbuch“ (S. 9) ihr therapeutisches Wissen anhand von Fallgeschichten und Analysen über in unterschiedlicher Weise resiliente Personen.

Das Gemeinsame aller in diesem Buch vorgestellten Personen ist das Grundgefühl, nicht normal zu sein. Der Autorin geht es in diesem Zusammenhang nicht darum, traumatische Kindheitserlebnisse ins Zentrum ihrer Fallstudien zu stellen, sondern konkret zu zeigen, wie trotz schwieriger Kindheit eine persönlich spezifische Stärke und Widerstandsfähigkeit entsteht, die im weiteren Leben eine wegweisende Bewältigungshilfe bietet.

Autorin und Übersetzer

Meg Jay ist Professorin für Klinische Psychologie an der University of Virginia. Sie unterhält außerdem eine therapeutische Praxis.

Übersetzer/in aus dem Englischen sind Annabelle Assaf und Hainer Kober.

Entstehungshintergrund

Den Entstehungshintergrund für den Band „Die Macht der Kindheit“ formuliert Meg Jay in einer einleitenden Anmerkung (S. 9), wie folgt: Als praktizierende Psychologin und Lehrende höre sie Menschen seit fast zwanzig Jahren zu und habe nunmehr begonnen, Bücher über das zu schreiben, was sie dabei erfahre. Die zurückliegenden zwanzig Jahre habe sie hinter verschlossenen Türen Dingen gelauscht, die meistens ebenfalls hinter verschlossenen Türen geschehen seien. Dabei habe sie gemerkt, dass sich Menschen mit ganz ähnlichen Problemen allein gelassen fühlten und sich nicht bewusst seien, dass sie gar nicht so allein seien und verschieden von anderen Menschen.

Aufbau

Die Gliederungsstruktur des Bandes bilden sechzehn Fälle, in denen Wege und Prozesse zur Herausbildung einer Resilienz sichtbar werden. Diese Wege und Prozesse sind mit schweren und harten Kämpfen verbunden. Zumeist laufen sie im Verborgenen ab.

Den Falldarstellungen zugeordnet sind Analysen zu Lebensgeschichten berühmter Personen, die ebenfalls eine schwierige Kindheit hatten: wie Andre Agassi, Marilyn Monroe und Andy Warhol. Gerahmt sind die Falldarstellungen durch allgemeine, zumeist der Psychologie entnommene Fachanalysen. Weiterführende Analysen und Kommentare sowie Hinweise zu psychologischer Fachliteratur finden sich, ungewöhnlich aufwendig zusammen gestellt, am Ende des Bandes (S. 381-459).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Eingangs hebt Meg Jay hervor, dass Resilienz nicht mit Superkräften zu verknüpfen sei; resiliente Menschen würden vielmehr die „Kräfte des Normalen“ nutzen. Es sei so, dass Kinder, die man für resilient hält, sich oftmals tief in ihrem Innern gestresst und einsam fühlten. Und so stellt die Autorin heraus: „Kein Kind – und auch kein Erwachsener – ist wirklich unverwundbar“ (S. 23). Zwischenzeitig wird dies im Verlauf der zurückliegenden Jahre in den Sozialwissenschaften auch so wahrgenommen. Nach Meg Jay ist das resiliente Kind nicht Superman, aber doch das Normale und Durchschnittliche übertreffend, und deshalb supernormal. Supernormale bringen zum Ausdruck, dass ihre täglichen Kämpfe weit über dem gelagert sind, was durchschnittlich zu erwarten ist (S. 28). Wenn sich resiliente Menschen gegen alle Wahrscheinlichkeiten und Widrigkeiten durchsetzen, auch Rückschläge wegstecken, dann ist aus der Rückblende kaum erklärbar, wie sie dieses geschafft haben.

Supernormal ist ein zentraler Ausdruck in den Falldarstellungen. Mit ihm drückt die Autorin aus, dass die von ihr vorgestellten Personen ein Leben führen bzw. geführt haben, das außerhalb dessen liegt, was erwartbar (gewesen) ist. Supernormale würden gegen Gefahren kämpfen, die sich ihnen in den Weg stellen. Jedoch stellt sich den Supernormalen oftmals die zentrale Frage, wie lange sie dies aushalten und wann alles zusammenbrechen wird.

In den sechzehn Einzelstudien erfahren die Leser/innen, wie z.B. Supernormale

  • Wut nutzen, um sich fähig und optimistisch zu fühlen und warum Selbstbeherrschung eine wirksame Waffe sein kann und bewusst eingesetzt wird,
  • wie Supernormale zu Hause Gefahren ausweichen, ohne dieses verlassen zu müssen,
  • was Angst im Gehirn erzeugt und die Betroffenen zu Geheimnishütern macht;
  • was chronischer Stress dafür bewirkt und wie der Kampf- oder Fluchtmechanismus fortwährend eingeschaltet ist und für einen Zustand erhöhter Wachsamkeit sorgt.

Die in dem Buch vorgestellten Erzählungen hat die Verfasserin nicht ausgewählt, „weil sie zu den schockierendsten oder ungewöhnlichsten ihrer Art gehören“ (S. 31). Sie seien vielmehr Beispiele dafür, wie brutal und schmerzlich Schwierigkeiten sein können, mit denen sich nicht nur die sogenannten Supernormalen, sondern Millionen von Kindern und Jugendlichen täglich auseinandersetzen müssen.

Sichtbar wird in den einzelnen Erzählungen so,

  • wie Geheimnisse das Gefühl geben, eher unnormal als supernormal zu sein,
  • wie es sich anfühlt, für gute Taten anerkannt zu werden, ohne selbst erkannt zu werden,
  • wie es ist, eine geheime Identität zu haben,
  • weshalb manche Supernormale Angst haben, Partner oder Eltern zu werden und
  • warum es für Supernormale letztlich das Gewöhnliche ist, das ihnen so einzigartig erscheint.

So besitzen Supernormale Stärken und Geheimnisse, von denen selbst die nächsten Verwandten nichts wissen.

Jedes der vorgestellten Geschichten hat eine Ursprungsgeschichte. Sie gründet in einem Geschehen, das eine Veränderung im Leben des Kindes bewirkt und die bisherige Welt in die Brüche gehen lässt. Bei supernormalen Kindern ist die Lebenskontinuität gebrochen. Sie sind mit einer unumkehrbaren neuen Realität konfrontiert. Für Sam war dies der Moment, als sein Vater ging. Der Moment das Verlassenwerdens legte die Rollen in der Familie für viele Jahre neu fest. Nach dem Weggehen des Vaters bemühte sich Sam, vernünftig und stark zu sein; ähnlich wie David, der innerhalb seines Familienkreises als Held auftritt. Er ist innerhalb der Familie hilfreich und außerhalb erfolgreich. Familienhelden finden sich in Haushalten, in denen „ein Elternteil oder ein Geschwister der Rettung bedarf“. So spielte Emily Klavier, um ihren alkoholkranken Vater zu beruhigen, Elizabeth ist mit ihrer Schwester für ihren entwicklungsgestörten Bruder ein Supergeschwister und Michelle hilft ihren Eltern, mit Polospielen die Studiengebühren aufzubringen. Immer scheinen Supernormale jemanden zu retten, sei es nur sich selbst (S. 320). So stellt Meg Jay dar, wie Einige zu Spitzenathleten und Künstlerinnen werden und der Welt so nahebringen, dass zu Hause alles in Ordnung ist. Es zeigt sich nicht selten, dass der „Familienheld zum Beruf wird“ (S. 322). Zwar können sich Supernormale ihre Ursprungsgeschichte nicht aussuchen, aber gleichwohl gelingt es ihnen darüber zu befinden, ob und wie sie helfen wollen (S. 332). So entschied sich David, Sozialarbeiter zu werden, um für andere Menschen, vor allem Kinder, da zu sein.

Hervorzuheben ist, dass Meg Jay ihre Falldarstellungen in allgemeine Studien einbettet, z.B. in die berühmt gewordene „Grant-Studie“. Geboren am Ende des Ersten Weltkrieges, wurden 268 Harvard-Studierende, weiß und männlich, für die Studie ausgewählt. Sie schienen dafür prädestiniert, ein erfolgreiches Leben führen zu können. Dies traf auf viele auch zu. So war auch Präsident Kennedy einer der Grant-Männer. In Bezug auf die Gruppe wurden im Verlauf der Jahrzehnte umfassend Informationen gesammelt. Das Leben der Männer wurde zumeist bis zu ihrem Lebensende verfolgt. Die Autoren der Grant-Studie hatten die Hoffnung, mit Hilfe ihres Projekts die Geheimnisse für Supererfolgsmenschen zu lüften (S. 359). Es zeigte sich aber nicht, wie in der Vorannahme vermutet, dass der IQ ein Erfolgsfaktor gewesen ist. Vaillant, einer der späteren Grant-Autoren, stellte heraus, „dass der mit Abstand wichtigste für eine positive Entwicklung im Leben der Grant-Männer einer gewesen sei, den die Gründer der Studie nie wirklich bedacht hätten: Liebe“ (S. 360). Studien zur Resilienz machen deutlich, so die Autorin Meg Jay, dass sich Liebe als machtvolle Kraft erweist. So ringen Supernormale oftmals um Liebe; so z.B. Michelle, die sich in der Therapie geliebt fühlte, sich aber immer noch schwer vorstellen konnte, dass jemand Nichtprofessionelles etwas für sie empfinden könne.

Insgesamt zeigt sich jedoch an der Grant-Studie und dies ist in der Sicht von Meg Jay auch für Supernormale relevant, „dass die Qualität der eigenen Kindheit weniger Einfluss auf das spätere Leben hat, als wir vielleicht erwarten“ (S. 374). Vaillant stellte fest, dass frühe Widrigkeiten, z.B. eine dysfunktionale Familie oder ökonomische Not, nicht als Hinweise auf die Zukunft taugen. Vielmehr waren die Erfolge, aber vor allem die erfahrene und gelebte Liebe der Grant-Männer das, was ihr Leben am stärksten prägte.

Diskussion

In ihrem Buch „Die Macht der Kindheit“ stellt Meg Jay fest, dass 75 % aller Erwachsener eine schwierige Kindheit haben.. Dazu rechnet die Autorin z.B. Scheidung der Eltern, finanzielle Probleme, aber auch Gewalt in unterschiedlichen Formen.

Obwohl von der Annahme ausgegangen wird, eine glückliche Kindheit führe zu einem glücklichen Leben als Erwachsene, zeigt die Verfasserin, dass widrige Lebensumstände durchaus zu einem erfolgreichen, ja glücklichen Leben führen können. Frühe Problemlagen können die Widerstandskraft sogar stärken und eine Lebensenergie erzeugen, die die Entwicklung zu einem psychosozialen Normalzustand fördern, und dies trotz oftmals in der Kindheit erlebter und nicht selten verborgen gehaltener Andersartigkeit. Ein wichtiges Ziel der Therapie ist es deshalb, den Klienten und Klientinnen im Dialog zu vermitteln, dass ihnen bekannte und verborgen gehaltene Gefühle des sich Beschädigtfühlens von vielen anderen Personen auch geteilt würden. Begünstigt eine solche Erkenntnis die Bereitschaft, sich nicht mehr für unnormal zu halten? In der Monografie finden wir viele in diesem Sinne positive Geschichten einer Resilienzerfahrung. In diesem Sinne liefert das Buch vielfache Ermutigungen.

Meg Jays Studie kann Lesern und Leserinnen mit aus ihrer Kindheit begründeten bedrückenden Bildern darin unterstützen, mit diesen umgehen zu lernen. Dafür finden sich eindrucksvolle Beispiele. Zitate aus psychologischer Fachliteratur untermauern dabei die Fallstudien. Beides vollzieht sich in einem gelungenen Wechselspiel.

Spannend zu lesen sind die Hinweise über die Arbeitsweise des Gehirns. Hier finden sich allgemein verständlich formulierte Hintergrundinformationen, die möglicherweise mit implizit wirkenden persönlichen Theorien aufräumen können. So wird einprägend deutlich, dass das Gehirn dafür sorgt, dass wir überleben können. Es unterstützt darin, Hürden zu überwinden und sich in den Weg stellende Probleme zu lösen. Dies sei die Basis dafür, so die Autorin, sich dann beglückende Lebensmomente schaffen zu können. Für beglückende Lebensmomente sei das Gehirn per se aber nicht zuständig.

Fazit

„Die Macht der Kindheit“ von Meg Jay ist frei von jeglichem uneigentlich wirkenden wissenschaftlichen Jargon. Die Monografie ist ein narratives Sachbuch, das vielen Erwachsenen Anregungen auf sie bedrängende Fragen aus ihrer Kindheit geben kann. Es regt z.B. dazu an, sich auf den Weg zu machen, jemanden zu suchen, dem oder der die eigenen Geheimnisse mitgeteilt werden können (S. 378). In diesem Sinne ist das vorliegende Buch eine ungeteilt positive und anregende Lektüre, insbesondere auch mit seinen kurzen Wegweisungen im letzten Kapitel, das bezeichnend mit „Endlos“ überschrieben ist.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
E-Mail Mailformular


Alle 34 Rezensionen von Hans Günther Homfeldt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 17.01.2019 zu: Meg Jay: Die Macht der Kindheit. Wie negative Erfahrungen uns stärker machen. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-455-50374-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25152.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung