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Sarah Peuten: Die Patientenverfügung – über den Selbstbestimmungs­diskurs (...)

Cover Sarah Peuten: Die Patientenverfügung – über den Selbstbestimmungsdiskurs am Lebensende. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 206 Seiten. ISBN 978-3-8309-3890-3. 29,90 EUR.
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Thema

Die Patientenverfügung soll als gesetzliches Vorsorgeinstrument das Recht auf Selbstbestimmung in der Sterbephase schützen. Der Diskurs darüber zeigt die Entwicklung von Leitbildern, Grenzbereiche und biopolitisch-gouvernementalem Einfluss. Die Patientenverfügung unterliegt selbst Wertvorstellungen und kulturellen Deutungen.

Autorin

Dr. Sarah Peuten ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung (ZIG) an der Universität Augsburg. Sie hat an der Philipps-Universität Marburg Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft studiert. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Lebensende, Diskursforschung und (Selbst-)Optimierung.

Aufbau

Das Fachbuch ist folgendermaßen aufgebaut:

  • Einleitung
  • Theoretische und methodische Verortung
  • Das Patientenverfügungsgesetz
  • Die Patientenverfügung – Akzente der neueren Debatte
  • Thematische Anschlüsse – Schlussgedanken
  • Anhang: Patientenverfügungsvorlagen

Inhalt

Der Diskurs wird von unterschiedlichen Positionen über rechtliche, ethische und medizinische Fragen der Selbstbestimmung und des Sterbens bestimmt. Wahrheitsvorstellungen, was gut oder normal ist, werden verhandelt und wirken sich bis in die sozialen Beziehungen hinein aus, wie Sarah Peuten einführend erläutert.

Peuten verwendet einen diskursanalystischen Forschungsansatz. Ihre Arbeit schließt inhaltlich an die Theorien Michel Foucaults an. Sie stellt Foucaults Gouvernementalitätsansatz und Theorien zu gouvernementalen Interessen, Logiken und biopolitisch-gouvernementalen Machttechniken vor. Die Autorin zeigt das Spannungsfeld auf, in dem sich die Patientenverfügung zwischen Biomacht, Gouvernementalität und Biopolitik befindet.

Zentraler Bezugspunkt im Patientenverfügungsdiskurs ist der Begriff der Selbstbestimmung. Die Autorin erläutert die gesellschaftliche Entstehung desselben. Sie geht u.a. auf Kants Verknüpfung des Selbstbestimmungsbegriffs mit der Selbstverantwortung des Subjekts zu vernünftigem Handeln ein. Peuten stellt auch kritische Theorien zur individuellen Selbstbestimmung vor, die den gesellschaftlichen, sozialen und situativen Kontext vernachlässigt sehen.

Peuten zeigt, wie sich anhand diskursmächtiger Ereignisse und Aussagen aus Politik und Medizin der Diskurs entwickelt. Ein solches Ereignis ist zum Beispiel der Fall der Wachkomapatientin Terri Schiavo, der große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Historisch angestoßen wurde die Debatte über den rechtlichen Schutz der Selbstbestimmung bei Nichtäußerungsfähigkeit des eigenen Willens u.a. 1978 in Deutschland durch den Juristen Wilhelm Uhlenbruck. Die Autorin gibt einen Überblick bis zur Verabschiedung des Patientenverfügungsgesetzes 2009.

Den Gesetzwerdungsprozess von 2005 bis 2009 analysiert Peuten gesondert. Die Autorin zeigt die Inhalte der Debatten auf z.B. zur Reichweite, Wirksamkeit und ärztlichen Bindung einer Patientenverfügung. Der Diskurs über die rechtliche Gestaltung des Selbstbestimmungsrechts veranschaulicht nach Peuten die heftig geführten Wahrheitskämpfe zwischen den verschiedenen Positionen. Es werden u.a. der Vorrang des Schutzes der Freiheit oder des Lebens, sowie der Einsatz medizinisch lebensverlängernder Maßnahmen und Sterbehilfe diskutiert.

Den Mediendiskurs untersucht Peuten anhand von Zeitungsbeiträgen in der Wochenzeitung Die Zeit und der Ärzte Zeitung. In chronologischer Abfolge analysiert die Autorin von 2005 bis 2016 die Entwicklung der politischen und medizinethischen Auseinandersetzung, aber auch das Infragestellen und Neuausrichten ethisch-moralischer Grundansichten. Auch Kontextthemen wie z.B. über Organspenden werden herausgearbeitet.

Des Weiteren geht die Autorin in ihrer Diskursanalyse auf sechs aktuelle Patientenverfügungsmodelle ein von folgenden Herausgebern:

  • Bayerisches Staatsministerium der Justiz,
  • Betapharm Arzneimittel GmbH,
  • Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz,
  • Deutsche Bischofskonferenz und Evangelische Kirche Deutschland,
  • Bundeszentralstelle Patientenverfügung des Humanistischer Verband Deutschlands,
  • PatVerfü, Bündnis von Organisationen gegen psychiatrischen Zwang und Entmündigung.

Zudem zieht Peuten empirische Studien von 2005 bis 2015 mit ein. Sie vermitteln einerseits Daten, wie z.B. über die Verbreitung von Patientenverfügungen in der Bevölkerung, und sind zugleich selbst diskursbestimmend.

Zum Abschluss geht Peuten auf zwei thematische Anschlüsse ihrer Arbeit ein: die Diskurse zur Präimplantationsdiagnostik und Organtransplantation. Die Autorin zeigt auf, wie insgesamt biopolitisch-gouvernementale Ideale den Diskurs über das Selbstbestimmungsrecht und die Frage nach dem guten Sterben vorbestimmen.

Diskussion

Das Sterben wird zur selbstverantwortlich, regulierten Lebensphase. Die Arbeit von Sarah Peuten zeigt, wie komplex und ethisch aufgeladen der Diskurs um das Selbstbestimmungsrecht bis zum Patientenverfügungsgesetz verlief und bis jetzt verläuft. Die Autorin vermittelt eingehend, wie biopolitisch-gouvernementale Interessen in die Diskussion einfließen.

Öffentlich beachtete Fälle von schwer demenzerkrankten Prominenten, wie Walter Jens oder Rudi Assauer, zeigen die Aktualität und Bedeutung des Diskurses gerade auch für Patientenverfügungen zu späteren Zuständen schwerer kognitiver Beeinträchtigungen. Konflikte treten u.a. dann auf, wenn der erklärte Wille und der erkennbare natürliche Wille in der aktuellen Situation voneinander abweichen. Ökonomische, psychologische oder ethische Konflikte mit der verfügten Willenserklärung können entstehen. Angrenzende Themen sind die Forschungsverfügung z.B. bei einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung oder die Pflegeverfügung.

Der Selbstbestimmungsdiskurs um die Patientenverfügung ist Ausdruck grundlegender gesellschaftlicher und sozialer Veränderungsprozesse.

Fazit

Sarah Peuten analysiert in ihrer diskurstheoretischen Arbeit den Selbstbestimmungsdiskurs über das Lebensende. Sie untersucht dafür die Entwicklung des Patientenverfügungsgesetzes und die politischen, sowie medial geführten Debatten. In ihrer Diskursanalyse zeigt sie biopolitisch-gouvernementalen Interessen und Logiken auf. Zugleich macht sie die gesellschaftlichen und sozialen Auswirkungen auf den Sterbeprozess und die Gestaltung der letzten Lebensphase sichtbar.

Fachkräfte in der Beratung bekommen einen umfassenden Einblick in den Selbstbestimmungsdiskurs zur Patientenverfügung. Die Autorin vermittelt vielfältige Informationen, um Leitbilder zum guten Sterben zu reflektieren und differenziert einen eigenen Standpunkt im aktuellen Diskurs zu entwickeln. Das Fachbuch von Sarah Peuten ist sehr empfehlenswert.


Rezensentin
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 11.03.2019 zu: Sarah Peuten: Die Patientenverfügung – über den Selbstbestimmungsdiskurs am Lebensende. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3890-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25153.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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